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Kritik:
Inglorious Basterds


von Christian Westhus

Inglorious Basterds
(2011)
Regie: Quentin Tarantino
Darsteller: Brad Pitt, Christoph Waltz

Story:
Noch vor der Großoffensive der Alliierten stellt ein US-Hauptmann einen Trupp von abgebrühten Soldaten zusammen, um Nazis im besetzten Frankreich jagen zu gehen. Der Zufall bringt sie dabei auf die Spur eines kleinen Kinos, in dem sich die wichtigsten Köpfe der deutschen Regierung eines Abends einen neuen Film ansehen wollen. Was weder die einen noch die anderen wissen? Die Besitzerin des Kinos ist eine untergetauchte Jüdin, die eigene Pläne für die groß angelegte Premiere hat…

Kritik:
„Es war einmal…“ – So beginnt der neue Film von Quentin Tarantino. Der bisweilen kultisch verehrte Regisseur verfilmt hier endlich ein schon lange geplantes Kriegsfilmprojekt und macht gleich zu Beginn klar, wie man das Ganze einzuordnen hat. Der typische Märcheneinstieg ist nicht einfach nur die Tarantino-Alternative zur standardisierten und präzisen Jahreszeitennennung – „Frankreich, 1941“ –, sondern markiert den Film direkt als Fiktion. So wie „Star Wars“ in der Vergangenheit spielt, ist der 2. Weltkrieg in „Inglourious Basterds“ Teil einer parallelen Realität. Bis 1944 mag das auf den ersten Blick noch zumindest mit den größten Geschehnissen übereinstimmen, von der Landung in der Normandie wird z.B. kurz gesprochen, doch an sich nimmt sich Tarantino hier jede nur erdenkliche Freiheit.

Dieses erste, auf dem französischen Land angesiedelte Kapitel mit Christoph Waltz und einer französischen Bauernfamilie, gehört dann auch zu den besten Szenen, die Tarantino je gedreht hat, obwohl es nicht ganz wie Tarantino pur wirkt. Die Kapitel sind natürlich (u.a.) aus „Kill Bill“ entliehen und der Vorspann, der gleichermaßen nostalgisch wie selbstbewusst und cool daher kommt, atmet in jeder Sekunde den Geist seines Schöpfers. Doch in diesem ersten Kapitel beherrscht Waltz die Szene, der unsichere Bauer versucht es ihm angenehm zu machen und fast zehn Minuten verbringen wir redend in dem Haus. Es ist geschwätzig, aber nicht so abgedreht und pointiert wie gewohnt, sondern dicht und trotz augenscheinlicher Freundlichkeit des SS-Mannes, wirkt es unheilvoll und bedrohlich. Dieser zeitaufwendige aber effektive Spannungsaufbau mit urplötzlichem Ausbruch ist nicht neu bei Tarantino, doch der Weg dort hin fühlt sich anders an.

Alles, was man über Christoph Waltz’ Leistung bisher gehört haben mag, trifft absolut zu. Waltz war im deutschsprachigen Raum zuvor ein gern gesehener, halbwegs bekannter Schauspieler, der hier plötzlich über sich hinaus wächst. Man möchte fast zu so kitschigen Floskeln greifen, dass Waltz hier die Rolle seines Lebens spielt. Die Verantwortlichen für die größten Filmpreise dieser Welt sollten sich seinen Namen jedenfalls ganz dick ins Notizheftchen schreiben und es Cannes gleichtun. Waltz beherrscht nicht nur das erste Kapitel, sondern jede Szene in der er auftaucht. Er spielt sämtliche Kollegen gnadenlos an die Wand und das als vollkommen untypisch gezeichneter SS-Offizier. Hans Landa ist ständig am Grinsen (und das keineswegs diabolisch), gibt sich kultiviert und viersprachig und ist um Etikette und Höflichkeit bemüht. Das ist bedrohlich und gleichermaßen auf verstörende Weise unterhaltsam und die grandiose Szene mit Diane Krüger, in der Tarantino seinem Fußfetisch wieder freien Lauf lässt, bringt dies vielleicht am besten zum Vorschein.

Landas männlicher Gegenpart ist Aldo Raine mit seinen „Basterds“. Brad Pitt, der sich im Originalton (die deutsche Synchro kommt mit der Sprachflut halbwegs gut klar) einen derben und geradezu parodistisch-irrealen Akzent zugelegt hat, kommt durch den gesamten Film, indem er nur seltsam-belustigend eine Schnute zieht und urig blickt und liegt damit genau richtig im Konzept des Films. Von den restlichen Basterds ragen nur Eli Roth als animalischer Baseballfan, und Til Schweiger heraus. Schweiger, und das unterstreicht noch Tarantinos Anliegen, hier eine Kriegsgroteske als Stilübung zu inszenieren, bekommt sogar einen süffisant kommentierten Flashback, der mehr wie 60er Jahre und Comic wirkt und mit diesem Anachronismus einfach Freude macht. Dazu gesellt sich eine Hitler-Darstellung, die genau der wirren Choleriker-Karikatur entspricht, die sich anbietet, während Goebbels ein leicht debiler und sensibler Schwätzer ist.

Daniel Brühl gibt solide einen deutschen Helden mit Sprachbegabung und Gefühlen, Mike Myers Gastauftritt ist kaum der Rede wert und die restlichen Deutschen um August Diehl, Michael Fassbender und Gedeon Burkhard fügen sich passend ins Gesamtbild ein. Besonders Diehl gibt einen erschreckend glaubwürdigen Schwarzlederträger. Leider ist Diane Krüger einer der wenigen darstellerischen Schwachpunkte. Sie passt optisch perfekt in die Rolle und ihre Sprachbegabung kommt gut zur Geltung, doch besonders in einer längeren und dialogreichen Szene in einem Keller erscheint sie hölzern und versucht zu sehr, die Manierismen zeitgenössischer Darstellerinnen zu kopieren. Bleibt, als zweites Highlight, Mélanie Laurent. Als Kinobesitzerin Shosanna hat sie eine fantastische und höchst intensive – wenn auch etwas langatmige – Szene mit Christoph Waltz und das Finale gehört ihr fast alleine.

Nun ist der Herr Tarantino aber nicht so sehr für das Subtile und Feinfühlige bekannt, sondern für Coolness, Geschwätzigkeit und seinen unverkennbaren Stil. Zu Beginn scheint es noch so, als inszeniere er die ultimative filmische Genugtuung, indem er die Nazis als wildes, zu tötendes Frischfleisch deklariert. In Pitts erster Ansprache scheint die Gleichung leider noch zu deutlich „Deutsche = Nazis“ zu sein. Die Baseballschläger-Szene mit Eli Roth ist ebenfalls noch hart an der Grenze; uneindeutig pendelnd zwischen Heroisierung des Nazikillers und Bewunderung für den tapferen und furchtlosen deutschen Soldaten, der den Schläger ohne ein Wimperzucken erwartet. Wie Roth dann aber wie ein Tier durchdreht, sollte eher die Taten, oder zumindest die Moral der Nazi-Jäger in Frage stellen und obwohl der Konjunktiv jedem die Tür offen hält, unreflektiert zu grölen, wenn wieder ein Skalp fällig ist, gibt sich Tarantino beim genauen Blick erfreulich viel Mühe, ein differenziertes Bild von deutschen Soldaten und auch von den „Basterds“ zu zeigen.

Es zeugt von Chuzpe, die überstilisierte Skalpjagd schließlich auf einen deutschen Propagandafilm auflaufen zu lassen und während Hitler und Goebbels kichernd bewundern, wie der filmische deutsche Held nacheinander anrennende Gegner erschießt, erinnern wir uns an Skalpierungen, an Markierungen und eine auf cool getrimmte Erstürmung eines Gefängnisses. Bleibt zu hoffen, dass ein Großteil der Menschen dies erkennt und versteht, warum das „Inglo(u)rious“ durchaus aussagekräftig ist.

Für Quentin „Style over Substance“ Tarantino ist das durchaus ansprechend und gut durchdacht, doch wenn wir schon einen seiner Filme gucken, wollen wir auch seinen unverkennbaren Stil genießen. Die in Fankreisen stets gefeierten Tarantino-Dialoge kommen hier etwas weniger schräg und humorvoll daher. Nicht todernst und langweilig, aber doch eine ganze Spur gesetzter, als manch geneigtem Fan lieb sein mag. So hat der Mittelteil sogar ein paar Momente, in denen sich leichte Längen breit machen. Action gibt es so gut wie gar keine, die meisten Figuren sind für Tarantino-Verhältnisse eher ruhig und so muss schon was Besonderes her, um durch den überlangen Film zu führen. Der gute Quentin hat wieder im CD-Schrank gewühlt und ist bei Ennio Morricone fündig geworden. Damit nähern wir uns aber direkt einem Tarantino-Problem, denn wenn Eli Roth zu Morricones pompösen Klängen mit dem Schläger wedelt, stellt sich die Coolness fast von alleine ein und eine ähnliche Szene in einem anderen Setting hat Sergio Leone schon vor 40 Jahren gedreht. Tarantino bedient sich bei der Coolness, das sollte man immer im Hinterkopf haben, doch irgendwie schafft er doch etwas Eigenständiges. Der David-Bowie-Moment ist z.B. richtig gut.

Während „Kill Bill Vol. 1“ eine unterhaltsame, anspielungsreiche aber leere Stilübung war, während „Kill Bill Vol. 2“ eine träge, anspielungsreiche aber leere Stilübung war, ist „Inglourious Basterds“ ein ungewöhnlicher Film und ein echtes Schmuckstück. Es ist kein unbestreitbares Meisterwerk, aber die letzten 45 Minuten, wenn die Handlungsstränge endlich zusammenkommen, sind einfach zu grandios und geradezu gigantisch. Es geht ins Kino, wo Geschichten erzählt und Geschichte neu geschrieben werden kann. Der Ort ist nicht zufällig gewählt, ermöglicht dieser Schauplatz in Kombination mit dem komplett fiktiven Ende doch eine wunderbar selbstreflexive Betrachtung des Mediums Films, des Kriegs als darzustellende Handlung und von Quentin Tarantino als Regisseur.

Das infernalische Ende im Kino ist ein Highlight, fährt die Action und das Tempo hoch und belohnt mit hintersinnigen und gleichzeitig übergroßen, symbolschwangeren und erinnerungswürdigen Bildern, die man einfach genießen muss. Was sich da besonders auf der Leinwand und direkt herum abspielt, ist der schiere Wahnsinn und ein Genuss. „Das Gesicht der jüdischen Rache“ und gleichzeitig das Gesicht der künstlerischen Freiheit, die es einem Regisseur wie Tarantino erlaubt einen Kriegsfilm zu inszenieren, wie es keinen zweiten gibt.

Nun muss man sich aber auch die Frage stellen, ob das alles überhaupt was bringt und vor allem, ob man aus dem 2. Weltkrieg ein verdrehtes Kunstprodukt mit komplett und überdeutlich veränderten „Tatsachen“ machen darf. Man darf, sicherlich, denn Film, also Kunst, muss eine ganze Menge dürfen. Film hat nicht die Aufgabe, die Vergangenheit realitätsgetreu abzubilden, so es denn keine Dokumentation ist. Film verzerrt. Immer. Tarantino macht das nur all zu deutlich. Man mag es Weltkriegs-Exploitation nennen, doch das Fiktive ist so überdeutlich und die Figurenzeichnung doch erfreulich ambivalent, dass man die Befürchtungen klein halten sollte. Statt mit Realismusanspruch einen Teetrinkenden Hitler durch den Bunker melancholieren zu lassen und damit Realitätsvorstellungen zu verzerren, inszenierte Quentin Tarantino ein klar fiktives Kunstprodukt, rund um jüdische Rache, Nazi-Wahn und Leben im Angesicht der globalen Bedrohung. Dass dies zu einem wirr-unterhaltsamen Cocktail geworden ist, sollte bei dem Regisseur kein Wunder sein und ganz nebenbei war kaum ein Kriegsfilm der letzten Jahre so spannend, weil man eben nicht wusste, welches Schicksal die Geschichte für Held und Schurke bereit hält.

Fazit:
Quentin Tarantinos Kriegsfilm-Extravaganza ist ein Unikat. Oftmals Tarantino pur, dann aber auch ernster, ruhiger und langsamer. Mit gewohnt tollem Soundtrack, tollen Figuren, einem brillanten Christoph Waltz und einigen fantastischen Szenen, wie das gesamte Finale z.B., lohnt sich der Kinobesuch auf jeden Fall. Dass dies „War Fiction“ ist, sollte dabei immer im Hinterkopf bleiben.

8,5 / 10

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