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Kritik:
Der freie Wille


von Christian Westhus

Der freie Wille
(2008)
Regie: Matthias Glasner
Darsteller: Jürgen Vogel

Story:
Theo, ein Vergewaltiger, kommt nach 9 Jahren aus dem Maßregelvollzug. Seine Angst vor Frauen und die damit verbundene unerfüllte Sehnsucht machen sein Leben in der Normalität zu einem Martyrium. Nettie schafft es mit 27 Jahren endlich, sich von ihrem Vater zu lösen, der sie ihr ganzes Leben lang psychisch missbraucht hat. Theo und Nettie begegnen sich. Als sie anfangen, sich zu lieben, beginnt ihre gemeinsame Reise an die Grenzen des freien Willens.

Kritik:
Es fällt schwer, diesen Film als eben Solchen zu beschreiben. Es fällt schwer, das Gesehene nüchtern in einer Rezension wiederzugeben. Es fällt schwer, dieses Erlebnis in Worte zu fassen. „Der freie Wille“ ist ungeheuer intensives, brutales, freies, europäisches Emotionskino in seiner radikalsten Form. – So könnte ein Versuch aussehen, den Film wiederzugeben und doch sind es bloß leere Worte, die nicht beschreiben können, wie man sich nach 163 Minuten fühlt, in denen man Jürgen Vogel und Sabine Timoteo durch menschliche Abgründe gefolgt ist.

Regisseur Matthias Glasner inszenierte ein ultrarealistisches Psychogramm eines Vergewaltigers: Wir erleben Theo in einer Großküche beim Abwasch, bis er entlassen wird und nach draußen stapft, wo wir einen Moment brauchen um zu erkennen, dass die ausgeblichenen, von der wackeligen Handkamera eingefangenen Bilder, tatsächlich Farbe beinhalten. Der Begriff „trist“ trifft die Stimmung nicht mal im Ansatz. Theo wirkt hektisch, mitunter paranoid und zornig und plötzlich ist es eine Radfahrerin, die zur Eskalation führt. In schonungsloser Härte und nahezu ohne zeitüberbrückende Schnitte, erleiden wir die Vergewaltigung mit. In einer beängstigenden Gegenlichtaufnahme schlägt, missbraucht und vergewaltigt Theo die Frau, deren abgehakte Hilferufe im Nichts der Natur verhallen. Kein fühlender Mensch, kommt aus dieser Szene unverändert heraus. Es wird Nacht und Theo wird gefunden.

Neun Jahre später gilt Theo als geheilt. Geheilt auf Bewährung, den Trieb angeblich unter Kontrolle. Neuanfang nennt man das wohl, doch mit solchen Illusionen räumt man direkt auf. Es ist der Anfang vom Ende, nur einsehen will man das noch nicht. Wir folgen Theo, den wir gerne als Monster sehen würden, doch für den wir schon bald Mitleid empfinden und mit ihm durchschreiten wir die graue, scheinheilige Welt der ottonormal Bürger mit ihren Karohemden, ihrer unterkühlten, falsch-freundlichen Art und dem Egoismus, der in uns allen wütet. Wir sind so nicht, wir sind gesund, wir sind gut und anständig. Noch eine Illusion.

Und plötzlich sehen wir unsere Welt aus einer anderen Perspektive, aus der eines Vergewaltigers und Triebtäters, die uns überdeutlich, hin und wieder plakativ und zu deutlich, zeigt, dass wir in einer Reizüberfluteten, sexuell überbelasteten Welt leben. Überdimensionale Werbeplakate mit halbnackten Frauen, Striplokale, junge Frauen, bauchfrei und in engen, knappen Tops und mittendrin Theo, der Vergewaltiger, der als geheilt gilt, es aber nicht ist, was er selbst auch noch erkennen wird. Und Theo müht sich, zwar stets unterkühlt, aber zumindest mit der bloßen Vorstellung von Hoffnung, obwohl er stets von dem Monster in ihm weiß und harrt in seiner kargen Wohnung dem wieder aufkeimenden Verlangen. Ablenkung durch Sport, durch Kampf und Disziplin. Den Trieb unterdrücken, durch Schweigen, durch Masturbation, durch Ablenkung. Der Wille, Liebe zu empfinden, Liebe für eine Frau und der Wille geliebt zu werden. Das ist essentiell, das ist menschlich.

Und dann ist da Netti, die mit 27 bei ihrem psychisch labilen Vater auszieht, der sie wohl etwas zu lieb hatte, seit die Mutter fort ist. Netti leidet, zieht sich zurück, vermeidet Emotionen, hat ihre eigene Psychose, kann nicht gut mit Menschen. Die Wege der Beiden gestörten Persönlichkeiten kreuzen sich, laufen immer wieder parallel. Es ist Nettis Leben, in das sie Theo einlädt, dass sich in Belgien plötzlich bessert und was dazu führt, dass die Mundwinkel zum ersten Mal nach oben zeigen.

Der kleine Funke Hoffnung wird vom Zuschauer sofort angenommen und doch wissen wir, dass er wieder erlischen wird. Und man lässt sich Zeit dabei. Momente des Schweigens, absoluter Stille, Musik nur aus der Handlung heraus, nichts Künstliches, nichts Filmisches. Quälend lange Einstellungen, der Alltag, langsame Handlungen, unterkühlte Emotionen – ein Psychogramm in Echtzeit, möchte man fast sagen und doch überbrückt die Handlung mehrere Monate.

Es ist schließlich eine Affekthandlung, die Alles in Richtung Finale steuert und es ist der freie Wille, der Theo dazu führt. Es ist der freie Wille, der Netti verstört zurücklässt, der freie Wille, der sie zu einem Opfer Theos führt, dessen Narben nicht verheilen können, die verändert wurde. Es ist der freie Wille, der Netti zu Theo trieb und das Schicksal beider besiegelte. Keine Anzeichen von Spiritualität, von Schicksal, vom Wandel auf gelenkten Bahnen. Gottes Wille oder der freie Wille des Menschen?

Im letzten Drittel wechselt der Protagonist und wir folgen Netti, auf der Suche nach Theo, nach Berlin und an die Ostsee und wir klammern uns an irreale Hoffnungsschimmer, an verzweifelte gute Taten und an den guten Menschen im Menschen. Wir leiden und das schon seit 2 Stunden und wir werden nicht erlöst. Es ist am Ende die logische Konsequenz einer chronologischen Studie der Hoffnungslosigkeit. Theos Entscheidung steht und uns dreht sich innerlich Alles um. Purer Schmerz. Und nicht einmal der Abspann gönnt uns eine Verschnaufpause, oder lässt uns langsam das Gesehene verarbeiten.

Der Film ist aus. Die Realität hat uns wieder. Welcher Film eigentlich? Wir sahen unmenschlich intensive Darsteller und eine unbeschreiblich emotionale Handlung, trotz Gewalt und frostigen Emotionen. Was man hier erlebt hat, geht über filmische Empfindungen weit hinaus. Wir werden weder belehrt, noch sehen wir den erhobenen Zeigefinger oder gar so etwas unrealistisches wie Hoffnung, man wurde Zeuge einer menschlichen Studie.

Fazit:
Das kann nicht in einer Bewertung wiedergegeben werden, dass muss man fühlen und erleben, da muss man sich durchkämpfen, durchbeißen, dass muss man erleiden. Ein intensives Stück Schmerz, das sich als Film tarnt. Unglaublich.

ohne Wertung / 10

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