Hollywood Class
Als Gangs of New York heraus
kam, gehörte ich zu denjenigen
wenigen Kritikern, die den Film mit
allen Mitteln verteidigten. Obgleich
er seine kleinen Schwächen in
Dramaturgie und Nebenbesetzungen
hatte, gehörte er ohne Frage zu den
besten seines Jahres. Bei Aviator
habe ich allerdings nichts zu
verteidigen, denn er ist so gut,
dass ein Kritiker lügen müsste um
das zu übersehen.
Inhalt
Der ehrgeizige und kompromisslose
Howard Hughes (DiCaprio) erbt in
jungen Jahren die Firma seines
Vaters und erlangt so schnell zu
großem Reichtum. Diesen setzt er für
sein größtes Interesse ein, dem
Fliegen und seiner
Weiterentwicklung, und so dauert es
nicht lange, bis der geniale
Entwickler seine ersten große
Erfolge feiert. Hughes entwickelt
sich zu einem Nationalhelden, der
sich nur mit den berühmtesten
Schauspielerinnen abgab und mit
Hell's Angels den damals wohl
größten und beeindruckendsten Film
seiner Zeit schuf.
Aviator zeigt uns eine etwa
15jährige Zeitspanne aus dem Leben
des extravaganten Multimillionärs,
der das Fliegen und auch das
Filmemachen zweifellos dominiert und
revolutioniert hat.
Kritik
Martin Scorsese's Aviator ist
die Rückkehr zum klassischen
Hollywoodkino. In dem Epos um den
fulminanten American Dream, Stardom,
Glamour und Wagemut zeigt sich der
Altmeister von einer ganz neuen
Seite. Vergleicht man ihn mit seinem
"Raging Bull - Wie ein wilder
Stier", so scheint Aviator das
genaue Gegenstück dazu zu sein.
Anstatt dreckiger, kleiner Bilder
mit Straßenmentalität gibt es hier
übermenschlich große Hochglanzoptik,
die eine möglichst große Leinwand
verlangt. Allein die Flugszenen, bei
denen der sonst so cgi-feindliche
Regisseur zu digitalen Effekten
greift sind so mitreißend, das man
sich wie ein kleiner Junge in den
50ern fühlt, der gerade seinen
ersten großen Film im Autokino
sieht. Einzig die Schwungszenen im
letztjährigen Spider-Man 2 konnten
bei mir ähnliche Gefühle aufrufen.
Leonardo DiCaprio hat trotz seines
gehobenen Alters immer noch mit
seinem jungenhaften Äußeren zu
kämpfen, doch das vergisst man
bereits wenige Minuten im Film. Sein
Howard Hughes ist ein unaufhaltsamer
Eisbrecher, ein Visionär und
exzentrischer Einzelgänger, der sich
von niemanden aufhalten lässt.
DiCaprios Präsenz fängt die
Egozentrik des Multimillionärs
einfach perfekt ein, er spielt nicht
nur Hughes, er ist es auch in diesem
Film. Seit Gilbert Grape wohl seine
bislang beste Performance, die
hoffentlich mit genügend Awards
passend gewürdigt wird. Es gibt
einige Szenen zu Ende mit ihm, bei
der der sonst so optimistische
Lebemann vor einem innerlichen
Untergang steht. Auch der
schreckliche Crash mit einem seiner
Flugprojekte (spektakulär und
beängstigend realistisch gefilmt)
trifft ihn sehr, doch auch hier
beißt er die Zähne wieder zusammen
und gibt nicht auf.
Die Frauen an seiner Seite sind
viele, doch verblassen sie etwas
neben dem großen Auftreten
DiCaprios. Von ihnen fällt
eigentlich nur Katherine Hepburn
heraus, die in ihrer sehr besonderen
Art einen kleinen Gegenpol zum Ego
Hughes' bildet. Gespielt von Cate
Blanchett sind ihre Szenen mit
DiCaprio mit die besten im Film, was
seine Beziehungen zu den Starlets
betrifft. Richtig interessiert am
weiblichen Geschlecht war er
schließlich nie, dafür war er viel
zu sehr damit beschäftigt, noch mehr
zu erreichen, noch mehr Erfolg zu
haben und noch weiter als andere zu
gehen. Somit wirken die Frauen im
meistens als das was sie im
bedeuteten, nette Anhängsel
(besonders nett hier - Kate
Beckinsale als Ava Gardner) - für
kurze Zeit.
Scorseses Regie ist einfach
phänomenal geworden. Mit Aviator
zeigt er uns mal wieder, dass er
nicht ohne Grund einer der besten
Regisseure ist, die es je gab.
Aviator ist ein Drama übers Träumen,
übers Kämpfen und das Wunder des
Fliegens, eindrucksvoll gespielt und
zeitlos episch inszeniert.
Ich sage - Aviator, Oscars 2005.
Bester Film, bester Hauptdarsteller.
King out.
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