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Kritik:
Deutschland - 13 kurze Filme


von Christian Westhus

Deutschland - 13 kurze Filme
(2009)
Regie: u.a. Tom Tykwer
Darsteller: sind drin

Story:
Über 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, 40 Jahre nach dem studentischen Aufbruch 1968, 30 Jahre nach dem "Deutschen Herbst" 1977, 20 Jahre nach dem Fall der deutsch-deutschen Grenze 1989 und mitten im gesellschaftlichen Umbruch der "Agenda 2010" auf dem Weg in die globalisierte Welt des 21. Jahrhunderts, findet sich eine Gruppe von Kino-Regisseurinnen und Regisseuren aus Deutschland zusammen, um aus ihren individuellen Blickwinkeln ein Panoramabild der gesellschaftlichen und politischen Situation der heutigen Bundesrepublik zusammenzusetzen.

Jeder der beteiligten Regisseure interpretiert seine persönliche Wahrnehmung und eigene filmische Sicht auf das heutige Deutschland, abstrakt oder konkret, frei in der Wahl des Formates und des Inhaltes. Die einzelnen Beiträge konnten Kurzspielfilme, Dokumentarfilme, essayistisch oder experimentell sein.

Kritik:
„13 kurze Filme zur Lage der Nation.“ Zur Lage der Nation. Das klingt schon wieder reichlich politisch. Das klingt nach Wirtschaftskrise, nach Wahlkampf, Integrationspolitik, Außenpolitik, Afghanistan und „Killerspielen“. Will man sich Debatten in Kurzfilmform im Kino geben? Politische Egotrips deutscher Regisseure ansehen, nur um hinterher sagen zu können „Ach, sieh an! Herr Tykwer verkehrt häufiger im Starbucks.“? Ganz so ist es nämlich gar nicht. Nicht so streng politisch. Und vor allem nicht so trocken.

Nach einem stimmungsvollen, aber reichlich nichtssagenden Einstieg, wird Dani Levy („Väter“, „Mein Führer“), in Doppelfunktion als Regisseur und Hauptdarsteller, per pflanzlichem Stimmungsaufheller auf einen Trip geschickt, der sich gewaschen hat. Wie auf LSD, sieht er plötzlich ein Deutschland wie es sein könnte. Nett, offen und freundlich - und in warmen Brauntönen gehalten. Das ist verrückt, meint man; auch da man noch nicht weiß, was da noch kommt. Dann fliegt auch noch der Sohn weg, landet diversen Leuten auf dem Schoß und das Alles nachdem Levy niedergeschlagen berichtet, er habe Angst, in was für einem Land seine Kinder groß werden. Dieser sympathisch-polemische Schabernack unterhält durchaus. Ob er präzise ist, oder durch seine Verrücktheit mehr ablenkt, als Ideen schafft, ist eine andere Frage.

Die wollte sich Fatih Akin („Gegen die Wand“, „Auf der anderen Seite“) scheinbar gar nicht stellen. Sein Interviewfilm, mit Denis Moschitto als Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz, ist streng, geradlinig, zu weiten Teilen unfilmisch und einzig auf das Interview ausgelegt. Das echte Interview ist eine Provokation und die Auszüge hier, regen sicherlich ebenfalls zum Nachdenken an, aber werden wir involviert? Zerstört Herr Moschitto mit seinem schlechten Spiel, bei dem jedes Wort wie auswendig gelernt wirkt, nicht die komplette Idee? Da kann man zu Beginn und Ende noch so elegant in und aus dem Zimmer hinausschneiden, wirklich gebracht hat uns diese Episode wenig.

Der komplett andere Ansatz von Nicolette Krebitz’ folgendem Segment zeigt zum Einen, wie es besser geht und zum Anderen, wie unterschiedlich und abwechslungsreich fast 150 Minuten Episodenfilm sein können. Auch Krebitz nimmt sich reale Figuren vor, kreiert ein faszinierendes Wiedersehen mit Ulrike Meinhoff und lässt diese in einem Dreierbund aus Frauen Politik, Polit-Aktivismus, Jugendideale, Feminismus und die Gesellschaft diskutieren. Die leicht surreale Traum-Atmosphäre passt wesentlich besser und selbst die Phrasen werden behandelt, kritisch beäugt und weiter gedacht. Und dann zitiert die Krebitz auch noch Godards „Außenseiterbande“. Faszinierend anders, dieser Beitrag.

Aber anders sind sie alle, diese 13 kurzen Filme. Nur „Stockinger“ Karl Markovics hat als Leiter einer Sozialhilfe-Küche für Kinder und Jugendliche, später leider keine Chance mehr gegen einen unglaublich faszinierenden und lehrreichen Einblick in ein Klassenzimmer, der ein wenig wie die Grundschulversion des Cannes-Gewinner „Die Klasse“ wirkt. FAZ-Leser Josef Bierbichler fängt hingegen zunächst drollig, augenzwinkernd und nur leicht überspitzt an, immerhin geht es ihm um Kultur, um Institutionen, um Traditionen, schießt dann aber völlig über das Ziel hinaus und lässt mehr Ärger als Verständnis zurück. Hans Weingärtner zitiert seinen eigenen „Die fetten Jahre sind vorbei“ und hinterlässt mit den abschließenden Texttafeln weitaus mehr Bedrückung und Angst, als mit seiner Spielhandlung. Ein dokumentarischer Blick ins Bordell ist dagegen zunächst witzig, dann mitunter ein wenig pervers und schließlich nachdenklich. Hier sind wir bei der angesprochenen Integrationspolitik, hier sind wir bei Ausländern und bei Gastfreundschaft.

Und dann ist da ja auch noch Tom Tykwer; Mitinitiator und wohl größter Name der illustren Runde. Er schickt Benno Fürmann auf Weltreise, versucht sich an einem Heimatgefühl, an dem Verlust eben dieses Gefühls, durch globale Konformität, durch Hektik, den modernen Alltag, Großkonzerne – und liefert damit den am wenigsten deutschen Beitrag von allen ab. Hypnotisch, schick geschnitten - wie immer bei Tykwer, aber letztendlich ist es komplett egal, ob der Fürman aus Deutschland oder dem vielzitierten Timbuktu kommt.

Überhaupt neigen die Filme dazu, sich nicht in letzter Konsequenz auf Deutschland zu beziehen. Am ehesten noch Akins Beitrag, aber in der Regel braucht man nur ein paar Namen auszutauschen und könnte diese Filme auch Franzosen vorführen. Fühlen wir uns als Deutsche also angesprochen? Erkennen wir das Land in dem wir leben wieder, oder langweilen uns diese höchst subjektiven Mini-Geschichten? Trotz Uneindeutigkeit bieten die Filme nämlich unendlichen Diskussionsstoff. Sie sind oft randvoll mit Ansätzen, mit Ideen oder Denkanstößen, dass man sich irgendwann fragt, ob 7 Filme nicht gereicht hätten. Aufmerksamkeit ist gefragt und Aufnahmebereitschaft über einen längeren Zeitraum hinweg, um die ersten Episoden nicht im Wust der Handlungen, Geschichten und Ideen zu verlieren.

Und wer es doch eindeutig Deutschland-bezogen haben möchte, dem dürfte Wolfgang Beckers („Good Bye, Lenin!“) „Krankes Haus“ - die vorletzten Episode - ein Lächeln bereiten. Eine völlig überdrehte Albtraum-Grotesk in einem Wahnsinnsspital Deutschland. Wild wird hier in alle Richtungen geballert, es quillt geradezu über vor Anspielungen, Referenzen und Querverweisen. Symbole wo hin man schaut und obwohl kaum die Hälfte wirklich trifft, obwohl der Overkill die klugen Ideen fast erdrückt, ist die Mischung aus überdrehter Surreal-Unterhaltung und Polit-Symbolik doch einigermaßen gelungen.

Und wer auf Handlung komplett verzichten kann, wird bei Dominik Graf, in Zusammenarbeit mit Martin Gressmann, und Christoph Hochhäusler fündig. Die präsentieren essayistische Assoziations-Diashows. Geschickt montierte Impressionen, hier emotionale Architektur, dort der Mikrokosmos einer Mond-Siedlung. Irgendwo zwischen Resnais und Chris Marker generieren die Erzählungen und Monologe eine große Nachdenklichkeit; mal Beklemmung, mal Melancholie. Das ist faszinierend, aber natürlich auch irgendwie verkopft.

Und dann ist Schluss. 13 kurze Filme zur Lage der Nation. Diesem Filmen nach zu urteilen, läuft in Deutschland einiges schief. Der „Ruck“, als Phrase der Hoffnung, wird wieder beschworen und so ziemlich alles, was in Deutschlands Welt der Filmemacher Rang und Namen hat, bringt sich ein. Die US-Legionäre fehlen und ein Wim Wenders fühlte sich dem Ganzen wohl zu wenig verbunden, sei es das Alter oder der eigene Anspruch. Ein Marcus H. Rosenmüller, eine Doris Dörrie – was hätten die zu erzählen gehabt und warum ist die einzige Idee für Optimismus eigentlich ein nicht existentes Aufputschmittel? Länder aus der dritten Welt hätten wahrscheinlich fröhlichere Filme gemacht. Ob die Deutschen nur ehrlich sein, oder den Erwartungen entsprechen wollten, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Fazit:
Hassen oder lieben und das 13 mal in etwas mehr als zwei Stunden. Es wird unmöglich sein, jeden Film rigoros abzulehnen und es wird ebenso unmöglich sein, jeden Film begeistert aufzunehmen. „Deutschland 09“ bietet Ideen und Ansätze, Banales und Kluges, Leerlauf und Antrieb und präsentiert ein komplett uneinheitliches Deutschlandbild, das gar nicht unbedingt nur ein Deutschlandbild sein muss. Kein Unterhaltungsfilm im eigentlichen Sinne, sondern ein intensiver und durchaus unterhaltsamer Blick ins Detail und ganz woanders hin, mit anschließender Diskussionsgarantie. Eine X/10-Bewertung ist daher schwierig und ohne größere Bedeutung.

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