Story:
Der sehr eigensinnige Lehrer
Rainer Wenger (Jürgen Vogel) versucht während einer Projektwoche seinen Schülern
das Thema der Autokratie näher zu bringen. Keiner glaubt daran, dass es möglich
sei, in Deutschland zu der modernen Zeit eine Diktatur zu errichten. Nazi
Deutschland sei unantastbar und eigentlich sei man viel zu aufgeklärt, um solch
einem Gedanken der Diktatur erneut zu verfallen. Im Laufe der Woche bringt
Rainer den Schülern mehrere Verhaltensmuster näher, die ihn als Autoritätsperson
bestärken. Anfangs scheint sich dies noch in einem geordneten Rahmen
abzuspielen, jedoch stellt sich schnell heraus, dass dies nur der Anfang von
dramatischen Ereignissen war und dass Rainer schlussendlich nichts anderes übrig
bleibt, als das Experiment abzubrechen…
regie :
dennis gansel
cast :
jürgen vogel, frederick lau, max riemelt
kritik :
jan kellermann
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Kritik:
Fast jeder kennt
Morton Rhues „Die Welle“ – eines der meist begehrtesten und diskutierten
Schullektüren überhaupt. In dieser Lektüre geht es um einen amerikanischen
Lehrer, der mit seiner Klasse ein gewagtes Experiment durchführt, bei dem die
Schüler sich an strikte Vorgaben halten und der Autorität des Lehrers Folge
leisten müssen. Dieses Experiment hat zu einer Folge mit einem unvorstellbaren
Ausmaß geführt, aus der es kein Entrinnen gegeben hat. Die harte Realität ist,
dass sich dieses Drama tatsächlich an einer Highschool irgendwo in Palo Alto in
den 60er Jahren zugetragen haben soll. Dieses Sozialexperiment wurde unter dem
Namen „The Third Wave“ (Die dritte Welle) an die Schüler gebracht.
Nach einer fünftägigen Auseinandersetzung mit diversen Verhaltensmustern brach
der Lehrer Ron Jones das Projekt abrupt ab, in dem er den begeisterten Schülern
in einer Versammlungshalle einen Vergleich mit Jugendorganisationen aus dem
dritten Reich vorführte. Nachdem sich ein amerikanischer Regisseur in den 80er
Jahren bereits an dieser Vorlage bediente, adaptierte der deutsche Regisseur
Dennis Gansel das Geschehen ca. 28 Jahre später erneut und schuf eine sehr
intensiv aufgebaute und nahezu dramatisch perfekt inszenierte Verfilmung, die
durch diverse Elemente total überzeugen kann.
Die Neuinszenierung der Welle ist
genau so richtig wie sie falsch ist. Im Prinzip wurden die veralteten
Anschauungsweisheiten der damaligen Zeit korrekt in die Moderne übertragen und
durch die heutigen, jugendlichen Verhaltensmustern ersetzt. Die Geschichte
klingt zwar sehr überstürzt, ist allerdings sehr dramatisch in Szene gesetzt und
dadurch umso glaubwürdiger. Eine Diktatur in Deutschland lässt sich allerdings
nicht ganz so einfach errichten, wie man denkt. In der Regel besteht die
Möglichkeit, sofern man die Aufmerksamkeit der Mehrheit auf seine Seite lockt
und sie komplett von dem eigenen Vorhaben überzeugt, allerdings ist dies
aufgrund der modernen Politik kaum noch durchsetzbar.
„Die Welle“ spiegelt die Möglichkeit wieder, solch ein fatales Vorhaben in die
Tat umzusetzen. Es ist erschreckend, wie schnell solch eine Ideologie Anhänger
findet und es auch Menschen sind, die gar nicht merken, was diese Mitgliedschaft
zur Folge haben kann. Freiheiten werden eingeschränkt, Verhaltensmuster
dokumentiert und Lebenseinstellungen umgestellt. Noch krasser ist allerdings das
Ausmaß dieser Vorstellung, welches in den 60er Jahren etwas harmloser ausfiel
als in der modernen Verfilmung dargestellt. Es kommt zu unerwarteten Wendungen
und auch zu überraschenden Einschnitten in das eigene Leben des „Diktators“.
Im Film selbst mimt Jürgen Vogel
den eigentlich unfreiwillig zum Diktator gewordenen Lehrer. Er spielt seine
Rolle sehr glaubwürdig und verleiht den Szenen die gewisse Ernsthaftigkeit. Da
der Film durch den jugendlichen Flair oft zu modern wirkt und man ihn an
gewissen Stellen als überzogen ansehen könnte, kann durch den durchweg ernsten
Charakter des von Jürgen Vogel gespielten Gymnasiallehrer die Atmosphäre wieder
ins „Normale“ geführt werden. Neben ihm kann auch Frederick Lau als sehr
verstörter Jugendlicher überzeugen. Seine Rolle ist ein sehr erschreckendes
Beispiel – Jugendliche, die aus dem Elternhaus keine Liebe bekommen, halten sich
an Idealen fest, die sie letzten Endes selbst in Gefahr bringen.
Eine sehr starke Leistung, die wirklich überzeugen konnte. Allerdings ist es
fragwürdig, ob es tatsächlich Menschen gibt, die ihre Alltagskleidung
verbrennen, nur noch in Schuluniformen umherlaufen und vor dem Haus des eigenen
Lehrers übernachten. Die Schauspieler machen ihre Sache sehr gut und sind auch
gut besetzt – sehr „modern“ und genau so abgedreht wie die heutige Jugend.
Einziger Kritikpunkt an der Story wäre, dass selbst die Rektorin der Schule bei
all dem Tumult noch immer hinter den Absichten steht. Und obwohl viele Kollegen
des Lehrers die „böse Macht“ spüren, wird nichts unternommen. In diesem Fall
lässt sich aber auch sagen, dass diese Angst vor dem nicht akzeptiert werden
stärker wird und auch sehr intensiv dargestellt wird. Mitglieder der „Welle“,
die vorher Außenseiter waren, grenzen nun auch Menschen aus, die keine
Mitglieder dieser Gruppierung werden wollen. Erwähnenswert wäre auch die gewisse
Selbstironie des Films, da er die unzähligen Aufarbeitungen der NS Zeit in
Filmen kritisiert, dies aber im indirekten Fall auch selbst macht. Allerdings
ist diese Aufarbeitung weniger träge, sondern real inszeniert und sich nicht
wiederholend.
Fazit:
Der Film wirkt nicht
träge, sondern durchweg spannend und clever aufgebaut, sodass man bei der
Laufzeit von ca. 2 Stunden nicht auch nur daran denkt, mal eben den Kinosaal für
einen Toilettenbesuch zu verlassen. Natürlich ist der Film nicht 100%ig perfekt,
aber man sollte ihm dennoch die Eigenschaft einräumen, einer der besten und
vielleicht auch am meisten schockierenden, deutschen Filme zu sein, die in
letzter Zeit gemacht wurden. Glaubhaft oder nicht – der Film bewegt und löst,
genau wie die Schullektüre, eine Diskussion aus, die noch lange anhalten wird.
9
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