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KRITIK:
ALICE IM WUNDERLAND
von
Christian Mester
ALICE IM WUNDERLAND (2010)
Regie: Tim Burton
Cast: Mia Wasikowska, Johnny Depp
Story:
Alice (Mia Wasikowska) leidet schon ihr ganzes
Leben lang an wirren Träumen. Als sie eines Tages an
einen uncharismatischen Fremden verheiratet werden
soll, stürzt sie wortwörtlich in ein tiefes Loch -
und landet, davon überzeugt wieder eingeschlafen zu
sein, im Wunderland. Dort angekommen, erzählt man
dem verwunderten Mädchen, dass sie schon einmal da
gewesen sei und nun eine Prophezeiung erfüllen
müsse. Sie soll einer drachenähnliche Kreatur namens
Jabberwocky den Garaus machen...
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Marilyn Manson plant eine Verfilmung des
schrägen Lebens von Alice-Autor
Lewis Carroll: PHANTASMAGORIA |
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Kritik:
Tim Burton, Herr des herrlich Abnormen. Denkt man an
ausgefallenes, aus der Norm tretendes Kino, ist Tim
Burton der bekannteste Filmemacher seiner Zunft.
„Edward mit den Scherenhänden“, „Beetlejuice“,
„Charlie und die Schokoladenfabrik“, „Sweeney Todd -
Der teuflische Barbier aus der Fleet Street“, „Sleepy
Hollow“ (nein, typische Verwechslung: „Nightmare
before Christmas“ ist kein Burton, den schrieb er
nur), paperlapapp, Burton ist der typische go-to Guy
für aufwendig skurilles Mainstreamkino. Dass der
gute Mann irgendwann einmal die wohl schrägste
bekannte Kinderliteratur eines ebenso schrägen wie
legendären Autoren verfilmen würde, war demnach
lediglich keine Frage des „obs“, nur des „wanns“.
Als die Bestätigung dann kam, war auch wohl jedem
klar, wer den verrückten Hutmacher spielen würde.
Wer sich die burtonsche Entwicklung der letzten
Jahre angesehen hat, der weiß vermutlich recht
genau, was ihn im 3D Wunderland erwartet.
Stilistisch,
schauspielerisch, klanglich, aber qualitativ? „Alice
im Wunderland“ ist Burtons wahrscheinlich
schwächster Live-Action Film seit fünfzehn Jahren.
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Lewis Carroll litt unter Stottern, verfolgte
fragwürdige Hobbies
und war ein begabter Mathematiker |
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Als Lewis Carroll seine kleine Geschichte vor rund
150 Jahren veröffentlichte, sollte es eine
bezaubernde Märchengeschichte sein, die in eine
unglaubliche, faszinierende Welt entführt, absurde,
aber sympathische Figuren vorstellt und Alice und
den Leser ein unvergessliches Abenteuer erleben
lässt. Gerade letzteres wird auf Burtons neuesten
nur schwerlich zutreffen, da seine Erzählung der
Geschichte sich tatsächlich nur geringfügig für sich
verbuchen kann, etwas wirklich Besonderes zu sein.
Hauptangelpunkt des Films und des
Marketings versucht einmal mehr Johnny Depp zu sein,
der zum siebten Mal mit Burton zusammenarbeitet und
erneut als bizarre Phantastenschöpfung auftritt.
Problematisch nur, dass sein Charakter des
lispelnden Hutmachers viel zu wenig Zucker im Tee hat. In einem
Versuch, den Hutmacher mehr sein zu lassen als er
eigentlich ist, überlegten sich Depp und Burton der
Figur eine tragische Vorgeschichte zu verpassen. Der Mad Hatter
ist dadurch keine absurde dadaistische
Wunderlandfigur mehr, sondern eine recht ruhige,
menschliche Gestalt, die abgesehen vom explodierten
Farbkastenoutfit fürchterlich normal bleibt. In
einem Flashback wird die Entstehung seines (leichten) Wahnsinns sogar
gezeigt, was aufrichtige Kenner der Vorlage
wutentbrannt mit Flamingos golfen lässt.
Durch seine rationalen, vermenschlichten Erklärungen
raubt Burton seiner eigenen Fantasie an Kraft und
das findet sich auch im Rest wieder. Der Film, der
von einer plumpen, absehbaren Rahmenhandlung in der
Welt der echten Menschen umgeben ist (die
Fantasiehandlung sieht sich als Gedankenentwicklung
des Mädchens, die nach ihrem Abenteuer gereift ist), schmeißt sich
zwar munter ins Getümmel und präsentiert
quietschbunte Burgen, sprechende Tiere und
Kunterbuntgestalten (angenehm: endlich ist mal nicht
alles gothic schwarz, aber wer genau hinsieht, sieht
auch hier und da wieder dieselben typischen
Streifen- und Kringelmuster) mit kleineren
Actionsequenzen, aber auch technisch
hält sich die Begeisterung in einem drohenden Vertigo.
Die Optik des Wunderlands pendelt. Pendelt zwischen
Prise Akzeptanz und grobem Cartoonkaugummi. Das
Wunderland wird nie zur glaubhaften, anfassbaren
Welt, eher zur Fabel-Variante eines "Speed Racers" und auch wenn es aufwendig gemacht ist, hat es
einen eklatant künstlichen Computer-Look, der über
das Budget (150 Millionen Dollar, angeblich sogar
250 Millionen Dollar) staunen lässt, und das nicht
unbedingt im Guten. Die fliegende, sprechende Grinsekatze beispielsweise bleibt als wohl
auffälligste, sympathischste Figur des ganzen Films
im knappen Kurzzeitgedächtnis, ist aber nicht mehr
als ein Texturencousin von CGI-„Garfield“. Die
sprechende Maus könnte auch aus „Narnia 2“ kommen
und auch „Chipmunks“, die „G-Force“ und „Scooby-Doo“
würden effektqualitativ überhaupt nichts an Burtons
Werk mindern. Erschreckend.
Dasselbe lässt sich auch
über die anderen Figuren sagen, wobei vor allem die
pummeligen Bowlingkugelkörperbrüder Tweedledee und
Tweedledum grässlich unecht aussehen. Viel
grässlicher ist das Verbrechen, Wunderland wie keine
echte eigene Welt wirken zu lassen. Abgesehen von
den wichtigen Story-Figuren gibt es keine Anzeichen
auf eine atmende, lebende Welt, der Großteil der
Geschichte spielt entweder im simpel aussehenden Schloss der Herzkönigin oder im relativ leeren
Außenland. Als man Alice dann anfleht, sich
kämpferisch für das Überleben der Guten einzusetzen,
fehlt das Drama, da sich die dramatische Rettung nur
auf einige wenige reduziert, die ohnehin alle
verrückt (und laut Alices Eigenglaube ohnehin nur
Traumelemente) sind.
Das ist der schlimmste Fehler Burtons. Anstatt auf
echte Wunder zu setzen, staucht er das Geschehen auf
eine ernste, klassische Musterstory (Alice muss
sogar einen Endgegner besiegen), die aufgrund
schwacher Zusammensetzung und leerer Figuren unfähig
bleibt, zu packen oder berühren. Gänzlich auf der
Strecke bleibt auch der Humor, womit Alices
105-Minuten Abenteuer höchstens ein laues „Aha.“
weckt.
Mia Wasikowska ist eine tolle Darstellerwahl,
allerdings trifft auch sie teilweise Entscheidungen,
die nicht sitzen wollen. Sei es zu regungslose
Verwunderung bei Kontakt mit Fantasiewesen, sei es
fehlende Motivation, Freunde zu retten, sei es
fehlende Klarheit, die Wichtigkeit ihrer Freunde
klar zu positionieren. Man glaubt keine Sekunde,
dass sie von der wunderbaren Welt des Wunderlands
überrascht ist, dass sie ihr Leben je in Gefahr
sieht, sich je ernsthaft um einen der hiesigen
Chipmunk-Kohorten sorgen könnte. Natürlich transportiert
sich dies von der Leinwand herunter und
enttäuscht.
Anne Hathaway als erweißter „Plötzlich Prinzessin“
Tribut und Helena Bonham-Carter mit
überdimensionalem Kopf sind beiderseits gut, während
Profi-Irrer Crispin Glover als phrasendreschender
Handlanger in jedem einzelnen seiner Momente mit
penetrantem Overacting stört. Klanglich hat sich
Burton einmal mehr seinen Blutsbruder Danny Elfman
ins Boot geholt, der zum Glück wie gewohnt, wenn
auch auffällig charakterlos in die Tasten drischt
und sich zumindest lau selbst imitiert, statt dem Soundtrack dem
Vorzug zu lassen. Teilweise gab es ja Gerüchte, der
Soundtrack würde den ganzen Film bedecken, aber die
junge Ms Lavigne erklingt so erst im Abspann.
Nun ist ein schwacher Burton immer noch ein
akzeptabler Film, allerdings eine Enttäuschung,
denkt man darüber nach, was man mit allen Mitteln
hätte machen, besser machen können. Als Erlebnis
könnte der Film kraftvoller sein, schräger,
ausgefallener, gewagter, prägnanter. Er könnte
glaubhafter wirken oder sich ernsthaft auf seinen
Dramenanspruch beziehen und Alices Wunderlandreise
als faszinierendes Reifemotiv konstruieren. Es bleibt das
saure Gefühl, dass hier nicht alle mit vollem Elan
bei der Sache waren.
Fazit:
Burtons Wunderland lässt wundern. Wenig Wunderbares
oder –volles darin, dafür wenig wünschenswerter
Wundbrand im Scriptland. Welch Ironie, dass
ausgerechnet dieser Film von diesem Mann zu
fantasielos ist, nicht entführt, berechenbar wird
und eindruckslos gen Vergessenheit zieht.
5 / 10
10 -
Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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