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Kritik:
Inglorious Basterds


von Christian Mester

Inglorious Basterds
(2011)
Regie: Quentin Tarantino
Darsteller: Brad Pitt, Christoph Waltz

Story:
Noch vor der Großoffensive der Alliierten stellt ein US-Hauptmann einen Trupp von abgebrühten Soldaten zusammen, um Nazis im besetzten Frankreich jagen zu gehen. Der Zufall bringt sie dabei auf die Spur eines kleinen Kinos, in dem sich die wichtigsten Köpfe der deutschen Regierung eines Abends einen neuen Film ansehen wollen. Was weder die einen noch die anderen wissen? Die Besitzerin des Kinos ist eine untergetauchte Jüdin, die eigene Pläne für die groß angelegte Premiere hat…

Kritik:
Vieles wurde in den letzten Monaten über den neuen Quentin gesagt: dass es ein überraschend actionreicher, lustiger Film im Stil von Oceans 11 und sogar sein bester Streifen bislang sei, gleichermaßen aber auch, dass er die schwierige Nazi-Thematik dreist vereinfache und nicht nur ein völlig verfälschtes Bild der Deutschen hinterlässt, sondern auch bewusst Unterhaltung in der Gewalt gegen eben diese suche. Bei näherer Betrachtung merkt man jedoch schnell, dass keine der angeführten Annahmen der Wahrheit entspricht.

Zu erst einmal sei gesagt, dass Quentin Tarantino seinem gewohnten Stil sehr treu bleibt. Was man nach den eher actionreichen Trailern auch hat erwarten mögen, Quentin hat sich als Erzähler selbst kein Stück verändert – wie alle seine anderen Filme ist auch Inglourious Basterds inhaltlich aus anderen Werken zusammengeklaut und wie immer gespickt mit Verweisen und Hommagen an andere Filmschaffende, die er gleichsam versucht nachzuahmen und zu beehren. Anstatt aber nur frech zu kopieren, kreiert er aus all dem erneut talentiert originelles Zelluloid zusammen, das sich wie immer merklich von der Konkurrenz absetzt und auch perfekt in seine bisherige Filmographie passt. Selbst wenn man es nicht wüsste, man käme sofort darauf, dass dies ein echter Tarantino ist.

Wer nun Kill Bill: Volume 1 am ehesten mag und sich zuletzt mit schwer liegender Ungeduld durch alle diejenigen Szenen in Grindhouse: Death Proof quälte, in denen keiner in einem Auto saß und Leute an- oder überfuhr, für den sind die unglorreichen Bastarde sicherlich nichts. Obwohl der Trailer nämlich den Eindruck eines lustigen, lockeren Actionstreifens macht, ist er in Wahrheit ein genau so dialoglastiger Film wie Pulp Fiction oder Reservoir Dogs, nur ohne Sonnenbrillen-Coolness und Tänzelei. Bis auf zwei kleinere Momente, die man wirklich nicht als Action bezeichnen könnte, geht es Quentin bloß darum, seine außergewöhnlichen Charaktere sprachlich gegeneinander antreten zu lassen – und von dieser Art Duell gibt es reichlich. Das Schöne? Quentin schafft es seit Reservoir Dogs zum ersten Mal wieder, nicht nur skurrile, sondern auch sehr spannende Szenen zu schreiben. Skurril ist höchstens, dass es im Film sowohl ein paar der spannendsten, wie auch ein paar witzigsten Szenen des ganzen Jahres zu sehen gibt (skurril deswegen, weil es insgesamt weder ein echter Thriller, noch eine Komödie ist).

Ersteres liegt primär an dem Österreicher Christoph Waltz, der als hochintelligenter, aber unberechenbarer Nazi-Detektiv eine der besten Darbietungen des Jahres hinlegt. Sein Hans Landa hinterlässt zunächst großen Respekt als gerissener Antagonist der Opfer umgarnt und urplötzlich trifft, erweist sich dann jedoch als absurder Witzbold, dessen Sinn für Humor gleichzeitig beängstigt und mitlachen lässt. Nicht ganz so gerissen und spaßig, dafür aber nicht minder gefährlich wirkt August Diehl (23: Nichts ist wie es scheint) in einer recht ähnlichen Rolle, in der der beachtliche Charakterdarsteller gleich mehrere Gegenspieler nur durch Worte und Mimik minutenlang in Schach halten darf. Ebenfalls gut sind Daniel Brühl als netter, leicht aufdringlicher, aber nachdenklich stimmender Kriegsheld und Melanie Laurent als vom Leben gezeichnete Jüdin, die beide zusammen eine tragische Entwicklung durchmachen.

Jetzt heißt der Film aber Inglourious Basterds, wie also sind eben jene? Überraschenderweise kommen die Basterds in ihrem eigenen Film selbst wenig vor, und wer sich erhofft hat zweieinhalb Stunden lang zu sehen, wie Pitt und Co. Oneliner-reißend bösen Nazis die Rübe einhauen, wird sich gewaltig umschauen, denn mal abgesehen davon, dass sich das auf Minuten im Film reduziert, sind die markantesten Basterds Brad Pitt und Hostel-Regisseur Eli Roth nur Randgestalten; erst in den letzen 40 Minuten dürfen sie selbst aktiver mit ins Geschehen eingreifen, was in über 150 Minuten Lauflänge aber nicht allzu viel ist.

Nach Burn after Reading zeigt Pitt wieder Händchen für gute Comedy, denn als schelmischer Schwachmat mit simplen Plan und jeder Menge Glück sorgt er – in den wenigen Szenen, die er hat – für starke Lacher und spielt dabei so zitronig, dass man seinen proklamierten Hass für Nazis wohl kaum ernst nehmen kann – was auch spätestens bei der Darstellung von Hitler klar sein dürfte, der nicht einmal in Helge Schneiders Mein Führer: Die wirklich wahrste Wahrheit derart affig gespielt wurde. Besonders in der letzten halben Stunde gibt es einige Momente im Film, die schon fast an die drei Stooges erinnern und herzlich zum Lachen einladen.

Welche politische Position nimmt er aber ein? Eine schwierige Frage. Der Film zeigt die Schrecken des Reichs anfangs ohne Rückhalt, bleibt aber nicht dabei. Nachdem er es zunächst recht ernst angeht, macht Quentin kurz darauf schon Späße darüber, indem er Figuren wie Hitler und Goebbels als einsilbige Parodien zeigt. Gleichzeitig gibt es aber auch Szenen, in der klar gemacht wird, dass nicht alle Nazis nur böse waren; es entsteht ein nachdenkliches Spiel mit der Frage, in wie weit man selbst für seine Taten verantwortlich ist und in wie weit wir durch äußere Faktoren dazu getrieben werden, gegen unsere Natur zu handeln. Auf Seiten der (Anti-)Helden sieht es genau so aus: während die Basterds comic-haft agieren und mit ihrem Nazihass schwarzhumorig für Späße sorgen, wird ihre Retterrolle spätestens dann als zweifelhaft gesehen, wenn sie auf fliehende, unschuldige Familienangehörige schießen. Eine komplette Interpretation bleibt also jedem selbst überlassen, nur lässt sich definitiv sagen, dass der Film weder ignoranten Hass schürt, noch Falsches feiert und das Thema hinter dem Klamauk sogar intelligent betrachtet.

Auch filmisch wissen die Basterds sehr zu gefallen. Die Handlung entwickelt sich sehr ungewohnt, und selbst wenn man einiges davon erwarten mag, so wird Tarantinos Geschichte einen dennoch immer wieder angenehm überraschen, da er Konventionen geschickt fängt und dann auf eigene Art weiterverwendet. Technisch fällt auf, dass es Tarantinos sichtlich sauberster Film ist; selten glänzten Farben so klar bei ihm, waren die Sets (die allerdings fast immer sehr klein sind; der Film würde so auch als spärliches Theaterstück funktionieren) so prägnant. In Sachen Soundtrack bleibt er sich natürlich auch wieder treu, in dem er ausgesuchte Schmuckstücke seines großartigen Musikgeschmacks perfekt einsetzt.

Bei all der Fanfare gibt es aber auch manch einen Haken anzukreuzen, da die amerikanischen Rüpel in ihrem Urlaub leider nicht fehlerfrei bleiben. So interessant der Mix aus Die drei Stooges auf Knüppeltour und Jüdin stellt sich Geistern der Vergangenheit auch sein mag, er gelingt nicht sehr stufenlos. Manches Mal hat man das Gefühl, zwei völlige verschiedene Filme zu sehen, die jeweils in längerer Version harmonischer gepasst hätten als der Misch aus beidem. Ständig schwankt man dazwischen, gerne mehr mit Pitt lachen zu dürfen, oder aber, mehr von der Tragik der zerbrechlichen, aber stark gespielten Jüdin zu sehen; man wird also oftmals aus Atmosphären gerissen, was zuweilen etwas störend t. Auch geraten einige der komödiantischen Sachen hin und wieder aus dem Ruder; Hitler, um nur etwas zu nennen, geht überhaupt nicht, und Pitts Corleone-Dauergemümmel könnte gegen Ende so schon fast Teil der MTV Movie Awards Parodien echter Filme sein. Ein paar der ausgedehnten Unterhaltungen sind zudem vielleicht schon fast ein wenig zu ausgedehnt, und ein Großteil der Cast bleibt unter dem Strich relativ gesichtslos: Far Cry-Star Til Schweiger, das ehemalige Kommissar Rex-Herrchen Gedeon Burkhard, Christian Berkel, Jana Pallaske, Bela B. (Cameo!) , Ludger Pistor und Ken Duken hätten allesamt wohl nicht unbedingt dabei sein müssen.

Am Ende lässt sich auch grübeln wer wohl auf die Idee kam, Mike Myers (Austin Powers, Wayne's World) als ernsten General zu besetzen. Nicht, dass er die Rolle schlecht gespielt hätte, aber Austin Powers? Austin. Powers?

Fazit:
Reservoir Dogs mit Nazis und einem klein Schuss Comedy. Der Trip der Basterds birgt ein paar der besten Momente und auch einen der besten Schauspieler des Jahres, aber auch Längen und Ungleichmäßigkeiten.

9 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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