Story:
Noch vor der Großoffensive der Alliierten stellt ein US-Hauptmann einen Trupp
von abgebrühten Soldaten zusammen, um
Nazis im besetzten Frankreich jagen und töten zu gehen. Der
Zufall bringt sie dabei auf die Spur eines kleinen Kinos, in dem sich die
wichtigsten Köpfe der deutschen Regierung eines Abends einen neuen Film ansehen wollen. Was
weder die einen noch die anderen wissen? Die Besitzerin des Kinos ist eine
untergetauchte Jüdin, die eigene Pläne für die groß angelegte Premiere hat…
regie :
quentin tarantino
cast :
brad pitt, christoph waltz
kritik :
christian westhus
____________________________________________________________________________
Kritik:
„Es war einmal…“ – So
beginnt der neue Film von Quentin Tarantino. Der bisweilen kultisch verehrte
Regisseur verfilmt hier endlich ein schon lange geplantes Kriegsfilmprojekt und
macht gleich zu Beginn klar, wie man das Ganze einzuordnen hat. Der typische
Märcheneinstieg ist nicht einfach nur die Tarantino-Alternative zur
standardisierten und präzisen Jahreszeitennennung – „Frankreich, 1941“ –,
sondern markiert den Film direkt als Fiktion. So wie „Star Wars“ in der
Vergangenheit spielt, ist der 2. Weltkrieg in „Inglourious Basterds“ Teil einer
parallelen Realität. Bis 1944 mag das auf den ersten Blick noch zumindest mit
den größten Geschehnissen übereinstimmen, von der Landung in der Normandie wird
z.B. kurz gesprochen, doch an sich nimmt sich Tarantino hier jede nur
erdenkliche Freiheit.
|

Bolls Remake eines bekannten Klassikers hatte
seine Probleme.
|
|
Dieses erste, auf dem
französischen Land angesiedelte Kapitel mit Christoph Waltz und einer
französischen Bauernfamilie, gehört dann auch zu den besten Szenen, die
Tarantino je gedreht hat, obwohl es nicht ganz wie Tarantino pur wirkt. Die
Kapitel sind natürlich (u.a.) aus „Kill Bill“ entliehen und der Vorspann, der
gleichermaßen nostalgisch wie selbstbewusst und cool daher kommt, atmet in jeder
Sekunde den Geist seines Schöpfers. Doch in diesem ersten Kapitel beherrscht
Waltz die Szene, der unsichere Bauer versucht es ihm angenehm zu machen und fast
zehn Minuten verbringen wir redend in dem Haus. Es ist geschwätzig, aber nicht
so abgedreht und pointiert wie gewohnt, sondern dicht und trotz
augenscheinlicher Freundlichkeit des SS-Mannes, wirkt es unheilvoll und
bedrohlich. Dieser zeitaufwendige aber effektive Spannungsaufbau mit
urplötzlichem Ausbruch ist nicht neu bei Tarantino, doch der Weg dort hin fühlt
sich anders an.
Alles, was man über Christoph Waltz’ Leistung bisher gehört haben mag, trifft
absolut zu. Waltz war im deutschsprachigen Raum zuvor ein gern gesehener,
halbwegs bekannter Schauspieler, der hier plötzlich über sich hinaus wächst. Man
möchte fast zu so kitschigen Floskeln greifen, dass Waltz hier die Rolle seines
Lebens spielt. Die Verantwortlichen für die größten Filmpreise dieser Welt
sollten sich seinen Namen jedenfalls ganz dick ins Notizheftchen schreiben und
es Cannes gleichtun. Waltz beherrscht nicht nur das erste Kapitel, sondern jede
Szene in der er auftaucht. Er spielt sämtliche Kollegen gnadenlos an die Wand
und das als vollkommen untypisch gezeichneter SS-Offizier. Hans Landa ist
ständig am Grinsen (und das keineswegs diabolisch), gibt sich kultiviert und
viersprachig und ist um Etikette und Höflichkeit bemüht. Das ist bedrohlich und
gleichermaßen auf verstörende Weise unterhaltsam und die grandiose Szene mit
Diane Krüger, in der Tarantino seinem Fußfetisch wieder freien Lauf lässt,
bringt dies vielleicht am besten zum Vorschein.
Landas männlicher Gegenpart ist Aldo Raine mit seinen „Basterds“. Brad Pitt, der
sich im Originalton (die deutsche Synchro kommt mit der Sprachflut halbwegs gut
klar) einen derben und geradezu parodistisch-irrealen Akzent zugelegt hat, kommt
durch den gesamten Film, indem er nur seltsam-belustigend eine Schnute zieht und
urig blickt und liegt damit genau richtig im Konzept des Films. Von den
restlichen Basterds ragen nur Eli Roth als animalischer Baseballfan, und Til
Schweiger heraus. Schweiger, und das unterstreicht noch Tarantinos Anliegen,
hier eine Kriegsgroteske als Stilübung zu inszenieren, bekommt sogar einen
süffisant kommentierten Flashback, der mehr wie 60er Jahre und Comic wirkt und
mit diesem Anachronismus einfach Freude macht. Dazu gesellt sich eine
Hitler-Darstellung, die genau der wirren Choleriker-Karikatur entspricht, die
sich anbietet, während Goebbels ein leicht debiler und sensibler Schwätzer ist.
Daniel Brühl gibt solide einen deutschen Helden mit Sprachbegabung und Gefühlen,
Mike Myers Gastauftritt ist kaum der Rede wert und die restlichen Deutschen um
August Diehl, Michael Fassbender und Gedeon Burkhard fügen sich passend ins
Gesamtbild ein. Besonders Diehl gibt einen erschreckend glaubwürdigen
Schwarzlederträger. Leider ist Diane Krüger einer der wenigen darstellerischen
Schwachpunkte. Sie passt optisch perfekt in die Rolle und ihre Sprachbegabung
kommt gut zur Geltung, doch besonders in einer längeren und dialogreichen Szene
in einem Keller erscheint sie hölzern und versucht zu sehr, die Manierismen
zeitgenössischer Darstellerinnen zu kopieren. Bleibt, als zweites Highlight,
Mélanie Laurent. Als Kinobesitzerin Shosanna hat sie eine fantastische und
höchst intensive – wenn auch etwas langatmige – Szene mit Christoph Waltz und
das Finale gehört ihr fast alleine.
Nun ist der Herr Tarantino aber nicht so sehr für das Subtile und Feinfühlige
bekannt, sondern für Coolness, Geschwätzigkeit und seinen unverkennbaren Stil.
Zu Beginn scheint es noch so, als inszeniere er die ultimative filmische
Genugtuung, indem er die Nazis als wildes, zu tötendes Frischfleisch deklariert.
In Pitts erster Ansprache scheint die Gleichung leider noch zu deutlich
„Deutsche = Nazis“ zu sein. Die Baseballschläger-Szene mit Eli Roth ist
ebenfalls noch hart an der Grenze; uneindeutig pendelnd zwischen Heroisierung
des Nazikillers und Bewunderung für den tapferen und furchtlosen deutschen
Soldaten, der den Schläger ohne ein Wimperzucken erwartet. Wie Roth dann aber
wie ein Tier durchdreht, sollte eher die Taten, oder zumindest die Moral der
Nazi-Jäger in Frage stellen und obwohl der Konjunktiv jedem die Tür offen hält,
unreflektiert zu grölen, wenn wieder ein Skalp fällig ist, gibt sich Tarantino
beim genauen Blick erfreulich viel Mühe, ein differenziertes Bild von deutschen
Soldaten und auch von den „Basterds“ zu zeigen.
|

"Eli, du solltest vielleicht hauptsächlich
Schauspieler werden"
"Und du Kunde in meiner slowenischen Jugendherberge"
|
|
Es zeugt von Chuzpe, die
überstilisierte Skalpjagd schließlich auf einen deutschen Propagandafilm
auflaufen zu lassen und während Hitler und Goebbels kichernd bewundern, wie der
filmische deutsche Held nacheinander anrennende Gegner erschießt, erinnern wir
uns an Skalpierungen, an Markierungen und eine auf cool getrimmte Erstürmung
eines Gefängnisses. Bleibt zu hoffen, dass ein Großteil der Menschen dies
erkennt und versteht, warum das „Inglo(u)rious“ durchaus aussagekräftig ist.
Für Quentin „Style over Substance“ Tarantino ist das durchaus ansprechend und
gut durchdacht, doch wenn wir schon einen seiner Filme gucken, wollen wir auch
seinen unverkennbaren Stil genießen. Die in Fankreisen stets gefeierten
Tarantino-Dialoge kommen hier etwas weniger schräg und humorvoll daher. Nicht
todernst und langweilig, aber doch eine ganze Spur gesetzter, als manch
geneigtem Fan lieb sein mag. So hat der Mittelteil sogar ein paar Momente, in
denen sich leichte Längen breit machen. Action gibt es so gut wie gar keine, die
meisten Figuren sind für Tarantino-Verhältnisse eher ruhig und so muss schon was
Besonderes her, um durch den überlangen Film zu führen. Der gute Quentin hat
wieder im CD-Schrank gewühlt und ist bei Ennio Morricone fündig geworden. Damit
nähern wir uns aber direkt einem Tarantino-Problem, denn wenn Eli Roth zu
Morricones pompösen Klängen mit dem Schläger wedelt, stellt sich die Coolness
fast von alleine ein und eine ähnliche Szene in einem anderen Setting hat Sergio
Leone schon vor 40 Jahren gedreht. Tarantino bedient sich bei der Coolness, das
sollte man immer im Hinterkopf haben, doch irgendwie schafft er doch etwas
Eigenständiges. Der David-Bowie-Moment ist z.B. richtig gut.
Während „Kill Bill Vol. 1“ eine unterhaltsame, anspielungsreiche aber leere
Stilübung war, während „Kill Bill Vol. 2“ eine träge, anspielungsreiche aber
leere Stilübung war, ist „Inglourious Basterds“ ein ungewöhnlicher Film und ein
echtes Schmuckstück. Es ist kein unbestreitbares Meisterwerk, aber die letzten
45 Minuten, wenn die Handlungsstränge endlich zusammenkommen, sind einfach zu
grandios und geradezu gigantisch. Es geht ins Kino, wo Geschichten erzählt und
Geschichte neu geschrieben werden kann. Der Ort ist nicht zufällig gewählt,
ermöglicht dieser Schauplatz in Kombination mit dem komplett fiktiven Ende doch
eine wunderbar selbstreflexive Betrachtung des Mediums Films, des Kriegs als
darzustellende Handlung und von Quentin Tarantino als Regisseur.
Das infernalische Ende im Kino ist ein Highlight, fährt die Action und das Tempo
hoch und belohnt mit hintersinnigen und gleichzeitig übergroßen,
symbolschwangeren und erinnerungswürdigen Bildern, die man einfach genießen
muss. Was sich da besonders auf der Leinwand und direkt herum abspielt, ist der
schiere Wahnsinn und ein Genuss. „Das Gesicht der jüdischen Rache“ und
gleichzeitig das Gesicht der künstlerischen Freiheit, die es einem Regisseur wie
Tarantino erlaubt einen Kriegsfilm zu inszenieren, wie es keinen zweiten gibt.
Nun muss man sich aber auch die Frage stellen, ob das alles überhaupt was bringt
und vor allem, ob man aus dem 2. Weltkrieg ein verdrehtes Kunstprodukt mit
komplett und überdeutlich veränderten „Tatsachen“ machen darf. Man darf,
sicherlich, denn Film, also Kunst, muss eine ganze Menge dürfen. Film hat nicht
die Aufgabe, die Vergangenheit realitätsgetreu abzubilden, so es denn keine
Dokumentation ist. Film verzerrt. Immer. Tarantino macht das nur all zu
deutlich. Man mag es Weltkriegs-Exploitation nennen, doch das Fiktive ist so
überdeutlich und die Figurenzeichnung doch erfreulich ambivalent, dass man die
Befürchtungen klein halten sollte. Statt mit Realismusanspruch einen
Teetrinkenden Hitler durch den Bunker melancholieren zu lassen und damit
Realitätsvorstellungen zu verzerren, inszenierte Quentin Tarantino ein klar
fiktives Kunstprodukt, rund um jüdische Rache, Nazi-Wahn und Leben im Angesicht
der globalen Bedrohung. Dass dies zu einem wirr-unterhaltsamen Cocktail geworden
ist, sollte bei dem Regisseur kein Wunder sein und ganz nebenbei war kaum ein
Kriegsfilm der letzten Jahre so spannend, weil man eben nicht wusste, welches
Schicksal die Geschichte für Held und Schurke bereit hält.
Fazit:
Quentin Tarantinos
Kriegsfilm-Extravaganza ist ein Unikat. Oftmals Tarantino pur, dann aber auch
ernster, ruhiger und langsamer. Mit gewohnt tollem Soundtrack, tollen Figuren,
einem brillanten Christoph Waltz und einigen fantastischen Szenen, wie das
gesamte Finale z.B., lohnt sich der Kinobesuch auf jeden Fall. Dass dies „War
Fiction“ ist, sollte dabei immer im Hinterkopf bleiben.
8,5 / 10
_____________________________________________________________________________
:::::...: Diskussion im Forum
|