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Kritik:
Julia


von Christian Westhus

Julia
(2009)
Regie: Ben Affleck
Darsteller: Casey Affleck, Amy Ryan

Story:
Als das Kind einer jungen Mutter entführt wird, beauftragt sie einen ungewöhnlichen Ermittler (Casey Affleck), der auf der Suche nach dem entführten Kind in immer dunklere Kreise gerät und einer überraschenden Wahrheit auf die Schliche kommt.

Kritik:
Eigentlich konnte man schon erahnen, dass sich Affleck als Schauspieler bisher stark unter Wert verkauft hat, ist er doch als Drehbuchautor, zusammen mit seinem Kumpel Matt Damon, direkt mit einem Oscar ausgezeichnet worden. Und wenn man zuletzt die Worte über seine verpatzten Beziehungen hört, wie sie seinem Ansehen geschadet hatten, kann man durchaus verstehen, wie wichtig ihm daher dieser Film ist. Wie viel steckte Affleck also als Privatperson in die Verfilmung eines seiner Lieblingsbücher? Die Verfilmung, die ihm die Karriere retten sollte, wie er selbst sagt.

Die Filmwelt kennt den Autor Dennis Lehane spätestens seit Clint Eastwood dessen Roman „Mystic River“ erfolg- und oscarreich auf die Leinwand brachte. Auch bei „Gone, Baby, Gone“ geht es um ein Verbrechen in der trügerischen Unscheinbarkeit von Boston. Ein Mädchen wurde entführt. Gleich zu Beginn zeigt Ben Affleck, dass er durchaus etwas vom Regiehandwerk versteht. Kameramann John Toll zaubert wunderbar naturalistische Alltagsbilder auf die Leinwand, von ungeschönt realen Menschen, ehe der Off-Kommentar einsetzt und die Mutter des entführten Mädchens zur Presse spricht.

Auffällig an der ersten halben Stunde ist das lockere Mundwerk aller Beteiligten. Kaum ein Dialog kommt ohne Beleidigungen und Schimpfwörter aus, was wohl in der deutschen Synchronisation, die ansonsten ordentlich ist, ein wenig befremdlich, wenn nicht sogar belustigend wirkt. Die Mutter des Mädchens wird direkt als Mittelstands-White-Trash geoutet und bekommt in Zukunft noch eine große Drogengeschichte angehängt und der zwielichtige Großdealer kommt ins Spiel. Da sind ein paar Dialoge noch arg gestelzt und auch Klischees werden bemüht, wenn auch glücklicherweise nie in wirklich schmerzhafter Art und Weise.

Der Zuschauer folgt dabei Casey Affleck als Privatdetektiv, unterstützt von seiner Freundin und Kollegin Michelle Monaghan, die nach und nach, über Bekanntschaften und durch ihre Neutralität gegenüber der Polizei, an neue Informationen gelangen und dadurch immer weiter die verzwackte Geschichte aufdecken. Denn wie schon bei „Mystic River“ ist es hier nicht so, wie es zunächst scheint. Und auch wenn Afflecks Spannungsaufbau hin und wieder unrund wirkt, so schafft er es sehr gut, den Zuschauer auf die Zielgerade zu bringen und dort wird es richtig klasse.

Die letzte halbe Stunde hebt den Film noch einmal stark an. Da kann man fast vergessen, dass Casey Affleck leider „nur“ gut spielt, Michelle Monaghan etwas blass ist und Morgan Freeman zunächst ein wenig verschenkt wirkt. Ed Harris vergoldet dafür mal wieder eine Nebenrolle und dürfte wohl am ehesten als Oscarkandidat gehandelt werden. Ben Afflecks Regie wächst mit zunehmender Spielzeit. Das durchweg bedächtige Tempo zieht schon vorher ein paar Mal stark an und einige Szenen sind verdammt spannend. Auch die Dialoge werden besser, die Handlung dichter und nach und nach entdeckt der Zuschauer die wahren Hintergründe des Verbrechens. So wie Casey Affleck wird man als Zuschauer zu einer Entscheidung gezwungen. Dazu gezwungen, seine eigenen Moralvorstellungen zu hinterfragen oder argumentativ zu vertreten. Kaum ein Film in der letzten Zeit forderte vom Zuschauer derartige Reaktionen am Ende. Diskussionen sind quasi nicht vermeidbar, wenn hier Moral, das Gesetz und das Gut/Böse-Empfinden der Menschen ordentlich durcheinander gewürfelt wird. Was „richtig“ ist und was „falsch“, ist wohl kaum mit vollster Überzeugung zu beantworten.

Und Ben Affleck verfällt nicht der Verlockung, das Ende als simplen Plot Twist zu verkaufen. Schon vorher verdichten sich nach und nach die Anzeichen dafür, ehe Casey Affleck die Entdeckung macht. Der behutsame, dichte und ruhige Film pendelt dabei sehr gut zwischen Krimi, Thriller und waschechtem Drama, immer unterstützt von einem sehr zurückhaltenden Score. Und die Schlussszene ist eine ambivalente, zerbrechlich-schöne Studie in Ratlosigkeit und Ungewissheit.

Fazit:
Ben Afflecks Herzenspojekt ist ein richtig guter Film geworden. Ob sein ruhiger Ton und seine ungewöhnliche Handlung auch für einen Erfolg sorgen, bleibt abzuwarten, doch inszenatorisch, optisch und darstellerisch gibt es hier viel Positives zu bewundern. Definitiv einen Blick wert.

7,5 / 10

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