Story:
Als ein Lehrer in Frankreich an eine Schule mit schwierigen Verhältnissen
gelangt, versucht er, mit seinen ganz eigenen Methoden zu den Schülern
vorzustoßen....
regie :
laurent cantet
cast :
françois bégaudeau, laura baquela
kritik :
christian westhus
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Kritik:
Gewinner der
goldenen Palme in Cannes 2008 und das mit der Grundstory: Pariser
Randbezirkschule, 90% Migrantenanteil, Sprachbarrieren, aufmüpfige Schüler,
hilflose Lehrer und eine zentrale Lehrerfigur, die irgendwie versucht, einen
Zugang zu den Schülern zu finden. „Das kenn’ ich doch.“, denkt sich der
spitzfindige Leser und wird ganz richtig bei so Filmen wie „Dangerous Minds“ und
„Freedom Writers“ fündig.
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"In welchem Film sollte Steven Seagal
zunächst auf Unterwassermutanten treffen? Na, irgendeiner?"
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Das große „Aber“ folgt jedoch auf
dem Fuß, denn „Die Klasse“ gibt sich wesentlich ernster, realistisch und
ungemütlicher, als die amerikanischen Vorbilder. Ja, als die amerikanischen
Vorbilder und da fühlt man sich fast selbst bedrängt, wenn man mal wieder
berechtigt darauf hinweisen darf (muss?), dass sich der europäischen Film erneut
intensiver, intelligenter und tiefgreifender mit einer Materie auseinander
setzt. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Francois Bégaudeau, hat
selbiger auch am Drehbuch mitgeschrieben und spielt die Hauptrolle als Lehrer
Francois. Etwas autobiographisch soll das Ganze schon sein, insofern ist es
wenig überraschend, dass sich Bégaudeau äußerst souverän in dieser Rolle
schlägt. „Realismus“ ist das große Stichwort. Weg vom amerikanischen Hochglanz,
von konstruiert wirkenden Dialogen und einer typisch filmischen Inszenierung,
ohne stilisierende Hintergrundmusik, hin zu einem Stil, der eher an
Dokumentationen über eben solche Problemschulen erinnert.
Man glaubt einen Moment lang, zwischen Dokumentarstil und wackelnder Kamera,
eben die Mechanismen zu erahnen, die in den US-Varianten so gerne genommen
werden, in diesem Fall die schriftliche Auseinandersetzung der Schüler mit sich
selbst und ihrer Identität. Doch dieser Film lässt es dazu nicht kommen. Die
Selbstportrait-Idee ist zwar zentral und wichtig, bringt aber eben nicht auf
wundersame Weise alles ins Reine. Das Ganze ist so unparteiisch wie eben
realistisch. Die Schüler sind mal nett und aufgeschlossen, mal pubertär, forsch
und aggressiv. Manche sind faul, andere wirklich etwas langsamer oder schlicht
mit zu vielen privaten Problemen beladen. Komplett ohne Klischees sind
Jugendliche einfach nicht zu behandeln. Das liegt nicht am schwachen Drehbuch
oder an zu wenig Ideen, sondern einfach an der Tatsache, dass eine Schulklasse
ohne Klischees und ein paar Stereotypen nicht funktioniert. Die Frage ist eher,
wie sie eingesetzt und gezeichnet werden und das gelingt hier mehr als gut. Die
Dialoge wirken glaubwürdig, aus dem Leben gegriffen, im positiven Sinne wie
improvisiert – was wohl teilweise auch der Tatsachen entspricht. Die Schüler
haben echte, gelebte Gesichter, wirken authentisch und spielen zudem noch gut.
Denn letztendlich ist es, trotz Dokumentarcharakters und vermeintlich
autobiographischer Grundlage des Romans, eine fiktive Handlung eines Spielfilms.
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"Nicht schlimm, mir ist Submerged auch erst
nicht eingefallen."
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Lehrer Francois selbst schwankt
zwischen Ehrgeiz und Hilflosigkeit, hat Ecken und Kanten, verliert ab und an die
Beherrschung, bis ihm ein ungeschicktes Wort entflieht. Er wirkt sogar manchmal
leicht naiv und grob, einen Moment später aber wieder sorgend und engagiert.
Über die Privatperson Francois erfahren wir nichts. Eine Frage nach seiner
sexuellen Gesinnung wird schwammig beantwortet, danach bleibt man im Dunkeln,
was dieser Person Antrieb gibt. Er ist gerne Lehrer, das spürt man, und versucht
oft genug, auf der Seite der Schüler zu sein, doch gleichzeitig merkt er immer
mehr, dass dies ein Kampf gegen die vielzitierten Windmühlen ist.
Wie bringt man Schülerproblemfälle wieder auf die Bahn zurück, wie entfacht man
in desinteressierten, illusionslosen Jugendlichen, wieder das Feuer? Wie
überbrückt man die Sprachprobleme, die besonders die Eltern den Zugang zur
Schullaufbahn ihrer Kinder verlieren lässt? Einige der Kinder haben sogar
Träume, teilweise recht naiv, aber immerhin Träume und Interessen. Wie weit darf
Schüler-Lehrer-Freundschaft gehen, wann muss bestraft werden, belohnt, für was
und wie stark? Mehr als in anderen Filmen gibt es auch Einblicke ins
Lehrerzimmer, in Abläufe des Schulalltags, beim Verteilen der Lehrpläne, beim
kollegialen Austausch und bei der Problemlösung für eben diese Problemschüler.
Von Kaffeeautomaten, über Schwangerschaften bis Disziplinarausschüssen wirkt
eben auch dieser Alltag, die bürokratischen und sozialen Räder der Schule,
überaus realistisch und nachvollziehbar und sogar durchaus nah an den Figuren,
wenn auch die Lehrer allesamt nur als Lehrer mit gewissen Persönlichkeiten,
jedoch ohne größeren Hintergrund greifbar sind.
Die Schlussszene ist vielleicht der filmischste Moment des gesamten Films, doch
die Aussage einer Schülerin, das Spiel auf dem Schulhof im Hintergrund der
vorherigen Handlung und der finale Blick in den Klassenraum am Ende des
Schuljahrs – irgendwie bedrückend und schwer, gleichzeitig mit leisem Optimismus
und einem nüchtern-realistischen Blick. Hier ist Alles möglich und gerade das
macht es wieder so realistisch.
Fazit:
„Die Klasse“ versucht ein ernsthaftes, realistisches Bild von Jugendlichen und
Schülern zu entwerfen. Die filmische Herkunft kann logischerweise nicht
vergessen gemacht werden, aber die authentischen Figuren, die guten
Alltagsdialoge und der dokumentarische Inszenierungsstil sorgen doch für ein
ungemein intensiveres Erlebnis, als so manch verklärt-inszenierter Versuch von
Übersee.
7,5 / 10
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