Story:
Tracey (Ellen Page) ist ein extrovertieres junges Mädchen, dessen Leben eine
einzige Montage von puzzleartigen, seltsamen Erinnerungen zu sein scheint. Im
Bus sitzend, sieht sie darauf zurück...
regie :
bruce mcdonald
cast :
ellen page, ari cohen
kritik :
christian westhus
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Kritik:
“My name is Tracey
Berkowitz. Fifteen. Just a normal girl who hates herself.“ – Es ist schon ein
Kreuz mit dem Teenager-Dasein. Die Eltern zeigen falsches Interesse, nerven nur
und stellen Forderungen; die Mitschüler sind dumm und merken es nicht; man ist
unzufrieden mit der Welt und vor allem mit sich selbst. Wenn man dann, nach
mehrtägiger Suche nach dem verschwundenen Bruder, halbnackt, in einen
Duschvorhang gewickelt, im Bus sitzt, hat man sicherlich noch einiges mehr zu
erzählen.
Tracey berichtet nun, im Bus
sitzend, wie es so weit kam. Wie ihr Bruder verlustig ging, wie sie an
zwielichtige Typen geriet, wie ihre Eltern ihr Hausarrest verpassten und noch
vieles mehr. Von ihr, von ihrem Leben. Nur erzählt Tracey nicht geradlinig,
sondern springt wild durch Zeit und Raum; ein unbeherrschter Stream of
Consciousness eines Teenagers außer Kontrolle. Entsprechend der Buchvorlage sind
wir komplett Traceys subjektiver Sicht ausgeliefert und die entpuppt sich als
nicht immer zuverlässig, verstrickt sich in neckischen Traumvorstellungen und
kommentiert das Gezeigte immer wieder. Andere Figuren bleiben Andeutungen,
zumindest aber kennen wir nur die eine, verfremdete Sicht auf Alles, was uns
dieser Film gibt. So nah, so tief in der Gedankenwelt des Protagonisten, waren
wir schon lange nicht mehr. Der Film ist Rückerinnerung und gleichzeitig
Lebensfazit. Das ist Tracey Berkowitz. 15 Jahre. Bis hier hin sah es so aus. Es
stinkt.
Das Besondere ist nicht etwa die puzzleartige, non-lineare Erzählweise, die
immer wieder unterbrochen und zurückgesetzt wird, um eine Szene, von Belang oder
nicht, dazwischen zu setzen oder endlich zu erklären. Wir befinden uns
schließlich im Kopf einer Jugendlichen, die sich assoziativ an die
verschiedensten Dinge erinnert und weiter erinnert. Wesentlich interessanter und
definitiv eine der interessantesten Ideen, die das Kino in den letzten Jahren
entwickelt hat, sind aber die titelgebenden „Fragments“. Handlungsfragmente, die
per multiplem Split-Screen über Bildschirm und Leinwand verteilt werden. Mal
sehen wir die selbe Szene aus verschiedenen Kameraperspektiven gleichzeitig,
leicht zeitversetzt oder abgeschnitten. Durch die Verwendung mehrerer Kameras
und wohl auch mehrerer Takes, schleichen sich zwar manchmal Anschlussfehler,
oder Abweichungen ein, aber die stören kaum und argumentativ könnte man immer
behaupten, dass wir uns ja dem Blickwinkel eines jungen Mädchens ausgesetzt
haben und da nicht immer klar sein muss, was nun exakt der Realität entspricht
und was nicht.
So taumelt Tracey wild und wütend und in Träume flüchtend durch die Stadt und
erzählt uns von ihrem Schicksal als das „It“, das „Etwas“ der Schule. Das
„Mädchen ohne Titten“. Nur gerettet durch Billy Zero, dem schweigsamen,
rauchenden Rocker-Rebellen, der in einer Traumsequenz auch gerne mal mit dem
Chopper durch den Klassenraum donnert, um die holde Maid Tracey zu erretten.
Billy Zero ist ihr Traummann. Mit ihm ist sie ein Star. Eine Künstlerin. Eine
Kunstfigur. Tracey Zerowitz. Auch über Billy erfahren wir noch mehr, z.B. wie er
und Tracey sich das erste Mal nahe waren.
Und während uns falsche, leicht psychedelische Eröffnungstitel eines imaginären
Films, ca. zur Hälfte des eigentlichen Films, tiefer in Traceys
Wunschvorstellungen lotsen, treffen wir auf so undurchsichtige Figuren wie
Lance. Dem mal netten, mal unheimlichen Typen mit der Bruchbude, der jedoch
interessante Leute kennt. Tittenbar. Gewaltexplosion. Der Vogel ist tot. Die
überforderten Eltern schicken Tracey zum Psychiater. Ein bizarres Mannsweib mit
wirren Fragen, in unwirklicher Umgebung. Dies ist Traceys Vorstellung davon.
Links oben im Frame und schräg darunter auch.
Wir sehen Fragmente aus
unterschiedlichen Szenen, teilweise wild vermischt, mehrfach überlagernd, mit
Assoziationen weckenden Bildern dazwischen. Pferde. Kleidung. Accessoires.
„Panties. The word sickens me.“ Durch die vielen Bildausschnitte entstehen
abstrakte Bildkombinationen, ein undurchdringliches Gefüge aus Symmetrie und
Asymmetrie, oder wenn mehrere Teile ein zusammengehöriges Gesamtbild kreieren.
Fragmentarisch und wild. Und zusammenhangslos. Ein Teenager Verstand.
Tracey ist eine Art Archetypus für eine neue Art von Jugendlichen, eine neue
Art, starker, junger Frauen. Eine Außenseiterin. Eine Nachdenkliche, eine
Wütende, die entschlossen ist, obwohl vieles gegen sie spricht. Ellen Page ist
natürlich die allgegenwärtige Gestalt des Films. Wieder mal zeigt sie ihre
Vorliebe für intelligente, etwas andersartige junge Leute. Page wirkt
authentisch und intensiv. Rotzig und sensibel. Verzweifelt und entschlossen.
Tracey kommentiert ihre Welt. Immer wieder gibt es kurze, mal nachdenkliche, mal
gallige, zynische und sarkastische Monologe zur Lage der Welt, zur Natur der
Menschen, der Mitschüler und über sich. Von Pferden die zu Kleber werden und der
sumpfige Kreislauf eines vermodernden Mädchens. Traceys Weltsicht ist morbide
und düster, aber oft treffend und klarsichtig. Und auch sind viele Gedanken von
lyrischer Qualität. Rebellionslyrik. Passend unterlegt mit atmosphärischer Musik
von Broken Social Scene.
Es sind dennoch die Fragmente, die über Gelingen oder Scheitern des Films
richten. Es ist eine faszinierende, neue Erfahrung, die neue Möglichkeiten, neue
Blickwinkel offenbart. Aber vielleicht, ganz vielleicht hat der Film ein paar
prätentiöse Tendenzen. Man kann wohl berechtigt sagen, dass „Tracey Fragments“
ein anstrengender Film ist, der mit vielen Blickwinkeln und der artifiziellen
Handlungs- und Sichtweise, auch außerhalb der Fragmente, viel Aufmerksamkeit und
Mitdenkbereitschaft erfordert. Das wird viele und leider vielleicht auch viele
junge Leute eventuell abschrecken, obwohl doch gerade sie hier ein Lebensgefühl
präsentiert bekommen. Vielleicht ist der Film seiner Zielgruppe zu weit voraus.
Hat man jedoch den Willen dazu, kann man durchaus belohnt werden und man sitzt
hochkonzentriert da und wagt kaum zu blinzeln, um nichts zu verpassen. Dennoch
legt es der Film, nicht zuletzt wegen der oft unübersichtlichen und ziellosen
Fragmentanhäufung, darauf an, häufiger geschaut zu werden. Zu wild manchmal die
Ansammlung der Bildfetzen, zu wagemutig ab und zu die inhaltliche Verknüpfung.
Doch in einer Zeit, in der wir uns eh dem Mitdenken beim Film mehr und mehr
verweigern, unsere durch Trailer und Vorberichte vorgefertigten Erwartungen im
Kino nur noch bestätigen lassen, da kommt ein solcher Film, ein so einzigartiges
Puzzle-Kunstwerk, das mit nur 75 Minuten die genau richtige Lauflänge hat,
gerade richtig.
Fazit:
„Tracey Fragments“ ist einzigartig. Zwischen Jugendfilm und wagemutigem
Experiment, prasseln unzählige Ideen, Eindrücke und Informationen auf den
Zuschauer nieder. Im Film dringen wir in Traceys Gedankenwelt ein und folgen ihr
über unsichere, undurchschaubare und wirre Pfade. Ein faszinierender und
anstrengender Ritt, dessen visuelle Gestaltung der größte Faszinationspunkt ist,
der jedoch auch mit einer tollen Hauptdarstellerin und starken Momenten
aufwarten kann.
7 / 10
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