Kritik:
Eine Frau ist eine Frau
von
Christian Westhus
Eine Frau ist eine Frau
(Une femme est une femme, 1961)
Regie: Jean-Luc
Godard
Cast: Anna Karina, Jean-Paul Belmondo, Jean-Claude Brialy
Story:
Die junge Dänin Angela wohnt in Paris mit ihrem Freund
Émile (Brialy) zusammen und hat sich in den Kopf gesetzt,
ein Kind haben zu wollen. Émile will davon nichts wissen und
so droht Angela, sich eins von Émiles Freund Alfred
(Belmondo) machen zu lassen. Und ganz nebenbei verneint Regisseur
Godard alles, was man glaubt von Filmen zu wissen.
Kritik:
Absatteln und
runter vom hohen Ross, auf dem Jean-Luc Godard selbst vielleicht,
vielleicht auch nicht gesessen haben mag. Den Experimentator Godard
für sein bisweilen selbstverliebtes und zielloses Spielen mit
Filmtechnik und Erwartungshaltung zu kritisieren, ist noch immer
‚très chic’ und ‚en
vogue’. Doch in kaum einem anderen Godard-Film treibt der
experimentelle Schabernack solch amüsante Blüten, wie
in diesem ersten Farbfilm des bekennenden Marxisten mit der
Intellektuellen Attitüde. Der Versuch, den Film als
prätentiöses Machwerk eines Filmprovokateurs ohne
Aussage zerlegen zu wollen, schießt schnell ebenso
über’s Ziel hinaus, als versuche man in der
überspitzten Beziehungscollage mit Wiedererkennungswert mehr
als eine Aneinanderreihung von Beziehungsszenen zu sehen.
„Une femme est une femme“ ist eine herrlich
komische, wunderbar überdrehte Komödie, in der ein
Regisseur mit drei Darstellerfreunden einfach aus einer Laune heraus
den albernsten Ideen freie Bahn gewährt. Godards oft radikale
Herangehensweise gegen die festgefahrenen Mechanismen der Filmsprache
wird auch hier mehr als deutlich, doch selten gab man sich lockerer,
witziger und alberner.
Mit
Godards Muse Anna Karina im Zentrum erleben wir die Irrungen und
Wirrungen einer Dreiecksbeziehung, während dazwischen
allerhand Absurditäten nonchalant zelebriert werden. Und
Karinas kulleräugiges hübsches Ding namens Angela
überstrahlt in zu Tode betrübter und himmelhoch
jauchzender Naivität jede Szene. Einfach hinreißend,
weil wunderbar ironisch und überdreht, ohne gänzlich
zu einer Karikatur zu werden. Die Frau, das widersprüchliche
Wesen. Der Mann, der ungehobelte Holzkopf. Émile und Albert
können nicht mit und können nicht ohne Angela,
markieren den starken Kerl und die beleidigte Leberwurst.
Émile radelt gerne mal durch die Wohnung und wenn man
beschließt, nicht mehr miteinander zu reden, wirft man sich
durch Buchtitel Beleidigungen an den Kopf. Angela flüchtet
sich ins Varieté, wo sie als Nackttänzerin den eher
lustlosen Kerlen amouröse Chansons singt, während die
Musik immer mal wieder aussetzt. Besonders an der Tonspur tobt sich
Godard hemmungslos aus. Gesang und Musik werden getrennt,
melodramatisch und theatralisch wechselt die Musik aufdringlich und
offensichtlich, wenn auch oftmals in Analogie zu den gespielten
Emotionen.
Völlig
beiläufig und tatsächlich häufig sinnfrei,
dafür wunderbar komisch, lässt Godard den
Experimentator von der Leine. Viel häufiger kann man die
filmische Illusion in einem Film, der mehr oder weniger eine
realistische Welt vorgibt, nicht brechen. Die drei Hauptfiguren
zwinkern mehrfach in die Kamera, sprechen über die Natur des
Films, ob es eine Komödie oder Tragödie ist, und
Angela und Émile verbeugen sich zur
Begrüßung sogar vor uns, bevor sie uns Szenen einer
Beziehung vorspielen. Und Godard klopft sich und Kumpel Francois
Truffaut mehrfach selbst auf die Schulter, nimmt die Ästhetik
seines späteren „Die Verachtung“ vorweg
oder spielt selbstreferentiell auf Filme an. Da fragt der ewig coole
Belmondo Jeanne Moreau, die aus unerklärten Gründen
plötzlich in einem Café steht, doch
tatsächlich, wie es Jules und Jim denn gerade geht. Der
gleiche Belmondo möchte außerdem gerne
„Außer Atem“ im TV gucken,
während Angela und eine Freundin über Charles
Aznavour in „Schießen Sie auf den
Pianisten“ schwärmen. Ein über mehrere Tage
hinweg scheinbar pausenlos an derselben Stelle knutschendes
Pärchen erfüllt keinen Zweck, im Varieté
gibt es eine magische Umkleidekabine, und das
Frühstücksspiegelei gehorcht problemlos. Es macht
keinen Sinn, außer dass es enorm amüsiert und die
Szenerie permanent als musicalartige Inszenierung für ein
impliziertes Publikum enttarnt.
Angelas Dilemma mit dem
spontanen Kinderwunsch und den zwei Männern in ihrem Leben
wird da fast schon zur Nebenhandlung. Man streitet sich,
versöhnt sich wieder, streitet erneut und erzielt einfach
keine Einigung bei der Kinderfrage. Émiles sich selbst
begründende Erklärung, warum es ohne Hochzeit kein
Kind und ohne Kind keine Hochzeit geben kann, bringt den ironisierten,
aber häufig genug auch zutreffenden Schabernack auf den Punkt.
Die Beziehungen von Männern und Frauen sind kompliziert und
stehen in ständigen Interessenskonflikten. So etabliert die
Nachbarin wortlos und augenzwinkernd eine Alternative, während
Angela weiter zögert, ob sie ihren Wunsch durchsetzt und
Émile verstößt, oder bei diesem bleibt,
obwohl Albert ihr seine Gefühle gesteht. Ein witziges Hin und
Her, weil alle drei Darsteller ungehemmt Spaß, Spielfreude
und Charme versprühen, auch wenn am Ende ein kleines
moralisches Fragezeichen im ansonsten vergnügten und
zelebriert künstlichen Reigen bleibt. Am Ende sind wir
keineswegs schlauer, aber das war wohl auch gar nicht beabsichtigt.
Besonderes Lob gilt dabei auch der deutschen Synchro, die besonders
Angela als lispelnde Niedlichkeit etabliert und die herrlich komischen
Dialoge durch gelungene Wortwitze und flotte Sprüche noch
amüsanter macht.
Fazit:
Ein Film, völlig gegen alles gebürstet, was man von Filmen
gewohnt ist. Nicht immer sinnig, aber enorm unterhaltsam, bisweilen
absurd und einfach spürbar spontan. Die drei sichtbar
vergnügten Hauptfiguren machen die banale Handlung über eine
Dreiecksbeziehung zu einem ungewöhnlichen Vergnügen mit
unverkennbarem französischem Charme.
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