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District 9


Kritik von Christian Westhus

District 9 (2009)
Regie: Neil Blomkamp
Cast: Sharlto Coplay

Story:
Aliens sind auf der Erde gelandet, doch statt wie sonst Manhattan vernichten oder Dan Akroyd heiraten zu wollen, sind die menschlichen Gambas ausnahmsweise einmal recht ziel- und obdachlos. Zwanzig Jahre nach ihrer Ankunft sollen sie dann eines Tages aus ihrem herunter gekommenen Wohngebiet in ein kleineres Exil verlegt werden, wobei sich Aufseher Wikus van der Merwe unfreiwillig in die Lage der Gäste versetzen darf...

Der Regisseur hätte vorher fast einen Halo
Kinofilm gemacht

Kritik:
Es ist letztendlich komplett egal wie ein Film beworben wurde, wenn man ihn schließlich gesehen hat, doch im Falle von „District 9“ ist es doch interessant. Es schlich sich mit Peter-Jackson-Boost und langsam aufköchelndem Internethype an, der diesjährige „Cloverfield“ zu werden und übertrumpfte das vermeintliche Vorbild in Einspiel (zumindest in den USA) und Qualität deutlich. Der Vergleich liegt nahe, denn in beiden Filmen geht es um eine Alieninvasion, die uns im Realismusgewand präsentiert wird.

„District 9“ gibt zumeist vor, eine Dokumentation zu sein, die die Ereignisse bei der geplanten Umsiedlung der Außerirdischen schildert, die seit rund 20 Jahren in Johannesburg leben. Natürlich wird das Gesehene dadurch nicht für real gehalten, aber es wirkt realer und ganz davon ab profitiert die Erzählweise enorm davon. Dass wir in einem zunächst unspektakulären, aber wichtigen ersten Akt von offiziellen Sprechern über die Situation und über Eigenheiten dieser alternativen Realität aufgeklärt werden, ist geschickt gelöst, weil es zeitsparend und stilistisch einheitlich ist. Ein wenig erzwungen und künstlich mag es zwar manchmal erscheinen, wenn wir durch Überwachungskameras oder Reporterteams die Handlung überblicken, doch die Wirkung wäre anders wahrscheinlich schwächer gewesen.

Auch lässt der Doku-Charakter die etwas grobkörnige Optik und den Wackelkamerastil leichter akzeptieren, denn wenn wir mit dem etwas naiven aber zunächst sympathischen Wikus unterwegs sind, schleicht sich schon dieses „mittendrin“ Gefühl ein. Sobald wir mit dem Kontrollgang durch District 9, einem abgeschirmten Bereich in Johannesburg, in dem die Aliens in Wellblechhütten zusammengepfercht leben, beginnen, legt der Film richtig los. Der lustig-schwerfällige Wikus entpuppt sich als erschreckend kalt, ein Geheimdiensttyp schwirrt säbelrasselnd im Heli herum und die Aliens erregen schnell Mitleid. Wirkten die insektoiden Zweibeiner zuvor wie Ungeziefer ohne Emotionen, bauen sich plötzlich Charaktere unter den „Schrimps“ genannten Fremden auf und die Menschen zeigen sich von einer ihrer unedelsten Seiten.

Regisseur Neill Blomkamp wuchs in Südafrika auf und hat den Film bewusst als Apartheidsparabel ausgelegt. Die brüchigen Behausungen, zwischen Dreck und Abfällen, sind ganz nach Slumvorbild geschaffen, bei der Umsiedlung in ein steriles Zeltlager schrillen die Alarmglocken auf und man ruft Deportation, und weil es gerade so gut hineinpasst, verhindert die Menschheit die Abreise der Aliens, weil sich mit den Alienwaffen sicherlich noch Reibach machen lässt. Das denken sich auch Nigerianer, die sich im Slumgebiet breitgemacht haben und das ganze Politkonstrukt des Films ordentlich durcheinander bringen. Was für manche erfreulich weitsichtig erscheinen mag, kann aber schnell auch schwammig wirken, denn so ganz reibungslos will die Übertragung von Apartheid auf „District 9“ nicht gelingen.

Neil Blomkamp drehte anschließend
Elysium

Vielleicht sollte man sich von diesem speziellen Südafrika-Fall auch etwas lösen und den Film mehr als Rassismuskritik im Science-Fiction-Action-Gewand sehen. Was sicherlich keinen Einzelfall in der Filmwelt darstellt, wird in diesem Fall aber nicht nur originell, sondern auch intensiver und anspruchsvoller behandelt, als man gewohnt ist. Blomkamp sorgt mit kurzen, wirkungsvollen Szenen für starke Regung beim Zuschauer und erzeugt gekonnt symbolisch und allegorisch aufgeladene Bilder die hängen bleiben. Der Fund von Alieneiern und die Handhabe der Organisation gehört zu den schockierenden Szenen des Films und ist kein Einzelfall. Hauptfigur Wikus ist entsprechend auch eine ambivalente Hauptfigur, der wir bald folgen. Einerseits egoistisch und arrogant, irgendwie aber auch sympathisch und später unglücklich zum Opfer geworden. Mit ihm stolpern wir panisch und ständig überrascht durch manch bizarre Szenerie, durch ungewöhnliche Wendungen und fiese Einfälle, die besonders visuell jederzeit überzeugen können

Der Film steigert sich von Minute zu Minute, packt gekonnt Action neben Drama und satirischem Unterbau und zieht die Handlung, die nunmehr nur noch selten von Interviewfetzen durchbrochen wird, geradlinig durch. Das Tempo stimmt und die Aufmachung ist über jeden Zweifel erhaben. Natürlich profitieren die Effekte davon, dass der Film nicht in typischer Hollywood-Hochauflösung gedreht ist, aber auch so ist die Effektarbeit beeindruckend. Die Außerirdischen wirken in Bewegung und in Umgebungsinteraktion so authentisch und real, dass man sich mehrfach fragt, ob es sich wirklich um Computerkreation handelt. Das Raumschiff selbst trägt zwar immer einen etwas künstlich wirkenden Schleier mit sich, passt so aber in die Umgebung, und ein weiteres Detail aus dem letzten Drittel ist so erstklassig getrickst und inszeniert, dass den Vorsitzenden großer Hollywoodstudios die Schamesröte ins Gesicht steigen müsste, dass sie für ähnliche Qualität exorbitante Budgets verballern.

Überhaupt übertrifft das letzte Drittel noch mal alles, was zuvor da war und lässt so manche Unwahrscheinlichkeit und den ein oder anderen Logikfehler vergessen. Eine zweite Hauptfigur tritt auf den Plan, die Dramatik schraubt sich in ungeahnte Höhen und die Action übernimmt die Kontrolle. Gekonnt führt Blomkamp durch das Chaos in diesem originellen Szenario, fügt mit gutem Timing dramatische Passagen ein und scheut sich vor allem nicht vor drastischen Szenen. Besonders mit Hilfe der Alienwaffen suppt der rote Saft ein ums andere Mal gewaltig und ein leicht ironisches Augenzwinkern ist da glücklicherweise dabei, ohne dem Ganzen den Ernst zunehmen, denn bei aller Unterhaltung ist „District 9“ eigentlich kein Spaßfilm. Das Finale ist so enorm spannend, wie lange nicht mehr und weil die Inszenierung so frisch, wendungsreich und neuartig ist, muss man auf alles gefasst sein; was die Spannung noch erhöht.

Schade ist, dass sich der Film ausschließlich auf Südafrika konzentriert. Einem Film der sich in Aufmachung und Botschaft so ernst gibt, stünde es gut, sein fiktiv-politisches Anliegen auch international auszuweiten. Um sich daran zu stören, muss man den Film aber schon mit etwas Abstand betrachten, denn das Finale ist Begeisterung pur und obwohl es irgendwie nahe liegt und eigentlich auch sehr willkommen ist, braucht es ein Sequel gar nicht. Dafür ist der Film in seiner Gesamtheit – trotz Macken – einfach zu gut.

Fazit:
Ein frischer Wind für das Genre des Science-Fiction-Films und einer der originellsten Filme des Jahres. In einer spannenden, intelligenten und doppelbödigen Story packt Regisseur Blomkamp alles zusammen und schnürt ein durchweg überzeugendes Gesamtpaket aus Action, Ernst und Spannung mit toller Effektkunst. Dass der eigene politische Anspruch etwas schwammig ist und das Drehbuch kleinere Holprer hat, mindert das Wohlgefallen am Film kaum

8 / 10

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