Story:
Über 60 Jahre nach dem Ende
des Zweiten Weltkriegs, 40 Jahre nach dem studentischen Aufbruch 1968, 30 Jahre
nach dem "Deutschen Herbst" 1977, 20 Jahre nach dem Fall der deutsch-deutschen
Grenze 1989 und mitten im gesellschaftlichen Umbruch der "Agenda 2010" auf dem
Weg in die globalisierte Welt des 21. Jahrhunderts, findet sich eine Gruppe von
Kino-Regisseurinnen und Regisseuren aus Deutschland zusammen, um aus ihren
individuellen Blickwinkeln ein Panoramabild der gesellschaftlichen und
politischen Situation der heutigen Bundesrepublik zusammenzusetzen.
Jeder der beteiligten Regisseure interpretiert seine persönliche Wahrnehmung und
eigene filmische Sicht auf das heutige Deutschland, abstrakt oder konkret, frei
in der Wahl des Formates und des Inhaltes. Die einzelnen Beiträge konnten
Kurzspielfilme, Dokumentarfilme, essayistisch oder experimentell sein.
regie :
tom tykwer et al
cast :
dani levly
kritik :
christian westhus
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Kritik:
„13 kurze Filme
zur Lage der Nation.“ Zur Lage der Nation. Das klingt schon wieder reichlich
politisch. Das klingt nach Wirtschaftskrise, nach Wahlkampf,
Integrationspolitik, Außenpolitik, Afghanistan und „Killerspielen“. Will man
sich Debatten in Kurzfilmform im Kino geben? Politische Egotrips deutscher
Regisseure ansehen, nur um hinterher sagen zu können „Ach, sieh an! Herr Tykwer
verkehrt häufiger im Starbucks.“? Ganz so ist es nämlich gar nicht. Nicht so
streng politisch. Und vor allem nicht so trocken.
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Nach einem stimmungsvollen, aber
reichlich nichtssagenden Einstieg, wird Dani Levy („Väter“, „Mein Führer“), in
Doppelfunktion als Regisseur und Hauptdarsteller, per pflanzlichem
Stimmungsaufheller auf einen Trip geschickt, der sich gewaschen hat. Wie auf
LSD, sieht er plötzlich ein Deutschland wie es sein könnte. Nett, offen und
freundlich - und in warmen Brauntönen gehalten. Das ist verrückt, meint man;
auch da man noch nicht weiß, was da noch kommt. Dann fliegt auch noch der Sohn
weg, landet diversen Leuten auf dem Schoß und das Alles nachdem Levy
niedergeschlagen berichtet, er habe Angst, in was für einem Land seine Kinder
groß werden. Dieser sympathisch-polemische Schabernack unterhält durchaus. Ob er
präzise ist, oder durch seine Verrücktheit mehr ablenkt, als Ideen schafft, ist
eine andere Frage.
Die wollte sich Fatih Akin („Gegen die Wand“, „Auf der anderen Seite“) scheinbar
gar nicht stellen. Sein Interviewfilm, mit Denis Moschitto als
Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz, ist streng, geradlinig, zu weiten Teilen
unfilmisch und einzig auf das Interview ausgelegt. Das echte Interview ist eine
Provokation und die Auszüge hier, regen sicherlich ebenfalls zum Nachdenken an,
aber werden wir involviert? Zerstört Herr Moschitto mit seinem schlechten Spiel,
bei dem jedes Wort wie auswendig gelernt wirkt, nicht die komplette Idee? Da
kann man zu Beginn und Ende noch so elegant in und aus dem Zimmer
hinausschneiden, wirklich gebracht hat uns diese Episode wenig.
Der komplett andere Ansatz von Nicolette Krebitz’ folgendem Segment zeigt zum
Einen, wie es besser geht und zum Anderen, wie unterschiedlich und
abwechslungsreich fast 150 Minuten Episodenfilm sein können. Auch Krebitz nimmt
sich reale Figuren vor, kreiert ein faszinierendes Wiedersehen mit Ulrike
Meinhoff und lässt diese in einem Dreierbund aus Frauen Politik,
Polit-Aktivismus, Jugendideale, Feminismus und die Gesellschaft diskutieren. Die
leicht surreale Traum-Atmosphäre passt wesentlich besser und selbst die Phrasen
werden behandelt, kritisch beäugt und weiter gedacht. Und dann zitiert die
Krebitz auch noch Godards „Außenseiterbande“. Faszinierend anders, dieser
Beitrag.
Aber anders sind sie alle, diese 13 kurzen Filme. Nur „Stockinger“ Karl
Markovics hat als Leiter einer Sozialhilfe-Küche für Kinder und Jugendliche,
später leider keine Chance mehr gegen einen unglaublich faszinierenden und
lehrreichen Einblick in ein Klassenzimmer, der ein wenig wie die
Grundschulversion des Cannes-Gewinner „Die Klasse“ wirkt. FAZ-Leser Josef
Bierbichler fängt hingegen zunächst drollig, augenzwinkernd und nur leicht
überspitzt an, immerhin geht es ihm um Kultur, um Institutionen, um Traditionen,
schießt dann aber völlig über das Ziel hinaus und lässt mehr Ärger als
Verständnis zurück. Hans Weingärtner zitiert seinen eigenen „Die fetten Jahre
sind vorbei“ und hinterlässt mit den abschließenden Texttafeln weitaus mehr
Bedrückung und Angst, als mit seiner Spielhandlung. Ein dokumentarischer Blick
ins Bordell ist dagegen zunächst witzig, dann mitunter ein wenig pervers und
schließlich nachdenklich. Hier sind wir bei der angesprochenen
Integrationspolitik, hier sind wir bei Ausländern und bei Gastfreundschaft.
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Und dann ist da ja auch noch Tom
Tykwer; Mitinitiator und wohl größter Name der illustren Runde. Er schickt Benno
Fürmann auf Weltreise, versucht sich an einem Heimatgefühl, an dem Verlust eben
dieses Gefühls, durch globale Konformität, durch Hektik, den modernen Alltag,
Großkonzerne – und liefert damit den am wenigsten deutschen Beitrag von allen
ab. Hypnotisch, schick geschnitten - wie immer bei Tykwer, aber letztendlich ist
es komplett egal, ob der Fürman aus Deutschland oder dem vielzitierten Timbuktu
kommt.
Überhaupt neigen die Filme dazu, sich nicht in letzter Konsequenz auf
Deutschland zu beziehen. Am ehesten noch Akins Beitrag, aber in der Regel
braucht man nur ein paar Namen auszutauschen und könnte diese Filme auch
Franzosen vorführen. Fühlen wir uns als Deutsche also angesprochen? Erkennen wir
das Land in dem wir leben wieder, oder langweilen uns diese höchst subjektiven
Mini-Geschichten? Trotz Uneindeutigkeit bieten die Filme nämlich unendlichen
Diskussionsstoff. Sie sind oft randvoll mit Ansätzen, mit Ideen oder
Denkanstößen, dass man sich irgendwann fragt, ob 7 Filme nicht gereicht hätten.
Aufmerksamkeit ist gefragt und Aufnahmebereitschaft über einen längeren Zeitraum
hinweg, um die ersten Episoden nicht im Wust der Handlungen, Geschichten und
Ideen zu verlieren.
Und wer es doch eindeutig Deutschland-bezogen haben möchte, dem dürfte Wolfgang
Beckers („Good Bye, Lenin!“) „Krankes Haus“ - die vorletzten Episode - ein
Lächeln bereiten. Eine völlig überdrehte Albtraum-Grotesk in einem
Wahnsinnsspital Deutschland. Wild wird hier in alle Richtungen geballert, es
quillt geradezu über vor Anspielungen, Referenzen und Querverweisen. Symbole wo
hin man schaut und obwohl kaum die Hälfte wirklich trifft, obwohl der Overkill
die klugen Ideen fast erdrückt, ist die Mischung aus überdrehter
Surreal-Unterhaltung und Polit-Symbolik doch einigermaßen gelungen.
Und wer auf Handlung komplett verzichten kann, wird bei Dominik Graf, in
Zusammenarbeit mit Martin Gressmann, und Christoph Hochhäusler fündig. Die
präsentieren essayistische Assoziations-Diashows. Geschickt montierte
Impressionen, hier emotionale Architektur, dort der Mikrokosmos einer
Mond-Siedlung. Irgendwo zwischen Resnais und Chris Marker generieren die
Erzählungen und Monologe eine große Nachdenklichkeit; mal Beklemmung, mal
Melancholie. Das ist faszinierend, aber natürlich auch irgendwie verkopft.
Und dann ist Schluss. 13 kurze Filme zur Lage der Nation. Diesem Filmen nach zu
urteilen, läuft in Deutschland einiges schief. Der „Ruck“, als Phrase der
Hoffnung, wird wieder beschworen und so ziemlich alles, was in Deutschlands Welt
der Filmemacher Rang und Namen hat, bringt sich ein. Die US-Legionäre fehlen und
ein Wim Wenders fühlte sich dem Ganzen wohl zu wenig verbunden, sei es das Alter
oder der eigene Anspruch. Ein Marcus H. Rosenmüller, eine Doris Dörrie – was
hätten die zu erzählen gehabt und warum ist die einzige Idee für Optimismus
eigentlich ein nicht existentes Aufputschmittel? Länder aus der dritten Welt
hätten wahrscheinlich fröhlichere Filme gemacht. Ob die Deutschen nur ehrlich
sein, oder den Erwartungen entsprechen wollten, muss jeder für sich selbst
entscheiden.
Fazit:
Hassen oder lieben und
das 13 mal in etwas mehr als zwei Stunden. Es wird unmöglich sein, jeden Film
rigoros abzulehnen und es wird ebenso unmöglich sein, jeden Film begeistert
aufzunehmen. „Deutschland 09“ bietet Ideen und Ansätze, Banales und Kluges,
Leerlauf und Antrieb und präsentiert ein komplett uneinheitliches
Deutschlandbild, das gar nicht unbedingt nur ein Deutschlandbild sein muss. Kein
Unterhaltungsfilm im eigentlichen Sinne, sondern ein intensiver und durchaus
unterhaltsamer Blick ins Detail und ganz woanders hin, mit anschließender
Diskussionsgarantie.
Eine X/10-Bewertung ist daher schwierig und ohne größere Bedeutung.
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