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Kritik:
Tracey Fragments


von Christian Westhus

The Tracey Fragments
(2008)
Regie: Bruce McDonald
Darsteller: Ellen Page

Story:
Tracey (Ellen Page) ist ein extrovertieres junges Mädchen, dessen Leben eine einzige Montage von puzzleartigen, seltsamen Erinnerungen zu sein scheint. Im Bus sitzend, sieht sie darauf zurück...

Kritik:
“My name is Tracey Berkowitz. Fifteen. Just a normal girl who hates herself.“ – Es ist schon ein Kreuz mit dem Teenager-Dasein. Die Eltern zeigen falsches Interesse, nerven nur und stellen Forderungen; die Mitschüler sind dumm und merken es nicht; man ist unzufrieden mit der Welt und vor allem mit sich selbst. Wenn man dann, nach mehrtägiger Suche nach dem verschwundenen Bruder, halbnackt, in einen Duschvorhang gewickelt, im Bus sitzt, hat man sicherlich noch einiges mehr zu erzählen.

Tracey berichtet nun, im Bus sitzend, wie es so weit kam. Wie ihr Bruder verlustig ging, wie sie an zwielichtige Typen geriet, wie ihre Eltern ihr Hausarrest verpassten und noch vieles mehr. Von ihr, von ihrem Leben. Nur erzählt Tracey nicht geradlinig, sondern springt wild durch Zeit und Raum; ein unbeherrschter Stream of Consciousness eines Teenagers außer Kontrolle. Entsprechend der Buchvorlage sind wir komplett Traceys subjektiver Sicht ausgeliefert und die entpuppt sich als nicht immer zuverlässig, verstrickt sich in neckischen Traumvorstellungen und kommentiert das Gezeigte immer wieder. Andere Figuren bleiben Andeutungen, zumindest aber kennen wir nur die eine, verfremdete Sicht auf Alles, was uns dieser Film gibt. So nah, so tief in der Gedankenwelt des Protagonisten, waren wir schon lange nicht mehr. Der Film ist Rückerinnerung und gleichzeitig Lebensfazit. Das ist Tracey Berkowitz. 15 Jahre. Bis hier hin sah es so aus. Es stinkt.

Das Besondere ist nicht etwa die puzzleartige, non-lineare Erzählweise, die immer wieder unterbrochen und zurückgesetzt wird, um eine Szene, von Belang oder nicht, dazwischen zu setzen oder endlich zu erklären. Wir befinden uns schließlich im Kopf einer Jugendlichen, die sich assoziativ an die verschiedensten Dinge erinnert und weiter erinnert. Wesentlich interessanter und definitiv eine der interessantesten Ideen, die das Kino in den letzten Jahren entwickelt hat, sind aber die titelgebenden „Fragments“. Handlungsfragmente, die per multiplem Split-Screen über Bildschirm und Leinwand verteilt werden. Mal sehen wir die selbe Szene aus verschiedenen Kameraperspektiven gleichzeitig, leicht zeitversetzt oder abgeschnitten. Durch die Verwendung mehrerer Kameras und wohl auch mehrerer Takes, schleichen sich zwar manchmal Anschlussfehler, oder Abweichungen ein, aber die stören kaum und argumentativ könnte man immer behaupten, dass wir uns ja dem Blickwinkel eines jungen Mädchens ausgesetzt haben und da nicht immer klar sein muss, was nun exakt der Realität entspricht und was nicht.

So taumelt Tracey wild und wütend und in Träume flüchtend durch die Stadt und erzählt uns von ihrem Schicksal als das „It“, das „Etwas“ der Schule. Das „Mädchen ohne Titten“. Nur gerettet durch Billy Zero, dem schweigsamen, rauchenden Rocker-Rebellen, der in einer Traumsequenz auch gerne mal mit dem Chopper durch den Klassenraum donnert, um die holde Maid Tracey zu erretten. Billy Zero ist ihr Traummann. Mit ihm ist sie ein Star. Eine Künstlerin. Eine Kunstfigur. Tracey Zerowitz. Auch über Billy erfahren wir noch mehr, z.B. wie er und Tracey sich das erste Mal nahe waren.

Und während uns falsche, leicht psychedelische Eröffnungstitel eines imaginären Films, ca. zur Hälfte des eigentlichen Films, tiefer in Traceys Wunschvorstellungen lotsen, treffen wir auf so undurchsichtige Figuren wie Lance. Dem mal netten, mal unheimlichen Typen mit der Bruchbude, der jedoch interessante Leute kennt. Tittenbar. Gewaltexplosion. Der Vogel ist tot. Die überforderten Eltern schicken Tracey zum Psychiater. Ein bizarres Mannsweib mit wirren Fragen, in unwirklicher Umgebung. Dies ist Traceys Vorstellung davon. Links oben im Frame und schräg darunter auch.

Wir sehen Fragmente aus unterschiedlichen Szenen, teilweise wild vermischt, mehrfach überlagernd, mit Assoziationen weckenden Bildern dazwischen. Pferde. Kleidung. Accessoires. „Panties. The word sickens me.“ Durch die vielen Bildausschnitte entstehen abstrakte Bildkombinationen, ein undurchdringliches Gefüge aus Symmetrie und Asymmetrie, oder wenn mehrere Teile ein zusammengehöriges Gesamtbild kreieren. Fragmentarisch und wild. Und zusammenhangslos. Ein Teenager Verstand.

Tracey ist eine Art Archetypus für eine neue Art von Jugendlichen, eine neue Art, starker, junger Frauen. Eine Außenseiterin. Eine Nachdenkliche, eine Wütende, die entschlossen ist, obwohl vieles gegen sie spricht. Ellen Page ist natürlich die allgegenwärtige Gestalt des Films. Wieder mal zeigt sie ihre Vorliebe für intelligente, etwas andersartige junge Leute. Page wirkt authentisch und intensiv. Rotzig und sensibel. Verzweifelt und entschlossen. Tracey kommentiert ihre Welt. Immer wieder gibt es kurze, mal nachdenkliche, mal gallige, zynische und sarkastische Monologe zur Lage der Welt, zur Natur der Menschen, der Mitschüler und über sich. Von Pferden die zu Kleber werden und der sumpfige Kreislauf eines vermodernden Mädchens. Traceys Weltsicht ist morbide und düster, aber oft treffend und klarsichtig. Und auch sind viele Gedanken von lyrischer Qualität. Rebellionslyrik. Passend unterlegt mit atmosphärischer Musik von Broken Social Scene.

Es sind dennoch die Fragmente, die über Gelingen oder Scheitern des Films richten. Es ist eine faszinierende, neue Erfahrung, die neue Möglichkeiten, neue Blickwinkel offenbart. Aber vielleicht, ganz vielleicht hat der Film ein paar prätentiöse Tendenzen. Man kann wohl berechtigt sagen, dass „Tracey Fragments“ ein anstrengender Film ist, der mit vielen Blickwinkeln und der artifiziellen Handlungs- und Sichtweise, auch außerhalb der Fragmente, viel Aufmerksamkeit und Mitdenkbereitschaft erfordert. Das wird viele und leider vielleicht auch viele junge Leute eventuell abschrecken, obwohl doch gerade sie hier ein Lebensgefühl präsentiert bekommen. Vielleicht ist der Film seiner Zielgruppe zu weit voraus.

Hat man jedoch den Willen dazu, kann man durchaus belohnt werden und man sitzt hochkonzentriert da und wagt kaum zu blinzeln, um nichts zu verpassen. Dennoch legt es der Film, nicht zuletzt wegen der oft unübersichtlichen und ziellosen Fragmentanhäufung, darauf an, häufiger geschaut zu werden. Zu wild manchmal die Ansammlung der Bildfetzen, zu wagemutig ab und zu die inhaltliche Verknüpfung. Doch in einer Zeit, in der wir uns eh dem Mitdenken beim Film mehr und mehr verweigern, unsere durch Trailer und Vorberichte vorgefertigten Erwartungen im Kino nur noch bestätigen lassen, da kommt ein solcher Film, ein so einzigartiges Puzzle-Kunstwerk, das mit nur 75 Minuten die genau richtige Lauflänge hat, gerade richtig.

Fazit:
„Tracey Fragments“ ist einzigartig. Zwischen Jugendfilm und wagemutigem Experiment, prasseln unzählige Ideen, Eindrücke und Informationen auf den Zuschauer nieder. Im Film dringen wir in Traceys Gedankenwelt ein und folgen ihr über unsichere, undurchschaubare und wirre Pfade. Ein faszinierender und anstrengender Ritt, dessen visuelle Gestaltung der größte Faszinationspunkt ist, der jedoch auch mit einer tollen Hauptdarstellerin und starken Momenten aufwarten kann.

7 / 10

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