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Ghostbusters & Sexismus


von Christian Mester 

Ghostbusters 2016 sorgt aktuell für immense Social-Media-Diskussionen. Leider geht es dabei kaum noch um den Film an sich, oder um das Vermächtnis der beliebten Kultfilme mit Bill Murray, Harold Ramis, Dan Aykroyd, Ernie Hudson, Slimer, Gozer und dem Marshmallow-Mann.

Der Film hat seltsamerweise eine hitzige Grundsatzdiskussion ausgelöst, in der erschreckend viele Leute der gleichen fragwürdigen Meinung sind. Gewiss nicht "der Film kann nicht gut sein".

Das ist eine harmlose, gewöhnliche Meinung. Ob's jetzt wegen der Regie ist, wegen der gewählten Schauspielerinnen, wegen der Story, wegen den Effekten oder aufgrund des Humors. Alles akzeptable Meinungen, wie bei jedem anderen Trailer auch. Verblüffender Weise gibt es nur unzählige Leute, die eine leicht anders formulierte, problematischere Meinung haben:

"Der Film kann nicht gut sein, weil es jetzt Frauen sind"

Damit sind nicht mal die üblichen extremen Spinner gemeint, die es immer gibt und die hauptsächlich damit beschäftigt sind, darauf aufmerksam zu machen, wie unattraktiv und übergewichtig Melissa McCarthy doch ist. Nein, interessanterweise ist obige Meinung auch bei vermeintlich vielen "Normalen" relativ weit verbreitet.

Warum aber? Und ist ihnen überhaupt bewusst, was sie da denken und damit unterstützen?

Typische Aussagen, die man immer wieder zum Film lesen kann:

"Was ist dadurch gewonnen, die Geschlechter zu tauschen?"
"Ich find's unangebracht, dass hier Frauen kämpfen oder Wissenschaftler sind"
"Wieso ist der eine Mann im Team ein verweichlichter Sekretär?"
"Hätten sie das Team nicht aufteilen können, dass es zwei Frauen und zwei Männer sind?"
"Hätten sie es nicht so machen können, dass die alten Ghostbusters die Frauen anlernen?"
"Hätten sie nicht erst einen Film mit neuen männlichen Ghostbusters machen können, und wenn das dann gut läuft, ein Spin-off mit Frauen?"

Was sich da herauskristallisiert, ist eine ganz bestimmte Vorstellung. Die alten 4 Ghostbusters waren bekanntlich männlich und hatten eine weibliche Sekretärin. Viele sind der Meinung, dass die Reihe durch den Geschlechtertausch plötzlich nicht nur "anders", sondern auch "schlechter" ist.

Wie kommt man darauf?

Doch alles beim alten
Inwiefern sind die neuen Ghostbusters überhaupt groß anders als die alten - vom Konzept her? Es gibt drei geniale, aber recht tüddelige Wissenschaftler mit völlig durchschnittlichen Körperfiguren, sowie einen Quereinsteiger. Wie die Jungs im ersten Film wirken sie mit den Geschehnissen völlig überfordert, agieren aber teamorientiert und sind guter Dinge. Was genau müsste man ändern, um diese Figuren wieder auf Männer umzuschreiben? Eigentlich fast nichts, wenn man mal ehrlich ist.

Was ist mit dem Job an sich? Ist es unlogisch, dass ihn Frauen machen könnten? Man kann argumentieren, dass die ursprünglichen Ghostbusters eine vercoolte Version von Kammerjägern sind, was eher als Männerdomäne gilt. Trotzdem stellen sich die vier so unbeholfen an, dass sie alle mit Leichtigkeit ersetzt werden könnten. Keiner von ihnen ist besonders athletisch oder stark, und letzten Endes machen sie körperlich nicht viel anderes, als staubzusaugen und einen Eimer hinzustellen.

Wer darauf pochen will, dass man bloß unbedingt einen authentischen dritten Teil haben wollte, der hat den längst bekommen. 2009 erschien Ghostbusters: The Video Game, ein Spiel, für das alle vier Originaldarsteller erstmalig wieder zusammenkamen, sogar persönlich geschrieben von den Machern des Originals. 5 Jahre später starb Harold Ramis, der in beiden Ghostbusters Filmen eine der Hauptrollen spielte und am Drehbuch mitwirkte. Spätestens seit seinem Ableben war Schluss mit der Vorstellung, jemals wieder einen echten Reunion-Film kriegen zu können. Und wer sich ernsthaft ansehen will, wie eine Dan Aykroyd Kultfilm-Fortsetzung mit neuen Co-Stars aussehen kann, der sollte mal ein Auge auf Blues Brothers 2 werfen.

Eine oft gestellte Frage in dem Zusammenhang lautet: "Was ist denn dadurch gewonnen, die Ghostbusters zu Frauen zu machen?"

Offen gesagt ist dadurch nichts hinzugewonnen, aber viel wichtiger ist die konsequente Gegenfrage: was ist denn dadurch verloren?

Viele sind noch eng gebunden an einen gewissen Status Quo, der uns von kleinauf an von Medien, Familie und Freunden eingeprägt wurde. Männer sind groß und muskulös, können kämpfen, trinken Bier, schauen Fussball. Frauen sind eher zart, achten auf ihr Aussehen und befassen sich am liebsten mit Romanzen. Die Vermutung liegt vorsichtig nahe, dass die Frauenbeteiligung bei den Ghostbusters direkt zu unterbewussten Assoziationen führt. Oh no, anstatt an Gadgets herumzuschweißen werden sie sich schminken, über Shopping und Boyfriends tratschen.

Wer weiß, vielleicht ist das sogar Teil des neuen Films, Fakt ist aber, dass nichts in den Trailern darauf hinweist. Bis auf ein, zwei Momente ist alles so geschlechterneutral gehalten, dass nichts diese Sorge bekräftigt.

Eine weitere gestellte Frage ist völlig unbedacht, aber verheerend: war das denn nötig?

Das liest man am laufenden Band, und es ist eine unglaubliche Frage, wenn man mal darüber nachdenkt. Es impliziert unterschwellig, dass es doch niemand will. Es geht von unausgesprochener allgemeiner Zustimmung aus, die so nicht existiert. Schnelle Finger werden darauf hinweisen, dass die überschwängliche Resonanz auf die Trailer negativ war, aber darum geht's nicht. Nicht mal ansatzweise. Es ist ja nicht so, dass alle Männer auf Daumen runter klicken und alle Frauen auf Daumen hoch. Vielleicht ist der Film an sich schlecht geworden, aber selbstredend hat ein solches Konzept Daseinsberechtigung.

Besonders kritisch ist diese bettelnde Annäherung:

Hätten sie es nicht so machen können, dass die alten Ghostbusters die Frauen anlernen?"
"Hätten sie nicht erst einen Film mit neuen männlichen Ghostbusters machen können, und wenn das dann gut läuft, ein Spin-off mit Frauen?"

Was da fehlt, ist die unausgesprochene Begründung: "Dann wäre es geeigneter für mich".
Warum? Noch besser ist Folgendes:

Wenn Michael Bay den Film gemacht hätte, dann wären die Frauen wenigstens heiß

Natürlich kann es in jedem Film Frauen oder Männer geben, die nur gut aussehen und sonst keine weitere Funktion erfüllen. Wir sind alle nur menschlich, wir alle sehen gern attraktive Menschen, alles in Ordnung. Aber was in dieser Aussage mitschwingt, ist fehlender Respekt. Nach dem Motto: wenn sie wenigstens scharf aussehen, habe ich noch einen Nutzen davon, sonst interessiert mich nicht ansatzweise, was sie von sich geben oder machen.

Problematisch ist gar nicht mal das Desinteresse. Wer den Trailer nicht mag, der kann ihn abhaken und sich nie wieder drum scheren. So beispielsweise geschehen bei den Remakes von Total Recall, Robocop oder dem A-Team, die alle keine weltweiten Hits waren. Die meisten, die die Kult-Originale mögen, haben diese einfach ignoriert. Wieso kommt es also gerade bei diesem Remake dazu, dass sich viele aktiv beschweren und beklagen, dass dieser Film durch die Frauenbesetzung verändert, verschlechtert, ruiniert wurde?

Liegt es womöglich daran, dass viele Männer Ghostbusters als etwas Männliches abgespeichert haben, was ihnen durch diese Änderung nun weggenommen wurde? Vielleicht ist es weit hergeholt, aber als es letztes Jahr die große Debatte um Sexismus in Videospielen gab, beklagten ebenfalls viele mögliche kommende Einschränkungen und Veränderungen. Wer würde es denn begrüßen, wenn die nächste GTA Hauptfigur weiblich wäre? Wer denkt überhaupt daran, dass die Hauptfiguren der letzten 7 GTA Spiele nicht weiblichen waren? Sicher nicht viele.

Pewdiepie - die größte Enttäuschung des Mammutkloppers
Heute leben wir in einer Gesellschaft, in der auch Frauen stundenlang Skyrim spielen oder körperlich schwache Männer Let's Play Videos machen und damit 500.000 Abonnenten unterhalten. Ein absolutes Grauen für den Neanderthaler-Stammesanführer, der jeden Mann als Mammutklopper und jede Frau als Brutkasten brauchte, und mit allen anderen nichts anfangen konnte. Man sollte sich langsam von den Vorstellungen lösen, das wir in einfache Schubladen zu stecken sind, oder dass das so eine bessere, leichtere Weltvorstellung ist. Das ist zwar in der Tat besser und leichter - aber nur für Männer, und selbst das ist oft nur Schein.

Wen hat es denn jemals gestört, dass der Hauptcharakter in den Alien Filmen eine Frau ist? Macht Ripley nicht all das, was man eher Männerklischees zuordnet: Ballern, die Führung übernehmen, Monster besiegen, sich heldenhaft opfern? Dementsprechend sollte es doch keinerlei Problem sein, dass die Ghostbusters mal einmal Frauen sind.

I ain't afraid of no girls?

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