Story:
Ernesto "Che" Guevara
befindet sich 1953 in Mexiko, als er sich eines Tages mit politischen
Ausgestoßenen unter der Leitung des bekannten Aktivisten Fidel Castro aufmacht,
Kuba von US-freundlichen Truppen zu befreien…
regie :
steven soderbergh
cast :
benicio del toro
kritik :
christian mester
____________________________________________________________________________
Kritik:
Dabei statt
mittendrin.
|

"Also der Kerl, der uns da verfolgt... er trägt
ein Stirnband."
|
|
Steven Soderberghs Filme sind
zwar immer Hit (Ocean's 11, 12, Erin Brokovich, Out of Sight, Traffic) und Miss
(Solaris, Full Frontal, The Good German), doch ohne Zweifel darf man bemerken,
dass Sody aufgrund seiner Themenauswahl mit zu den abwechslungsreichsten und
damit interessantesten Männern seines Fachs gehört.
Eine verfilmte Biographie über T-Shirtikone Che schreibt sich prinzipiell zwar
wie von selbst (auch wenn es noch keine gibt), aber wie schon beim wunderbaren
The Motorcycle Diaries: Die Reisen des jungen Che ist auch dieser Versuch nicht
das was man darunter erwarten würde. Dabei ist das vorliegende Muster auf den
ersten Blick gewohntes Hollywood-Material: engagierter Aktivist trifft wichtige
Persönlichkeiten, inspiriert Gleichgesinnte und lädt dank menschlicher Fehler
zum Nachdenken nach, die jene legendäre Person in einem neuen Licht zeigt.
Das trifft auf Soderberghs Blick allerdings nicht zu, da er uns untypisch an die
Figur heran führt. Ein Großteil aller Biographien (Ray, Walk the Line, Sieben
Jahre in Tibet, Anaconda) erzählt Lebensgeschichten in Filmform, was im Detail
heißt dass sie die bekannten Linien und Strukturen eines Spielfilms verfolgen.
Der Held wächst auf, wird zu etwas Besonderem, bekommt Feinde, verliebt sich,
geht zu Grunde oder wird erlöst. Sody wagt es hier jedoch etwas anders. Sein
erster Abschnitt der zweiteiligen Biographie erweckt durch seine eigenwillige
Art den Eindruck einer Dokumentation, als beobachte man den echten Che. Fast
alle Gespräche verlaufen am Rande, oftmals bleibt die Kamera am gleichen Fleck
und lässt uns im Glauben selbst Pause mit Che und seinen Guerilla-Kämpfern zu
machen. Das geschieht in Die Ermordung des Jesse James... zwar auch, dort aber
noch unter den Regeln des Films.
Wie bei einer typischen Discovery Channel oder BBC-Dokumentation hält man sich
hier an keine Chronologie; immer wieder wechselt das Geschehen zwischen
vereinzelten Guerilla-Angriffen im Dschungel, politischen Reden Che's und
kommentierenden Interviews in Schwarz / Weiß. Würden die offensichtlich
kristallklaren Aufnahmen der Gegenwart es nicht erkennen lässen, könnte man es
als Unwissender glatt glauben, dass Che wie Benicio del Toro aussieht und auf
diese Art festgehalten wurde.
|

"Tommy Lee hat schon wieder sein Messer!"
|
|
Che: Revolucion wirkt sehr
realitätsnah und dokumentarisch, doch welchen Effekt hat das letztendlich auf
den Film und sein Publikum? Zweierlei: zum einen ist die Darstellung derart
akribisch glaubwürdig, dass man es fast schon als überzeugende Simulation
betrachten kann... was erheblichen Einfluß auf uns hat.
Es ist eben nicht grundlos so, dass 95% aller Filme eben wie Filme und nicht wie
echtes Leben aussehen, denn echtes Leben ist selten nur auf amüsante,
unterhaltsame und prägnante Momente zugeschnitten; echtes Leben ist gefüllt von
Wartezeiten, von Pausen, von banalen alltäglichen Dingen und Unterhaltungen, in
denen im Gegensatz zu Filmen wie Dark Knight nicht in jedem Satz Wichtiges auf
den Punkt gebracht wird, sondern auch mal minutenlang ausgeschweift und lang um
den heißen Brei geredet wird. Wieso reduzieren und komprimieren Filme das meist?
Weil es für Beobachter schnell anstrengend wird und sie in den 90-120 Minuten,
die sie in der Regel Geduld für einen Film aufbringen können, nur Gutes sehen
wollen. Die Ereignisse in Ray Charles' Leben waren kinoreif, passierten aber auf
langweilige, echte Weise; für den Film wurden sie gezielt stilisiert.
Da Revolucion aber nichts kürzen will und Che auch nicht als Filmfigur einsetzt,
gibt es kein lineares, einfaches Abenteuerportrait ala Sieben Jahre in Tibet. Es
gibt keinen wirklichen Beginn, keinen Höhepunkt, keinen Aufbau und kein Ende;
was uns der Film präsentiert sind Ausschnitte aus Ches Leben, mehr nicht.
Soderberghs Bio ist dadurch sehr mühevoll zu verfolgen. Viele werden mit der
Darstellungsweise überhaupt nichts anfangen können, da selbst eingesetzte Action
(mehrere bewaffnete Überfälle, ein entgleisender Zug) gnadenlos trocken
präsentiert wird und man wenig über Che an sich lernt. Die vielen Sprünge
zwischen Kommentar, Reden und Geschehnissen zerren am Nervengerüst, und der
durch und durch überraschend pulsarme Ablauf lassen an Schulzeiten erinnern, in
denen man sich unwillens durch uralte Dokumentarkamellen zwingen durfte. Keine
Highlights, keine Spannungsmomente, keine Verläufe oder Wendungen (ein Grauen,
denkt man daran, dass der Film ursprünglich über vier Stunden lang und nicht
zweigeteilt präsentiert wurde).
|

"Nicht füttern, nicht ansprechen."
|
|
Jetzt kommt das "aber": wer aber ein dickes Fell vorweisen kann und schon
vielleicht den ein oder anderen Terrence Malick sein Eigen nennt muss einfach
einen Blick riskieren, denn Soderberghs Müdigkeit provozierender Film hat nicht
zu verachtende Stärken. Benicio del Toro lebt, atmet, ist Che Guevara. Del Toro
verschmilzt so sehr mit der Figur, dass man schon im ersten Augenblick völlig
vergisst, dass das Del Toro ist. Er ist großartig und bringt alles Relevante
glaubhaft herüber: Che's imposantes Auftreten als Führungspersönlichkeit, als
Kämpfer für Ideale, der auch vor blutigen Mitteln nicht zurückstreckt, als
Mensch mit Irrtümern und krankheitsbedingten Schwächen. Das Problem? Durch die
Betrachtungsweise und gewählte Erzählart wirkt Che faktisch nie so sympathisch
oder verständlich wie der aus Die Reisen des jungen Che; er bleibt unnahbar. Der
Filmtitel ist auch irreführend. Statt ein beeindruckendes Portrait eines
Vorbilds Tausender beeindruckend zu inszenieren, ist die Produktion eher ein
stiller Betrachter: "Visiting Che" oder "Watching Che" wäre treffender gewesen;
es geht nicht um ihn, es geht darum, ihn zu beobachten.
Mit seiner Kamera hält sich Soderbergh zum Glück zurück die Figur gekünstelt zu
heroisieren, ikonisieren oder zu verurteilen; sie fasst sie als das, was Che ist
zusammen: als interessant und strittig, aber halt auch als Mensch, der einfach
nicht rund um die Uhr sensationell kinofähige unterhaltsame Figur war.
Fazit:
Soderberghs Geschichtskurs probiert es publikumsfeindlich und zehrend,
bietet unter all seiner Last aber auch ein interessantes Portrait einer zu Recht
umstrittenden Figur. Die Erzählweise dürfte ähnliches Streitgut sein.
4,5 / 10
_____________________________________________________________________________
:::::...: Diskussion im Forum
|