Story:
Anna (Naomi Watts) hilft einer schwangeren Frau ihr Kind zu bekommen, die
allerdings bei der Geburt das Leben verliert. Hoffnungslos versucht sie das Kind
unterzubringen und landet dabei in den Händen der russischen Mafia, die an
geheimen Informationen der Mutter interessiert sind. Sie schicken Nikolai (Viggo
Mortensen), ihren Mann für besondere Probleme...
regie :
david cronenberg
cast :
viggo mortensen, naomi watts
kritik :
christian westhus
____________________________________________________________________________
Kritik:
Eine der graphischsten
und heftigsten Gewaltszenen der letzten Jahre (für einen Film dieser Art)
empfängt den Zuschauer schon in den ersten zwei Minuten und heißt ihn Willkommen
in einem Film von David Cronenberg.
Der kanadische Regisseur war in
der Vergangenheit für bizarr-blutige Horrorfilme bekannt, begründete seinen Stil
des surrealen Bodyhorrors mit Filmen wie „Videodrome“ oder der
Burroughs-Verfilmung „Naked Lunch“. Cronenberg im neuen Jahrtausend sieht aber
gänzlich anders auch. Nach dem düsteren Drama „Spider“ war schon „A History of
Violence“ eine realistische Studie menschlichen Verhaltens, gespickt mit
hyperrealistischer, roher Gewalt. Und so verhält es sich auch hier: Das
Erzähltempo ist ruhig, dialogstark und bedächtig, doch wenn es ausbricht, dann
richtig, dann graphisch, dann roh und brutal.
Cronenberg führt den Zuschauer in russische Mafiakreise, angesiedelt im
kalt-feuchten London. Gerade wenn man die großen Mafiaepen der letzten 40 Jahre
kennt, in denen es um italienische Familien ging, erkennt man einige geniale
Schachzüge Cronenbergs und manch verzwicktes Storydetail eher. „Eastern
Promises“ wirkt wie ein Anti-Mafia-Film, eine düstere Demontage des
ehrenhaft-familiären Bildes der Mafia, wie es in Coppolas „Der Pate“ geprägt
wurde. Dies manifestiert sich auch besonders in Armin Müller-Stahls Darstellung
des Oberhauptes. Er wirkt zunächst wie ein freundlicher Opa, der gerne erzählt
und respektvoll wirkt, doch wie nahezu alle Charaktere, ist diese Darstellung
löchrig, heuchlerisch und widersprüchlich. Man sieht die gängigen Mafiamuster
von Familienfeiern in zwielichtigen Restaurants, schwarzer Kleidung,
schweigenden Türstehern, teuren Autos, kaltblütigen Morden und Familienehre,
doch Cronenberg spickt seinen Film mit vielschichtigen, gut durchdachten
Charakteren.
Diese Charakterentwicklung führt dann auch durch den dialogintensiven
Handlungshauptteil, in dem Cronenbers Unschuldsmanifestation Anna,
in Gestalt von Naomi Watts immer weiter in die Fänge der Mafia gelangt.
Angeführt vom wunderbar stoischen und unheimlich stillen Viggo Mortensen, spinnt
sich eine Geschichte die immer mehr Skepsis hervorruft, Skepsis über die wahren
Hintergründe der Handlung und so ist es auch kein Wunder, dass es die eine oder
andere überraschende Wendung gibt. Mortensens Nikolai versucht sich nämlich in
der Familie hochzuarbeiten, obwohl sein „Vorgesetzter“ Vincent Kassel, als Sohn
des Chefs, ebenfalls versucht seinem Vater gerecht zu werden.
Es ist erstaunlich, wie gut es funktioniert, dass drei russische Mafialeute von
einem Deutschen, einem Franzosen und einem Amerikaner gespielt werden. „Eastern
Promises“ ist sehr oft ein Darstellerfilm und die Darsteller erledigen ihre
Rollen glaubwürdig, facettenreich und kraftvoll.
Das Highlight wird für Viele eine
recht lange Schlägerei in einer Sauna sein. Diese ist absolut ruppig und
martialisch und dazu überaus heftig, doch in erster Linie staunt man nur, wie
das Ganze überhaupt gefilmt wurde. Choreographie und Effekt-Szene gehen nahtlos
ineinander über und Viggo Mortensen prügelt sich die Seele aus dem Leib. Eine
grandiose Sequenz! Als Einziges nicht so grandios am Film, ist der
Off-Kommentar, der aus sentimental gesprochenen Auszügen des Tagebuchs bestehen,
die Anna zur Mafia führen.
Am Ende lösen sich dann einige Handlungsstränge auf, doch man sollte darauf
gefasst sein, dass einige Hintergründe offen bleiben, dass man als Zuschauer mit
dem eigenen Verdacht auf manch unbeantworteten Fragen zurückbleibt und keine
richtige Antwort erhält. Cronenbergs Ende ist symbolisch und offen und es ist
absolut gelungen, wenn man seine Intention versteht. Dies unterstreicht aber
auch, dass „Eastern Promises“ ein Film ist, bei dem denken angebracht ist und
der kein cooler, brutaler Mafiafilm an sich geworden ist.
Fazit:
Die Versprechen aus
dem Osten wurden gehalten und der neue Cronenberg ist ein grandioser Film
geworden, den man sich direkt anschauen sollte. Eine intelligente,
vielschichtige, wenn auch verschachtelte Story mit grandiosen Darstellern, dazu
gespickt mit wenigen aber dafür umso heftigeren Gewaltszenen.
8,5 / 10
_____________________________________________________________________________
:::::...: Diskussion im Forum
|