Story:
Ein marokkanischer Ziegenhirte kauft von einem befreundeten Jäger ein Gewehr,
mit dem seine Söhne wilde Tiere schießen sollen. Als sie von einem Hügel aus, in
die Gegend schießen, treffen sie die amerikanische Touristin Susan (Cate
Blanchett) in einem Reisebus. Ihr Mann Richard (Brad Pitt) versucht in diesem,
ihm fremden und unverständlichen Land, Hilfe für seine schwer verletzte Frau zu
bekommen, während die Geschichte weltweit für Aufsehen sorgt. Die Kinder des
Ehepaars fahren gerade mit ihrer Haushälterin und deren Neffen (Gael García
Bernal) über die Grenze nach Mexiko, bis es Probleme bei der Grenzkontrolle
gibt, während auf der anderen Seite der Welt in Japan, ein junges, taubstummes
Mädchen nach Aufmerksamkeit sucht, vor allem bei ihrem Vater, der gerade ein
Gewehr an einen marokkanischen Jäger verschenkt hat.
regie :
alejandro gonzález iñárritu
cast :
cate blanchett, brad pitt, gael garcia bernal
kritik :
christian westhus
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Kritik:
Zum dritten Mal
schickt uns der mexikanische Regisseur Alejandro González Iñárritu auf eine
Episodenhafte und intensive Studienfahrt, menschlicher Tragödien und
Schicksalsschläge, in denen kleine Handlung, für einen selbst oder für Andere
große Auswirkungen haben und schließt damit den Kreis seiner Themenverwandten
Trilogie. Nach der Hundeliebe in „Amores Perros“ und dem Autounfall in „21
Gramm“ zeigt Iñárritu dieses Mal eine weitgreifende Geschichte, metaphorisch
verbunden mit der biblischen Geschichte vom Turmbau zu Babel, als des Menschen
Hochmut gestraft wurde, indem sie einander fortan nicht mehr verstanden.
Es ist Iñárritus umfassendster
und auch reifster Film bisher, dessen Geschichte sich von Mexiko über Marokko
bis nach Japan ausbreitet und durch Iñárritus gewohnten Stil, zu einer zutiefst
menschlichen Studie wird. Die Welt und ihre verschiedenen Gesichter im Jahre
2006. Es ist ein bisweilen deprimierendes und schockierendes Bild, das hier
kreiert wird und welches bei all den scheinbar zufälligen Zusammenhängen,
dennoch realistisch bleibt. Iñárritu erreicht abermals eine ungeheure
Intensität, die förmlich spürbar ist und sehr zum Gewinn des Films beiträgt.
Kameramann Rodrigo Prieto erschafft karge und realistische Bilder, ohne Glanz,
teilweise verwackelt, immer mitten im Geschehen und doch mit einer gewissen
Schönheit und Poesie. Selbst das moderne Tokio mit seinen Discos und Szene-Bars
wirkt zwar moderner, die Bilder sind jedoch ebenso realistisch und rau, wie
zuvor. Hier ist der Zuschauer immer sehr nah an den Personen, in extremen
Nahaufnahmen fühlt man sich noch stärker mit dem Erlebten verbunden. Dazu
kreiert Komponist Gustavo Santaolalla, der 2005 den Oscar für sein Schaffen in
„Brokeback Mountain“ erhielt, wunderbare und vielseitige Musik, die nicht nur
die Menschen der verschiedenen Länder näher bringt, sondern auch starke
Emotionen hervorruft. Es gibt in jeder Episode schneller montierte Szenen, ohne
Dialoge, die einen Handlungsstrang überbrücken und Santaolallas zumeist
minimalistische, aber immer feinfühlige und ausdrucksstarke Musik verleiht
diesen Szenen eine eigene, wunderbare Sprache.
Während ein Mel Gibson versucht, mit toten Sprachen und Hochglanzoptik
authentisch zu wirken, lässt Iñárritu seine Filme einfach originalgetreu,
besetzt marokkanische Bauern mit marokkanischen Bauern ohne Filmerfahrung, lässt
sie in ihrer Muttersprache sprechen und stellt ihnen Hollywoodstars daneben.
Diese Authentizität ist unglaublich dicht und kommt dem Film jederzeit zu Gute,
um sein radikales und harsches Statement vorzutragen. Iñárritu schafft es dabei,
drei hochkomplexe Geschichten nicht nur geschickt zu verbinden, sondern auch
jeder ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Die drei Schauplätze, wobei die
Marokko-Episode in sich zusätzlich zweigeteilt ist, werden zwar chronologisch
aber scheinbar ohne roten Faden abwechselnd gezeigt, wie es auch in Iñárritus
vorherigen Filmen der Fall war. Dadurch, dass die verschiedenen Szenerien
zeitversetzt sind, sie aber hin und her wechseln, entsteht ein eigenartiges,
selbstständiges Bewusstsein im Film, als wir am Telefon erfahren, wie es um
Susan steht, während wir erst eine Stunde später sehen, wie es tatsächlich
passiert. Die Wechsel in den Episoden sind stark kontrastreich. Aus der
marokkanischen Wüste wird in das teure Wohnzimmer des amerikanischen Ehepaars
geblendet, ehe wir uns in einer japanischen Sporthalle wiederfinden und aus
einer grellen Bar in Tokio, kommen wir zu einer mexikanischen Hütte, wo gerade
ein Huhn seinen Kopf verliert.
Die marokkanische Episode steht
im schicksalhaften Spiel, menschlicher Entscheidungen und Handlungen, im
Zentrum, nimmt jedoch nicht die meiste Laufzeit ein. In Marokko sind nicht nur
die bekannten Gesichter der Hollywooddarsteller, hier laufen auch die roten
Fäden zusammen und spinnen sich weiter. Japan – das Gewehr – Susan – die Kinder
– Mexiko. Der Beginn ist karg und rau, zeigt uns die steinige Wüste und die
Familie des Ziegenhirten. Einfühlsam und realistisch wirft man einen Blick ins
Familienleben, in Gesten, Blicke und Rituale, bis sich ein Sohn, als erstaunlich
treffsicher herausstellt. Brad Pitt und Cate Blanchett zeigen ein glaubwürdiges
Ehepaar mit dramatischer, junger Vergangenheit. Gerade Brad Pitt macht den
Eindruck, als spiele er gegen die ganze Welt an. Nie zuvor sah der ehemalige
Sexiest Man Alive so nahbar, so alt und so verletzlich aus wie hier. Ergraut,
faltig und verzweifelt kämpft er um Rettung für seine Frau und gegen die
Probleme, die es zwischen ihnen zur Zeit gibt. Wenn das keinen Oscar wert ist,
was dann? Cate Blanchett hat dagegen wenig zu tun, doch ihre Präsenz, ihre
Blicke und ihr Auftreten zeigen, warum man eine große Charaktermimin für diese
Rolle brauchte.
In San Diego setzt sich der mexikanische Jungstar Gael García Bernal ans Steuer,
um seine Tante und die Beiden Kinder, darunter Dakota Fannings kleine und sehr
talentierte Schwester Elle, nach Mexiko, zur Hochzeit ihres Sohnes zu bringen.
Hier ist die Stimmung zunächst ausgelassen. Es wird gelacht und gefeiert,
getanzt und sich umarmt und Alles wirkt glaubwürdig und greifbar, bis ein
mulmiges Gefühl aufkommt, ehe Iñárritu wieder das Schicksal zuschlagen lässt.
Alle drei Episoden haben ihre dramatischen Szenen, aber in Mexiko hält man
zwischenzeitlich die Luft an und starrt gebannt auf die Tragödie, die man dort
kommen sieht, schüttelt später dann fassungslos den Kopf. Das für Iñárritu
untypische Element Suspense nimmt hier Gestalt an, wo sonst intensive
Gebanntheit und eine von unguten Vorzeichen zersetzte Spannung und
Erwartungshaltung vorherrscht.
Die Japan-Episode ist dagegen schwer zu fassen, steht sie doch etwas außerhalb
dieser filmischen Welt, sowohl inhaltlich, als auch optisch und kulturell. Zudem
bringt die japanische Darstellerin Rinko Kikuchi in bemerkenswerter Manier, eine
außerordentlich schwierige Persönlichkeit auf die Leinwand. Die taubstumme
Chieko lässt sich durchs kulturell zweigespaltene Tokio treiben, entblößt sich
öffentlich und betritt Extacygeschwängert eine grelle Disco, die sie und
teilweise auch der Zuschauer, völlig geräuschlos empfinden muss. In hektischen
Stroboskopblitzen taumelt sie zwischen den Menschen umher, denen sie zu gerne
sagen würde, wie und vor allem was sie fühlt. In ihrem rasanten und oftmals
unbedachten Drang nach Aufmerksamkeit, steht ihr Vater, nach dem traumatischen
Selbstmord ihrer Mutter, im Mittelpunkt, den sie aber nur schwer erreichen kann.
Iñárritu entwirft ein extrem
intensives, unglaublich emotionales und realistisches Szenario von Menschen,
deren Wege sich kreuzen und dadurch verändern. Dabei zeigt der Regisseur so viel
mehr, als das Kommunikations- und auch Verständnisproblem der modernen Welt,
sondern auch politische Zustände, amerikanische Politik und die strenge
Bürokratie, Vorurteile gegen ärmere Länder und fremde Kulturen, Hass,
Terrorangst und Gewalt, Liebe und Familie in verschiedenen Kulturen, weltliche
Schicksale und globaler Schmerz. Die Welt 2006. Ein radikales und
deprimierendes, aber kein hoffnungsloses Bild, das dieser Regisseur, der wohl zu
den interessantesten unserer Zeit gehört, erschafft.
Fazit:
Etwas menschlicheres
und vielseitigeres sah man in letzter Zeit kaum im Kino. Eine aufregende,
emotionale, aufwühlende und auch anstrengende Reise um die Welt. Unglaublich
engagierte Darsteller, eine ausdrucksstarke Bildsprache und wunderbare Musik,
machen ein fantastisches, vielschichtiges und intelligentes Drehbuch zu einem
außergewöhnlichen Film. Wer Iñárritus Vorgänger mochte, wird an diesem Film
nicht vorbei kommen, Neueinsteiger sollten unbehaglichen, realistischen und
unamerikanischen Dramen nicht abgeneigt sein, um einen grandiosen Film genießen
zu können. Eine Erfahrung.
8.9 / 10
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