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Kritik:
Der merkwürdige Fall des Benjamin Button


von Christian Westhus

The Curious Case of Benjamin Button
(2007)
Regie: David Fincher
Darsteller: Brad Pitt, Cate Blanchett

Story:
Benjamin Button (Brad Pitt) wird eines Tages mit einer seltsamen Verfassung geboren: äußerlich wirkt er wie ein alter Mann im hohen Alter, doch während er innerlich reift, wird er mit jedem Tag äußerlich jünger. Als er eines Tages ein Mädchen namens Daisy kennenlernt, trifft er mit ihr die wichtigste Person seines seltsamen Lebens...

Kritik:
„Mein Name ist Benjamin, Benjamin Button.“ - Hätte Benjamins Mama Queenie gerne Schokolade genascht, sie hätte ihrem besonderen Zögling sicherlich auch ein paar Weisheiten mitgegeben, die dieser fremden Leuten auf Bänken am Straßenrand erzählt hätte. Die leidige Diskussion, ob „Benjamin Button“ nun quasi ein Remake zu „Forrest Gump“ ist, nervt schon jetzt, obwohl der Film noch ganz frisch ist.

F. Scott Fitzgeralds zu Grunde liegende Kurzgeschichte ist immerhin mehr als 70 Jahre älter als Gump. Das Button-Drehbuch von Eric Roth, der rein zufällig auch Gump geschrieben hat, orientiert sich aber nur lose daran und füllt all die Andeutungen von Kindheit, Krieg und Lebenswandel mit Details und erfindet neue Figuren, wie die zweite Hauptfigur der Kernhandlung Daisy. Dass damit auch ein „besonderer“ Mann durch mehrere Jahrzehnte amerikanischer Geschichte stolpert, ist ja nur naheliegend. Kennedy und Ping Pong sucht man zwar vergebens und überhaupt sind Benjamins aktive Verwicklungen in die amerikanische Geschichte an sich reichlich knapp, aber dennoch: Wer suchet, der findet und der versaut sich eventuell eines der schönsten Kinoerlebnisse des noch jungen Jahres. Also Klappe gehalten und sich auf den Hosenboden gesetzt, denn David Fincher überrascht mit einem richtig schönen, menschelnden und warmherzigen Film, den man dem vermeintlichen Düsterregisseur gar nicht so zugetraut hätte.

Während Jahrhundertsturm Katrina sich gerade den USA nähert, liegt eine ältere Dame im Krankenhaus, ihre Tochter bei sich und wohl in den letzten paar Tagen/Stunden/Momenten ihres Lebens. Als die Tochter ein altes Tagebuch findet, entfaltet sich die merkwürdige – seltsame – Lebensgeschichte eines rückwärts alternden Mannes. Diese Erzählweise hat mehr von Burton, beispielsweise „Edward Scissorhands“, kann aber auch einfach als klassisch-traditionell bzw. naheliegend gesehen werden – Eat this, Gump! Damit dürfte das Ende zwar vorprogrammiert sein, der Rahmen tut dem Film aber gut, denn er etabliert den Erzähler und hält all das Erlebte zusammen. Immerhin ist die alte Frau Daisy und damit auch Benjamins verbliebener Bezug zur Gegenwart. Dass in den folgenden 160 Minuten immer mal wieder zurück in dieses Krankenhauszimmer geschnitten wird, will nicht immer passen. Ein paar Male gibt es zwar nette charakterliche Zusatzinfos und verbindet Dinge von ihr, die Benjamin nicht wissen konnte, aber zu oft reißt es aus der Handlung heraus, ohne grundlegend mehr zu zeigen, als eine stimmlich immer schwächer werdende Daisy. Wunderbar glaubwürdig sieht Cate Blanchett als Greisin aber dennoch aus.

Damit wären wir auch bei einem Hauptaspekt des Films; mit ein Grund für sein gigantisches Produktionsbudget und sicherlich nicht zuletzt das Zünglein an der Waage, ob man den Film akzeptiert und ihm seine Geschichte abkauft. Wenn man uns hier einen Säugling mit Falten und Arthritis zeigt, oder wenn ein im Rollstuhl sitzender Greis Brad Pitts Gesichtszüge hat, muss die Mischung aus Maske und Spezialeffekte schon stimmen und das tut sie. Die äußeren Wandlungen sehen realistisch und glaubwürdig aus. Maximal verwirrt es einen Moment lang, weil man eben Brad Pitt erkennt und ihn eigentlich anders kennt, aber zu keiner Zeit kann man mit Gewissheit sehen und sagen, dass hier Computer am Werk waren. Und es ist ja nicht nur Pitt, der sich hier verändert. In umgekehrter Abfolge altern Benjamins Mutter und Daisy ja auch und das geschieht fast noch unmerklicher, als bei Benjamin.

Und Fincher ergötzt sich nicht einfach nur an seinen Kreationen, sondern weiß damit umzugehen. All die filmische Finesse, wie die wunderbar dunkle – nicht düstere – Farbdramaturgie in sattem Braun, die alten, detailreichen Örtlichkeiten, die Landschaften und Himmelsfarben, die unaufdringlich menschennahe Kamera und Alexandre Desplats grandiose Musik; all dies nutzt Fincher gekonnt für die nachdenkliche, von kleinen Zwischenspielen durchzogene Geschichte. Es gibt Szenen, in die verguckt man sich sofort, obwohl sie zunächst eigenartig wirken. Einen alten Mann des Nachts mit einer 7Jährigen unter dem Esszimmertisch im Kerzenschein hocken zu sehen, gehört wohl zu den faszinierendsten Szenen überhaupt. Daisy nimmt sofort gefangen und obwohl Benjamin zunächst versucht sich selbst zu finden, ist Daisy vom ersten Moment an nachvollziehbar als Sehnsuchtsobjekt und einzig wahre Liebe präsentiert.

Auffällig auch der leise, teils wirklich schräge Humor, der immer wieder durchschimmert. Es wird mehr als respekt- und würdevoll mit dem Alter umgegangen, aber ein betrunkener Benjamin oder der Besuch eines Bordells und der spätere Verweis auf den besonderen Fall des Sonntags, sind wunderbar herzliche Details, die sehr gut mit der gebremsten Nachdenklichkeit Benjamins harmonieren. Die Russland-Episode mit Tilda Swinton ist ein Paradebeispiel für seine Sinn- und Persönlichkeitssuche. Die Gespräche sind clever und vielschichtig, ohne zu dick aufzutragen. Und dazwischen immer wieder Daisy als Tänzerin. Noch etwas wild, ungestüm, eitel, aber auch grazil, engelsgleich und voller jugendlicher Ideale, die parallel zu Benjamins abenteuerlustigen Suche verlaufen.

Cate Blanchett gibt Daisy dazu eine unbeschreibliche Tiefe und besonders eine wunderbare Eleganz, die sich steigert, je älter sie wird. Wie sie als über 40Jährige im edlen und körperbetonten Kleid durch einen Tanzsaal schreitet und vor dem Spiegel eine Tanzfigur wiederholt, während Benjamin sie beobachtet, ist da vielleicht die stärkste Szene. Der Film zeigt Alterserscheinungen realistisch, aber immer mit einer gewissen Poesie und der Stärke aus ein paar Jahrzehnten Lebenserfahrung. Man spürt nun Reife in Daisy, die – und nicht nur im übertragenen Sinn – Narben trägt, die von eben solchen Lebenserfahrungen zeugen. Die Liebe von Benjamin und ihr wirkt stark filmisch, aber greifbar. Fincher nutzt diverse Mechanismen, lässt die beiden sich beschnuppern, entfernen, annähern und doch wieder zögern, nutzt Montagen und ruhige Beobachtungen und sogar einen herrlich schrägen – wäre es nicht so unglaublich bitter und tragisch – Moment, der wie die erste Viertelstunde aus „Magnolia“ wirkt und die Kausalität einer vermeintlich zufälligen Handlungskette erklärt. Regie, Kamera, Schnitt und Musik gehen an diesen Momenten – wie fast den gesamten Film über – eine äußerst starke Symbiose ein, die Spaß macht. „Benjamin Button“ bietet eigentlich alles, was großes, dramatisches und durchaus intelligentes Hollywoodkino braucht.

Auch wenn es die Hauptfigur selbst ist, die im Vergleich zur grandios geschriebenen Daisy, zur warmherzigen Mutter oder dem schrägen Kapitän, etwas abfällt, da Benjamin oft nur beobachtend daneben steht, ob kindlich-naiv oder nachdenklich, transportiert der Film seine vielen Themen sehr präzise und mit großer emotionaler Involvierung. Brad Pitt und Cate Blanchett spielen beide wunderbar uneitel und harmonieren prächtig und zusammen mit der tollen Taraji P. Henson gelingt es, unglaublich ernsthafte, nachhaftende Überlegungen zum Leben anzustellen. Es streift die Tatsachen nur ein wenig, wenn man einfach meint, es ginge um Liebe, Leben und Tod, aber im Prinzip ist es das, grob zusammengefasst. Es geht um Chancen und Möglichkeiten, um Schicksal und Selbstbestimmung und letztendlich geht es auch um Vergänglichkeit, um Verlust, dass vertraute Dinge und geliebte Menschen irgendwann verändert oder verschwunden sind. Kinderaugen, selbst die, die aus einem alten Gesicht blicken, werden die Welt später nicht mehr gleich wahrnehmen und die Last der erfahrenen Jahre drückt später auf jeden Augenaufschlag und belebt doch jedes neu entdeckte Detail. Dieses wunderbar symbolische Spiel wird über die gesamte Filmhandlung durchgezogen. Seien es die Tätowierungen des Kapitäns, ihre Bedeutungen und was letztendlich davon bleibt, oder der eigentlich siebenteilige Running Gag eines älteren Mannes, der seine letzten Geheimnisse mit ins Grab nimmt.

Es ist daher auch nur konsequent, wenn unsere Hauptfiguren am Ende des Films gestorben sind. Das ist nicht zu viel verraten, sondern der Lauf der Dinge und der Film will nicht einfach den Tod angenehmer aussehen lassen, er zeigt ihn sogar recht tragisch, vielmehr wollen sich Daisy und Benjamin an das erinnern, was sie haben und hatten, nicht über das grübeln was sie noch gehabt haben könnten und zufrieden sein. So simpel das klingt, so gekonnt transportiert dieser Film es und bietet noch so viel mehr. Das können nicht viele Filme von sich behaupten und Multimillionen schwere Hollywood-Mainstream-Produktionen eigentlich noch weniger. Umso mehr Bewunderung für diesen Film, den man mit weit aufgerissenen Augen und einem wunderbaren Gefühl, zwischen Liebe, Tragik, Humor und Melancholie erfahren darf.

Fazit:
Eine technische Meisterleistung auf jedem Sektor, eine tolle Bandbreite an Figuren, Orten, Stimmungen und Gedanken, tolle Darsteller und eine visuelle Kraft, die man sehen sollte. Dazu die großen Themen, originell und ernsthaft präsentiert. Trotz kleiner Macken: So kann großes Kino sein. Und Kino heißt nach Möglichkeit auch Kino.

8 / 10

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