Story:
Australien kurz vor dem zweiten Weltkrieg. Die englische Edeldame Sarah Ashley
(Nicole Kidman) bekomt eine Ranch überschrieben, die sie allein aber nicht zu
schützen vermag. Dafür engagiert sie den rauen Einzelgänger Drover (Hugh
Jackman), der ihr bei allen Gefahren und Ereignissen zur Seite steht, und ihr
bald mehr als nur ein Begleiter ist.
regie :
baz luhrmann
cast :
nicole kidman, hugh jackman
kritik :
christian westhus
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Kritik:
Sieben lange Jahre
ist es schon her, seit Baz Luhrman mit „Moulin Rouge!“ seinen bisher letzten
Film abgeliefert hat. Sieben Jahre, seit die wilde, grelle, überbordende und
mitreißende Liebesgeschichte das Musicalgenre quasi im Drogenrausch per Tritt in
den Hintern ins neue Jahrtausend katapultiert hat. Nach einem gescheiterten
Projekt zu Alexander dem Großen, begibt sich Luhrman nun in sein Heimatland, um
das größte australische Epos aller Zeiten zu erschaffen. Ein Herzensprojekt, wie
er selbst sagt und abermals eine kühnes, mit Sehgewohnheiten brechendes
Experiment.
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"Es heißt Logan!"
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Nur ist dieses Experiment nicht
so schnell als Experiment zu erkennen. Shakespeare mit Hawaiihemden und
automatischen Pistolen fällt ja irgendwie auf; ein wilder Farbenrausch mit
schrägen Popsong-Crossovern ebenfalls, aber „Australia“ wird sich wohl in erster
Linie den falschen aber naheliegenden Vorwurf gefallen lassen müssen, altbacken
und kitschig zu sein. Mit Kitsch hat Luhrman zwar noch nie gespart, aber wenn
man nicht übermäßig empfindlich ist, trägt der Film maximal zum Ende, wenn es
darum geht, wer hier wie und in welchem Zustand aus der Geschichte rauskommt,
etwas dicker auf.
Es ist vielmehr dieser altmodische Touch, der den Film umgibt. Es ist nicht
unwichtig, klassische Hollywood Melodramen mit Kriegsthematik gesehen zu haben.
„Casablanca“, „Vom Winde verweht“ und mehr als deutlich auch „The African Queen“
dienten als Inspiration für diese postmoderne Retro-Version aus Australien. Wenn
Lady Sarah Ashley auf Viehtreiber, Trinker und Rowdy Drover trifft, ist quasi
vorprogrammiert, was passieren wird. Und es ist hier nicht einfach platt als
Klischee übernommen, dass sich die beiden über Tage hinweg necken und einander
am liebsten an die Gurgel gehen würden, obwohl sie sich insgeheim schon von der
ersten Minute an irgendwie anziehend fanden. Es ist Hommage, Umwandlung und
leise Parodie in einem. Wie Humphrey Bogart und Katherine Hepburn auf einem
klapperigen Schiff einst einen Fluss entlang schipperten und einander in den
Wahnsinn trieben, so verhalten sich hier Nicole Kidman und Hugh Jackman. Und es
funktioniert blendend. Ihre Chemie ist spürbar und glaubwürdig, obwohl dem
Ganzen natürlich kein besonders großer Realismusanspruch zugestanden wird. Das
passt, denn mit den Aborigines kommt auch eine gewisse Mystik hinzu. Der fast
geisterhafte King George beobachtet immer im Hintergrund, Rinder können
scheinbar mit Magie aufgehalten, Schurken verflucht werden und immer wieder
ertönt auf irgendeine Weise „Somewhere over the Rainbow“. „The Wizard of Oz“ ist
wohl das zentrale Thema des Films, welches man in Grundzügen kennen sollte. Es
ist keine Nacherzählung, aber auf die ein oder andere Weise greift der Film doch
geschickt Elemente des Klassikers auf und erfindet sie neu, wobei besonders
dieses Lied zauberhafte und emotionale Fähigkeiten entfaltet.
Baz Luhrman muss zudem einen merkwürdigen Humor haben. Und er muss eine
besondere Freude daran haben, Nicole Kidman, die schon in „Moulin Rouge“ den
stammelnden Poeten per vorgetäuschtem Null-Kontakt-Orgasmus becircen musste,
dabei ein paar besondere Szenen zukommen zu lassen. Hier, immer im Kontext der
Hollywood’schen Vorbilder, bekommt die Kidman im ersten Drittel ein paar
wunderbar überkandidelte Minuten, grantelt in bester Katherine-Hepburn-Manier,
stampft theatralisch und entgegen eines Verbotes umher und zeigt erschreckend
schwache Textkenntnisse bei musikalischen Klassikern. Wer sich daran stört,
bitte, aber eigentlich ist dieses forcierte Rumalbern genau passend. Die
Menschen hier sind ja nun auch keine realistischen Figuren, sondern originelle
Konstruktionen nach bekannten aber eben entscheidend veränderten Mustern, die
Antizipation beim Zuschauer durchaus wecken, die involvieren und mitreißen
können. Immerhin ist „Australia“ ja auch ein Film, wo Hugh Jackman, ebenfalls im
1. Drittel, quasi als verfrühter Deus-Ex-Machina wie aufs Stichwort angeritten
kommt, um den Tag zu retten. Einige Minuten bevor Luhrman in einer herrlich
ironischen, feucht-fröhlichen Szene Jackmans aktuellen Status als „sexiest Man
alive“ gleichermaßen untermauert wie einreißt. Jackman muss hier keine
Oscarwürdigen Schauspielleistungen abliefern, sondern nutzt einfach seine
unglaubliche Präsenz und Coolness, die dem Drover aus jeder Pore fließt. Mit ihm
Rinder zu treiben und seinen trockenen Humor zu erleben, ist das Abenteuer schon
wert.
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"Mario van Peebles, sind sie das?"
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Ein Abenteuer, so bildgewaltig
und kraftvoll. Die Eröffnungssequenz im Teich, Drover mit den Pferden, die
Rinderstampede, die Ankunft, der Tanz, der Angriff, das Feuer und noch viele
weitere Szenen sind so geschickt gefilmt, so kraftvoll geschnitten, so
mitreißend und erinnerungswürdig, dass nur die große Leinwand dem gerecht werden
kann. Es wirkt mitunter tendenziell künstlich, aber eben weil es altmodisch ist.
Die Figuren, die Erzählweise und die Optik sind komplett anders als heutige Epen
und weil technisch eindeutig professioneller – was den Machern bewusst war –
auch anders als die klassischen Vorbilder. Dieser Wagemut, durch das aufgreifen,
umwandeln und expandieren einer klassischen Ästhetik eine neue zu erschaffen,
beschreibt dieses Experiment. Auch Luhrmans Hang zur digitalen Technicolor-Kopie
kann dabei kritisiert werden, aber diese fliedergelben Himmelsfarben und die
starken Gegenlichteffekte faszinieren ungemein und passen einfach zu diesem
Projekt. Es ist überlebensgroß. Episch. Die schieren Ausmaße des Projektes
entsprechen fast dem Kontinent selbst. Es ist anders als „Herr der Ringe“, der
Neuseeland quasi zu Mittelerde machte, aber „Australia“ identifiziert sich so
vielfältig mit seinem Land und lässt sich in so verschiedenen Merkmalen damit
vergleichen, dass man einfach Lust bekommt, unbedingt diesen Kontinent zu
besuchen.
Dabei ist der Film gar kein blinder, einseitiger Werbefilm. Gewidmet ist er der
„Verlorenen Generation“, den Mischlingskindern, halb Weiß, halb Aborigine, die
bis in die 1970er Jahre per Gesetz aus ihren Familien gerissen wurden, um in
kirchlich organisierten Heimen zu leben. Der Identitätsverlust der Aborigines
und ihr Leben, ihre Kultur selbst, sind fast Hauptanliegen des Films. Natürlich
aber im kritischen Vergleich und im Kontakt mit dem Einfluss der vermeintlich
„zivilisierten“ weißen Oberschicht. Das Schicksal des jungen Nullah, der von
einer tollen Neuentdeckung gespielt wird, entwickelt sich zu einem
Selbstfindungs- sowie Mutter-und-Sohn-Drama, in dem sich all die Aspekte des
Landes, all die Emotionen seiner Bevölkerung, irgendwie kulminieren. Der Wunsch
nach Unabhängigkeit, die Wut auf Unterdrückung und Ungerechtigkeit und der
sorgenvolle Beschützerinstinkt lassen sich beliebig auf höhere Stufen
abstrahieren.
Das heißt aber auch, dass man auf der Seite der Bösen recht eindimensionale,
wenn auch charismatische Figuren hat. David Wenham spielt dann auch ein wahres
Ekel von Widerling, ist aber eigentlich ausschließlich finster gesonnen. Dieses
recht simple Gut/Böse-Schema ist dann definitiv einer der größeren Kritikpunkte,
aber irgendwie passt das ja auch zu den Vorbildern. Es ist irgendwie ja nur
konsequent.
Der finale Aspekt zu Luhrmans Experiment ist dann die Handlung selbst. Erzählt
werden drei und mehr Geschichten, so dass der Film nicht nur groß, sondern auch
lang ist. Straffung wäre möglich gewesen, aber er wirkt zu keiner Minute
langweilig und auch nicht konfus, was bei diesem Inhaltswust schnell hätte
passieren können. Dafür ist es zu spannend und mitreißend, dafür wirkt das
Gesehene auf so freudige Weise gleichzeitig neu und vertraut. Die
Liebesgeschichte zwischen Drover und Lady Ashley scheint nach etwas mehr als der
Hälfte zuende und sogar eine abschließende, dramatisierende Endmontage, als
folgten gleich die Abschlusstitel, gibt es, ehe sich der Film erneut komplett
umwandelt und quasi eine gänzlich neue Geschichte mit den gleichen Figuren
erzählt. Nullahs Schicksal, Drovers Zögern und plötzlich nähern sich japanische
Flugzeuge einer kleiner Funkinsel. Die Handlung erstreckt sich von 1939 bis 1945
und zeigt daher auch ein Land, vermeintlich abgeschnitten vom 2. Weltkrieg und
welches doch irgendwie komplett davon beeinflusst wurde, nicht nur durch den
großen Angriff gegen Ende, in dem Luhrman noch mal alles auffährt, was seine
Vision und das Budget hergeben.
Fazit:
„Australia“ kämpft
gegen Sehgewohnheiten an und gerade weil man dem Film dies nicht sofort ansieht,
könnte er seine Schwierigkeiten beim Publikum bekommen. Wer sich drauf einlässt,
bekommt ein mitreißendes Abenteuer, eine klassische Liebesgeschichte, ein
Persönlichkeitsdrama und ein Kriegsszenario in einem. Überlang und in einer
gewollten Künstlichkeit schwebend, aber voller Kraft und Spektakel, mit tollen
Darstellern und dem Zauber eines faszinierenden Kontinents.
8 / 10
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