hauptseite  |  vorschauen  |  kritiken |  impressum |  forum



 

 

Der Jahresrückblick 2012


von Christian Westhus

Wir haben’s also doch überlebt. Oder? Beim Zappen durchs eigentlich grausige vorweihnachtliche TV-Programm blieb ich für ein paar Augenblicke beim etwas eigenartigen Jahresrückblick von „Switch Reloaded“ hängen, einer Sendung mit Potential, die nur leider nie wirklich witzig ist. Während „der Papa“ aus Obersalzberg sich für den berühmtesten Prominenten des Jahres hielt, erzählte ein betrunkener Switch-Guido-Knopp, dass wir uns – sollten wir 2012 überleben – nicht sicher sein können, ob wir’s wirklich geschafft haben oder ob wir uns schon mitten im Weltuntergang, vielleicht gar in irgendeiner Bestrafungsnachwelt befinden. Wirklich wahnsinnig clever, aber es ist immerhin ein Gedanke. Umso auffälliger, dass das Kino – das ja mit seinen häufig ausgedehnten Produktionsphasen weit vorausschauen muss – so wenig auf den angekündigten Weltuntergang einging. Klar, wirklich dran geglaubt hat fast niemand und dann wurde ja auch noch ein Schaltjahresrechenfehler entdeckt, der besagt, dass wir lange zuvor schon fällig gewesen wären und überhaupt ist es nicht das Ende der Welt, sondern nur das Ende eines Kalender-Zeitalters. Oder so. (Übrigens starten 2013 gleich zwei Filme, die „End of the World“ im Titel haben.)Dennoch hätte man den „Goodbye Welt“ Spaß doch als Aufhänger für neue Zerstörungsorgien der Genossen Bay und Emmerich, für fantasy-fizierte Apokalypsen-Szenarios nutzen können. Aber nichts da. Die (vielleicht gar nicht stattfindende) Katastrophe in „Take Shelter“ war aus unserer Sicht ein Nachzügler aus Übersee und den eigentlich passenden „Auf der Suche nach einem Freund für das Ende der Welt“ verramschte man unpassenderweise im Sommer, wo er dann auch eher mittelmäßig auf Zuspruch stieß. Viel mehr „Ende der Welt“ gab’s im Kino nicht. Die großen Bedrohungen in „The Avengers“ und „Battleship“ sind ja irgendwie nicht dasselbe. 

Die meisten Filmthemen waren – wenn überhaupt – nach innen gerichtet. 2012 war in den USA ein Wahl-Jahr und so war das amerikanische Kino logischerweise stärker daran interessiert, die realen, tatsächlich vor sich gehenden politischen Geschehnisse im Land zu kommentieren oder aufzugreifen. Sicherlich kein Zufall, dass es mit Steven Spielbergs „Lincoln“ (bei uns im Januar 2013) und „Abraham Lincoln: Vampire Hunter“ zwei – radikal verschiedene – Filme zum vielleicht legendärsten US Präsidenten gab. „Killing them softly“ war ein Gangsterthriller mit Wut im Bauch, angesiedelt in der Übergangsphase von Bush zu Obama. Ben Afflecks „Argo“ beschäftigte sich trotz klein gehaltener politischer Ansätze mit der schwierigen Beziehung zum Iran und beschwörte durch den Blick in die authentische Vergangenheit ein Bild von internationaler Zusammenarbeit. Kathryn Bigelows „Zero Dark Thirty“ (bei uns ebenfalls im Januar) greift als hochpolitischer Journalismus-Thriller das (in der Obama-Amtszeit erlöste(?)) amerikanische Trauma der Jagd nach Osama bin Laden auf, inszeniert die Ergreifung und Tötung des gesuchten Terroristen. Nicht verwunderlich auch, dass „Lincoln“, „Argo“ und „Zero Dark Thirty“ zurzeit als aussichtsreichste Oscar-Kandidaten gehandelt werden. Und dass Christopher Nolans Batman Filme politischen Subtext (manchmal auch schlicht „Text“) haben, ist auch keine neue Erkenntnis. 
Im ernsthafteren Kino Europas blitzt Politik anders auf, wie z.B. in Christian Petzolds DDR-Drama „Barbara“. Insgesamt herrschen hier weiterhin soziale Themen vor, angeführt vom am meisten umjubelten und ausgezeichneten europäischen Film des Jahres, Michael Hanekes „Liebe – Amour“, der die Liebe eines alten Ehepaars nach einem Schlaganfall der Frau auf die Probe stellt. Die Französin Ursula Meier verbindet in „Winterdieb“ gekonnt die sozial motivierte Geschichte eines Geschwisterpaars in einem Ski-Ort, mit dem allgegenwärtigen Thema Europas: Geld und Finanzen.

Das amerikanische Blockbuster- und Mainstream-Kino scheint sich hingegen in einer Selbstfindungsphase zu befinden. Young Adult Romanverfilmungen kämpfen gegen die Massen an Comicverfilmungen; und in beiden Bewegungen herrscht ein Kampf der Stile und Herangehensweisen. So versuchte beispielsweise „The Amazing Spider-Man“ den ernsthaften, moralisch und emotional fordernden, (bei Spidey nicht wirklich) politischen Stil (das nennt der Volksmund heutzutage „düster“) von Christopher Nolans Batman-Reihe zu übernehmen, die 2012 zu ihrem Ende fand, aber auch zu etwas Neuem in Gestalt eines runderneuerten Supermans führt. Dem gegenüber stehen Marvels „Avengers“, die nach einem Anlauf mit 325 Filmen die große Nerd-Bombe platzen ließen und ganz groß abkassierten. Die „Avengers“ sind klar als Gegenbewegung zum Nolan-Stil zu sehen, kommen sie doch oberflächlicher, aber auch leichter, lockerer, ungehemmter und besonders spaßvoller daher. Joss Whedons Film brachte den Spaß zurück ins Comickino, stärker noch als die bisherigen Marvels das konnten. Das phänomenale Einspielergebnis besagt, dass eine ausreichend große Masse Kinogänger diese Art von farbenfrohem Comic-Spaß gerne häufiger sehen würde. Um den finanziellen Erfolg von Peter Jacksons „Der Hobbit“ musste man sich nicht wirklich sorgen. Jackson (mit James Cameron im Gepäck) packt die Selbstfindung des Kinos anders an, wagt sich an die Verschärfung der technischen Revolution und stieß mit seinem 48-Frames-Experiment nicht immer auf Zustimmung. 

Das seit Jahren als Sorgenkind betitelte Horror-Genre lebt noch immer von Zufallstreffern und schafft es zu unbeständig, sich im Kino – und nicht im Heimkino – festzusetzen. So stehen etablierte Franchises wie „Paranormal Activity“ dem Revival des klassischen Grusels (mit dem ansprechenden „The Woman in Black“, dem okayen „Sinister“ und dem eher misslungenen „Intruders“) und Genre-Experimenten (ganz besonders „The Cabin in the Woods“, aber auch der kaum gesehene „Amer“) gegenüber. 

Beim deutschen Film ist es ähnlich undurchschaubar wie beim großen Nachbarn in Übersee. Während sich Bully jetzt als Michael Herbig – dieses Jahr eher wenig erfolgreich – mit „Hotel Lux“ (2011) und „Zettl“ als ernsthafterer Schauspieler in kleineren Filmen versuchte, kommt Matthias Schweighöfer beim aufwändigen Versuch Til Schweiger zu überflügeln meist nicht an den Erfolg des Vorbilds heran. Dafür avancierte das Kino-Spin-Off zur Erfolgsserie „Türkisch für Anfänger“ zum mehr oder weniger überraschenden Erfolg und könnte als Zeichen dienen, dass es auch so etwas wie deutsche Franchises oder gefestigte Namen gibt, die nicht mit prominenten Einzelpersonen (Bully, Schweiger) verbunden sind. Ulrich Köhler („Schlafkrankheit“), Mathias Glasner („Gnade“) und Hans Christian Schmid („Was bleibt“) lieferten wenig gesehene Kritikererfolge ab, doch eigentlich war „Barbara“ von Christian Petzold der einzige deutsche Prestige-Film, der sich auch im internationalen Dialog aus Festivals und Kritikerschaften halten konnte. Deutsches Geld wanderte wieder häufig in die Co-Förderung internationaler Filme (darunter „Amour – Liebe“), was an sich zu loben ist, aber beim Blick auf heimische Projekte, die zu oft winzig klein sein müssen, auch ein wenig verärgert. Wäre da nicht „Cloud Atlas“, der als überwiegend mit deutschen Geldern produzierte, überwiegend in Deutschland gedrehter Quasi-Blockbuster auftrat. Tom Tykwer tat sich mit den „Matrix“ Machern Lana und Andy Wachowski zusammen und schuf eine eigenwillige, erzähltechnisch aufwändige Romanadaption, die leider nicht das erhoffte große Geld machte.

Aus persönlicher Sicht war es insgesamt ein eigenartiges (Film-)Jahr. Überwiegend auf hohem Niveau, mit mehreren guten bis sehr guten Filmen, gab es lange Zeit keinen Film, der sich als heißester Anwärter auf den Titel des (für mich persönlich) besten Film des Jahres absetzen konnte. Normalerweise sollte man zum Jahresabschlussbericht die Punktebewertungen in den Kritiken ja nicht miteinander vergleichen, aber punktemäßig ist dieses Jahr alles ziemlich dicht beisammen. Vielleicht war ich nur unpassend streng/locker bei den Entscheidungen. Entsprechend dicht drängen sich die Filme auf den Plätzen 20 bis 5 und in der letztendlichen Top 12 hätte es auf den hinteren Plätzen auch ganz schnell ganz anders aussehen können. Wahrscheinlich ist es gegenüber einem Film wie „Dame König As Spion“ auch unfair, weil er seit Anfang des Jahres nicht mehr gesehen wurde und daher den emotionalen Erinnerungsnachteil gegenüber Filmen wie „Life of Pi“ oder „Cloud Atlas“ hat, die qualitativ – sofern überhaupt vergleichbar – nicht so weit auseinander liegen. Ich wollte auch nicht zu sehr abwägen, die hervorgehobenen Filme nicht zu sehr als Werbemittel zum Eigennutz missbrauchen. Dennoch war es selten eine buntere Mischung. So enorm gingen die Unterschiede in der Topliste wohl noch nie auseinander. Von kargen europäischen Dramen, über amerikanische Indies, bis hin zu reinstem Big Budget Entertainment reicht die Palette. Ich kann das für mich jeweils legitimieren, kann jedoch nicht ausschließen, dass aus der einen oder der anderen Richtung Unterstellungen von Unglaubwürdigkeit und Unaufrichtigkeit laut werden. Darauf gebe ich dann im Fall der Fälle aber – mit Verlaub – einen Feuchten.

Eigenartig war das Jahr auch, weil ich so häufig wie noch nie vom örtlichen Kinoangebot im Stich gelassen wurde. Vielleicht wollte ich tiefer graben als sonst, aber manchmal hätte ich je nach Film 100 Kilometer weit fahren müssen, ohne Garantie, über den ÖPNV am selben Tag wieder zurück nach Hause zu kommen. Einiges musste daher erst auf dem Heimkinomarkt nachgeholt werden und so mancher Film des Kinojahres 2012, der eigentlich mit mehr oder weniger großem Interesse erwartet wurde, ist noch immer nicht nachgeholt worden bzw. ist noch nicht lange genug aus dem Kino heraus (oder noch drin), um überhaupt gekauft/geliehen zu werden. An Filmen, bei denen ich Potential sehe, zumindest in Schlagdistanz zur Topliste zu gelangen, fehlen beispielsweise immer noch Bela Tarrs „Das Turiner Pferd“, der jüngst erst angelaufene „Tabu“ aus Portugal, Kim Ki-Duks „Pieta“, Bertrand Bonellos geradezu kitschig schwelgerisches Bordell-Drama „Haus der Sünde“, das griechische Duo „Attenberg“ und „Alpen“, oder „7 Psychos“, für den ich im Kino keine Zeit/kein Geld/keine Ruhe hatte. 

Schreiten wir also zu den Listen, zu der zentralen Topliste, die wie immer eine subjektive Momentaufnahme zwischen Lieblingsfilmen und sehr guten Filmen ist. Schreiten wir zur wie immer löchrigen Flop-Liste und zu einem kunterbunten Listen-Reigen durch diverse dubiose Kategorien. Es muss betont werden, dass „Drive“ mit Ryan Gosling für mich ein 2011er Film war und daher hier nicht mehr vertreten ist, obwohl er auch dieses Jahr locker ein Kandidat für die Top 3 wäre. In der letztendlichen Top 12 (für das Jahr 2012) konnte ich, wie angedeutet, nicht alles unterbringen, was ich für gut oder empfehlenswert hielt. So haben beispielsweise die erwähnten „Barbara“ und „Winterdieb“, Ang Lees tolle 3D-Romanverfilmung „Life of Pi“, der enorm elegante „Dame König As Spion“ und der letzte Oscar Gewinner „The Artist“ den großen Auftritt in der Topliste knapp verpasst. Besonders leid tut es mir aber um zwei Filme. Drew Goddards „The Cabin in the Woods“ ist ein wunderbar origineller, einfallsreicher und schwer unterhaltsamer Horror-Reigen, aber mein Bauchgefühl hat ihn – nicht zuletzt durch ein paar Verfehlungen im Spannungsaufbau und in der selbst geschaffenen Mythologie – hinter ausreichend viele andere Filme gesetzt. Und dann wäre da noch „Cloud Atlas“, bei dem ich mit mir gerungen hatte, ob er nicht als Zeichen der Anerkennung Platz 12 einnimmt. Aber es wäre halb unehrlich gewesen. „Cloud Atlas“ ist ein Film, der mehr Aufmerksamkeit und Zuspruch verdient hat, der von cineastischer Erfindungsfreude zeugt, aber unterm Strich war ich unterwältigt. Ich mochte den Film, fand ihn bewundernswert, aber der Grundgedanke war ein „nicht so gigantisch wie erhofft, aber dennoch sehr gut“ – daher entschied ich mich für die 12er Position für einen Film, der vielleicht ähnlich viele Macken hat, der mich aber stärker positiv überrascht und begeistert hat. Von hinten nach vorne geht’s nun los…

Regie: Joe Wright. Mit Keira Knightley, Aaron Taylor-Johnson, Alicia Vikander, Domhnall Gleeson, Jude Law

Sicherlich kein perfekter Film, aber einer den man so schnell nicht vergisst, der mutig und erfinderisch das irgendwie pappige Quasi-Genre des Kostümfilms mit neuem Leben erfüllt. Mehr noch als der letztjährige „Jane Eyre“ ist Joe Wrights Romanadaption ein Beweis dafür, dass sich auch die x-te Neuverfilmung eines alten Literaturschinkens lohnen kann. Ein visueller Rausch aus Kostümen, Ausstattung und eleganten Kameraideen, mit einer verblüffenden Grundidee, die mehr ist, als nur Spielerei. Dazu tolle Darsteller und eine vereinfachte, aber überzeugende Grundstory, die bewegt. 
Trailer.

Regie: Joss Whedon. Mit Robert Downey jr., Chris Evans, Tom Hiddleston, Chris Hemsworth, Scarlett Johansson, Jeremy Renner

Tendenziell bevorzuge ich im Superheldenbereich das, was z.B. Christopher Nolan mit „The Dark Knight“ abgeliefert hat, aber Joss Whedons knallbuntes Marvel Klassentreffen macht einfach unfassbar viel Spaß. Whedon weiß, wie er die Figuren auch in knappen Rollen zu lenken hat, lässt sie gekonnt miteinander spielen und herumtoben, bis es zum Finale ordentlich kracht. Der witzigste und sympathischste Superheldenfilm seit langer, langer Zeit, der – trotz schwachem Auftakt – zeigt, dass man mit den übermächtigen Weltenrettern nicht immer in Weltschmerz abrutschen sollte. Allein der Hulk rechtfertigt die Toplistenplatzierung.
Trailer.

Regie: Sam Mendes. Mit Daniel Craig, Judi Dench, Javier Bardem

Wenn man streng ist, dürfte der Film ganz so weit oben vielleicht nicht sein. Aber was heißt das schon? Kaum ein Kinobesuch in diesem Jahr war ein solcher Spaß, wie bei „Skyfall“. Ich bin kein Bond-Fan, hatte in den Wochen zuvor aber einen Marathon mit allen Filmen gemacht. Entsprechend war „Skyfall“ das ultimative Fanboy-Fest. Ein Film, der vor Nostalgie überquillt, der in seiner permanenten Rückschau aber nicht versinkt und sich nicht ausschließlich auf Zitate verlässt, sondern einen gleichzeitigen Neubeginn beschreibt. Zudem ein visueller Höchstgenuss – ja, der wahrscheinlich am schönsten anzusehendste Bond überhaupt, vielleicht gar der visuell herausragendste Film des Jahres. „Skyfall“ ist Bond pur, der Kritikpunkte der alten Filme (zelebriertes Machotum, Sexismus, Rassismus, deplatzierter Humor etc.) neu anpackt und teilweise geschickt umkehrt, wobei die Nostalgie auch dafür sorgt, dass manch negativen Bond-Vorurteile weiter gefestigt werden (Stichwort Dusche). Das könnte man in gewisser Weise sogar als Reboot bezeichnen, aber dieses hässliche Wort ist für diesen großartig unterhaltsamen Film eigentlich nicht angebracht.
Trailer.

Regie: Ben Affleck. Mit Ben Affleck, Alan Arkin, Scott McNairy, John Goodman uvm.

Der letztjährige „The Town“ bewies, dass der gute „Gone Baby Gone“ kein Glückstreffer war. Mit „Argo“, seinem dritten Spielfilm als Regisseur, hat sich Ben Affleck endgültig als richtiger guter Regisseur etabliert. Und „richtig gut“ wirkt immer noch wie ein großes Understatement, inszeniert Affleck „Argo“ doch mit einer Reife und Übersicht, die absolut beeindruckend ist. Script und Inszenierung beschneiden das politische Wurzelwerk auf ein notwendiges Minimum und machen aus der auf wahren (und mit viel Eifer detailgetreu nachgestellten) Ereignissen basierenden Geschichte einen packenden Quasi-Thriller. Eine auf doppeltem Boden am amerikanischen Genrefilm angelehnte Flucht aus einem abgeschotteten Land. Gespickt mit viel Humor, etabliert Affleck Figuren und Umgebung, ehe der beeindruckende „Showdown“ ansteht.
Trailer.

Regie: Lynne Ramsey. Mit Tilda Swinton, Ezra Miller, John C. Reilly,

Dass der (unfassbar gute) Roman intensiver und reichhaltiger ist, versteht sich von selbst. Und natürlich hätte man gerne mehr von Kevins Selbstdarstellung, von seiner Weltsicht nach der Tat erfahren, oder einen genaueren Einblick in die Beziehung von Eva und Franklin erhalten. Was Regisseurin Lynne Ramsey mit dem Roman macht, ist dennoch verblüffend. Sie adaptiert frei, ohne die Handlung wirklich auf den Kopf zu stellen. Dafür zertrümmert sie besonders in der ersten halben Stunde die Chronologie, springt zwischen assoziativen Erinnerungen und Gegenwartsimpressionen hin und her, wie man es nur im Film machen kann. Das Sounddesign ist eine Wucht, die Musikauswahl nicht gerade subtil, aber wirkungsvoll. Und dann diese Farben. Das intensive Rot ist noch weniger subtil, aber es macht den Film zu einer ständig irreal und bedrohlich wirkenden Erfahrung. Ein Film, der brutal wirkt, ohne wirklich Brutalität zu zeigen. Zudem atemberaubend intensiv gespielt von Tilda Swinton und Ezra Miller, die es zusammen mit Ramsey schaffen, Kevin zur Horrorfigur zu stilisieren, ohne ihn einfach als Höllenkind abzustempeln.
Trailer.

Regie: Kenneth Lonergan. Mit Anna Paquin, J. Smith-Cameron, Mark Ruffalo, Matt Damon

„Margaret“ ist eine bittere Kuriosität. Gedreht wurde der zweite Spielfilm von Autor und Regisseur Kenneth Lonergan (nach dem wunderbaren „You can count on me“) bereits 2005. Entsprechend jung sind hier Stars wie Matt Damon oder Anna Paquin (noch vor „True Blood“). Fox Searchlight wusste sich nicht zu helfen, es gab einen Streit um Rechte und um eine endgültige Schnittfassung. Im Herbst 2011 wendete sich das Blatt. Martin Scorsese und seine langjährige Cutterin Thelma Schoonmaker fertigten mit Lonergans Einverständnis eine neue Schnittfassung ab, die in wenigen amerikanischen Kinos lief, den Film sodann auf mehrere Top 2011 Listen amerikanischer Kritiker hievte. In Deutschland 2012 nur auf DVD entstanden, ist „Margaret“ eine kleine Kostbarkeit, die uns fast verloren gegangen wäre. Ein Film, der den amerikanischen Seelenzustand nach dem 11. September mal subtil, mal ganz direkt aufgreift, der eine Matrjoschka-Puppe aus Schuld und Sühne erschafft. Eine junge Schülerin ist unmittelbar an einem tödlichen Bus-Unfall beteiligt, trägt eine Teilschuld, und kann mit dieser nicht umgehen. Sie stürzt sich mit aller Macht in den Versuch, den Busfahrer (Mark Ruffalo) anzuklagen. Aber es geht um so viel mehr. „Margaret“ ist übervoll an Ideen und Diskussionsansätzen, an wirklich beschäftigungswürdigen Themen. Manchmal ist er zu voll, aber am Ende des Films muss man es so oder so sacken lassen. Fantastisch gespielt, insbesondere von Anna Paquin, die diese schwierige und teilweise nervige Figur, in diesem Sammelsurium aus schwierigen und mitunter nervigen Figuren, die ständig streiten und sich Vorwürfe machen, mit einer gewaltigen Emotionalität spielt. Man könnte Paquin Overacting vorwerfen, aber ihre Rolle verlangt es, der jugendliche Gefühlstaumel des Charakters muss größer als der Film sein. 
Trailer.

Regie: Michael Haneke. Mit Emmanuelle Riva, Jean-Louis Trintignant

Es ist in der Regel schwierig, Michael Hanekes Filme wirklich zu lieben, das heißt sie zu gucken, gut zu finden und es kaum abwarten zu können, sie wieder zu gucken. Selbst wenn man sich auf die schonungslose, manchmal recht oberlehrerhafte Art des österreichischen Meisterregisseurs einlassen kann, wenn man seinen rigiden Formalismus mag, überwiegt meist „nur“ das Gefühl der Bewunderung und Anerkennung für eine große künstlerische Leistung, aber persönliche Bindung zwischen Film und Zuschauer kann nur schwer entstehen. Das gehört quasi zum Haneke’schen Prinzip. Aber „Liebe“ ist in gewisser Weise der warmherzigste Film, den Haneke bisher gemacht hat, ja wahrscheinlich der warmherzigste Film, zu dem er in der Lage ist. Und das beim Themenkomplex Schlaganfall, Demenz, Tod. Natürlich führt Haneke radikal und schonungslos vor, wie Körper, Geist und Lebenswillen der von Emmanuelle Riva bewundernswert verkörperten Anne schwinden, doch der vermeintlich kitschige Filmtitel ist gleichermaßen Provokation wie Programm. Nicht zuletzt dank Jean-Louis Trintignant weicht Hanekes sonst standesüblicher Pessismismus, weicht seine misanthropische Art einem fast romantisch zu nennenden Blick auf diese über Jahrzehnte hinweg verwurzelte Beziehung und Verbindung zweier Menschen. Wahrlich kein einfacher Film, aber einer der bewegt und der so schnell nicht wieder loslässt.
Trailer.

Regie: Céline Sciamma. Mit Zoé Heran, Malon Lévana, Jeanne Disson

Hätte ich auf einer Top 2011 Liste eines gerne gelesenen Kritikers nicht diesen Film entdeckt, wäre mir ein Juwel wahrscheinlich für lange Zeit verborgen geblieben. Céline Sciammas Film ist ein behutsames und verblüffendes Drama um die Suche nach der eigenen Identität und Sexualidentität. Die junge Laure zieht in einen neuen Wohnkomplex. Es sind Sommerferien und als die Kinder draußen spielen, gesellt sich Laure zu ihnen und gibt sich als Junge aus. Es ist bewundernswert, wie natürlich und doch magisch Sciamma diesen kleinen Film erzählt, wie sie authentischen Humor mit der ernsten Sehnsucht hinter Laures Maskerade verbindet. Die mutige Darstellung von Zoé Heran tut ihr Übriges. Ein wahrer „Coming of Age“ Film, so ehrlich und lebensnah, dabei überwiegend leicht und unbeschwert, wie man ihn vielleicht nur in Europa bekommt.
Trailer.

Regie: Jeff Nichols. Mit Michael Shannon, Jessica Chastain

Eines von mehreren großen Ausrufungszeichen, die der amerikanische Independent Film in den letzten Jahren setzte. Ein mitreißendes, durch und durch faszinierendes Psychogramm eines Mannes, der nicht weiß, ob er seinen Visionen vom drohenden Supersturm trauen kann. Angereichert mit leisen Verweisen auf die Finanzsituation der USA, ist „Take Shelter“ ein packendes und gnadenlos gut gespieltes Drama, das auch als Mysterythriller funktioniert. Regisseur und Autor Jeff Nichols will uns um jeden Preis an der Nase herumführen und schafft das auch. Das Finale im Luftschutzbunker ist eine der spannendsten Szenen des Jahres. 
Trailer.

Regie: Rian Johnson. Mit Joseph Gordon-Levitt, Bruce Willis, Emily Blunt

Rian Johnson muss mehr Filme machen. Nicht etwa, weil er Nachhilfe nötig hat, sondern weil er einer der originellsten und kreativsten amerikanischen Regisseure zurzeit ist. Der High School Noir Film „Brick“ ist so ein Beispiel, wie Johnson dem amerikanischen Genre neue Facetten abgewinnt. Und auch wenn „The Brothers Bloom“ als Gesamtfilm nur durchwachsen war, ist er voll kreativer Ideen. Noch wesentlich besser funktioniert „Looper“, der sich gar nicht darum schert, das futuristische Element (Zeitreise) näher zu beleuchten, sondern die Auswirkung der Zeitreisemöglichkeit ausspielt. Das mag nicht frei von Paradoxa und vermeintlicher Unlogik sein, aber dafür nimmt es gefangen, wie kaum ein zweiter Film dieses Jahr. Joseph Gordon-Levitt und Bruce Willis überzeugen als Hauptfiguren, die, obwohl stark verbunden, ihre ganz eigenen, jeweils faszinierenden Charaktere bilden, mit eigenen Zielen und Absichten. Der Film ist mutig und erfrischend anders darin, wie er das Verhalten der vermeintlich „Guten“ zeigt, wie er Nebenfiguren, die wir angeblich sofort durchschaut haben, originell gestaltet, und ganz besonders wie die Zuschauererwartungen verdreht werden. So müssen Genrefilme aussehen und sich anfühlen.
Trailer.

Regie: Sean Durkin. Mit Elizabeth Olsen, John Hawkes, Sarah Paulson

Der US-Indiefilm lebt. Man weiß nicht, wen man mehr loben soll. Regisseur und Autor Sean Durkin, der sein Debüt mit einer Kraft und Finesse inszeniert, die beeindruckt. Oder Newcomerin Elizabeth Olsen, die jüngere Schwester der Olsen Twins Mary Kate und Ashley, die hier mit einer kontrollierten Intensität spielt, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Script und Regie verknüpfen geschickt Marthas gegenwärtige Rückkehr zu ihrer Schwester, mit Erinnerungen (oder Wahnvorstellungen?) aus Marthas Zeit in einer sektenähnlichen Kommune. Martha wollte raus, kann die Geister der Vergangenheit jedoch nicht abschütteln. Im großen Seehaus ihrer Schwester prallen idealistische Welten aufeinander und Marthas psychische Problemen offenbaren sich immer mehr. Es ist ein Paranoia-Film, der es auf grandiose Weise schafft, diese auf den Zuschauer zu übertragen. Ein faszinierender und wahnsinnig intensiver Film, der mit seinem Sounddesign, seiner geschickten Rückblendenstruktur und Elizabeth Olsens viel sagend bedrohlichem Blick lange nachwirkt. (Könnte nach einer erneuten Sichtung auch Platz 1 erreichen.)
Trailer.

Regie: Wes Anderson. Mit Jared Gilman, Kara Hayward, Bruce Willis, Edward Norton uvm.

Auch wenn die Top 3 sehr variabel ist und diese Nummer 1 einen Bonus hat, weil der Film sich am längsten weit oben in meinem Empfinden gehalten hat: Hätte man mir vorher gesagt, dass der neue Wes Anderson meine Nummer 1 im Jahr 2012 wird, hätte ich es nicht geglaubt. Der Film stand auf meiner Liste, aber unter den ganz großen Titeln hatte ich ihn nicht. Dabei mag ich Anderson eigentlich, obwohl er auch weiterhin nur der zweitbeste Anderson-Regisseur (nach Paul Thomas) ist. „Rushmore“ oder „Die Royal Tenenbaums“ sind für mich mit großem Abstand die bisherigen Highlights im Schaffen des eigenwilligen Stilisten. Obwohl „Der fantastische Mr. Fox“ ein wunderbares Unikat im Animationsfilmsektor war, stand Anderson zuletzt auf der Stelle. Der Tiefpunkt: „The Darjeeling Limited“, der sich so einfallslos an Anderson’sche Figuren und Stil-Eigenheiten klammert, dass er am Ende nicht mehr war, als ein überlanger Werbespot für ein schniekes Kofferset. Ganz anders „Moonrise Kingdom“, der natürlich auch ein waschechter Anderson ist, der aber einige Dinge anders macht. „Moonrise Kingdom“ lässt endlich wieder das zu, was in Andersons Filmen zuletzt fehlte: Echte Sympathie und emotionale Bindung zu den Figuren. Der Stilwillen findet hier oft genug eine Entsprechung in der Handlung, wirkt nicht mehr so selbstgefällig wie zuletzt. Und die Story, diese früh-adoleszente Liebesgeschichte, fasziniert. Diese Art von jugendlichem Abenteuer- und Ausbrecherdrang hat ohnehin immer einen Reiz für mich, und Anderson beherrscht die Mischung aus Humor, Drama, Kindheits-/Jugendromanze und der typischen Verschrobenheit grandios. Visuell und auch musikalisch schlicht großartig.
Trailer.


Schlechte(ste) Filme: 
(aka: Eher nicht so gute… ach, was solls, ziemlich beschissene Filme)

Es ist rückblickend noch immer schwer nachzuvollziehen, warum die Mischung aus dem „Crank“ Regie-Duo Neveldine/Taylor und Comic-Antiheld „Ghost Rider“ ein derart öder Haufen Langeweile geworden ist. Dass es ein guter Film würde, stand so oder so auf wackeligen Beinen, aber immerhin wild, rasant, feurig und aufregend hätte es sein sollen, mit zumindest vorgetäuschtem Tempo und gleichermaßen irren wie bekloppten Ideen. Doch annähernd nichts davon trat ein. Das verbesserte Design des Riders und die Schaufelradbagger-Sequenz bleiben die wenigen „Verbesserungen“ im Vergleich zum Vorgänger, denn ansonsten herrscht schlecht geschriebene und wenig involvierende Langeweile vor. Da muss man um so banale und uninspirierte Einfälle wie „Feuer pinkeln“ und „Kugeln kotzen“ schon beinahe dankbar sein, denn die restliche Zeit begleiten wir den Rider bei der Highway-Spazierfahrt im Schneckentempo, bei der zu viel Zeit für die schlecht geschriebene Grundhandlung, rund um die recht uninteressante Frau und ihr gleichermaßen wenig erinnerungswürdiges satanisches King, verschwendet wird. Zu allem Überfluss ist selbst Nicolas Cage im Sparmodus unterwegs, was uns doch glatt den besorgniserregenden Irrsinn Cages im Vorgänger vermissen lässt. Interessante Leute wie Idris Elba, Ciaran Hinds und Christopher Lambert haben zudem entweder nichts zu tun oder werden zusehends in die zweite Reihe verbannt. Ein Film zum Vergessen.

[Mit Spoilern zum gesamten Film:] Man sollte nicht immer den Film dafür verantwortlich machen, wenn gewisse Dinge beim Publikum nicht funktionieren, aber dieses sagenhaft dämliche Filmchen hat einfach grundlegende Probleme. Gedacht als romantische Actionkomödie ist „This means War“ weder romantisch, noch dauerhaft witzig und als Actionfilm schon mal gar nicht zu gebrauchen. Mit „unserem“ Til Schweiger als dubiosen Schurken, der so schlecht gespielt, wie er geschrieben ist, unterbricht sich der Film immer wieder selbst. Das Drehbuch hat ähnlich wenig Interesse an der nahenden Bedrohung, wie unsere beiden liebestollen Geheimagenten, und so wirkt alles, was mit dem Schurken zu tun hat, wie in Bruchstücken aus einem anderen Film herüber gekarrt. Viel problematischer jedoch das Kernstück des Films, die verzwickte Dreiecksromanze. Ohne ihr zu nahe treten zu wollen, aber Reese Witherspoon spielt hier eine der dümmsten Film-Frauen seit einigen Jahren, die nicht tatsächlich auch als dumm betrachtet werden soll. Das Script muss diesen an den Haaren herbeigezogenen Plot natürlich irgendwie legitimieren und am Laufen halten und dafür ist jedes noch so unlogische Mittel recht. Sei es das Unvermögen der Holden, die absurden Doppeldates zu durchschauen, sei es das Verhalten der beiden Jungs, die sich zu Vorpubertierenden zurückentwickeln, oder Chelsea Handlers weiblicher Rat, der in diesen Post-Sex-and-the-City-Zeiten natürlich nur in eine Richtung abzielt. 

Wie die beiden (absurd konträr gecasteten) Jungs am Ende überhaupt noch ein glaubwürdiges Interesse an der Frau haben können ist schwer nachzuvollziehen. Aber es muss ja so sein, sagt das Drehbuch. Genauso wie diese spießig-konservativen „Alles wird für alle gut“ Wendungen wohl sein müssen, denn da Witherspoon und Chris Pine ja in einer „Testnacht“ das Bett geteilt haben, was zwischen Witherspoon und Tom Hardy nicht funktionieren wollte, kann sie ja nun mal nur noch mit Pine zusammenkommen. Alles andere wäre unanständig. Und weil Hardy natürlich nicht auf der Strecke bleiben darf, versöhnt er sich – wie erwartet – mit seiner Ex, der Mutter seines Sohnes, die das als Motivation für die Versöhnung nimmt, was in anderen Filmen überhaupt erst der Auslöser für Krach und Trennungswünsche ist: Sie erfährt vom wahren Job ihres Ex-Mannes und dass sie – klar herausgesagt – über Jahre hinweg belogen wurde. Yay.

Es mag Leute geben, die in Peter Bergs „Schiffe Versenken“ Klopper Ironie, humoristische Überzeichnung, gar Satire gesehen haben wollen. Und ja, irgendwo ist das gerade zum Ende hin definitiv überzeichnet und irgendwie zu absurd um wahr zu sein. Aber der Ton des Restfilms, z.B. durch die so peinlich offensichtliche Szene zu Beginn, mit einem Jungen, der die Navy ganz toll findet und sich gerne bald, wenn er groß ist, verpflichten möchte, bewegt den Film eigentlich eindeutig von irgendwelcher Ironie oder Satire weg. Mit einem Augenzwinkern vielleicht, aber der eigentliche Film ist ein stupider SFX-Baller-Haufen mit mikroskopischer Behelfshandlung, der zum Ende einfach zu albern wird, um noch irgendwie als blöder, aber unterhaltsamer Hirn-aus-Spaßfilm durchzugehen. Spätestens wenn klapprige Veteranen zu AC/DC übers Schiffsdeck spazieren, so als würden sie sich gerade dem Asteroiden-Bohr-Team um Bruce Willis anschließen, dürfte es den härtesten Transformers-Fan vor spöttischen Amüsement aus den Socken hauen. Und bei „Transformers“ (zumindest Teil 1) sehen wir auch, wie diese Art von Film besser funktioniert. Die Action, die Effekte und die Designelemente von „Battleship“ langweilen zumeist und können die depperten Dialoge der gesichtslosen Charaktere nicht vergessen machen.

Abraham Lincoln (ja, DEN Abraham Lincoln) zu einem Axt schwingenden Vampirjäger zu machen passt genau in gewisse zeitgenössische Trends, erscheint aber grundsätzlich wie eine Idee, die nur im Alkoholrausch entstanden sein kann. Da kringelt man sich doch schon bei der grundsätzlichen Vorstellung, wie dieser Käse denn wohl ablaufen soll. Der Film von Timur Bekmambetov macht daraus jedoch ein bierernsten Spaßverweigerer von Film, der sich mit plattesten Metaphern an Lincolns Biographie entlang hangelt und sich um Kopf und Kragen bringt, wenn die vampirische Invasion aus dem amerikanischen Süden eingebracht werden soll. Es ist witziger als der gesamte Film, wie sehr das Script bemüht ist, dieser absurden Vermischung vermeintlich interessante Ideen abzugewinnen, die Lincoln’schen Ideale unterzubringen und Honest Abe als von Traumata geplagten Rechtschaffenen Kämpfer für das menschliche Amerika zu machen. Bekmambetovs übliche Spielereien aus Zeitlupe, computergesteuerter Camera und Computereffekten in nahezu jeder Szene, macht diese eigenartig konträre Mischung aus uriger Grundidee und todernster Umsetzung auch nicht harmonischer.

Irgendwann im Leben kommt ein Film daher, nach dem fühlt man sich einfach alt. Das Problem, welches ich mit „Project X“ habe, liegt aber weniger an der grenzenlos aus den Fugen geratenen Party, die bis zu einem gewissen Punkt sicherlich der Mehrheit der Anwesenden Spaß gemacht hat. Es ist vielmehr das Drumherum und insbesondere das Personal, das uns durch dieses Party-Chaos führt. Die drei Freunde Thomas, Costa und JB (die sicherlich nicht zufällig an die Hauptfiguren des 100x besseren „Superbad“ erinnern) sind Loser, die endlich mal einen wegstecken wollen. Klar, sie wollen auch endlich wahrgenommen werden, aber das auch nur, um von bereitwilligen Frauen wahrgenommen zu werden. Natürlich nur von gut aussehenden willigen Frauen. Und zumindest der unerträgliche Costa macht daraus keinen Hehl. Zwischendurch versucht der Film ein paar ruhigere Töne anzuschlagen, versucht ähnlich wie bei „Superbad“ die Freundschaft der Jungs über das Anliegen von „Party und Pussy“ zu stellen, aber der Film und Costa werden immer wieder rückfällig. Allein bei den Dialogen würde man Costa und Co. am liebsten in die ewige Loser-Hölle verbannen, wo sie, so wie sie sich aufführen, auch hingehören. Der Film muss gar nicht moralisch werden und die drei als Opfer jugendlicher Rituale und vermeintlicher Verhaltensgrundsätze darstellen (was aber definitiv machbar wäre), aber dass der Film stattdessen zu einer Huldigung all derer deprimierten Außenseiter wird, die Frauen nicht anders als „Bitches“ und „Pussies“ nennen, die wüste Zerstörung mit einem mauligen „Mist, ich hab Hausarrest“ kommentieren und sich dann feiern lassen, geht gar nicht klar. 

Passend dazu zelebriert der Film diese Weltsicht. Statt ausgelassener Freude in den Party-Sequenzen besteht der halbe Film aus halb (oder ganz) nackten Frauen, die ihre Brüste und Hintern in die Kamera räkeln. Und kaum die Hälfte ist dadurch zu legitimieren, dass die Kamera doch von pubertierenden Jungs genau dort hingehalten wird. Die gesamte Found Footage Prämisse ist – wie so oft – haarsträubend dämlich. So hört der Film zwischendurch einfach mal auf, Found Footage zu sein, fängt dann wieder an, wenn’s ihm grad passt. Und selbst wenn man das alles ignorieren kann, ist der Film einfach nicht wirklich unterhaltsam. Leuten in einem fiktiven (und überdeutlich als solchen zu erkennenden) Film beim Partymachen zuzuschauen ist ein eher dubioses Vergnügen, weil man zur Passivität gezwungen wird. Absurde und an den Haaren herbeigezogene Verschärfungen, wie der Zwerg, die übereifrigen Security Kids oder Mr. Flammenwerfer, sollen das Geschehen aufpeppen, wirken aber gewollt und unharmonisch. Und dann ist da noch die sagenhaft dämlich geschriebene Sache mit dem Beziehungs-/ Freundschafts-Problem von Geburtstagskind Thomas und seiner (besten?) Freundin Kirby, das hier schlicht keine Sau interessieren dürfte. Dafür endet dieses unentschlossene Filmchen, bei dem hinter der Anarchie durchaus annehmbare Ansätze schlummern, mit einer deplatziert aggressiven Kampfansage.

The Dark Knight Rises:
[Mit Spoilern] Der schwächste Teil von Christopher Nolans Batman-Trilogie ist noch lange kein wirklich schlechter Film. Und doch wirkt Nolan in Script, Figurenzeichnung und Inszenierung oft eigenartig lustlos. Ganz besonders Schurke Bane, auch wenn er Batman (mehrfach) körperlich zu Boden ringt, kann nicht vollends überzeugen. Eine beeindruckende Erscheinung, erscheinen seine Motive lange Zeit widersprüchlich, bis er zu einem Nachahmer gemacht wird, der vollenden soll, was ein anderer Mann angefangen hat. Schließlich ist Bane nicht mal mehr der Held und wird auch noch unwürdig beiläufig aus dem Weg geräumt. Der nun enttarnte eigentliche Schurke ist zwar eine hübsche Rahmung zu „Batman Begins“, aber man wird das Gefühl nicht los, dass es wie eine Wiederholung wirkt, dass dieselben Motive, Ideale und Argumente aufgearbeitet werden, wie zuvor. Kein Moment in TDKR kann mit den stärksten Momenten aus „The Dark Knight“ mithalten, nicht ein Mal kann der angeblich so „düstere“ Abschluss der Reihe mit der Gefahr, dem unerklärlichen Terror und der moralischen Herausforderung mithalten, wie bei TDK. Zudem wirkt „Rises“ überlang, tut sich keinen Gefallen damit, Bruce Wayne doppelt am Boden liegen und wieder aufstehen zu lassen. Ein unterwältigender Showdown und eine etwas zu verspielte Schlussszene sind trotz einiger unterhaltsamer und, ja, guter Momente nicht das, was man sich zum Abschied für diesen Batman gewünscht hat.

The Amazing Spider-Man: 
Der Film schliddert nur haarscharf daran vorbei, bei den schlechten Filmen zu landen. In erster Linie ist aber nur das Script schlecht. Oder das, was der (vom Studio diktierte?) Schnitt daraus gemacht hat. Einen derart unharmonischen, zusammenhangslosen, widersprüchlichen und sprunghaften Film dieser Größe hat man jedenfalls schon lange nicht mehr gesehen. Halb abgewürgte Erklärungs-Monologe, hängen gebliebene Fetzen einer ausgedehnten Nebenhandlung, oder das nur zu erahnende Schicksal von Irrfan Khans Figur – da ist irgendwas in der Postproduktion schief gelaufen. Aber toll war das Script wahrscheinlich von Beginn an nicht. Die Beziehung zwischen Peter und Gwen ist unmotiviert, ist plötzlich da, weil Gwen vom Script aufgetragen bekommt, auf Peter zu stehen, obwohl der wahlweise ein stotternder Trottel oder ein arrogantes Arsch ist. Peter + Gwen ist nur erträglich, weil Garfield und Stone generell sympathisch sind und wohl auch real ganz gut miteinander auskommen. Ähnlich öde: der Lizard. Über das (grässliche) Design kann man streiten, aber sowohl Dr. Connors als auch der Lizard sind absolut eindimensionale Charaktere, die meilenweit von der emotionalen Tragik eines Doc Ock entfernt sind. Die ganze neue Wendung, rund um Peters Eltern (noch so eine abgestorbene Nebenhandlung) und die Verbindung zu Dr. Connors, macht aus dem abermals geäußerten „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung“ ein langweiliges „Räum deinen eigenen Müll weg“, denn Peters Heldentaten werden nicht durch Spider-Man oder Peters Gutherzigkeit begründet, sondern dadurch, dass er in gewisser Weise für den Lizard verantwortlich ist. Zu all dem gesellt sich ein schwaches Finale, bei dem einige Einfälle gar nicht funktionieren (Cops verwandeln sich in Lizards – machen dann aber nichts) oder schlicht lächerlich wirken (die Kräne!). Es kann für Teil 2 fast nur besser werden.

Prometheus: 
Eigentlich will ich ja gar nicht drüber reden. Vielleicht sollte ich den Film auch noch ein zweites Mal gucken oder die längere Heimkino-Fassung abwarten. Aber nach heutigem Stand ist „Prometheus“ eine der größten Kino-Enttäuschungen meines Lebens. Dabei ist der Film ja gar nicht mal wirklich schlecht und so wirklich viel erwartet hatte ich auch nicht. Ich wollte den Film gar nicht, da ich befürchtete, mein geliebter „Alien“ würde durch den Prequel-Charakter von „Prometheus“ in Mitleidenschaft gezogen. Das ist in Ansätzen auch so eingetreten, ist aber nur ein kleiner Grund für die Enttäuschung. Es ist nun mal dieselbe Welt, dieselbe Mythologie wie „Alien“ und da hat man halt gewisse Erwartungen, auch wenn im Prinzip alle drei regulären Fortsetzungen auf ihre Weise mehr oder weniger enttäuschten. (Camerons „Aliens“ ist ein grandioses Beinahe-Meisterwerk, aber ich wünschte, es wäre nicht Teil des Alien-Universums.) Entscheidend war, wie blöd und einfallslos das Geschehen in „Prometheus“ war, wie man die denkbar einfachste Hintergrundgeschichte zum mysteriösen Space Jockey (F**k off, Engineers!) nehmen konnte, nur um sie mit dusseligem Charakterverhalten und absurder Biology-Fiction zu verkomplizieren. Über das idiotische Verhalten der Figuren ist ausreichend geschrieben worden, aber die Lieblosigkeit der Welt, die Banalität der Ideen und der ach so großen Fragen, die der Film aufwirft und mit einer eher herablassenden Attitüde absterben lässt, statt wirkliche Faszination zu erzeugen, verwirren so stark wie sie verärgern.

Der Hobbit: Eine unerwartete Reise
Es war gar nicht so schlimm, aber weil er sonst nirgends Erwähnung findet, hier noch ein paar kurze Worte zu diesem Film, ohne dessen Existenz ich vor seiner Ankündigung sehr gut leben konnte. Unabhängig von der technischen Neuerung (HFR 3D hat für mein Empfinden noch zu viele Macken) ist der erste der drei Hobbit-Filme einfach viel zu aufgebläht und nicht bedeutungsvoll genug, um so zu begeistern, wie es die „Herr der Ringe“ Trilogie vermochte. Zudem folgt Peter Jackson (bzw. folgt Tolkin) erschreckend stark den HdR Fährten, genauer den Fährten der, äh, Ge-Fährten. Eine Gruppe formiert sich, muss sich aneinander gewöhnen, ein Hobbit verlässt das behütete Auenland, Besuch in Bruchtal, ein gefallener König/Thronerbe als Teil der Gruppe, die Überquerung eines Bergkamms birgt Gefahr, Gollum ist dabei, und die Flucht aus Orc-City ist eine Neufassung der Flucht aus Moria, nur actionreicher und spannungsärmer. Hinzu kommt ein bisweilen eigenwilliger Humor, der meistens in Ordnung geht, aber beispielsweise bei drei depperten haute-cuisine Trollen maßgeblich den „Herr der Ringe“ Filmen schadet. Es bleibt ein guter Film, da Jackson weiß, wie er diese Welt anpacken muss. Das Zwergenkönigreich Erebor ist zudem vielleicht die schönste und beeindruckenste Stadt, die in dieser Filmreihe bisher entworfen wurde. Aber so ganz rund wirkt der Film nicht, obwohl man sich fraglos direkt wieder heimisch in der Welt fühlt.

Positive Überraschung: 21 Jump Street
Um ehrlich zu sein kenne ich nicht viel von der 80er TV-Serie, die Johnny Depp bekannt machte. Vielleicht macht das die Akzeptanz des vom Ton her wohl doch reichlich anders gelagerten TV-Remakes/Spin-Offs/Reboots leichter. Wie auch immer das zu begründen ist, der Kino „21 Jump Street“ ist ein mitunter zwerchfellerschütternd witziger Film, der es zudem schafft, echtes und ehrliches Interesse für seine Hauptfiguren aufkommen zu lassen. Jonah Hill und Channing Tatum sind ein grandioses Team und passen einfach hervorragend zusammen. Gerade Tatum beweist hier, dass er mehr ist als ein durchtrainierter Oberkörper. Der Grundplot ist nicht originell, aber abwechslungsreich und zudem der ideale Rahmen, um High School, Jugend und Erwachsensein humorvoll wie ernst zu beleuchten. Und die Überraschung am Ende ist das Sahnehäubchen.

Vertane Chance: Kriegerin
Ein durchaus wichtig zu nennender Film, darüber hinaus gut gespielt und wahrscheinlich auch mit Zeitaufwand recherchiert, scheitert „Kriegerin“ an seiner allzu naiven zweiten Hälfte, an der gefährlich simplifizierten Darstellung der Gruppen und daran, dass seine Hauptfigur scheinbar sämtliche bei der Recherche gefundenen Nazi-Symbole, Sprüche und Zeichen am Körper zur Schau tragen muss. Oberflächlichkeit siegt hier über eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema.

Hassliebe: Cosmopolis
Nicht zuletzt dank des radikalen (und gnadenlos überzogenen) Punktehammers von Kollege Mester ist der neue Cronenberg zu einem Kuriosum des Kinojahres geworden. Ich sah mich in Diskussionen dazu gezwungen, einen Film zu verteidigen, den ich selbst schon nicht uneingeschränkt mochte. Ich mochte ihn jedoch genug, um solche Extrem-Ausreißer kritisch zu hinterfragen. Schon den letztjährigen „A Dangerous Method“ fand ich nicht gänzlich überzeugend, zu dialogintensiv, ohne wirklich-wirklich zu packen. „Cosmopolis“ setzt da noch einen drauf und lässt selbst so unterkühlte und langsame Cronenberg Filme wie den faszinierenden „Crash“ oder den meisterhaften „Die Unzertrennlichen“ wie atemlose Thriller wirken. Cronenberg treibt die Langsamkeit, den Fokus auf Dialoge und die Unbeweglichkeit der Handlung und Szenerie in „Cosmopolis“ bis zum Äußersten. Vielleicht war auch der halsbrecherische Hochgeschwindigkeits-Irrsinns-Trailer Schuld, dass man irgendwie andere Vorstellungen vom Film hatte. Und selbst wenn man Erwartungen ausklammert, ist der Film inhaltlich und thematisch nicht dauerhaft spannend und reichhaltig genug. Und genau da liegt das Problem: In Ansätzen ist „Cosmopolis“ ein ungemein spannender, reichhaltiger, faszinierender, intensiver und origineller Film, der andeutet, was er u.a. auch hätte werden können.

Konfusion: Holy Motors
Zugegeben, diese Kategorie ist im Prinzip nicht groß anders als die vorherige „Hassliebe“ Geschichte. Ich wollte auf beide Filme einfach (erneut) zu sprechen kommen. Bei „Holy Motors“, dem seit langer Zeit ersten neuen Film von Leos Carax, überwiegt aber vielmehr noch die Verwirrung über das Gesamtwerk, als der innere Konflikt über die Wirkung mancher Passagen. Obwohl auch das hier eine enorme Rolle spielt. Als ich „Holy Motors“ damals im Kino gesehen hatte, sparte ich mir eine Kritik. Ich konnte nicht in Worte fassen, was für einen Film ich gerade gesehen hatte und wie genau ich das denn fand. Eigentlich sollten solche Reaktionen jeden neugierigen und offenen Cineasten dazu bringen, den Film sofort auszuprobieren. Es ist – so viel ist unbestreitbar – ein absolut einzigartiges Werk, das man so noch nie gesehen hat. Und selten war diese Phrase richtiger. „Holy Motors“ ist in seiner surrealen, episodischen und anspielungsreichen Art ein Gesamtkunstwerk, das gleichermaßen das Kino-Erzählen feiert und vor erzählerischem Erfindungsreichtum überquillt. Gleichzeitig ist „Holy Motors“ durchzogen von biographischen Details, Anagramm-Spielereien und Verweisen aufs eigene Schafen von Leos Carax. Das ist etwas, was vor Sichtung des Films sicherlich ein hilfreicher Hinweis ist. Eine Art „Schauspieler“ – hier ein dehnbarer Begriff – in einer Limousine fährt durch die Stadt und schlüpft für diverse Auftrage in verschiedene Rollen, bei denen die Grenzen zwischen Spiel und Realität verschwimmen. Ein symbolhaftes, vielfach deutbares Kuriositätenkabinett, das mehrfach zweifellos grandios ist, mit seiner Erfindungsreichtum verzückt, und über dem Denis Levants unfassbar geniale Schauspielleistung steht. Ja sogar Kylie Minogue überzeugt in einer Nebenrolle. Aber so ganz wollte das Experiment (für mich) nicht aufgehen, mit Passagen, die zwar faszinierten, aber – wie das Neon-Licht-Motion-Capture-Schattenkämpfen – eher wie Spielerei und Gepose wirkten. Dass „Holy Motors“ schließlich die #1 im Filmjahr 2012 in den ewig undurchschaubaren Cahiers du Cinema wurde, machte meine Verwirrung nur noch größer. 

Unfairbehandelt: Mirror Mirror, John Carter, Ruby Sparks, Cloud Atlas 
Regisseur Tarsem ist zweifellos ein „style over substance“ Mann, bei dem der Look wichtiger ist, als die erzählte Geschichte. Aber mit seinem atemberaubend schön anzusehenden Schneewittchen-Film „Spieglein Spieglein…“ liefert er ein starkes Argument dafür, dass die zelebrierte Oberflächlichkeit manchmal sehr lohnenswert sein kann. Und dieser Film ist ja auch nicht so dünn, wie man vielleicht dachte. Klar, sonderlich neu ist diese humorvolle Neuerzählung von Schneewittchen nicht, auch nicht, wenn sie mit ironischem Witz oder sarkastischem Spott, meistens durch die grandios aufgelegte Julia Roberts, aufgepeppt wird. Aber es passt, hat ein paar nette Ideen und unterhält. Wäre da nicht das übereifrige, überladene und auch visuell nicht mehr wirklich begeisternde Schlussdrittel, wäre der Film noch besser. In gewisser Weise ist der Film eh das würdige Abschiedsgeschenk der verstorbenen Kostümdesignerin Eiko Ishioka, die mit ihren Kostümen irgendwo zwischen Disney, Orientalismus und reinster Fantasy begeistert. „Spieglein Spieglein…“ ist klar der bessere der beiden Schneewittchen-Filme 2012, hat die bessere Prinzessin, die bessere Stiefmutter, die mit Abstand besseren Zwerge, aber geredet wurde zumeist über die eher plumpe und vergleichsweise öde Fantasy Kloppe mit Kristen Stewart, die auch mehr Geld einspielte. 

Gilt ähnlich auch für „John Carter“ und „Ruby Sparks“. Ersterer ist nicht so schlecht, wie ihn viele gemacht haben. Und Letzterer ist so viel origineller und ernsthafter und zielgerichteter, als die meisten RomCom-Kollegen, die aber meist viel mehr Zuschauer haben. Und „Cloud Atlas“? Leute, wenn so was gar nicht erst angeguckt wird, ist es kein Wunder, dass wir nur noch Battleships vorgesetzt bekommen. Es muss ja nicht gefallen, aber einen Blick darf man hier und da durchaus riskieren.

Bester Hauptdarsteller:
1. Denis Levant, Holy Motors 
Michael Shannon, Take Shelter 
Michael Fassbender, Shame 
Gary Oldman, Tinker Tailor Soldier Spy 
Ernst Umhauer, In ihrem Haus
knapp vorbei: Jean Dujardin, The Artist

Beste Hauptdarstellerin:
1. Elizabeth Olsen, Martha Marcy May Marlene 
Tilda Swinton, We need to talk about Kevin 
Anna Paquin, Margaret 
Nina Hoss, Barbara 
Zoé Héran, Tomboy  
knapp vorbei: Rooney Mara, Verblendung - The Girl with the Dragon Tattoo

Bester Nebendarsteller:
1. Ezra Miller, We need to talk about Kevin 
Matthew McConaughey, Magic Mike 
Michael Fassbender, Prometheus 
John Hawkes, Martha Marcy May Marlene

Ronald Zehrfeld, Barbara 

Beste Nebendarstellerin:
1. J. Smith-Cameron, Margaret 
Alicia Vikander, Anna Karenina 
Shailene Woodley, The Descendants 
Jessica Chastain, Take Shelter 
Carey Mulligan, Shame

Cameo des Jahres: (markieren, um Namen zu lesen)
1. Johnny Depp, 21 Jump Street 
Dave Grohl, The Muppets
Jim Parsons, The Muppets
Stan Lee, The Amazing Spider-Man 
Aston Martin DB5, Skyfall

Beste Schauspielleistung in einem schlechten (bzw. nicht so guten) Film:
Michael Fassbender, Prometheus 

Schlechteste (bzw. im Vergleich nicht so gute) Schauspielleistung in einem guten Film: 
Matt Damon, Margaret 

Unglaubwürdigstes Leinwandpaar: 
Katniss (Jennifer Lawrence) und Peeta (Josh Hutcherson), Die Tribute von Panem. Die beiden Darsteller sind im wahren Leben sehr gut befreundet, aber (oder deshalb) im Film merkt man, wie wenig Zeit und Lust insbesondere sie dazu hat, hier eine Liebe vorzugaukeln. 
Dass Andrew Garfield und Emma Stone hier nicht vorne liegen, liegt an ihrer natürlichen (und auch realen) Sympathie mit- und füreinander. Eigentlich funktioniert die Peter-Gwen-Beziehung in „The Amazing Spider-Man“ fast gar nicht.  

„Less is more“ Award fürs Overacting des Jahres: 
Woody Allen, To Rome with Love. – Eigentlich macht Woody ja seit jeher nicht viel anders, wenn er als Darsteller auftritt, aber diese Art nutzt sich wahrscheinlich mit jedem neuen Film immer stärker ab. 

Newcomer des Jahres: 
Rooney Mara – Nicht wirklich ein Newcomer, hinterließ sie doch z.B. mit ihrer kurzen Rolle in „The Social Network“ schon einen großen Eindruck, doch David Finchers „Verblendung“ Remake (das eigentlich nur bei uns hier ein 2012er Film ist) brachte Mara groß ins Spiel. Rollen in den nächsten Filmen von Steven Soderbergh und Terrence Malick sind schon mal die Folge.
Elizabeth Olsen, die mit „Martha Marcy May Marlene“ von 0 auf 100 einschlägt. Aber auch sie ist eigentlich eine 2011-Geschichte.

„Ich habe mich geirrt“ Award: 
Channing Tatum (21 Jump Street, Magic Mike) für den erfolgreichen Versuch, mir zu zeigen, dass er mehr ist, als ein kantiges Gesicht mit durchtrainiertem Körper. 

„Pretty pretty“ Award für die Schönheit des Jahres: 
Lea Seydoux (Leb wohl, meine König; Winterdieb) 

„Badass“ Award für den (/die) Badass(es) des Jahres: 
Tom Tykwer, Lana Wachowski, Andy Wachowski für die Herangehensweise und Umsetzung von „Cloud Atlas“. 

„Lucky Bastard“ Award: 
Joseph Gordon-Levitt (siehe „Looper“ und „50/50“)

Beste Scores: 
Martha Marcy May Marlene 
Haywire 
Take Shelter 
Girl with the Dragon Tattoo 
Tinker Tailor Soldier Spy 

Beste Musikauswahl: 
We need to talk about Kevin
Moonrise Kingdom
Amer 
Moneyball 
The Muppets  

Beste Trailer: (für einen Film des Kinojahres 2012)
Shame: Ein sogartiger Trailer, grandiose Mischung von Musik und Dialogen, mit höchst effektiven Texteinblendungen und einer humanen Laufzeit. Viel besser kann man einen Trailer nicht machen.

Verblendung - The Girl with the Dragon Tattoo: Ein Trailer mit eigener Story, der die Film-Story nicht zu sehr verrät. Die bedrohliche Annäherung an das verschneite Herrenhaus ist unterbrochen von gleichzeitig viel und wenig sagenden Fetzen aus der Handlung, passend geschnitten zur treibenden Musik, bis hin zum „Feel Bad“ Crescendo und dem passenden Schlussbild der nahenden Lisbeth.  

Cloud Atlas: Zunächst mal der Mut, einen knapp sechs Minuten langen Trailer zu bringen, der noch dazu nicht zu viel verrät. Zudem eine großartige Repräsentation des Films, der verschiedenen Figuren, der verschiedenen Genres und Stimmungen, der thematischen Ansätze. Und dann die Musik (besonders M83), die den Trailer alleine schon zu etwas Besonderen machen.

Haus der Sünde: Es ist mal wieder die Musik, die den Trailer besonders macht. Diese Wechsel in der Stimmung, die Mehrsprachigkeit, und diese Bilder mit den verkitscht farbintensiven Kostümen und der Ausstattung. Zudem die Handlung, die gleichermaßen trashig, „pulpig“ und tiefgreifend wirkt.

Dame König As Spion: Trailer funktionieren in ihrer komprimierten Art eben besonders durch das Zusammenspiel von Bild und Ton, Musik und Schnitt. Danny Elfmans „Wolfman“ Suite passt zu diesem edlen Spionagethriller viel besser, als zum Wolfman-Film. Der Schnitt ist großartig, die Dialogschnipsel sorgen für Spannung und die Story wird gut genug angerissen, um Interesse zu wecken.

Trailer für einen noch kommenden Film:
Laurence Anyways

„Darfs eine Dimension mehr sein“ Award für das beste 3D des Jahres: 
Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger 

„Holy Guacamole“ Award für den WTF Moment des Jahres:
Das Einhorn! (The Cabin in the Woods) 

„Genial Daneben“ Award für coole Ideen, die irgendwie auch bescheuert sind: 
Die Limousinen in der Schlussszene von „Holy Motors“ 

„Fun infected“ Award für die ansteckendste Lache: 
Omar Sy/Driss, „Ziemlich beste Freunde“ 

„I think I spider“ Award für den dämlichsten deutschen Titel: 
Die Hochzeit unserer dicksten Freundin (Bachelorette – Der Clou? Die Braut in diesem Film ist tendenziell übergewichtig. Der dt. Titel ist echt sooo kluk, ey!) 

„Efficiency“ Award für die beste 1-Sekunden-Rolle des Jahres: 
Das gelangweilte Erdmännchen in „Life of Pi“ 

„Gesehen und wieder vergessen“ Award: 
My Week with Marilyn. …zzzzzzz… meine was mit wem? 

„Geile Scheiße im falschen Film“ Award: 
Das Intro von „Verblendung – The Girl with the Dragon Tattoo“ – Ihr Name ist Salander, Lisbeth Salander. Doppel-0-Hackerin beim schwedischen Geheimdienst. So jedenfalls scheint das David Fincher verstanden zu haben. 

„Oh no they di’n’t!“ Award für peinliche Absonderlichkeiten: 
Sacha Baron Cohen und Anna Faris halten im Uterus einer Frau Händchen. (The Dictator) 

„Ignorance is bliss“ Award für konsequente Ignoranz/Faulheit: 
„Expendables 2“ für das gloriose „old guys and Jason Statham shoot at stuff“ Script. 

„Ich könnt’ kotzen“ Award für cineastische Unsäglichkeiten: 
Reese Witherspoon(s Rolle) in „This means war“ als Repräsentantin des weiblichen Geschlechts. Selbst Katherine Heigl würde sich fragen, „Mädel! Warum tust du das nur?“ 

„Wär’s nicht so traurig, wär’s irre lustig“ Award: 
Das idiotische, widersprüchliche, nervtötende, dumm geschriebene Verhalten sämtlicher menschlicher Figuren in „Prometheus“ 

„Hätte man(n) gerne im Kleiderschrank“ Award: 
Für Jungs: Batsuit – The Dark Knight Rises 
Für Männer: Joseph Gordon Levitts suaves Jackett mit allem Drum und Dran – Looper 

„Hätte frau gerne im Kleiderschrank“ Award: 
Lily Collins’ gelbes Cape aus „Spieglein Spieglein“ 

„Ja nee, is klar“ Award: 
Peetas Maskenbildnerkünste in „The Hunger Games“ 

„Darling Asshole“ Award für den besten Schurken des Jahres: 
Hugh Grant in diversen Rollen in „Cloud Atlas“ 

„Kawumms“ Award für die Actionszene des Jahres: 
Gina Carano vs. Michael Fassbender. (Haywire) 
Zwei gegen einen. (The Raid)
Die Einstiegsszene. (Expendables 2) 
Bond vs. Scharfschütze. (Skyfall) 

„Kill it with fire“ Award für nervtötende Filmfiguren: 
Costa (Oliver Cooper), „Project X“ 

„Zeig mir wie du fickst/Sex hast und ich sag dir wer du bist“ Award für banale Koitus-Psychologie: 
Sexsüchtige Männer total am Ende – Felatio im Schwulenclub: „Shame“ 
Weitere Nominierte: 
Entspannte sexsüchtige Männer – „slowly“ mit einer Professionellen: „Shame“ 
Kurzentschlossene sexsüchtige Männer – A tergo in der Öffentlichkeit: „Shame“ 
Französische Ü40 Mittelständler – Sitzend: „In ihrem Haus“
Prinzessinnen – Ein Kuss: „Mirror Mirror“/„Snow White and the Huntsman“ 
Eheleute nach dem 1. Kind – getrenntes Masturbieren: „American Pie 4“ 
Anführerinnen des Widerstands – (vorerst?) gar nicht: „The Hunger Games“ 
Diktatoren – übermotiviert mit gekauften Berühmtheiten: „The Dictator“ 
Abgehalfterte Gangster – zugedröhnt mit Professionellen: „Killing them softly“ 
Yuppies – kurz, schnell, unaufmerksam, von hinten: „Cosmopolis“ 
Hippies – wie und mit wem sie es gerade wollen: „Wanderlust“ 
Sekten-/Komunenführer – quasi-vergewaltigend, von hinten, mit einer halb narkotisierten Neuen in der Gruppe: „Martha Marcy May Marlene“ 
James Bond – stehend, unter der Dusche: „Skyfall“ 
Raumschiffkapitäne – lustlos, im Geheimen, während Crew-Mitglieder verschollen sind: „Prometheus“ 

„Zitat Salat“ Award für den Oneline des Jahres: 
„Puny God.“ – Hulk, The Avengers. (Der Spruch ist so übermächtig, dagegen stinkt alles Weitere ab. Daher entfällt die übliche Zitate-Rubrik.)

„You brought sich on yourself“ Sonderpreis für quittierte Vermarktungsidiotie: 
Disney, für den Umgang mit „John Carter“. Schlechte Trailer, schlechte Poster, schlechtes Timing. Und dazu dämliche Titeländerungen, die unbestreitbar daran beteiligt waren, dass der Film floppte und Disney mit einem Verlust von knapp 200 Millionen Dollar dasteht.

„Aww, so pretty“ Award für gelungene Filmposter (für einen Film im Kinojahr 2012): [beschränkt auf offizielle Poster, idR aus dem Herstellungsland]

Beasts of the Southern Wild” überzeugt mit einem tollen Grundmotiv, das eine ganz eigene Rahmung mit sich bringt und schöne Farben hat. Daumen hoch auch für den Schrifttyp. „The Cabin in the Woods“ stilisiert die Waldhütte originell zum Rubiks-Cube, deutet die wahre Natur des Films an, ohne sie zu verraten. „Killing them softly“ überzeugt mit augenscheinlich simpler Effektivität. Minimalistisch, aber wirkungsvoll, mit klaren Symbolen. Hingegen ist „Moonrise Kingdom“ schlicht und ergreifend schön, erinnert an klassische Landschaftsmalerei und überzeugt mit Schrifttyp und Farbe. Das Poster zu „The Man with the Iron Fist“ müsste man eigentlich als überladen bezeichnen, aber es wirkt. Zudem Extralob für den Mut zur ungewöhnlichen Schriftfarbe.

„Tu das wech“ Award für hässliche Filmposter (für einen Film im Kinojahr 2012): [beschränkt auf offizielle Poster, idR aus dem Herstellungsland]

Vielleicht lieber morgen“ oder auch The Perks of being a green tea advertisement. Ernsthaft! Diese Farbe, die Wand, der viele Platz zwischen Personen und Titel. Nicht schön. Ähnlich auch „7 Psychos“, die verkünden: Auch wir bewerben Tee. Gift-Tee. Grässliche Farbe, überladen mit Namen, eigenartiges Grundkonzept. Das „Sinister“ Poster ist eigentlich nicht so schlecht, aber (Spoiler) es wird aus Prinzip hier genannt, weil es zentrale Kernelemente des Films spoilt. Und dieser Effekt, wie sich ein Gesicht irgendwie im Hintergrund abzeichnet, ist auch ausgelutscht. Das Poster zu „The Devil Inside“ ist wahrlich gruselig, aber aus den völlig falschen Gründen. „Gone“ probiert sich an Body-ception. Eine Frau trägt Amanda Seyfrieds Kopf im Körper, die wiederum einen Typen im Haar trägt.

Auffälligkeiten/ Was lernen wir von 2012: 

Es gab auffällig viele starke weibliche Heldinnen: Lisbeth Salander (Verblendung), Dejah Toris (John Carter), Katniss Everdeen (Hunger Games), Prinzessin Merida (Merida), Black Widow (Avengers), Andromeda (WotT), Mallory (Haywire) 
…Und Schurkinnen: Ma Ma (Dredd), Die Königin (Mirror Mirror), Ravenna (SW&tH), Angelique Bouchard (Dark shadows), Lori Quaid (Total Recall) 

Pfeil und Bogen kommen wieder in Mode: Katniss Everdeen, Hawkeye, Merida 

Es gab ein Überangebot an Zwergen: „Mirror, Mirror“, „Snow White and the Huntsman“, „Der Hobbit“, 

3D geht nicht weg, es wird nur (so nennen sie es jedenfalls) optimiert. 

Found Footage killt sich selbst. Indem es vollkommen inkonsequent und beliebig umgesetzt wird (Paranormal Activity 4, Chronicle, End of Watch, Project X) oder indem es so konsequent gemacht wird, dass es nervt (V/H/S). 

Fail des Jahres: 
Paramount verkündete Ende Mai (!), dass man „G.I. Joe: Retaliation“, der ursprünglich am 19. Juni (!) rauskommen sollte, aufs Frühjahr 2013 verschoben hat, um den Film in 3D umzuwandeln. Die fadenscheinige Begründung: Zuschauer mögen 3D und der Film wird dadurch besser. Scheinbar geht man bei Paramount davon aus, dass die Mehrkosten für 3D-Tickets die doppelte PR-Kampagne und den Unmut der Fans ausgleichen können. Idiotenpack. Insbesondere weil man davon ausgehen kann, dass die Paramount Bosse den Film abgrundtief mies fanden und die Zeit für Nachdrehs genutzt haben. 

Film News des Jahres: 
George Lucas verkauft „Star Wars“ für Busladungen voll Geld an Disney, die einen neuen SW für 2015 ankündigen. Als News ist das schon ziemlich gigantisch, aber ich persönlich bin bei der Sache eher etwas frustriert. Ich wollte mir „Star Wars“ abschließen und nie wieder etwas Neues sehen, um da nie wieder groß Zeit und Interesse und vielleicht gar Emotionen zu investieren. Wenn nun neue, große und offizielle SW Filme kommen, kann man die nur schwer ignorieren. Mir ist egal, wer Regie führt (derjenige hat wahrscheinlich eh nicht viel zu sagen), aber die neuen Filme müssen besser werden. Sie besiegeln das weitere Schicksal für die „Star Wars“ Stellung in der Zukunft. 

Abschlussgedanken. Wie war 2012 nun? 
Abgesehen davon, dass wir mit dem angekündigten Weltuntergang gelinkt wurden (alles muss man selber machen), war es ein gutes Kinojahr. Es gab viel zu entdecken, viel zu besprechen und viel zu bewundern. Auf einem insgesamt sehr guten Durchschnittsniveau gab es eigentlich fast immer ausreichend Filme in den Kinos. So sie denn in der Nähe überhaupt anliefen. Man macht sich (ich mir) das Leben nur schwerer, wenn man vermehrt auf Festivals und gen Übersee schielt, wo seit einer Weile schon ausgiebig Filme besprochen werden, die bei uns – wie üblich – erst in ein paar Wochen und Monaten anlaufen. Da muss man aufpassen, dass sich das nicht auf die nachgeholten Filme auswirkt, die im globalen Internetdiskurs zum Deutschlandstart häufig nicht mehr von Belang sind, die aber (das hat 2012 für mich deutlich gezeigt) allemal lohnenswert sein können. Ja, es war ein gutes Jahr. Aber dass es nicht das letzte Jahr überhaupt war (für die Menschheit, aber auch fürs Kino im Speziellen) ist dennoch beruhigend. Irgendwie.

> Deine Meinung zum Filmjahr 2012?

Copyright © 2004-2050 bereitsgesehen.de, alle Rechte vorbehalten
bereitsgesehen.de ist nicht für die Inhalte verlinkter Websites verantwortlich