hauptseite  kritiken  news  trailer showroom  |  jetzt im kino  |  community  |  impressum



 

 

Kritik:
Children of Men


von Christian Westhus

Children of Men
(2005)
Regie: Alfonso Cuaron
Darsteller: Clive Owen, Julianne Moore

Story:
Die Menschheit stirbt aus. Im Jahre 2027 liegt die Welt im totalen Chaos. Anarchie, Gewalt und Krieg dominieren das weltweite Geschehen, nur Großbritannien versucht durch ein strenges, militärisches Regime, das jeden illegalen Einwanderer brutal verhaftet, Ordnung zu behalten. Auslöser dafür ist die Tatsache, dass seit fast 18 Jahren keine Kinder mehr geboren werden können. Frauen sind unfruchtbar. Die Menschheit stirbt aus. In diesem globalen Chaos gibt es plötzlich Kee, eine Illegale in GB, die im 8. Monat schwanger ist.

Kritik:
Endzeitfilme gelten als spezielle Genrefilme, die mit einer düsteren Utopie unterhalten und früher Charlton Heston in der Hauptrolle hatten. Dabei ist kaum ein Genre, neben dem Dokumentarfilm, ein so deutlicher Fingerzeig, in welche Richtung sich die Menschheit bewegt, wie dieses. Alfonso Cuarón inszeniert die Adaption von P.D. James’ gleichnamigen Roman als überaus düstere, konsequent finster gesinnte, pessimistische und zynische Schilderung einer sterbenden Welt. Das Ganze wirkt so ungemein realistisch und vor allem erschreckend realitätsnah, dass einem Angst und Bange werden kann, wenn man wieder in die aktuellen Nachrichten schaut.

Mit den Nachrichten beginnt auch der Film, wo berichtet wird, dass der jüngste Mensch des Planeten im Alter von 18 Jahren und ein paar Monaten gestorben sei. Mitten im einem Café begegnen wir Thedore Faron, der dem Zuschauer unemotional und stoisch das blanke Chaos zeigt, das auf der Straße regiert. Verdreckte Straßen, Obdachlose an jeder Ecke, schreiende Menschen, abgewrackte Häuser, Erschießungen, in Käfigen eingesperrte Immigranten und plötzliche Explosionen – das ist London und die restlichen Welt im Jahr 2027. All dies wirkt durch eine ungemein detaillierte Ausstattung und tolle Effekte erschreckend realistisch. Meterhohe, schwarze Rauchwolken schweben über den brennenden Trümmern britischer Großstädte. Ein beängstigendes und optisch glaubwürdiges Szenario.

Clive Owens Theodore Faron ist ein Pessimist und Zyniker und hätte vom charismatischen Briten nicht besser verkörpert werden können. „Everything’s fucked up.”, scheint uns Owen mit jedem Blick zu sagen und macht es damit unglaublich schwer, ihn als Identifikationsfigur zu akzeptieren. Julianne Moores forciert emotionaler Charakter führt uns eine Weile, doch wirklich ins Herz schließt man Michael Caines Jasper. Ein Gras rauchender Alt-Hippie mit merkwürdigem Humor und vor allem mit Hoffnung. Hier zeigt sich abermals die große Wandlungsfähigkeit eines Sir Michael Caine, einem der Größten den die Filmwelt noch hat.

Cuarón spielt mit den Erwartungen der Menschen und weiß, dass die Zuschauer sich an jede aufkeimende Hoffnung klammern werden, an jeden fröhlichen Moment und das nutzt er aus. Der Humor ist fast permanent gallig bitter bis zynisch, oder wird von einen Moment auf den Anderen durch pure Gewalt zerstört. Tour de Force wird so etwas gerne genannt, aber dieser Begriff reicht hier nicht aus. Immer wieder schlägt die grausame filmische Realität zu und Buch und Regisseur scheuen nicht davor, auch Sympathieträger urplötzlich verschwinden zu lassen. Das ist mitunter schmerzend emotional und doch so kalt und bitter, dass man als Zuschauer kaum atmen kann.

Auf der hochspannenden Odyssee von Theodore und Kee spult Cuarón eine ganze Palette an symbolischen Szenen ab. Da hängt Picassos Guernica in voller Größe in einem Raum, Michaelangelos David fehlt ein Teil des Beines, ein überdimensionales Plastikschwein (Pink Floyd?) schwebt hoch über der Stadt, Graffiti und Schmierereien an den Wänden teilen apokalyptische Botschaften mit, nachdenklich stimmende Schlagworte ehemaliger Institutionen prangen in den Straßen und an den Wänden und plötzlich starrt Clive Owen mit nachdenklicher Miene zu Boden, während sich im Hintergrund eine Figur eines Dinosauriers befindet, die überdeutlich zeigt, was hier vor sich geht. Die Menschheit hatte ihre Chance, jetzt ist ihre Zeit abgelaufen, jetzt muss sie die Erde verlassen. Die Menschheit stirbt aus.

In einem Flüchtlingslager geht der Film auf die Zielgerade und führt den Zuschauer mitten in einen Rebellenaufmarsch, mitten ins Chaos, ins Herz der Finsternis. Die actionreiche Flucht durch Trümmer, zerbombte Häuser, Kugelhagel und Leichen ist ein einziger Kraftakt, der nicht mit radikalen Bildern spart und in seiner ausgeblichenen, verwackelten Bildsprache nicht nur an Spielbergs „Der Soldat James Ryan“ erinnert, sondern auch dessen Intensität erreicht. In zwei ewig langen und perfekt choreographierten Takes stakst Clive Owen durch die Häuser, während um ihn herum die halbe Stadt zerstört wird, Menschen schreiend in ihren Verstecken kauern und blutig niedergeschossen werden. Das ist intensiver und realistischer cineastischer Terror in einer überaus erschütternden Form. Ganz große Klasse.

Am Ende bleibt die Hoffnung und ein flaues Gefühl im Magen. Keine Erklärungen, keine vollständige Auflösung, keine explizite Warnung, nur das ungute Gefühl, dass man einen Film sah, dessen fiktiver Kern gering ist. Die Menschheit bewegt sich auf ein globales Chaos zu, das verschiedene Gründe haben kann. Es ist ein Film, der sicherlich zu den drei besten Filmen 2006 gehört und ein technisch, inhaltlich und darstellerisch perfekter Film, der zudem noch musikalisch überzeugt, außerdem. Überwiegend klassische, epische Filmmusik wechselt sich beispielsweise ab mit Radioheads tieftraurigem „Life in a Glasshouse“, dem apokalyptischen „In the Court of the Crimson King“ vonKing Crimson und dem symbolischen Auszug von Gustav Mahlers „Kindertotenliedern“, bis uns Kinderlachen in den Abspann begleiten.

Fazit:
Children of Men gehört mit zum Besten, was es dieses Jahr im Kino zu bestaunen gab. Selten wurde die nahende Apokalypse so dicht, so realistisch und so packend gezeigt wie hier. Eine wunderbare Umsetzung des Romans, in tolle Bilder, durch perfekte Darsteller und mit einer mutigen, technisch sehr versierten und einfühlsamen Regie, die für ein stark emotionales Filmerlebnis sorgt. Das sollte man sich nicht entgehen lassen. Augen aufmachen, hinsehen und eine Weile darüber nachdenken, in was für einer Welt wir uns gerade befinden. Das Jahr 2027 könnte auch uns irgendwann erreichen.

9 / 10

> Deine Meinung zum Film?

Copyright © 2004-2050 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich