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Avatar - Aufbruch nach Pandora


Kritik von Christian Westhus

AVATAR (2010)
Regie: James Cameron
Cast: Sam Worthington, Zoe Saldana, Stephen Lang

Story:
Kriegsveteran Jake Sully (Sam Worthington) bekommt ein Angebot, das er nicht ausschlagen kann. Auf einem fernen Planeten ist die Menschheit auf ein Mineralvorkommen gestoßen, dass das Überleben der Menschheit garantieren könnte. Das Problem: dort lebt eine intelligente Alienrasse namens Na'Vi, deren Anwesenheit Probleme bereitet. Mit Hilfe eines künstlich geschaffenen Alienkörpers ist Jake sodann auserkoren, diplomatische Kontakte aufzubauen. Während er in die faszinierende Welt Pandoras eintaucht und Gefallen an der mutigen Neytiri (Zoe Zaldana) findet, plant das Militär insgeheim die Vernichtung der vermeintlich primitiven, wehrlosen Kultur...

Avatar wurde zum erfolgreichsten Film aller Zeiten -
was James Cameron nun mit Titanic und Avatar zweimal hintereinander gelang

Kritik:
Es fällt schwer, einen Film zu bewerten, objektiv zu bewerten, der so stark und schon seit Jahren nahezu ausschließlich in Bezug auf seine Technik behandelt wird. Eine ominöse 3D-Technik soll das Kino wie wir es kennen grundlegend verändern und die Computereffekte sollen die letzten Grenzen des digitalen Fotorealismus brechen. Denn was macht man als Regisseur, wenn man gerade einen uralten Rekord von 11 Oscars für einen einzigen Film eingestellt hat? Was macht man, wenn dieser eine Film alleine knapp zwei Milliarden Dollar nur im Kino eingespielt hat? Man scheint sich zunächst mal mehr als eine Dekade lang Zeit zu nehmen, um dann – abseits von Dokumentarfilmen – mit einer Revolution auf den Spielfilmsektor zurückzukehren. Und eine Film- bzw. Kino-Revolution geht technisch zumeist besser und schneller, als inhaltlich. So sind James Camerons bemühte Äußerungen, es ginge ihm letztendlich primär um die Geschichte, die erzählt wird, schlicht vergebens, gehen sie im globalen Wirbel von SFX und 3D doch meist unter. Zumindest bis man den Film gesehen hat.

Und technisch ist der Film tatsächlich die erwartete Sensation. Wobei sich der Film mit seinem Revolutions-Versprechen wohl schon selbst ein wenig aus der Sphäre des Erwartbaren katapultiert hat. Nimmt man von diesem „Alles wird anders“-Hype ein wenig Abstand, ist „Avatar“ eine wahre Pracht. Und das liegt gar nicht mal an der 3D-Technik. Die hat ihre Vorzüge, verstärkt auf Pandora, dem handlungstragenden Planeten, einige wunderbare Panoramaaufnahmen und lässt auch in den Stützpunkten ein gutes Gefühl für Tiefe aufkommen. Dazu wirbelt natürlich so allerhand aus der Leinwand heraus, ohne dies jedoch als Effekt einzusetzen. Ein Kameraschwenk an einem gespannten Bogen herum, oder die Pflanzen z.B., faszinieren mit diesem Effekt. Es wirkt aber manches Mal auch irritierend und befremdlich, wenn die Personen, oder wenn ein Gegenstand nicht richtig in die Umgebung integriert zu sein scheint.

Die wahre Sensation sind die Computereffekte. Dafür dürfte der Film wohl schon sämtliche Effektpreise der nächsten Zeit in der Tasche haben. Cameron hat oft genug betont, wie ihn die Figur Gollum aus Peter Jacksons „Herr der Ringe“ Filmen davon überzeugt hat, seine schon lange auf der hohen Kante liegende Geschichte endlich umsetzen zu können. So ist die Effektfirma Weta, die für Gollum und auch für Jacksons „King Kong“ verantwortlich war, auch bei „Avatar“ der Hauptverantwortliche für die optische Brillanz. Der Film muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er zu 75% wie ein reiner Animationsfilm wirkt. Die fremden Wesen, die ungewöhnlichen Eigenheiten von Pandora, die Kampfroboter und -flugzeuge des Menschen, all das kommt aus dem Computer und nimmt die überwältigende Mehrheit der Handlung ein. Dass es nicht störend wirkt, dass die realen Sets, die realen Menschen und der Rest zusammen passen, liegt an den Effekten.

Besonders die Flora und Fauna von Pandora begeistert mit geradezu beunruhigend realistischen Effekten. Bei den Tieren gibt es absolut greifbare, fotorealistische, lebendig wirkende Texturen, Strukturen und Oberflächen, die mit Leichtigkeit darüber hinwegsehen lassen, dass das alles doch sehr erdähnlich erscheint. Pferde, Hunde und Fluggetier sind vom Design her sicherlich keine Offenbarung in Sachen Originalität, sind jedoch in der technischen Umsetzung und in der Interaktion mit anderen Lebewesen und ihrer Umgebung fantastisch gelungen.

Die Story hat viele Parallelen zur typischen Pocahontas-Geschichte

Gleiches gilt für die Na’Vi, die blaue, humanoide Rasse aus Pandora. Auch hier könnte das Design ein wenig origineller ausfallen, sind es doch letztendlich nur große, blaue Menschen, mit leicht verformtem Gesicht und einem Schweif. Aber durch die Kunst von Motion- und Performance-Capture werden die Na’Vi zu komplett glaubwürdigen Hauptfiguren, die locker einen gesamten Film tragen können und emotional keinesfalls kalt lassen oder gar abstoßen. So lässt sich auch sagen, dass Zoë Saldana als Neytiri die vielleicht beste darstellerische Leistung im Film abgibt. Neytiri ist eine typische Cameron-Heldin. Sexy, tough, athletisch und stark, dabei aber immer emotional ansprechend. Der einzige Fehltritt sind die Titel gebenden Avatare, mit denen die Erdenmenschen unter den Na’Vi wandeln. Die sehen ihren realen Alter Egos immer ein wenig ähnlich, was besonders bei Sigourney Weaver verstörend und geradezu bizarr auffällt.

Etwas mehr Mühe haben sich Drehbuch und Design-Team bei der Welt von Pandora gemacht. Abseits von fliegenden Felsen und bewohnten Bäumen, umspannt Pandora ein faszinierendes Nervennetzwerk. Es ist eine intelligente, empfindende Natur, die eine Symbiose zwischen allen Lebewesen ermöglicht und auch fordert. Ein befremdliches, wenn auch höchst interessantes Detail ist da die körpereigene Schnittschnelle, eine Art USB-Port, der die Lebewesen verbindet. Und dazwischen knallt Cameron eimerweise Biolumineszenz auf die Leinwand. Die Tier- und Pflanzenwelt leuchtet in den irrsten Farben und eine Weile lang scheint es, als wäre Cameron bei der Entwicklung genau so spaßig durch die Welt gelaufen, wie Hauptfigur Jake Sully, der hier amüsiert auf Pflanzen tapst und sie zum Leuchten bringt.

Sam Worthington ist übrigens eine hervorragende Hauptfigur. Aufgrund der langen Postproduktionszeit ist Worthington mittlerweile durch andere Blockbuster schon reichlich bekannt, obwohl er noch relativ unbekannt war, als er für „Avatar“ vor der Kamera stand. Er ist in beiden Welten sympathisch und nachvollziehbar, ohne sensationelle schauspielerische Leistungen abrufen zu müssen. Sein lockerer Humor ist, besonders in seiner Anfangszeit bei den Na’Vi, auch etwas unnötig, wandelt sich dann jedoch. Überraschend gut kommt auch
Michelle Rodriguez in ihrem Kurzauftritt weg, die zunächst ein wenig an eine etwas lockerere Vasquez aus „Aliens“ erinnert, später mit ein paar guten Szenen und Sprüchen überzeugt. Giovanni Ribisi ist als fies-sympathischer Kotzbrocken auch gelungen, während Weaver nur Solides abzuspulen braucht.

Revolutionäre Effekte und meisterliches 3D machen
Avatar technisch zu einem absoluten Erlebnis

Stephen Lang legt seinen Colonel mit Hilfe des Drehbuchs aber so derart eklig zwischen Gewalt- und Militärklischees an, dass seine zwischenmenschliche Engstirnigkeit die kleinste Sorge bleibt. Mit Leichtigkeit wird der Colonel ein idealer, wenn auch stereotyper Antagonist. Damit wären wir aber auch schon bei den Problemen. Cameron betonte zuletzt mehrfach, wie sehr es ihm um die Geschichte ginge, doch letztendlich ist die Handlung absolut simpel. Wir haben fremde Invasoren, die ein technisch unterlegenes Volk angreifen, um an Ressourcen zu kommen, während einer von ihnen zwischen die Fronten gerät und sich dem anderen Volk anschließt. Auch dass der Mensch als Sci-Fi-Conquistador auftritt, ist nicht unbedingt neu. So kann man in „Avatar“ sowohl eine Art Science-Fiction Version von Imperialismus- und Abenteuerfilmen wie „The New World“ sehen, als auch ein zeitgenössisches, politisches Statement zu den Stichworten Öl, nahe Osten, USA, Invasion, etc. Wenn der Colonel sagt, Ziel sei es „to fight terror with terror“, ist die Sache klar.

Die Na’Vi sind das naturverbundene Urvolk von Pandora und grasen so einige Indio-Klischees ab. Daraus macht der Film gar kein Geheimnis. So werden die meisten Na’Vi von Afroamerikanern oder Latinos gespielt, was wohl kein unglücklicher Zufall ist. James Horners packende, aber wenig sensationelle Musik lässt ein paar Ethno-Chöre auffahren und zwischen Mystik, Prophezeihung und Stammesrituale, gibt es auch noch ein wenig Esoterik, die mitunter ein wenig unfreiwillig komisch wirken kann. Dazu natürlich die obligatorische Liebesgeschichte, die aber nahezu komplett ohne richtigen Kitsch auskommt. Den hebt sich Cameron für die Endtitel auf, wenn Leona Lewis eine Ballade schmettert, die auf den Pfaden von „My Heart will go on“ wandelt.

Die Handlung ist klassisch und dadurch auch vorhersehbar, auch, weil die großen Wendungen und Entwicklungen meist schön brav und offensichtlich eingeleitet und vorbereitet werden, um Logiklöcher oder Zufälligkeiten zu vermeiden. Eine simple, klassische Story darf zwar angemerkt werden, muss aber noch kein massiver Kritikpunkt sein, denn „Avatar“ wirkt trotzdem absolut spannend, mitreißend und vor allem spektakulär. Dass Cameron tatsächlich eine Geschichte erzählen und nicht nur grandiose Effekte spazieren fahren wollte, wird schnell deutlich. Er nimmt sich Zeit für Handlung und Charaktere, gibt den Figuren die nötige Motivation mit auf den Weg und steigert den Konflikt immer weiter. Natürlich will offiziell niemand ein offenes Gefecht und so schickt man die Avatare als Spione und Botschafter in Personalunion zu den Na’Vi. Während Jake berichtet, muss er sich im Verhalten und bei Ritualen zur Mannwerdung beweisen und verliert mehr und mehr Lust auf sein invalides Menschenleben. Sullys Figur – übrigens mit gruselig gestalteten, abgemagerten Beinen im Rollstuhl – leitet so natürlich wenig subtil aber gekonnt die Sympathie vom Publikum. Und bevor wir doch darüber nachdenken können, wie genau Na’Vi Fortpflanzung funktioniert, fährt Cameron die ganz großen Geschütze auf.

Der gesamte Film ist ein einziges Spektakel, mit atemberaubenden Momenten, z.B. die vielen Flugszenen oder die fliegenden Felsen, doch das Finale sprengt jede Leinwand. Selbst wenn auch das Finale nach bekannten Versatzstücken gestaltet ist, so stört es spätestens hier gar nicht mehr. Emotional sind wir voll dabei und Cameron lässt in technischer und inszenatorischer Virtuosität ein Feuerwerk los, welches tatsächlich so bisher noch nicht zu sehen war. Es erinnert von der Besetzung natürlich ein wenig an den Kampf auf Endor, in „Star Wars: Return of the Jedi“, steckt diesen aber komplett in die Tasche. Vor allem wirkt die Gegenwehr der Na’Vi glaubwürdig, packend und zu keiner Zeit belustigend. Cameron vermeidet den Epilepsie-Schnitt des modernen Blockbusterkinos und tut gut daran. Trotz Rasanz und permanentem Schauplatzwechsels wird die Übersichtlichkeit stets gewahrt. Da ist es ganz egal, ob der Epilog abermals nur die Erwartungen erfüllt, für das grandiose Finale ist man schon dankbar und der Rest passte ja auch.

Fazit:
James Camerons angekündigte Effektrevolution ist visuell tatsächlich eine Offenbarung. Die außerirdische Welt, ihre Flora und Fauna und nicht zuletzt die Na’Vi selbst sind beeindruckend. Dazu inszeniert Cameron besonders gegen Ende einen rasanten Abenteuer-Actionfilm, der mit Bombast und Tempo begeistert. Zudem sind die Figuren, auch die Na’Vi, sympathisch und die emotionale Involvierung findet problemlos statt. All das tröstet darüber hinweg, dass die eigentliche Handlung simpel und mitunter auch vorhersehbar ist. Spannend und mitreißend ist es aber dennoch.

8 / 10

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