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Kritik:
Happy-Go-Lucky


von Christian Westhus

Happy-Go-Lucky
(2008)
Regie: Mike Leigh
Darsteller: Sally Hawkins

Story:
Das Jahr 1585. Der Papst hat der protestantischen Königin und ihrer Gefolgschaft den Krieg erklärt. Der spanische König Philipp der zweite schlägt vor, die störrische Elizabeth (Cate Blanchett) mit ihrer Cousine, Königin Mary von Schottland zu ersetzen, doch der Plan schlägt fehl. Elizabeth, die selbst Probleme im eigenen Land hat, muss sich plötzlich einer gewaltigen Armee gegenüberstellen, die sie unbedingt von ihrem Thron stoßen will - doch die Herrscherin gibt nicht auf.

Kritik:
Hauptfigur Poppy ist mehr als nur eine Frohnatur oder ein positiv gesinnter Mensch. Amélie Poulain wirkt im Vergleich geradezu melancholisch und trübselig. Poppy begegnet jedem Menschen, wirklich jedem, dem sie auch nur ein bisschen näher kommt, mit entwaffnender Offenheit und übertriebener Fröhlichkeit. Sie fängt aus dem Nichts heraus Gespräche mit Fremden an, überspielt deren Grießgram mit pointiertem Sarkasmus, vergnügt sich schelmisch über Kleinigkeiten und albert pausenlos herum, nicht zuletzt auch um die kleineren Probleme des Alltags zu überspielen. Poppy ist hyperaktiv, extrem albern, ein junggebliebener Kindskopf voller uriger Ideen und ohne sichtbare Berührungsängste. Ihre Gutherzigkeit ist überdimensional, bisweilen etwas anstrengend, manchmal eher befremdlich als ansteckend, aber meistens unglaublich lustig.

Mit der grenzenlosen Spiel- und Grimassierfreude von Hauptdarstellerin Sally Hawkins entstehen herrlich-lustige, oftmals hysterisch überdrehte Szenen, die Freude machen können. Das erste Treffen mit dem cholerischen Fahrschullehrer ist dann auch ein schriller Höhepunkt, obwohl schon hier langsam durchschimmert, wie Poppys Humor in abweisenden Sarkasmus und Zynismus überwechselt.

Überhaupt kommen immer mehr die ernsteren Töne durch, ohne dass das komödiantische, aufgekratzte Terrain wirklich verlassen wird. Poppys Versuche, die Probleme ihrer Mitmenschen zu ergründen, zu verstehen und durch Fröhlichkeit und Offenheit zu kurieren, schlagen immer häufiger fehl und spätestens beim Besuch ihrer schwangeren, sittsamen Schwester wird der tiefere Sinn der gesamten Handlung deutlich. Es geht um den Sinn im Leben, ohne dass es je so abgedroschen formuliert wird. Welche Position man im Leben einnimmt, wann es Zeit wird erwachsen zu werden und was „erwachsen“ überhaupt heißt. Ist die Zufriedenheit mit dem eigenen Leben nicht wichtiger, als die Erfüllung eines Zweckes und den Beschreitungen der ewig gleichen Bahnen?

Das macht „Happy Go Lucky“ zu einer durchaus intelligenten Komödie, die auf sympathische, schrille Art und Weise zum Nachdenken anregt. Poppys Freude und Hilfsbereitschaft wirkt nämlich immer deutlicher wie ein Schutzmantel, wie ein Schild, hinter dem man eine Weile sicher ist. Poppy ist sicherlich ein gutherziger Mensch, aber manchmal versucht sie auch vor sich selbst wegzulaufen.

Wenn die Probleme mit dem – leicht übertriebenen – Fahrlehrer überhand nehmen erkennt auch Poppy, dass sie nicht immer helfen kann und obwohl man immer wieder laut loslachen will, merkt man auch deutlicher die Bitterkeit hinter der Fassade. Der Film ist definitiv kein Drama, aber eben auch keine reine „Feel-Good-Komödie“, als die er gerne verkauft wird. Ein nicht unerheblicher Anteil des Humors entsteht dadurch, dass Menschen auf hysterisch-lustige Art fies zueinander sind. Das steigert sich von freundschaftlichen Frotzeleien zu ernsthaften Handgreiflichkeiten und so muss jeder selbst entscheiden, wo die Komödie aufhört und das Drama und die Moral beginnt, ob man die peppig geträllerten Popsongs mag oder lieber die schwermütigen Geigen.

Die deutsche Synchro ist nicht immer ganz gelungen und nimmt etwas vom britischen Flair, der ansonsten in den lebhaften, farbenreichen Örtlichkeiten und den skurrilen Verhaltensweisen spürbar ist. Dafür funktionieren nahezu sämtliche Nebenfiguren, wie z.B. der etwas treudoofe Schwager und eine seeehr engagierte Flamenco-Lehrerin. Gerade diese beiden Figuren zeigen ganz deutlich, wie durch Übertreibung und überspitzten Humor, Frohsinn und Bitterkeit zusammenpassen. „Enraha!“

Fazit:
„Happy Go Lucky“ ist eine außergewöhnliche Komödie. Schrill, überzogen und oftmals unfassbar witzig, aber auch mit dem nötigen europäischen Ernst, der das Leben, Glücklichsein und seine Eigenheiten gekonnt hinterfragt. Man kann aber auch große Probleme mit der Hysterie und der gigantischen Fröhlichkeit der Hauptfigur haben, was einem Todesurteil für den Film gleich kommt. Das wäre schade, aber durchaus nachvollziehbar.

7,5 / 10

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