Story:
Benjamin Button (Brad Pitt) wird eines Tages mit einer seltsamen Verfassung
geboren: äußerlich wirkt er wie ein alter Mann im hohen Alter, doch während er
innerlich reift, wird er mit jedem Tag äußerlich jünger. Als er eines Tages ein
Mädchen namens Daisy kennenlernt, trifft er mit ihr die wichtigste Person seines
seltsamen Lebens...
regie :
david fincher
cast :
brad pitt, cate blanchett
kritik :
christian westhus
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Kritik:
„Mein Name ist
Benjamin, Benjamin Button.“ - Hätte Benjamins Mama Queenie gerne Schokolade
genascht, sie hätte ihrem besonderen Zögling sicherlich auch ein paar Weisheiten
mitgegeben, die dieser fremden Leuten auf Bänken am Straßenrand erzählt hätte.
Die leidige Diskussion, ob „Benjamin Button“ nun quasi ein Remake zu „Forrest
Gump“ ist, nervt schon jetzt, obwohl der Film noch ganz frisch ist.
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"Wir sollten zurück zum Kaufhaus!"
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F. Scott Fitzgeralds zu Grunde
liegende Kurzgeschichte ist immerhin mehr als 70 Jahre älter als Gump. Das
Button-Drehbuch von Eric Roth, der rein zufällig auch Gump geschrieben hat,
orientiert sich aber nur lose daran und füllt all die Andeutungen von Kindheit,
Krieg und Lebenswandel mit Details und erfindet neue Figuren, wie die zweite
Hauptfigur der Kernhandlung Daisy. Dass damit auch ein „besonderer“ Mann durch
mehrere Jahrzehnte amerikanischer Geschichte stolpert, ist ja nur naheliegend.
Kennedy und Ping Pong sucht man zwar vergebens und überhaupt sind Benjamins
aktive Verwicklungen in die amerikanische Geschichte an sich reichlich knapp,
aber dennoch: Wer suchet, der findet und der versaut sich eventuell eines der
schönsten Kinoerlebnisse des noch jungen Jahres. Also Klappe gehalten und sich
auf den Hosenboden gesetzt, denn David Fincher überrascht mit einem richtig
schönen, menschelnden und warmherzigen Film, den man dem vermeintlichen
Düsterregisseur gar nicht so zugetraut hätte.
Während Jahrhundertsturm Katrina sich gerade den USA nähert, liegt eine ältere
Dame im Krankenhaus, ihre Tochter bei sich und wohl in den letzten paar
Tagen/Stunden/Momenten ihres Lebens. Als die Tochter ein altes Tagebuch findet,
entfaltet sich die merkwürdige – seltsame – Lebensgeschichte eines rückwärts
alternden Mannes. Diese Erzählweise hat mehr von Burton, beispielsweise „Edward
Scissorhands“, kann aber auch einfach als klassisch-traditionell bzw.
naheliegend gesehen werden – Eat this, Gump! Damit dürfte das Ende zwar
vorprogrammiert sein, der Rahmen tut dem Film aber gut, denn er etabliert den
Erzähler und hält all das Erlebte zusammen. Immerhin ist die alte Frau Daisy und
damit auch Benjamins verbliebener Bezug zur Gegenwart. Dass in den folgenden 160
Minuten immer mal wieder zurück in dieses Krankenhauszimmer geschnitten wird,
will nicht immer passen. Ein paar Male gibt es zwar nette charakterliche
Zusatzinfos und verbindet Dinge von ihr, die Benjamin nicht wissen konnte, aber
zu oft reißt es aus der Handlung heraus, ohne grundlegend mehr zu zeigen, als
eine stimmlich immer schwächer werdende Daisy. Wunderbar glaubwürdig sieht Cate
Blanchett als Greisin aber dennoch aus.
Damit wären wir auch bei einem Hauptaspekt des Films; mit ein Grund für sein
gigantisches Produktionsbudget und sicherlich nicht zuletzt das Zünglein an der
Waage, ob man den Film akzeptiert und ihm seine Geschichte abkauft. Wenn man uns
hier einen Säugling mit Falten und Arthritis zeigt, oder wenn ein im Rollstuhl
sitzender Greis Brad Pitts Gesichtszüge hat, muss die Mischung aus Maske und
Spezialeffekte schon stimmen und das tut sie. Die äußeren Wandlungen sehen
realistisch und glaubwürdig aus. Maximal verwirrt es einen Moment lang, weil man
eben Brad Pitt erkennt und ihn eigentlich anders kennt, aber zu keiner Zeit kann
man mit Gewissheit sehen und sagen, dass hier Computer am Werk waren. Und es ist
ja nicht nur Pitt, der sich hier verändert. In umgekehrter Abfolge altern
Benjamins Mutter und Daisy ja auch und das geschieht fast noch unmerklicher, als
bei Benjamin.
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"Lass uns ein Prequel machen: Benjamin
Button Begins."
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Und Fincher ergötzt sich nicht
einfach nur an seinen Kreationen, sondern weiß damit umzugehen. All die
filmische Finesse, wie die wunderbar dunkle – nicht düstere – Farbdramaturgie in
sattem Braun, die alten, detailreichen Örtlichkeiten, die Landschaften und
Himmelsfarben, die unaufdringlich menschennahe Kamera und Alexandre Desplats
grandiose Musik; all dies nutzt Fincher gekonnt für die nachdenkliche, von
kleinen Zwischenspielen durchzogene Geschichte. Es gibt Szenen, in die verguckt
man sich sofort, obwohl sie zunächst eigenartig wirken. Einen alten Mann des
Nachts mit einer 7Jährigen unter dem Esszimmertisch im Kerzenschein hocken zu
sehen, gehört wohl zu den faszinierendsten Szenen überhaupt. Daisy nimmt sofort
gefangen und obwohl Benjamin zunächst versucht sich selbst zu finden, ist Daisy
vom ersten Moment an nachvollziehbar als Sehnsuchtsobjekt und einzig wahre Liebe
präsentiert.
Auffällig auch der leise, teils wirklich schräge Humor, der immer wieder
durchschimmert. Es wird mehr als respekt- und würdevoll mit dem Alter
umgegangen, aber ein betrunkener Benjamin oder der Besuch eines Bordells und der
spätere Verweis auf den besonderen Fall des Sonntags, sind wunderbar herzliche
Details, die sehr gut mit der gebremsten Nachdenklichkeit Benjamins harmonieren.
Die Russland-Episode mit Tilda Swinton ist ein Paradebeispiel für seine Sinn-
und Persönlichkeitssuche. Die Gespräche sind clever und vielschichtig, ohne zu
dick aufzutragen. Und dazwischen immer wieder Daisy als Tänzerin. Noch etwas
wild, ungestüm, eitel, aber auch grazil, engelsgleich und voller jugendlicher
Ideale, die parallel zu Benjamins abenteuerlustigen Suche verlaufen.
Cate Blanchett gibt Daisy dazu eine unbeschreibliche Tiefe und besonders eine
wunderbare Eleganz, die sich steigert, je älter sie wird. Wie sie als über
40Jährige im edlen und körperbetonten Kleid durch einen Tanzsaal schreitet und
vor dem Spiegel eine Tanzfigur wiederholt, während Benjamin sie beobachtet, ist
da vielleicht die stärkste Szene. Der Film zeigt Alterserscheinungen
realistisch, aber immer mit einer gewissen Poesie und der Stärke aus ein paar
Jahrzehnten Lebenserfahrung. Man spürt nun Reife in Daisy, die – und nicht nur
im übertragenen Sinn – Narben trägt, die von eben solchen Lebenserfahrungen
zeugen. Die Liebe von Benjamin und ihr wirkt stark filmisch, aber greifbar.
Fincher nutzt diverse Mechanismen, lässt die beiden sich beschnuppern,
entfernen, annähern und doch wieder zögern, nutzt Montagen und ruhige
Beobachtungen und sogar einen herrlich schrägen – wäre es nicht so unglaublich
bitter und tragisch – Moment, der wie die erste Viertelstunde aus „Magnolia“
wirkt und die Kausalität einer vermeintlich zufälligen Handlungskette erklärt.
Regie, Kamera, Schnitt und Musik gehen an diesen Momenten – wie fast den
gesamten Film über – eine äußerst starke Symbiose ein, die Spaß macht. „Benjamin
Button“ bietet eigentlich alles, was großes, dramatisches und durchaus
intelligentes Hollywoodkino braucht.
Auch wenn es die Hauptfigur selbst ist, die im Vergleich zur grandios
geschriebenen Daisy, zur warmherzigen Mutter oder dem schrägen Kapitän, etwas
abfällt, da Benjamin oft nur beobachtend daneben steht, ob kindlich-naiv oder
nachdenklich, transportiert der Film seine vielen Themen sehr präzise und mit
großer emotionaler Involvierung. Brad Pitt und Cate Blanchett spielen beide
wunderbar uneitel und harmonieren prächtig und zusammen mit der tollen Taraji P.
Henson gelingt es, unglaublich ernsthafte, nachhaftende Überlegungen zum Leben
anzustellen. Es streift die Tatsachen nur ein wenig, wenn man einfach meint, es
ginge um Liebe, Leben und Tod, aber im Prinzip ist es das, grob zusammengefasst.
Es geht um Chancen und Möglichkeiten, um Schicksal und Selbstbestimmung und
letztendlich geht es auch um Vergänglichkeit, um Verlust, dass vertraute Dinge
und geliebte Menschen irgendwann verändert oder verschwunden sind. Kinderaugen,
selbst die, die aus einem alten Gesicht blicken, werden die Welt später nicht
mehr gleich wahrnehmen und die Last der erfahrenen Jahre drückt später auf jeden
Augenaufschlag und belebt doch jedes neu entdeckte Detail. Dieses wunderbar
symbolische Spiel wird über die gesamte Filmhandlung durchgezogen. Seien es die
Tätowierungen des Kapitäns, ihre Bedeutungen und was letztendlich davon bleibt,
oder der eigentlich siebenteilige Running Gag eines älteren Mannes, der seine
letzten Geheimnisse mit ins Grab nimmt.
Es ist daher auch nur konsequent, wenn unsere Hauptfiguren am Ende des Films
gestorben sind. Das ist nicht zu viel verraten, sondern der Lauf der Dinge und
der Film will nicht einfach den Tod angenehmer aussehen lassen, er zeigt ihn
sogar recht tragisch, vielmehr wollen sich Daisy und Benjamin an das erinnern,
was sie haben und hatten, nicht über das grübeln was sie noch gehabt haben
könnten und zufrieden sein. So simpel das klingt, so gekonnt transportiert
dieser Film es und bietet noch so viel mehr. Das können nicht viele Filme von
sich behaupten und Multimillionen schwere Hollywood-Mainstream-Produktionen
eigentlich noch weniger. Umso mehr Bewunderung für diesen Film, den man mit weit
aufgerissenen Augen und einem wunderbaren Gefühl, zwischen Liebe, Tragik, Humor
und Melancholie erfahren darf.
Fazit:
Eine technische Meisterleistung auf jedem Sektor, eine tolle Bandbreite an
Figuren, Orten, Stimmungen und Gedanken, tolle Darsteller und eine visuelle
Kraft, die man sehen sollte. Dazu die großen Themen, originell und ernsthaft
präsentiert. Trotz kleiner Macken: So kann großes Kino sein. Und Kino heißt nach
Möglichkeit auch Kino.
8 / 10
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