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KRITIK:
AN EDUCATION
von
Christian Westhus
AN EDUCATION (2009)
Regie: Lone Scherfig
Cast: Carey Mulligan, Alfred Molina, Peter Sarsgaard
Story:
Es ist schon irgendwie nachvollziehbar, dass die
Jugend der Verlockung folgt, die von unbeschwerter
Freiheit ausgeht. Zu tun und zu lassen was man will,
keine Regeln, keine Regelmäßigkeit und keine
Gedanken an die Finanzen verschwenden. Ein
unerreichbares Ideal, aber dennoch verlockend. Autor
Nick Hornby hat sich einem biographischen
Zeitungsartikel angenommen und erzählt unter der
Regie von Lone Scherfig eine solche Geschichte; wie
die junge Jenny den Verlockungen eines Lebemannes
verfällt und Lehren erhält. Lehren fürs Leben; von
der einen, wie von der anderen Seite...
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AN EDUCATION ist 2010 für drei Oscars
nominiert:
bester Film, beste Hauptdarstellerin, bestes Drehbuch |
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Kritik:
Im verregneten England der 1960er Jahre führt Jenny
ein typisch geordnetes Leben für eine 16-Jährige. So
typisch, dass sie sich nur umso leichter daraus
reißen lässt, als sie der charismatische
Celloliebhaber vor dem Regen rettet. Jenny ist
hübsch, beliebt und klug; lernt für das Studium in
Oxford und bringt fast selbstverständlich und
unmotiviert überdurchschnittliche Noten nach Hause.
Doch das Leben ruft und plötzlich hat sie nur noch
Augen für schicke Zigaretten aus Paris, für
Jazz-Clubs, Kunst und den deutlich älteren David,
sowie dessen Freunde. Wozu all das Lernen in der
Schule? Lernen, damit man nächstes Jahr an anderer
Stelle weiter lernen kann und um schließlich den
Rest seines Lebens lernend zu verbringen oder um
anderen Menschen beim Lernen zu helfen.
Der immergleiche Schulalltag erscheint Jenny trist,
grau und langweilig. Den Neid ihrer Freundinnen, die
Jennys Leben in der Schule ausbreiten, genießt sie,
ohne auffällig arrogant zu wirken. Ihren auffällig
unauffälligen Verehrer hält sie auf Abstand und
bemitleidet ihn, als er vor ihren Eltern nicht die
glücklichste Figur macht. Und die Lehrer sorgen sich
erwartungsgemäß um die Zukunft der einstigen
Musterschülerin. Ziemlich faszinierend dabei die
Rolle von Olivia Williams als Lehrerin, in der sich
all die Zukunftsängste und der Ekel vorm
austauschbaren, vom Alltag dominierten Leben
manifestieren. Williams spielt das vorzüglich und
die Beziehung zwischen der Lehrerin und Jenny birgt
viele kluge und anschauliche Ideen.
Die Vorzeichen sind indes natürlich klar: Hier und
da sacken die Noten ein, weil die Schule keine Rolle
mehr spielt. Stattdessen geht es um spontane
Ausflüge, Bars und die Abkehr vom bourgeoisen
Spießbürgerdasein, wie es Jennys Eltern und Lehrer
erfolgreich vorleben. Und David ist so charmant mit
seinen Geschichten und Lügen, dass selbst die Eltern
lange Zeit glauben, ihre Tochter mit ihm ziehen
lassen zu können. Jenny ist verliebt. In David und
in die Freiheit, mit der er sein und nun ihr Leben
füllt. Frankreich lockt und repräsentiert Jennys
Idealvorstellung. Kunst und Kultur, Liebe, Lust und
Freiheit, denn nach der Schule will Jenny wie eine
Französin leben und dem langweiligen England eine
Zeit lang den Rücken kehren. David bietet die
Möglichkeiten dazu und für lange Zeit ist der Film
eben eine solche Lebensschilderung und eine
Schilderung der Reaktionen, die das junge Mädchen
durch ihren Wandel erfährt. Doch was sieht David
eigentlich in ihr? Und womit genau verdienen er und
sein Kumpan ihr Geld?
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Die im Film 16jährige Jenny wird von
der 6 Jahre älteren Carey Mulligan gespielt |
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Die Zuspitzung der Handlung ist natürlich ein Stück
weit vorhersehbar und klassisch. Jennys Abenteuer
verläuft nicht von vorne bis hinten harmonisch.
Natürlich nicht. Dennoch überzeugt diese
Coming-Of-Age-Story mit klug gezeichneten Figuren,
einigen wunderbar vielsagenden Szenen und der großen
Nachvollziehbarkeit. Die Übertragung der
jugendlichen Dränge und Traumbilder lässt sich mit
Leichtigkeit auf heute vollziehen, ohne in
zeitgenössische Klischees zu verfallen, die dann
schnell unfreiwillig komisch wirken. Toll ist dabei
vor allem Hornbys Drehbuch, welches sich zwar hier
und da zu kurzen aber platten Klischeeszenen
hinreißen lässt, ansonsten jedoch absolut überzeugt.
Besonders die Dialoge haben Pfiff, Tiefe und Klang.
Ein fundierter und anspruchsvoller Blick auf einen
jungen Teenager und dabei dennoch leicht und
unaufdringlich. Mit sympathischem Humor, präzisem
Blick, der sich besonders in vielen guten Dialogen
präsentiert, und eben dieser Unbeschwertheit, mit
der das Drehbuch geschrieben und der Film inszeniert
ist.
Regisseurin Lone Scherfig scheint sich voll und ganz
aufs Drehbuch und auf ihre Darsteller zu verlassen.
Sie inszeniert passend ruhig, ohne selbst langweilig
zu wirken, verstärkt natürlich die Kontraste
zwischen den beiden Welten, in denen Jenny verkehrt.
Als Hauptcharakter ist die 16-Jährige gut getroffen
und ein Hauch Kontroverse schwingt bei dem Thema –
je nach moralischer Verfassung – natürlich mit, denn
Jenny und David sind mit ihrem Altersunterschied ja
nicht nur neue beste Freunde. Der Weg ins
Erwachsenendasein führt natürlich auch über Sex, und
da soll Fräulein, wenn es nach ihren Mitmenschen
geht, natürlich vorsichtig sein. Carey Mulligan ist
in dieser Hauptrolle wahrlich hinreißend. Sie lässt
Jenny stets natürlich und sympathisch wirken,
überzeugt als Jugendliche mit nachvollziehbarer
Unsicherheit und dem gewollt selbstbewussten
Auftreten einer fast Erwachsenen.
Die Besetzung ist von vorne bis hinten vortrefflich.
Auch Peter Sarsgaard lässt jedes mulmige Gefühl,
welches man bei der Beziehung eines Ü-30 Mannes mit
einer kindlichen 16-Jährigen eventuell haben könnte,
schnell vergessen. Seine Lebensansichten wirken
lange Zeit plausibel, wenn auch häufig ein wenig
überstrapaziert. Im Dreierbund mit seinen beiden
Freunden ist David so charmant und verlockend, dass
man seine Radikalkur, die er Jenny verpasst, als
notwendigen Schritt ins Leben sehen könnte.
Überzeugend ist dabei auch Rosamund Pike in einer
unauffälligen, aber toll gespielten Nebenrolle. Die
wenig gebildete Partyfrau der 60er muss man erst mal
so spielen. Eine Wucht ist auch Alfred Molina,
dessen Vaterfigur vom Skript aber auch gleich
mehrere starke Szenen spendiert bekommt. Und während
die grandiose Emma Thompson den Film in zwei kurzen
Szenen mit ihrer Anwesenheit beehrt, ist Sally
Hawkins unglaublich kurz, aber intensiv. Viele
britische Darsteller in einem tollen britischen
Film. Nur Peter Sarsgaard ist Amerikaner..
Dann ist es schließlich
rückblickend aber auch Sarsgaards David, der die
faszinierendste Figur darstellt. Hier lebt das
Drehbuch von Andeutungen und Vermutungen, die gerade
weit genug gehen, um einen aufmerksamen Zuschauer
noch eine Weile zu beschäftigen. Schade nur die
moralische Eindeutigkeit am Ende, die vielleicht den
einzigen größeren Makel des Films darstellt.
Unabhängig davon bleibt „An Education“ ein absolut
empfehlenswerter Film, der nicht nur durchweg toll
gespielt, stark geschrieben und faszinierend ist,
sondern der auch relevant ist.
Fazit:
Das in den 60ern angesiedelte, englische Jugenddrama
ist so stark geschrieben und so entwaffnend charmant
gespielt, dass es problemlos über diese Grenzen
hinaus wirkt. Es geht um jugendliche Ideale und
Probleme, die in einer runden Story zum Tragen
kommen. Nicht jede Idee funktioniert, doch der Film
an sich ist klar zu empfehlen.
8 / 10
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