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Kritik:
Die Klasse


von Christian Westhus

Entre les murs
(2008)
Regie: Laurent Cantet
Darsteller: François Bégaudeau, Laura Baquela

Story:
Als ein Lehrer in Frankreich an eine Schule mit schwierigen Verhältnissen gelangt, versucht er, mit seinen ganz eigenen Methoden zu den Schülern vorzustoßen....

Kritik:
Das große „Aber“ folgt jedoch auf dem Fuß, denn „Die Klasse“ gibt sich wesentlich ernster, realistisch und ungemütlicher, als die amerikanischen Vorbilder. Ja, als die amerikanischen Vorbilder und da fühlt man sich fast selbst bedrängt, wenn man mal wieder berechtigt darauf hinweisen darf (muss?), dass sich der europäischen Film erneut intensiver, intelligenter und tiefgreifender mit einer Materie auseinander setzt. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Francois Bégaudeau, hat selbiger auch am Drehbuch mitgeschrieben und spielt die Hauptrolle als Lehrer Francois. Etwas autobiographisch soll das Ganze schon sein, insofern ist es wenig überraschend, dass sich Bégaudeau äußerst souverän in dieser Rolle schlägt. „Realismus“ ist das große Stichwort. Weg vom amerikanischen Hochglanz, von konstruiert wirkenden Dialogen und einer typisch filmischen Inszenierung, ohne stilisierende Hintergrundmusik, hin zu einem Stil, der eher an Dokumentationen über eben solche Problemschulen erinnert.

Man glaubt einen Moment lang, zwischen Dokumentarstil und wackelnder Kamera, eben die Mechanismen zu erahnen, die in den US-Varianten so gerne genommen werden, in diesem Fall die schriftliche Auseinandersetzung der Schüler mit sich selbst und ihrer Identität. Doch dieser Film lässt es dazu nicht kommen. Die Selbstportrait-Idee ist zwar zentral und wichtig, bringt aber eben nicht auf wundersame Weise alles ins Reine. Das Ganze ist so unparteiisch wie eben realistisch. Die Schüler sind mal nett und aufgeschlossen, mal pubertär, forsch und aggressiv. Manche sind faul, andere wirklich etwas langsamer oder schlicht mit zu vielen privaten Problemen beladen. Komplett ohne Klischees sind Jugendliche einfach nicht zu behandeln. Das liegt nicht am schwachen Drehbuch oder an zu wenig Ideen, sondern einfach an der Tatsache, dass eine Schulklasse ohne Klischees und ein paar Stereotypen nicht funktioniert. Die Frage ist eher, wie sie eingesetzt und gezeichnet werden und das gelingt hier mehr als gut. Die Dialoge wirken glaubwürdig, aus dem Leben gegriffen, im positiven Sinne wie improvisiert – was wohl teilweise auch der Tatsachen entspricht. Die Schüler haben echte, gelebte Gesichter, wirken authentisch und spielen zudem noch gut. Denn letztendlich ist es, trotz Dokumentarcharakters und vermeintlich autobiographischer Grundlage des Romans, eine fiktive Handlung eines Spielfilms.


Lehrer Francois selbst schwankt zwischen Ehrgeiz und Hilflosigkeit, hat Ecken und Kanten, verliert ab und an die Beherrschung, bis ihm ein ungeschicktes Wort entflieht. Er wirkt sogar manchmal leicht naiv und grob, einen Moment später aber wieder sorgend und engagiert. Über die Privatperson Francois erfahren wir nichts. Eine Frage nach seiner sexuellen Gesinnung wird schwammig beantwortet, danach bleibt man im Dunkeln, was dieser Person Antrieb gibt. Er ist gerne Lehrer, das spürt man, und versucht oft genug, auf der Seite der Schüler zu sein, doch gleichzeitig merkt er immer mehr, dass dies ein Kampf gegen die vielzitierten Windmühlen ist.

Wie bringt man Schülerproblemfälle wieder auf die Bahn zurück, wie entfacht man in desinteressierten, illusionslosen Jugendlichen, wieder das Feuer? Wie überbrückt man die Sprachprobleme, die besonders die Eltern den Zugang zur Schullaufbahn ihrer Kinder verlieren lässt? Einige der Kinder haben sogar Träume, teilweise recht naiv, aber immerhin Träume und Interessen. Wie weit darf Schüler-Lehrer-Freundschaft gehen, wann muss bestraft werden, belohnt, für was und wie stark? Mehr als in anderen Filmen gibt es auch Einblicke ins Lehrerzimmer, in Abläufe des Schulalltags, beim Verteilen der Lehrpläne, beim kollegialen Austausch und bei der Problemlösung für eben diese Problemschüler. Von Kaffeeautomaten, über Schwangerschaften bis Disziplinarausschüssen wirkt eben auch dieser Alltag, die bürokratischen und sozialen Räder der Schule, überaus realistisch und nachvollziehbar und sogar durchaus nah an den Figuren, wenn auch die Lehrer allesamt nur als Lehrer mit gewissen Persönlichkeiten, jedoch ohne größeren Hintergrund greifbar sind.

Die Schlussszene ist vielleicht der filmischste Moment des gesamten Films, doch die Aussage einer Schülerin, das Spiel auf dem Schulhof im Hintergrund der vorherigen Handlung und der finale Blick in den Klassenraum am Ende des Schuljahrs – irgendwie bedrückend und schwer, gleichzeitig mit leisem Optimismus und einem nüchtern-realistischen Blick. Hier ist Alles möglich und gerade das macht es wieder so realistisch.

Fazit:
„Die Klasse“ versucht ein ernsthaftes, realistisches Bild von Jugendlichen und Schülern zu entwerfen. Die filmische Herkunft kann logischerweise nicht vergessen gemacht werden, aber die authentischen Figuren, die guten Alltagsdialoge und der dokumentarische Inszenierungsstil sorgen doch für ein ungemein intensiveres Erlebnis, als so manch verklärt-inszenierter Versuch von Übersee.

7,5 / 10

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