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Kritik:
Che - Revolucion


von Christian Mester

Che - Revolucion
(2009)
Regie: Steven Soderbergh
Darsteller: Benicio del Toro

Story:
Ernesto "Che" Guevara befindet sich 1953 in Mexiko, als er sich eines Tages mit politischen Ausgestoßenen unter der Leitung des bekannten Aktivisten Fidel Castro aufmacht, Kuba von US-freundlichen Truppen zu befreien…

Kritik:
Steven Soderberghs Filme sind zwar immer Hit (Ocean's 11, 12, Erin Brokovich, Out of Sight, Traffic) und Miss (Solaris, Full Frontal, The Good German), doch ohne Zweifel darf man bemerken, dass Sody aufgrund seiner Themenauswahl mit zu den abwechslungsreichsten und damit interessantesten Männern seines Fachs gehört.

Eine verfilmte Biographie über T-Shirtikone Che schreibt sich prinzipiell zwar wie von selbst (auch wenn es noch keine gibt), aber wie schon beim wunderbaren The Motorcycle Diaries: Die Reisen des jungen Che ist auch dieser Versuch nicht das was man darunter erwarten würde. Dabei ist das vorliegende Muster auf den ersten Blick gewohntes Hollywood-Material: engagierter Aktivist trifft wichtige Persönlichkeiten, inspiriert Gleichgesinnte und lädt dank menschlicher Fehler zum Nachdenken nach, die jene legendäre Person in einem neuen Licht zeigt.

Neben Nicholson rückt mehr und mehr Faye Dunaway in den Fokus, die eine ebenso grandiose Darstellung abliefert. Sie zieht Gittes und uns direkt in ihren Bann und jedes Mal, wenn sie ein weiteres Stück der Wahrheit preisgibt, können wir ihr nicht mehr böse sein und am Ende eh nicht. Das Drehbuch entspinnt sich originell und clever, fängt bei Ehebruch an, offenbart eine große Täuschung und zieht Gittes immer tiefer in den Schlund der Wasserversorgungsmachenschaften. Die Dialoge sitzen perfekt und die Wendungen sind passend, u.a. weil Polanski auf den Off-Kommentar verzichtete, den das Drehbuch noch vorgesehen hatte.

Das trifft auf Soderberghs Blick allerdings nicht zu, da er uns untypisch an die Figur heran führt. Ein Großteil aller Biographien (Ray, Walk the Line, Sieben Jahre in Tibet, Anaconda) erzählt Lebensgeschichten in Filmform, was im Detail heißt dass sie die bekannten Linien und Strukturen eines Spielfilms verfolgen. Der Held wächst auf, wird zu etwas Besonderem, bekommt Feinde, verliebt sich, geht zu Grunde oder wird erlöst. Sody wagt es hier jedoch etwas anders. Sein erster Abschnitt der zweiteiligen Biographie erweckt durch seine eigenwillige Art den Eindruck einer Dokumentation, als beobachte man den echten Che. Fast alle Gespräche verlaufen am Rande, oftmals bleibt die Kamera am gleichen Fleck und lässt uns im Glauben selbst Pause mit Che und seinen Guerilla-Kämpfern zu machen. Das geschieht in Die Ermordung des Jesse James... zwar auch, dort aber noch unter den Regeln des Films.

Wie bei einer typischen Discovery Channel oder BBC-Dokumentation hält man sich hier an keine Chronologie; immer wieder wechselt das Geschehen zwischen vereinzelten Guerilla-Angriffen im Dschungel, politischen Reden Che's und kommentierenden Interviews in Schwarz / Weiß. Würden die offensichtlich kristallklaren Aufnahmen der Gegenwart es nicht erkennen lässen, könnte man es als Unwissender glatt glauben, dass Che wie Benicio del Toro aussieht und auf diese Art festgehalten wurde.

Che: Revolucion wirkt sehr realitätsnah und dokumentarisch, doch welchen Effekt hat das letztendlich auf den Film und sein Publikum? Zweierlei: zum einen ist die Darstellung derart akribisch glaubwürdig, dass man es fast schon als überzeugende Simulation betrachten kann... was erheblichen Einfluß auf uns hat.

Es ist eben nicht grundlos so, dass 95% aller Filme eben wie Filme und nicht wie echtes Leben aussehen, denn echtes Leben ist selten nur auf amüsante, unterhaltsame und prägnante Momente zugeschnitten; echtes Leben ist gefüllt von Wartezeiten, von Pausen, von banalen alltäglichen Dingen und Unterhaltungen, in denen im Gegensatz zu Filmen wie Dark Knight nicht in jedem Satz Wichtiges auf den Punkt gebracht wird, sondern auch mal minutenlang ausgeschweift und lang um den heißen Brei geredet wird. Wieso reduzieren und komprimieren Filme das meist? Weil es für Beobachter schnell anstrengend wird und sie in den 90-120 Minuten, die sie in der Regel Geduld für einen Film aufbringen können, nur Gutes sehen wollen. Die Ereignisse in Ray Charles' Leben waren kinoreif, passierten aber auf langweilige, echte Weise; für den Film wurden sie gezielt stilisiert.

Da Revolucion aber nichts kürzen will und Che auch nicht als Filmfigur einsetzt, gibt es kein lineares, einfaches Abenteuerportrait ala Sieben Jahre in Tibet. Es gibt keinen wirklichen Beginn, keinen Höhepunkt, keinen Aufbau und kein Ende; was uns der Film präsentiert sind Ausschnitte aus Ches Leben, mehr nicht.

Soderberghs Bio ist dadurch sehr mühevoll zu verfolgen. Viele werden mit der Darstellungsweise überhaupt nichts anfangen können, da selbst eingesetzte Action (mehrere bewaffnete Überfälle, ein entgleisender Zug) gnadenlos trocken präsentiert wird und man wenig über Che an sich lernt. Die vielen Sprünge zwischen Kommentar, Reden und Geschehnissen zerren am Nervengerüst, und der durch und durch überraschend pulsarme Ablauf lassen an Schulzeiten erinnern, in denen man sich unwillens durch uralte Dokumentarkamellen zwingen durfte. Keine Highlights, keine Spannungsmomente, keine Verläufe oder Wendungen (ein Grauen, denkt man daran, dass der Film ursprünglich über vier Stunden lang und nicht zweigeteilt präsentiert wurde).

Jetzt kommt das "aber": wer aber ein dickes Fell vorweisen kann und schon vielleicht den ein oder anderen Terrence Malick sein Eigen nennt muss einfach einen Blick riskieren, denn Soderberghs Müdigkeit provozierender Film hat nicht zu verachtende Stärken. Benicio del Toro lebt, atmet, ist Che Guevara. Del Toro verschmilzt so sehr mit der Figur, dass man schon im ersten Augenblick völlig vergisst, dass das Del Toro ist. Er ist großartig und bringt alles Relevante glaubhaft herüber: Che's imposantes Auftreten als Führungspersönlichkeit, als Kämpfer für Ideale, der auch vor blutigen Mitteln nicht zurückstreckt, als Mensch mit Irrtümern und krankheitsbedingten Schwächen. Das Problem? Durch die Betrachtungsweise und gewählte Erzählart wirkt Che faktisch nie so sympathisch oder verständlich wie der aus Die Reisen des jungen Che; er bleibt unnahbar. Der Filmtitel ist auch irreführend. Statt ein beeindruckendes Portrait eines Vorbilds Tausender beeindruckend zu inszenieren, ist die Produktion eher ein stiller Betrachter: "Visiting Che" oder "Watching Che" wäre treffender gewesen; es geht nicht um ihn, es geht darum, ihn zu beobachten.

Mit seiner Kamera hält sich Soderbergh zum Glück zurück die Figur gekünstelt zu heroisieren, ikonisieren oder zu verurteilen; sie fasst sie als das, was Che ist zusammen: als interessant und strittig, aber halt auch als Mensch, der einfach nicht rund um die Uhr sensationell kinofähige unterhaltsame Figur war.

Fazit:
Soderberghs Geschichtskurs probiert es publikumsfeindlich und zehrend, bietet unter all seiner Last aber auch ein interessantes Portrait einer zu Recht umstrittenden Figur. Die Erzählweise dürfte ähnliches Streitgut sein.

4,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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