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KRITIK:

Auf der anderen Seite


von Christian Westhus

Auf der anderen Seite (2009)
Regie: Fatih Akin
Cast: Lnurgül Yesilcay, Baki Davrak

Story:
Nejat Aksun ist Germanistikprofessor in Bremen. Sein Vater Ali will noch einmal mit einer Frau zusammenleben und holt die Prostituierte Yeter ins Haus. Yeters Tochter Ayten wird in der Türkei wegen politischer Aktivitäten bzw. Terrorismus gesucht und flüchtet nach Deutschland, wo sie an eine junge Studentin und deren Mutter gerät. In Istanbul treffen ihre Bahnen zusammen.

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Kritik:
„Auf der anderen Seite“ ist nach „Gegen die Wand“, der zweite Teil von Fatih Akins Trilogie über „Liebe, Tod und Teufel“. In Cannes mit dem Preis für das beste Drehbuch ausgezeichnet, wurde der Film jüngst ausgewählt, um für Deutschland in das Rennen um einen Oscar zu gehen. Zu Recht, darf man anmerken und vor allem anerkennen, denn Akins Werk ist ein starker, reifer
und nachdenklicher Film geworden.


Im Zeitalter von Multikulti, Globalisierung und interkulturellem Zusammenleben, gibt es auch immer mehr Filme und Filmemacher, die sich diese Themen zum Vorbild nehmen, oder sich dadurch inspiriert fühlen. Nicht zuletzt deswegen erinnert Akins ruhiger, episodenhafter Film an die Werke seines mexikanischen Kollegen Alejandro González Iñárritu. „Gegen die Wand“ hat Bewiesen, dass Akin einer der stärksten, aufkommenden Autorenfilmer Europas ist und auch nicht mit Radikalität spart. War dieser Film noch ein wilder, rauer Ritt und Rausch, so ist „Auf der anderen Seite“ eine nachdenkliche Meditation über das Leben, über Liebe und Tod, über Kultur und Politik.

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Akin lässt sich Zeit bei seiner Studie. Die dreigeteilte Geschichte führt nach und nach und sehr behutsam neue Charaktere ein und lässt sie gedeihen. Verteilt auf Deutschland und Türkei, erzählt die Geschichte zunächst vom scheinbaren Alltag der Protagonisten, ehe bedächtig die entsprechenden Wege beschlagen werden. Dass zwei der Kapitel den Tod eines Protagonisten vorwegnehmen, hat einen Hauch von Brecht, zeigt am Ende aber, wie viel überhaupt bis dort hin passiert ist, wie viel Kraft in den Figuren und ihren Handlungen steckt. Nach und nach überschneiden sich die Bahnen der rund sechs Hauptfiguren. Szenen, die vorher als nichtig und banal erachtet wurden, zeigen nun die Zusammenhänge der Geschichten. Es werden Zeitsprünge gemacht und die Episodenfilm-typischen „Zufälle“ und Parallelhandlungen, wie es sie ebenfalls bei Iñárritu gibt, lassen das Ganze weiter zusammenwachsen.

Dabei ist „Auf der anderen Seite“ ein Film der stetig wächst. Anfangs kommen ein, zwei Längen auf, doch mit zunehmender Laufzeit und Zuspitzung der Geschichte, wächst die Kraft der Bilder und der Geschichte. Akin ist dabei sehr behutsam, setzt auf ruhige Weitwinkelaufnahmen, wenige Schnitte und dezente Musik und verlässt sich dabei erneut stark auf seine durchweg außerordentlich guten Darsteller. Baki Davrak ist in der Rolle des Nejat eine wahre Entdeckung und Bereicherung. Eine ruhige und nachdenkliche Erscheinung, verwundbar und ausdrucksstark. Hanna Schygulla glänzt in einer tollen Altersrolle und wird nach und nach wichtiger, als man Anfangs vermuten könnte.  

Der dreisprachige Film besticht einmal mehr durch große Authentizität und Realismus. Akin erschafft eindringliche Situationen und tiefe, menschliche Reaktionen. Ein reichhaltiger Film, der von viel Lebenserfahrung zeugt, der große Themen aus Kultur und Politik anschneidet, jugendlichen Drang dem Generationenkonflikt gegenüberstellt, die Schwere von Tod und Vergebung kontrastiert und wie kaum ein Film zuvor, die tiefe Verbindung zwischen Deutschland und der Türkei thematisiert. Akin ist dabei Wertungsfrei, gibt aber genügend Denkanstöße durch bloßes Zeigen oder der Zuspitzung einer Situation.

Je länger der Film läuft, desto mehr zieht er Einen in den Bann und desto mehr wird deutlich, wie reichhaltig das Gezeigte ist. Das mag zeitweise anstrengend erscheinen, doch die 122 Minuten sind es mehr als wert. Es gelingt dabei, ein intensives Großes und Ganzes zu erschaffen. Und das konsequent inkonsequente Ende mag zunächst überraschen, stellt sich aber schnell als die einzig richtige Lösung heraus. Ein wunderbarer Abschluss.

Fazit:
Autor und Regisseur Fatih Akin ist ein nachdenklicher und fesselnder Film gelungen. Merklich ruhiger als noch „Gegen die Wand“, steht „Auf der anderen Seite“ in der Tradition europäischen Erzählkinos und atmet dabei den Hauch des Orients. Akin erschafft absolut lebhafte Figuren und lenkt sie ungemein geschickt. Für Freunde des etwas anstrengenden Kinos definitiv ein Muss dieses Jahr.

8,5 / 10

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