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KRITIK:

Horst Schlämmer:
Isch kandidiere


von Christian Mester

Horst Schlämmer (2009)
Regie: Angelo Colagrassi
Cast: Hape Kerkeling, Bushido

Story:
Lokalredakteur Horst Schlämmer (Hape Kerkeling) hat Zweierlei: Rücken, und vor, der nächste Bundeskanzler Deutschlands zu werden. Enthusiastisch stürzt sich das eigensinnig westfälische Original also mitten in den Wahlkampf, ohne aber den geringsten Schimmer von alledem zu haben...

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Kritik:
Hape Kerkeling gehört schon seit den 90ern mit zu den beliebtesten Comedians, was hauptsächlich an seinem großen Talent liegt, sich in ausgedachten Rollen unerkannt unter Promis zu begeben. Ob als iranischer Schachweltmeister, als finnischer Rapper oder als litauischer Fußballtrainer - trotz seines großen Bekanntheitsgrades gelang es dem Krümelmonster unter den Scherzkeksen bislang immer wieder aufs Neue, ahnungslose Opfer mit seinen albernen Schoten hinters Licht zu führen. Neben einigen TV-Filmen versuchte sich Hape auch schon mehrmals im Kino, was zuletzt 2004 mächtig daneben ging: seine brasilianisch angehauchte Kleinstadtkomödie "Samba in Mettmann" blieb völlig unbeachtet und floppte gewaltig. Kerkeling war reichlich geknickt, doch schon einige Monate später gelang ihm eines Abends ein Geniestreich, indem er Horst Schlämmer erfand, seine bis dato erfolgreichste Figur. Die Grevenbroicher Herrentorte ist mittlerweile in unzähligen Fernseh-Shows und Werbespots zu sehen gewesen, veröffentlichte Musik, ein Audiobook und mit "Weisse Bescheid" sogar ein Wissensspiel für den PC. Nachdem über sieben Millionen Zuschauer in seinen Kurzauftritt im TV-Film "Ein Mann, ein Fjord" reinzappten, war allen klar, der Schlämmer muss auch ins Kino.

Aber nur wie? Da man anscheinend selbst keine echten Ideen hatte, kopierte man kurzerhand den auffälligsten Comedy-Hit der letzten Jahre: "Borat". Worum ging's da? Um einen abgedrehten Provinzler aus dem Ausland, der mit seinen irren Eigenarten frech (scheinbar) Unbeteiligte konfrontierte und dadurch heftigste Reaktionen bekam, die fast jeden zum Lachen brachten und am Ende sogar ein bisschen nachdenklich stimmten. Genau dasselbe passiert in "Isch kandidiere" - der urige Schlämmer reist mit Schnaps, der Herrenhandtasche und Rücken durch deutsche Landen, unter dem Vorwand, waschechten Wahlkampf zu betreiben. Natürlich steht das nie wirklich im Vordergrund, viel mehr geht es darum, wie Bürger und angesprochene Politiker auf Projekt Schlämmer reagieren... und da geht's dann abwärts.

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Während der Brite Sacha Baron Cohen als "Borat" und "Brüno" Extreme suchte und mit vollkommen absurden und gewagten Aktionen Nerven seiner Opfer und die Lachmuskeln der Zuschauer strapazierte, ist die Operation HSP schrecklich kalter Kaffee. Den Großteil der Pseudo-Dokumentation über verfolgt man Schlämmer, wie er in seinem zu kleinen Mantel mit Schnappatmung grunzend Vertreter jeder Schicht für seine Kampagne anspricht, was jedoch schnell langweilig wird. Spätestens nach einer guten Viertelstunde fällt nämlich auf, dass die Nadel anfängt zu springen und sich das Gesehene immer wieder wiederholt. Zumal das, was sich wiederholt, nichts ist. Seine Gegenüber, seien es nun wahllos ausgesuchte Bauern oder Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, sie alle reagieren auf die gleiche Art: mit Gleichgültigkeit. "Aha" sagt Rüttgers, als ihm Schlämmer seine Ziele vorstellt und Ähnliches darf man sich dann auch wohl selbst denken. Kein Wunder, dass Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier und selbst der sehr liberale Guido Westerwelle es ablehnten, sich in irgendeiner Form am Film zu beteiligen. Wer sich verrückte Schlämmer-Stunts, chaotische Aktionen oder denkwürdige Auseinandersetzungen erhofft, wird enttäuscht, denn stattdessen serviert Kerkeling Schlager.

Gleich mehrmals im Film werden Schlager angestimmt, die wohl lustig sein sollen aber ruckzuck im Witznirvana landen. Überhaupt sind die als witzig gedachten Szenen ein Witz an sich: beispielsweise stolpert Schlämmer an einer Stelle in ein "DSDS"-Casting, in dem er aufgrund voller Blase vor einem Fake Bohlen wild herumhampelt und direkt bewertet wird. Dass es niveautechnisch noch tiefer geht, zeigt kurz darauf ein Symposium von Deutschlands echter Vorzeige-Elite, in dem Intellektgrößen wie Kader Loth ("Big Brother"), Jürgen Drews ("Ich bin der König von Mallorca") und Gunter Gabriel ("Ich bin ein Star, holt mich hier raus") in eine Unterhaltung geraten. Ebenfalls peinlich sind auch die Teilnahmen diverser bekannter Promis wie Bully, Senta Berger und Andrea Sawatzki, die mit forciert gespieltem Scheininteresse unterstreichen wollen, wie toll Horst Schlämmer in seinem nicht so tollen Film ist. Verwurstet wird sogar Simon Gosejohann ("Comedy Street"), der als Schlämmers rechte Hand gerade einmal eine einzige wirkliche Szene bekommt, die dann auch noch im Klischee ertrinkt.  

Es lässt sich bloß erahnen, was "Horst Schlämmer: Isch kandidiere" wohl gekostet haben mag, viel sollte es hinsichtlich der Produzenten aber besser nicht gewesen sein, ein Budget sieht man nicht. Die Regie (von Kerkelings Freund Angelo Colagrossi unternommen) erinnert zudem bestenfalls an drittklassige 0815-Dokus und übertrifft kaum die Qualität besserer Hochzeitsvideos. Weil das alles noch nicht schlimm genug ist, hat man selbstredend noch eine kleine Love-Story mit eingebaut, in der Alexandra Kamp (aus dem TV-Epos "Ich liebe eine Hure - Sündige Vergangenheit und trotzdem liebe ich dich") versucht, die Carla Bruni des Sarkozy Horst Schlämmers zu spielen, was sie schauspielerisch in etwa so überzeugend hinbekommt als spiele Ralf Schmitz Ralf Moeller.

Fazit:
Nach "Männersache" und "U-900" der nächste große Comedy-Kompost eines eigentlich erstklassigen Spaßmachers. Ein ganz schwacher Abklatsch von "Borat" und "Brüno" ohne Witz und Wagemut

1 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
 

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