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Der Jahresrückblick 2013


von Christian Westhus

Kinder, wie die Zeit vergeht. Schon wieder ist ein Jahr vorbei, in dem zahlreiche Filme mal mehr, mal weniger direkt um die Zuschauergunst buhlten, mal verdient, mal unverdient zu Erfolgen und Misserfolgen wurden. Schaut man auf internationale (soll heißen: englischsprachige und überwiegend amerikanische) Filmberichterstattungen, liest man zurzeit regelmäßig, 2013 sei ein überdurchschnittlich gutes Filmjahr gewesen. Und ja, man kann wahrscheinlich ziemlich zufrieden sein und doch sollte man nicht zu sehr nach Übersee schielen, wenn doch einige der dort besonders positiv besprochenen Titel in Deutschland erst im Frühjahr 2014 (12 Years a Slave, The Wolf of Wall Street u.a.) starten, wenn sie denn überhaupt schon einen Termin haben. 

In gewisser Weise stand schon dieses Jahr, 2013, im Schatten von 2015. Dem Jahr, wenn sich das ausschließlich auf Größe und noch mehr Wachstum ausgelegte US-Blockbusterkino zwangsläufig selbst ins Knie schießt, wenn sich gefühlte 325 und mehr Filme mit einem Budget weit jenseits der 100 Millionen Dollar gegenüber stehen. Die Vorzeichen dafür waren mancherorts schon 2013 zu spüren. Für die Marvel Studios war es Jahr 1 nach „The Avengers“ und die gesteigerten Einspielzahlen (im Vergleich zu den jeweiligen Vorgängern) für „Iron Man 3“ und „Thor: The Dark Kingdom“ sollten beruhigend wirken, ehe mit den „Guardians of the Galaxy“ (2014) und „Ant-Man“ (2015, nach „Avengers 2“) die weniger etablierten Titel vor der Tür stehen. Für Warner Bros., die sich um das DC Comicuniversum kümmern, war 2013 Jahr 1 nach Christopher Nolan und Versuch #1 das zu kreieren, was Marvel Studios vorgemacht hat. Entsprechend dürfte es eher weniger beruhigend sein, dass „Man of Steel“ finanziell nur annehmbar gut ankam und von Kritikern und Zuschauerschaft extrem gespalten aufgenommen wurde. Überhaupt muss man sich lange zurückerinnern, um einen Massenfilm zu finden, bei dem die Meinungen so extrem auseinander gingen. Dass man aus der „Man of Steel“ Fortsetzung für 2015, die erst ein „Superman vs. Batman“ Film werden sollte, nun mit Wonder Woman und Co. quasi eine Abkürzung in Richtung Justice League unternimmt, wirkt von außen betrachtet auch eher verzweifelt. 

Auf der anderen Seite der Blockbusterwelt, wo nicht Superhelden, sondern Teenager in Zukunfts- und Fantasyszenarien das Sagen haben, etablierten sich endgültig die „Hunger Games“ als absolute Speerspitze des ‚Young Adult‘ Hypes. Eine Reihe, die trotz recht düsterem Inhalt und starken politischen Anreizen eine treue und breit gefächerte Zielgruppe anspricht. Mädchen wie Jungen schauen zu, wie Katniss und Co. die Revolution angehen. Und es hilft sicherlich, dass Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence sich abseits der Hungerspiele als Oscarpreisträgerin und talentierte, ernstzunehmende Darstellerin bei Kritikern und strengeren Filmguckern etabliert hat. Da können die durchwachsenen bis schwachen Nachahmer („Beautiful Creatures“, „Seelen“, „Chroniken der Unterwelt“, „Percy Jackson 2“) nicht mithalten.

Thematisch gibt es im Kino nach wie vor alles querbeet. In den USA ist man weiterhin damit beschäftigt, die eigene Vergangenheit und Gegenwart aufzuarbeiten. Obwohl in Übersee fast ein Jahr voneinander entfernt, sorgt die Startverzögerung hierzulande, dass „Zero Dark Thirty“ und „Captain Phillips“ noch deutlicher zu Partnerfilmen werden, die auf durchaus vergleichbare Art und Weise die Nachwehen des 11. Septembers, Amerikas Beziehung zu Terror und die Stellung als einstmals unerschütterliche Weltmacht und Weltpolizei beleuchten. Steven Spielbergs „Lincoln“ inszeniert eine Phase aus dem Leben des vielleicht bekanntesten amerikanischen Präsidenten als emphatisches Ausrufungszeichen für das Ende der Sklaverei, ehe Quentin Tarantino mit „Django Unchained“ seine wie üblich ganz eigene Sicht auf eines der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte warf. Regisseur Steve McQueen legte ernsthaft und schonungslos mit „12 Years a Slave“ (bei uns im Januar) nach. 

Gleichzeitig beschäftigt Filmemacher das zentrale Thema unserer Zeit: Geld und Finanzen. Angeführt von Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“ (ebenfalls im Januar) befassten und befassen sich gleich mehrere Filme mit menschlicher Gier und der Sucht nach Erfolg und Luxus. Sei es der jugendliche Besitz-, Celebrity- und Markenkult von „The Bling Ring“, die gewalttätige Jugend-Ennui aus „Spring Breakers“ oder auch „The Great Gatsby“, wo Luxus und orgiastische Feste als Fassade für unterdrückte menschliche Sehnsüchte stehen. Durch diese Filme bekommt „Inside Llewyn Davis“, die neueste Loser-Ballade der Coen Brüder, einen ganz neuen Kontext, der sicherlich nicht beabsichtig war, aber ganz interessant funktioniert. Sogar Woody Allen nimmt sich dem allgegenwärtigen Finanztohuwabohu an, teils direkt, teils im Verborgenen. Sein „Blue Jasmine“ erzählt von einer gefallenen High Society Lady, die aus einer Welt der Geltungssucht und Lügen kommt und dorthin wieder zurück will. Gleichzeitig ließ sich Allen vom Bernie Madoff Skandal inspirieren, der ganz real durch Betrügereien zum Multimillionär wurde. Auch der Indie Thriller „The East“ legte den Finger auf die Wunde aus finanzieller Ungerechtigkeit und die Machenschaften der Großkonzerne und Finanzoberhäupter. Und nebenbei erwähnt geht es in den „Hunger Games“ ja auch ganz zentral und plakativ um die Ausbeutung der 99% durch die reichen 1%. 

Das internationale Kino lässt sich selten so schön zusammenfassen. Da geht es teils um die eigene inländische Politik und Geschichte („No!“, „The Act of Killing“, „Das fehlende Bild“, „Hinter den Hügeln“), zumeist aber um soziale, gesellschaftliche und persönliche Themen, die nur am Rande politisch zu lesen („Blau ist eine warme Farbe“, „Der Fremde am See“) sind. Niemand stellte das weitreichender unter Beweis als Ulrich Seidl, der mit seiner „Paradies“ Trilogie (Liebe, Glaube, Hoffnung) ein abwechslungsreiches Panoptikum nationaler, internationaler, persönlicher und gesellschaftlicher Themen umspannte. Nur in Deutschland, da freut man sich, dass man mit „Fack ju Göhte“ einen neuen Überraschungserfolg vorweisen kann, der sich an der heimischen Kinokasse sogar gegen die etablierten Schweiger („Kokowääh 2“), Schweighöfer („Schlussmacher“) und wohl auch „Bully“ Herbig (ganz frisch „Buddy) durchsetzen konnte. Damit hat der deutsche Film – auch trotz des Mangels an Prestigeerfolgen – einen Strohmann, der weiterhin die Sicht auf die Probleme der hiesigen Filmwelt vernebelt und eine genauere Auseinandersetzung mit den Unzulänglichkeiten des deutschen Films um ein weiteres Jahr hinauszögert.

Kommen wir nun aber zum Wesentlichen, zum persönlich gefärbten Blick auf das zurückliegende Jahr. Wie in den letzten Jahren etabliert, gibt es auch dieses Jahr wieder diverse Listen, Kurzkommentare und kuriose Sonderkategorien. Mein eigener Kino- und Heimkinokonsum war dieses Jahr nicht groß anders, als sonst auch. Höchstens habe ich hier und da häufiger „Nein“ gesagt und einen Film bewusst an mir vorbeiziehen lassen, von dem ich nicht wirklich überzeugt war oder den ich meinte, gut genug einschätzen zu können, dass er sich nicht lohnt. Damit ich mehr Zeit, Geld und Kopf für die Filme habe, die mich wirklich interessieren. Das war der Plan. Und das ist einigermaßen aufgegangen. Natürlich entwischten mir manche Filme, manchmal aus Zeitgründen, häufig aber, weil sie nur in zwei, drei Großstädten in Deutschland liefen und ich keine davon in meiner unmittelbaren Nähe habe. Zu den Filmen, die ich dieses Jahr verpasst habe und denen ich Chancen einrechne, dass sie theoretisch in den folgenden Listen hätten auftauchen können, gehören u.a. die gefeierte Doku „The Act of Killing“, „Jeune et Jolie“ der neue Film von Francois Ozon, das belgische Drama „The Broken Circle“, „Prisoners“ mit Hugh Jackman und Jake Gyllenhaal, oder der kühle Cruising-Thriller „Der Fremde am See“. 

Nun aber Zettel raus und Bleistifte gespitzt. Hier die Tipps, was man sich schleunigst fürs Heimkino leihen/kaufen (!) sollte. Die Toplisten 2013. Angefangen mit den Plätzen 25 bis 14 in alphabetischer Reihenfolge. Einfach da es ziemlich viele Filme gab, die mir so gut gefallen haben, dass ich sie gerne noch mal besonders hervorheben möchte. (Links führen zu Trailern.)

Ame & Yuki. Die Wolfskinder: (Okami kodomo no ame to yuki)
Anrührend-sympathischer Anime um eine Familie von Wolfsmenschen, die sich wahlweise in Menschen oder Wölfe verwandeln können. Von der Menschenmutter aufgezogen, müssen zwei Geschwister ihren jeweiligen Weg finden. Ein romantisches Quasi-Märchen und obwohl es nicht die optische Brillanz eines Miyazaki Animes besitzt, ist es dennoch wunderschön anzusehen. Regisseur Mamoru Hosoda („Das Mädchen, das durch die Zeit sprang“, „Summer Wars“) ist eine Hoffnung für die Zukunft des japanischen Animes.

The Bling Ring:
Sofia Coppolas Film bekam überraschend viel Gegenwind ab, nicht zuletzt auch deshalb, weil ihn alle Welt mit „Spring Breakers“ verglich. „The Bling Ring“ hat eine distanzierte, passive Perspektive und hält sich mit einem Urteil über die porträtierten Umstände zurück. Das kann man kritisieren, aber Coppolas Blick ist so oftmals viel genauer und unvoreingenommen. Sie beschreibt, statt zu erklären und liefert hier ihren formal beachtlichsten Film ab, der zudem ziemlich oft ziemlich witzig ist. Kritik.

The Conjuring:
James Wan holt den US-Horror eigenhändig aus dem Folter-Sumpf, in den er selbst ihn einst (mit „Saw“) trieb. Sein „Conjuring“ ist der Höhepunkts von Wans Geisterphase, ein verspielter, gegen Ende fast überladener, dabei aber jederzeit spannender und faszinierender Horrorfilm, dessen Minimum an Story auch bedeutend besser gelingt als bei „Insidious“. Kritik.

Django Unchained:
Ein neuer Quentin Tarantino Film ist immer einen Blick wert. Sein Sklavenwestern, den er selbst auch mal als „Southern“ bezeichnete, ist eine grell bunte und wunderbar inszenierte Parade all dessen, was einen Tarantino ausmacht. Das klappte schon mal besser, aber selbst als Film mit unbestreitbaren Macken ist „Django Unchained“ noch ein faszinierendes, energetisches Stück Kino. Kritik.

Das fehlende Bild: (L'image manquante)
Im Frühsommer 2013 noch in Cannes ausgezeichnet, lief die kambodschanische Doku ein paar Monate später bereits im deutschen Fernsehen. (Danke, arte) Quasi als Partnerfilm zu „The Act of Killing“ berichtet Rithy Panh vom Terror des Rote Khmer Regimes. Da es kaum Bilder gibt, die das Massensterben in den Arbeitslagern dokumentieren, kreiert Panh detaillierte und doch entfremdete Knet- und Holzfiguren und erzählt anschaulich von seinen eigenen Erfahrungen.

Ginger & Rosa:
Das leicht autobiographisch gefärbte Drama von Sally Potter ist gleichermaßen politisch, gesellschaftlich und individuell. Eine Mädchenfreundschaft in der 60ern, zwischen aufkommender Sexualität, einer sich verändernden Selbstwahrnehmung und der drohenden nuklearen Vernichtung im Kalten Krieg. Von Alice Englert und ganz besonders von Elle Fanning großartig gespielt und sehr emotional. Fragt mich morgen nochmal und der Film wäre vielleicht ein Kandidat für die Hauptliste. Kritik.

Das Glück der großen Dinge: (What Maisie knew)
Die modernisierte und freie Adaption des Henry James Romans ist natürlich ein wenig manipulativ und wirkt konstruiert. Doch die Geschichte eines kleinen Mädchens, das in einem bitteren Scheidungsstreit seiner Eltern erst zwischen zwei, bald zwischen vier Parteien hin und her gereicht wird und sich entscheiden muss, bei wem sie bleiben kann und will, ist so zu Herzen gehend emotional, dass die Konstruktion fast egal ist.

The Great Gatsby:
Baz Luhrman und F. Scott Fitzgerald passen nur bedingt zusammen, aber Luhrmans „Gatsby“ ist erwartungsgemäß ein visueller Rausch und vermag es dennoch, einige der zentralen Themen und Bilder der Vorlage adäquat und wirkungsvoll aufzugreifen und umzusetzen. Und sei es nur für das „You can/can’t repeat the past“ Thema und das Grüne Licht. Kritik.

Laurence Anyways:
Überlang, überstilisiert und selbstverliebt. Der dritte Film des kanadischen Wunderkinds Xavier Dolan lebt vom jugendlich-ungestümen Inszenierungswillen des Regisseurs, der übrigens auch sein eigener Cutter und Kostümdesigner ist. Vielleicht verbaut Dolan sich mit seinen Stil-Ideen sogar die Chance auf einen noch viel besseren Film, doch das Epos über Liebe, Freundschaft und Körperidentität ist so übervoll mit Emotionen, dass es für zwei Filme reicht. Spätestens beim Schlussakt. Und Suzanne Clement ist sensationell. 

Mademoiselle Populaire: (Populaire)
Man fragt sich angesichts der turbulenten inhaltlichen Verwicklungen vielleicht, wie man so einen Wirbel um Schreibmaschinen und Tipperinnen machen kann. Es unterstreicht nur, was für ein wunderbarer Spaß der Film ist. Als sehr französische romantische Komödie mit den nötigen Ecken und Kanten, garniert mit etwas Geschlechtertheorie, lebt der Film in erster Linie von der hinreißenden Déborah François und dem angemessen widerborstigen Romain Duris.

No!:
Die Ära Pinochet in Chile aus origineller Perspektive. Gael Garcia Bernal als Werbefilmer, der engagiert wird, um die chilenischen Bevölkerung dazu zu bewegen, bei einer anstehenden Wahl gegen den scheinbar übermächtigen Diktator und seine Untergebenen zu stimmen. Großartige Verknüpfung von historischem Material und Spielszenen, dabei bissig-witzig und mit einigen klugen und entlarvenden Blicken auf das, was wir Politik, Demokratie und Wahlkampf nennen. 

Silver Linings: (Silver Linings Playbook)
Das letzte Drittel wirkt angesichts der ersten zwei Drittel irgendwie wie aus einem anderen Film und ist vielleicht zu simpel, aber es ist auch schwer, David O. Russells flotter Regie und der umwerfend-sympathischen Star Power von Jennifer Lawrence, Bradley Cooper und Konsorten zu böse zu sein. Toll gespielte Dramödie.

Und schließlich die Top 13 für 2013:

#13: Liberace - Zu viel des Guten ist wundervoll (Behind the Candelabra)
Regie: Steven Soderbergh. Mit Michael Douglas, Matt Damon, Rob Lowe u.a.

Von Leben und Werk von Pianist und Entertainer Liberace hatte ich zuvor praktisch gar nichts am Hut. Doch Steven Soderberghs vielleicht letzter Film, in den USA nur im Fernsehen zu sehen, macht aus der wahren Geschichte einen mitreißenden, zu gleichen Teilen unterhaltsamen und bewegenden Film. Liberaces Bühnenshow, seine Wirkung als exzentrischer Entertainer für die Massen, all das wirkt mitreißend und schmissig, immer wieder gewitzt und augenzwinkernd. Doch es ist die Beziehung zu Jungspund Scott Thorson, die den Film besonders faszinierend macht. Liberace und Scott sind Vater/Sohn, sind Kumpel, Brüder, Star und Assistent, und Liebhaber. Ein komplexes Beziehungskonstrukt, von Douglas und Damon großartig gespielt. Kritik.

#12: Blancanieves: Ein Märchen von Schwarz und Weiß (Blancanieves)
Regie: Pablo Berger. Mit Maribel Verdú, Daniel Giménez Cacho, Macarena García

Schneewittchen auf Spanisch, angesiedelt im frühen 20. Jahrhundert, zwischen Stierkampf und Flamenco, inszeniert als Stummfilm in expressivem Schwarzweiß. Visuell betörend und mit einer Inszenierungsfreude, die aus dem Uraltstoff interessante neue Facetten herausholt. Spätestens beim symbolischen Ende, das einen ganz neuen Blick auf den Schneewittchen-Kult wirft. Und der Weg dorthin ist gleichermaßen unterhaltsam wie spannend und notfalls einfach nur schön anzusehen. Kritik.

#11: Blue Jasmine
Regie: Woody Allen. Mit Cate Blanchett, Sally Hawkins, Alec Baldwin u.a.

Woody Allen ist nicht unbedingt faul geworden, dreht er doch noch immer jedes Jahr einen Film, aber er ist ein wenig langweilig und mutlos geworden. Selbst ein positives Zwischenhoch wie „Midnight in Paris“ war letztendlich nur ein netter Film. Mehr nicht. Dafür ist „Blue Jasmine“ mehr. Allen dreht seit Langem mal wieder eher ein Drama und entwickelt eine seiner faszinierendsten Frauenfiguren, in einem Oeuvre reich an faszinierenden Frauenfiguren. Von Cate Blanchett grandios gespielt, ist der Film spannend und thematisch reizvoll, sei es durch die Verweise auf die aktuelle Finanzwelt oder durch die Anlehnung an „Endstation Sehnsucht“. Kritik.

#10: Inside Llewyn Davis
Regie: Joel Coen, Ethan Coen. Mit Oscar Isaac, Carey Mulligan, Justin Timberlake u.a.

Die Coen Brüder erzählen regelmäßig von Verlierern, die sie auf eine anspielungsreiche und von ihrem ganz eigenen Humor geprägte Odyssee schicken. Llewyn Davis ist einer dieser Verlierer, aber seine Odyssee, seine Reise ohne Ziel, in einem Film, vermeintlich ohne Plot, ist anders, ist emotionaler als sonst bei den Coens. „Inside Llewyn Davis“ ist ein Film über einen Künstler mit Talent, mit ein paar schlechten Angewohnheiten und mit ganz schlechtem Timing. Llewyns Stolz, seine Unkoordiniertheit und seine unflexible Art lassen ihn oftmals mit leeren Händen dastehen. Wer sonst, außer die Coens, kann einen solch faszinierenden Film über einen Künstler machen, der eben (noch?) nicht zum Weltstar wird, sondern auf der Stelle tritt?

#09: Captain Phillips
Regie: Paul Greengrass. Mit Tom Hanks, Barkhad Abdi, u.a.

Paul Greengrass hat mit seinen beiden Bourne Filmen (Teil 2 und 3) maßgeblich zum Trend von Wackelkamera und Extremschnitt im modernen Actionfilm beigetragen. Er ist aber auch einer der wenigen Regisseure, der wirklich weiß, was er damit erreichen kann und will. Dabei geht es in „Captain Phillips“ noch recht beherrscht zu. Vergleichbar mit seinem „Flug 93“, der minutiösen Aufarbeitung der Geschehnisse in einem der Flieger, die Kurs aufs World Trade Center nahmen, erzählt Greengrass die wahre Geschichte des Piratenüberfalls auf einen modernen Frachter als realistisches Adrenalinkino. Erfreulich in seinem recht ausgewogenen Blick auf Amerikaner und Somalis, wird in der finalen halben Stunde aus einem guten Film ein großartiger Film. Die Schlussszene ist vielleicht das Beste, was Tom Hanks jemals vor der Kamera gemacht hat.

#08: Zero Dark Thirty
Regie: Kathryn Bigelow. Mit Jessica Chastain u.a.

Als Kathryn Bigelow sich erneut mit Journalist und Drehbuchautor Mark Boal zusammentat, wurde „Zero Dark Thirty“ zwangsläufig – auch angesichts der thematischen Nähe – mit dem Oscargewinner „The Hurt Locker“ verglichen. Waren Bigelow und Boal schon damals mehr an Soldatenpsychologie interessiert, ist „Zero Dark Thirty“ noch mehr ein Charakterfilm. Jessica Chastain in der Hauptfigur ist manchen wahrscheinlich zu verschlossen, wie der gesamte Film nicht wirklich laut und deutlich aus sich herauskommt. Die Faszination des Films liegt unter dem Offensichtlichen. Chastain ist großartig als eine Getriebene, die ihr Leben einem angeblich höheren Ziel widmet. Und in subtilen Momenten, ohne Vorverurteilung, wirft der Film spannende Fragen zum Amerika nach dem 11. September, zum schizophrenen Verhältnis zur Folter und den Preis, den für persönliche Genugtuung und die Illusion von Gerechtigkeit zahlen.

#07: Stoker
Regie: Park Chan-wook. Mit Mia Wasikowska, Nicole Kidman, Matthew Goode

Wenn ein erfolgreicher Regisseur sein Heimatland verlässt und im Ausland in einer fremden Sprache an alte Erfolge anknüpfen soll, geht das meistens schief. Doch Park Chan-wook, Regisseur von „Oldboy“, inszeniert die krude, neckische und im Kern herrlich gestörte Adoleszenzgeschichte mit einem beeindruckend unbekümmerten Selbstbewusstsein. Visuell formvollendet, mit wunderbaren Kostümen, einer tollen Kamera und einem verspielten Schnitt, ist für Park der Stil und das dadurch erweckte Gefühl wichtiger als die Handlung. Diese hat es aber dennoch in sich, mit mal emotionalen, mal verdorbenen Ansätzen zur jugendlichen Identitätssuche, Sexualität und Familienbande. Kritik.

#06: The Master
Regie: Paul Thomas Anderson. Mit Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams

Paul Thomas Anderson wird mit jedem Film selbstbewusster, entfernt sich in Form und Stil von den einstigen Vorbildern Altman, Scorsese und Kubrick, nähert sich dadurch immer mehr einem gänzlich eigenen Stil an. Dadurch wird er aber auch noch abstrakter und noch verkopfter. Filme wie „Boogie Nights“ und „Magnolia“ (die ich persönlich besser finde, als „The Master“) wird Anderson wohl so schnell nicht wieder drehen. Wenn aber seine „schwächeren“ Filme derart selbstbewusste, originelle, kraftvoll geschriebenen und enorm vielschichtige Werke sind, wird Anderson wohl tatsächlich einer der größten Filmemacher überhaupt, als der er schon seit Jahren gehandelt wird. Die ungewöhnlich arrangierte Sinnsuchen eines emotional verwirrten Ex-Soldaten erfordert mehrere Sichtungen, bietet aber schon beim ersten Mal viel fürs Auge, für die Sinne und besonders für den Verstand.

#05: Der Geschmack von Rost und Knochen (De rouille et d'os)
Regie: Jacques Audiard. Mit Matthias Schoenaerts, Marion Cotillard

Der ideale Partnerfilm zu „Silver Linings“. Beide Filme erzählen von verletzten oder gefallenen „Außenseitern“ der Gesellschaft, von einem Mann und einer Frau, die so gegensätzlich sind, schon zu viele Probleme nur für sich alleine haben, die aber irgendwie zueinander finden. „Der Geschmack von Rost und Knochen“ ist der ruppigere, ungemütlichere, aber auch emotionalere Film. Audiards Dampfhammer-Regie ist nicht subtil, neigt vielleicht manchmal zur Effekthascherei, ist aber ungeheuer effektiv. Die beiden zentralen Figuren sind grob und schwierig und gerade deshalb so spannend, auch dank der beiden fantastischen Hauptdarsteller. Wie Audiard das Brutale und das Sanfte verbindet und dabei gleich mehrere der emotionalsten Szenen des Jahres abliefert, ist beeindruckend. Kritik.

#04: Blau ist eine warme Farbe (La vie d'Adèle - Chapitres 1 & 2)
Regie: Abdellatif Kechiche. Mit Adèle Exarchopoulos, Léa Seydoux

Man sollte sich nicht vom Wirbel, der mancherorts um diesen Film gemacht wurde, abschrecken lassen. Ob man die angeblich männliche Perspektive des Regisseurs auf eine lesbische Beziehung störend findet, oder ob die extrem langen und freizügigen Sexszenen zu viel des Guten sind, kann man nur durch Sichtung des Films herausfinden. Und das lohnt sich. Das dreistündige Beziehungs- und Coming-of-Age-Drama ist überlebensgroß an Emotionen, enorm sinnlich, romantisch und bedrückend. Von der sensationellen Adèle Exarchopoulos in der Hauptrolle getragen, ist Kechiches sehr nahe, sehr intime Perspektive äußerst effektiv. Es ist ein Film über Liebe und über den Weg von der Jugend zum Erwachsenen. Spätestens beim Schlussakt sind die auslaugenden und intensiven Bemühungen Kechiches es wert und sorgen für emotional unvergessliche Momente. Kritik.

#03: Before Midnight
Regie: Richard Linklater. Mit Ethan Hawke, Julie Delpy

Als großer Fan der ersten beiden Filme dieser so ungewöhnlichen Filmreihe (Before Sunrise, Before Sunset), hatte ich große Bedenken, als ein dritter Film angekündigt wurde. Zu passend und perfekt schien das Ende von „Sunset“, das sämtliche Vorstellungen realistisch offen ließ. Nun ist mit „Before Midnight“ dasselbe geschehen. Nicht nur erwiesen sich die Befürchtungen als unangebracht, der Film bereichert die ersten beiden Filmen rückwirkend und ist für sich stehend ein enorm involvierender, emotional fordernder und spannender Einblick in eine lebendige und realistische Beziehung. Nun steht „Before Midnight“ da mit seinem irgendwie passenden und perfekten Ende. Ich persönlich brauche keinen vierten Teil, aber wenn er kommt (in rund neun Jahren, wenn sie sich treu bleiben mit der Regel), können wir fast davon ausgehen, dass Linklater, Hawke und Delpy wissen, was sie tun. Genaueres zur Trilogie hier.

#02: Gravity
Regie: Alfonso Cuarón. Mit Sandra Bullock, George Clooney

Es wird sich zeigen, ob die Faszination von „Gravity“, die technische Revolution, das wunderbar eingesetzte 3D und der achterbahnartige Katastrophenfilmcharakter, auch im Heimkino funktioniert. Als Kinofilm ist „Gravity“ ein Erlebnis, ein visueller Rausch in technischer Perfektion, der Sandra Bullock auf einen existentiellen, von diversen Symbolen durchzogenen Überlebenstrip schickt. Als reiner Actiontrip schon beeindruckend genug, funktioniert der Film besonders dank Bullocks leicht zu unterschätzender Darstellungsleistung und dem eigentlich nicht zu leugnenden charakterlichen Fokus. Ein mitreißender Film, ein Wagnis und wahrscheinlich ein Werk für die Ewigkeit; und sei es nur aus technischer Sicht. Kritik.

#01: Frances Ha
Regie: Noah Baumbach. Mit Greta Gerwig, Mickey Sumner, Adam Driver.

Wenn „Gravity“ das große, technisch revolutionäre Kinoerlebnis war, dann ist „Frances Ha“ einer dieser subjektiv-persönlichen Glückstreffer im Kino. Es ist ein kleiner Film, einer, der mit anderen Augen schnell „nichtig“ oder „banal“ wirken kann. Für mich selbst ist der Film die schönste Überraschung des Jahres, der mich auf so ungewöhnliche und doch vertraute Art bewegt, unterhalten und mitfiebern lassen hat, dass er von allen 25 hier gelisteten Topfilmen der eine Film ist, den ich am schnellsten erneut sehen will. Kritik.

Das waren sie, meine 25 liebsten Filme 2013. Es hätten auch locker 30 sein können und es werden vielleicht noch mehr, wenn ich bisher verpasste Filme nachhole oder bisher schwer einzuordnenden Filmen (Hallo, Spring Breakers) eine zweite Sichtung gebe. So gut war 2013 nämlich auch hierzulande, ohne zu sehr über den Tellerrand blicken zu müssen, was manche Leute andernorts bereits zu sehen bekamen. Dass so ein Filmjahr nicht ohne Nieten ablaufen kann, versteht sich natürlich von selbst. Wie üblich überwiegen bei mir die positiven Erfahrungen, da man einige Gurken wohl schon aus der Ferne riechen kann. Auf eine Hand voll Nieten soll dennoch hingewiesen werden. Nicht aus Gehässigkeit, sondern als Vergleich. Wir brauchen schlechte und misslungene Filme, um die guten würdigen zu können. (Filme, die der Flop 5 Nennung knapp entgangen sind: G.I. Joe 2, Passion, Die Unfassbaren, Kick-Ass 2 und ja, eigentlich auch Star Trek Into Darkness)

Flop 5 2013: 
(Anleitungen, wie man es nicht machen sollte: Sequel, Reboot, Genrekopie und Mysterydrama)

Dieser Film reiht sich ein in die illustre Gesellschaft von Filmen wie „Alien vs. Predator 2“, „RoboCop 3“ oder „Highlander: Endgame“. Fortsetzungen, die so schlecht sind, dass der ursprünglich nicht übermäßig positiv aufgenommene direkte Vorgänger plötzlich gar nicht mehr so schlecht dasteht. So freut sich mit Len Wiseman immerhin eine Person über diesen katastrophalen Actionfilm. Dieser „Stirb Langsam“ bietet einen lustlosen Bruce Willis, einen idiotischen Plot, langweilige Action und praktisch nichts von dem, was die Reihe eigentlich auszeichnet. Dafür allerhand Kopfschmerzen und Frustration. Kritik. 

Übelst langweiliger Möchtegern-Schocker, der nicht mal als blutarmer C-Slasher taugt. Lange zurückgehalten, weil Hauptdarstellerin Jennifer Lawrence inzwischen ein Star geworden war, den man werbewirksam präsentieren konnte, hat dieser Film nicht eine originelle (oder funktionierende) Idee. Die beiden Hauptfiguren haben keine Chemie, dem Film fehlt das Tempo, jede aufkommende Spannung wird praktisch sofort erstickt und die alberne Auflösung killt den Film schließlich endgültig. Unwahrscheinlich, dass Lawrence jemals wieder in einem DVD-Wühltisch Mist wie diesem landet.

Tobe Hoopers Klassiker „The Texas Chainsaw Massacre“ hat schon einige miese Fortsetzungen, uninspirierte Neustarts und fehlgeleitete weitere Fortsetzungen hinter sich. Man möchte diesem Film, der sich als direkte Fortsetzung des Originals verkauft, nicht die Krone des schlechtesten Texas Films überhaupt aufsetzen, aber wir sind schon bedenklich nah dran. Die widersprüchlichen Zeitebenen im Vergleich mit dem Original kann man ja noch ignorieren, was man aber nicht ignorieren kann ist das Unvermögen, mit dem Konzept irgendwas Spannendes oder Unterhaltsames zu machen. Die meisten handelnden Figuren sind enorm unsympathisch und überhaupt kommt die Handlung mal wieder nur ins Rollen, weil schreiende Unlogik und absurde Unvernunft Hand in Hand gehen. Die anschließende Slasher-Hatz bekommt man auf dem DVD Sektor regelmäßig besser serviert und dann ist da die Auflösung und das Ende. Man kann es positiv als „mutig“ und vielleicht sogar als „originell“ bezeichnen, wie der Film versucht die Sympathien erneut zu verdrehen und das für TCM-Filme gängige Familienmotiv um ein neues Detail zu erweitern. Blöd nur, dass die schlecht geschriebenen Figuren dem im Weg stehen und die motivationslose Wendung wenn überhaupt nur albern wirkt, aber bestimmt nicht so dramatisch, wie sich der Film das scheinbar erhofft.

Tarantino und die Folgen. Wo das endet, wenn Leute sich am tonal ambivalenten Genre-Mischmasch eines Tarantino versuchen, ohne verstanden zu haben, warum es bei ihm funktioniert, demonstriert „Precious“ Autor Geoffrey Fletcher in seinem Regiedebüt. Zur Hälfte eine zynische Gangster- und Gewaltfarce, mit Teen-Killerinnen, die Leute killen, um Geld für ein Celebrity-Mode-Label zu verdienen. Auf der anderen Seite ein Jugenddrama mit penetrantem Vater/Tochter Motiv. Beides passt nicht zusammen. Fletcher stolpert mit seinem Script unbeholfen zwischen Stimmungsextremen hin und her, ruiniert halbwegs interessante charakterliche Ansätze, indem er jeden ernsten Moment sofort durch humorvoll gedachte Spinnereien untergräbt. Weder die Beziehung zwischen den beiden Killerinnen, noch James Gandolfini als rührseliges finales Opfer wird wirklich erforscht. Letztendlich sind sämtliche Drama-Aspekte total banal und stehen dem Killer-Plot im Weg. Oder umgekehrt.

Ohne die Romanvorlage zu kennen liegt der Verdacht nahe, dass dieses filmische Chaos in erster Linie durch eine miese Adaption zu erklären ist. Eine Freundschaft an einem Mädcheninternat wird gestört, als eine mysteriöse Neue dazwischentritt und beide Seiten manipuliert. Eventuell ist die Neue ein Vampir oder so. Was zumindest nicht uninteressant klingt, ist als Film eine echte Katastrophe. Dialoge, die wahlweise absurd-banal oder soapig-überdramatisch klingen, überzeichnete Hauptfiguren, leblose Nebenfiguren und ein Plot, der viel zu viel Dummheit der agierenden Personen erfordert, um irgendwie halbwegs Sinn zu machen. Von „American Psycho“ Regisseurin Mary Harron leblos und behäbig inszeniert, fehlt es an Spannung, an Dramatik und an glaubwürdigen Emotionen. Und wenn man schon Anime-Gesicht Lily Cole als „Ist sie ein Vampir?“ Neue besetzt, sollte man originellere Auflösungen im Ärmel haben.

#Enttäuschungen des Jahres: 
- Only God Forgives: Ich habe sicherlich keinen „Drive 2: Driven“ erwartet. Und „Walhalla Rising“, mit dem Nicolas Winding Refns neuester Film am ehesten verwandt ist, konnte ich deutlich mehr abgewinnen. Dort gab es immerhin eine dichte Atmosphäre. „Only God Forgives“ war mir trotz toller Musik und wunderschöner Optik zu selbstverliebt-langsam und in seiner Mikro-Handlung zu verkünstelt. Irgendwann werde ich dem Film eine zweite Chance geben, ob das auf den ersten Blick absurde Sammelsurium an Impotenz-Symbolen, Erniedrigungsfantasien und ödipalen Querverweisen doch etwas mehr hergibt. 

- Elysium: Nachdem Neil Blomkamps District 9 eine großartige Fusion aus origineller Science-Fiction und Unterhaltung war, schossen die Erwartungen für die Fortsetzung sicherlich in schwer erreichbare Höhen. Ob es an der Verantwortung mit einem großen Budget liegt oder ob Blomkamp wirklich die Ideen ausgingen, ist nicht zu beantworten. Aber der Film macht einen großen Aufstand mit großem Aufwand, um letztendlich eine ziemlich einfallslose Standardgeschichte zu erzählen, deren sozio-politische Themen banal sind und dennoch noch oberflächlich behandelt werden. Und das Ende ist schlicht feige. Schade. 

- Man of Steel: Der Film spaltete die Zuschauerschaft in zwei extreme Lager. Ich selbst stehe irgendwo dazwischen. Ich hatte mir angesichts des Trailer einen pathetisch-hoffnungsvollen Super-Heros Superman gewünscht. Stattdessen ist „Man of Steel“ ganz im Sinne Christopher Nolans die Geschichte eines unsicheren Helden, der mit seiner Weltverantwortung zu kämpfen hat. Kann man machen, aber weder nutzt der Film den Dualismus der zwei Väter konsequent, noch erforschen Snyder, Goyer und Nolan wirklich im Kern die Widersprüche Supermans. Nichts macht das deutlicher als das grotesk überdimensionale Massenvernichtungsfinale und Zods Ende, das der Film mit einem furchtbaren Epilog, ähnlich einem desinteressierten Schulterzucken, quasi sofort ignoriert. Hier wäre so viel mehr möglich gewesen und als Startpunkt des DC-Kinoversums macht es nicht gerade Hoffnung auf den neuen Batman, auf Wonder Woman und Co. 

#Überraschung des Jahres: 
- Rush: Ich habe schon vor Jahren das Interesse an der Formel 1 verloren, schon lange vor Sebastian Vettels Dauersiegesserie. Und Ron Howard ist einer dieser Regisseure, die man niemals schlecht nennen würde, die nur einfach total banal und charakterlos inszenieren. Umso erstaunlicher, dass diese Geschichte über die Rivalität zwischen Niki Lauda und James Hunt derart kraftvoll, ausdrucksstark und mitreißend daher kommt. In den Dramenszenen kommt der sichere Handwerksstil von Howard leider immer wieder durch, doch auf der Rennstrecke geht – nicht zuletzt dank der starken Kameraarbeit – ordentlich die Post ab. Und auch inhaltlich gelingt dem Film vieles, wenn auch manchmal arg plump, wie er die Lebensphilosophien der beiden Fahrer gegeneinander aufwiegt. 

#Unterschätzt: 
- Beautiful Creatures: Der Film ist nicht wirklich gut, aber er ist auch nicht so schlecht, wie er mancherorts gemacht wurde. Die Handlung läuft unrund und das Finale ist komplett verschenkt, aber immerhin funktioniert die zentrale Liebesgeschichte relativ gut. Alice Englert und Alden Ehrenreich harmonieren glaubwürdiger und in besser inszenierten romantischen Szenen, als die Konkurrenz aus anderen ‚Young Adult‘ Geschichten. Das schließt „Hunger Games“ mit ein und sogar die meisten Marvel Filme können von der zentralen Beziehungsgeschichte dieses Films noch etwas lernen.

#Bedarf einer erneuten Sichtung:
- Spring Breakers: Ich mochte den Film, fand ihn teilweise aber etwas verschenkt und nicht immer zielgerichtet genug. Gerade bei den Figuren. Aber irgendetwas sagt mir – u.a., aber nicht ausschließlich die vielen positiven Kritikerreaktionen zum Film – dass man aus dem Film vielleicht mehr holen kann. Das Potential dazu sehe ich, dass es genutzt wurde bisher nur teilweise. 

#Gescheitert auf hohem Niveau:
- Die Jagd: In der Theorie ist Thomas Vinterbergs Film wirkungsvoll und sehr faszinierend. Ein Kindergartenkind behauptet, von einem Aufseher belästigt worden zu sein. Sofort fallen Freunde von ihm ab und er ist im Dorf ein geächteter, noch ehe der Sachverhalt wirklich untersucht wurde. Doch der Film macht es sich extrem einfach und will zu viel zu schnell. Schon die Szene, wenn das Mädchen befragt wird, macht die Konstruktion des Films deutlicher, als dass sie wirklich die Macht von Suggestion und falscher Vorsicht hinterfragt. Statt Mads Mikkelsen sofort als Geächteten zu präsentieren, wenn sein langjähriger bester Freund sofort glaubt, sein Kumpel könnte es getan haben, wäre der schleichende Zweifel und das gestörte, nach und nach marode Vertrauensverhältnis doch wesentlich interessanter gewesen. 


Szenen/Momente des Jahres:
Szenen, kreuz und quer ausgewählt nach inszenatorischer Klasse, kurzweiligem Wirkungsgrad oder Bedeutung für den Gesamtfilm. Irgendwie so… (So Spoilerfrei wie möglich.)

1. „Noch da. Noch da. Noch da. Weg.“ (Before Midnight)  Man sollte den Film gesehen haben, um die wehmütig-schmerzhafte Poesie dieses Moments nachzuvollziehen. So simpel und so bedeutungsvoll.
2. Ärztliche Versorgung und Rekapitulation. (Captain Phillips)  Die Szene, die die Qualität des Films maßgeblich beeinflusst und vielleicht der stärkste Moment in Tom Hanks' Karriere.
3. Im Café. (Blau ist eine warme Farbe)  Eine längere Dialogszene, die vom Kontext des vorhergegangenen Films lebt. 
4. Intro. Ryan Gosling betritt den Käfig. (The Place beyond the Pines) Der Film schafft es leider nie wieder, Stimmung, visuelle Erzählfertigkeit und Charakterisierung so gut zu verbinden. Bewusst cool, vielleicht sogar zu cool, aber enorm effektiv.
5. Ein kleines Mädchen flüchtet vor einem Kaiju (Pacific Rim) Der Film ist sonst eher auf Spaß und  Zerstörung aus. Hier überwiegt Panik und das extrem effektiv, weil mit einem gelungenen Handlungskontext und in ausgeworgenen Effektfülle.
6. Klavier-Duett (Stoker) Eine fast schon übersinnlich sinnliche Verführung am Klavier. Irgendwie irreal und dabei schweißtreibend. Außerdem: Philip Glas.
7. „I dreamed a Dream“. (Les Misérables) Die einzige Szene, bei der Tom Hoopers unausgegorener Stil funktioniert. Großartig gespielt von Anne Hathaway.
8. Schalldämpfer-Blowjob. (Spring Breakers) Umkehrung der reichlich undurchsichtigen Machtverhältnisse.
9. Einbruch bei Audrina Partridge
(The Bling Ring) Unbeteiligt beobachtet von außen, hoch über dem Haus, in dem sich die Einbrecher herum bewegen, Lichter ein- und ausschalten, Dinge an sich nehmen und wieder verschwinden. Nicht nur ein toller Shot, in gewisser Weise auch das Symbol, wie sich dieser Film seinen Protagonisten gegenüber verhält.
10. Am seidenen Faden. (Gravity)  Es gibt zahlreiche Momente im Film, die hier hervorgehoben werden könnten. Die Hängepartie mit Seilen im All ist aber ein ganz besonderer Spannungsmoment.
11. Briefkastenadressfenster. (Frances Ha)  Nicht nur kapieren wir endlich den Titel des Films, auch wird uns der Charakter unserer Heldin in einem geschickten Bild nochmal bewusst gemacht.
12. Die Katze schaut durchs U-Bahn Fenster. (Inside Llewyn Davis) Die Welt da draußen, die bevorstehende Odyssee, Safe the Cat.
13. Adèle masturbiert und träumt von Emma. (Blau ist eine warme Farbe) Sinnlicher und erotischer als jede der folgenden Sex-Szenen, dabei als Zeichen einer sich regenden Neugier oder gar Begierde. 

Außerdem noch:
- Tiffanys „I did my research“ Ansage. (Silver Linings) 
- Stéphanie und der Orca kommunizieren. (Der Geschmack von Rost und Knochen) 
- „Firework“ #2. (Der Geschmack von Rost und Knochen) 
- Der Zahn. (Der Geschmack von Rost und Knochen) 
- Paul Rudd und Leslie Mann diskutieren, wie sie sich umbringen würden. (This is 40) 
- Blutige Baumwolle (Django Unchained) 
- Kapuzen-Diskussion (Django Unchained) 
- Ginger ist kurz vorm „Explodieren“. (Ginger & Rosa) 
- Freddy darf nicht blinzeln. (The Master) 
- „Everytime“. (Spring Breakers) 
- India bringt Eis in den Keller. (Stoker) 
- Frances rennt zu David Bowies „Modern Love“ (Frances Ha) 
- Ein Gespenst im Laken (The Conjuring) 
- “Roll over, Douglas.” (Die Croods)
- Trümmerteile Runde 1. (Gravity) 
- Alone in the Dark. (Gravity) 
- Funkkontakt. (Gravity) 
- Bladeseys „Rave“ (Filth) 
- Bladesey kotzt. (Filth) 
- „Wir brauchen drei Grün.“ (Captain Phillips) 
- Blitzlicht in der Stierkampfarena. (Blancanieves) 
- Fred rastet im Café aus. (Laurence Anyways) 
- „Mais, c’est Laurence, anyways.“ (Laurence Anyways) 
...und viele mehr...

#Darsteller:
Hauptdarsteller: 
1. Tom Hanks, „Captain Phillips“ 
o Joaquin Phoenix, „The Master“ 
o Matthias Schoenaerts, „Der Geschmack von Rost und Knochen“ 
o Michael Douglas, „Liberace“ 
o Matt Damon, „Liberace“  

Hauptdarstellerinnen: 
1. Adèle Exarchopoulos, „Blau ist eine warme Farbe“ 
o Cate Blanchett, „Blue Jasmine“ 
o Marion Cotillard, „Der Geschmack von Rost und Knochen“ 
o Jessica Chastain, „Zero Dark Thirty“ 
o Julie Delpy, „Before Midnight“ 

Nebendarsteller: 
1. Philip Seymour Hofman, „The Master“ 
o Leonardo DiCaprio, „Django Unchained“ 
o Barkhad Abdi, „Captain Phillips“  
o Matthew Goode, „Stoker“  
o Bobby Cannavale, „Blue Jasmine“

Nebendarstellerinnen: 
1. Suzanne Clément, „Laurence Anyways“
o Léa Seydoux, „Blau ist eine warme Farbe“  
o Nathalie Baye, „Laurence Anyways“ 
o Sally Hawkins, „Blue Jasmine“ 
o Alice Englert, „Ginger & Rosa“ 

- Beste Darstellerleistung in einem deutlich schwächeren Film: 
Anne Hathaway, „Les Misérables“ 

- Schwächste Darstellerleistung in einem deutlich besseren Film: 
Tobey Maguire, „The Great gatsby“

- Sonderpreis für Kinderdarsteller: 
Onata Aprile, „Das Glück der großen Dinge“ 

- Newcomer des Jahres: 
Alice Englert (Ginger and Rosa, Beautiful Creatures) 

- „Möchte ich in Zukunft häufiger sehen“ Award: 
Elizabeth Debicki, „The Great Gatsby“ 

- „Less is more“ Award für’s Overacting des Jahres: 
Sean Penn (Gangster Squad) 

- „Hat sich nicht bemüht“ Award für die faulste Darstellungsleistung: 
Jodie Foster (Elysium) 

- „Den kenn’ ich doch“ Award für das Cameo des Jahres: 
Channing Tatum (This is the End; zum Lesen markieren) 

- „Pretty pretty“ Award für die Schönheit des Jahres: 
Jennifer Lawrence (Silver Linings, Die Tribute von Panem: Catching Fire)

- „Man crush” Award: 
Matthew Goode (Stoker) oder Gael Garcia Bernal (The loneliest Planet, No!) 

- „Long time no see“ Award für Sympathie-Renaissance: 
Déborah Francois, „Mademoiselle Populaire“

- „In Farbe und bunt“ Award für die schönsten Eröffnungstitel: 
Mademoiselle Populaire 

- „Playlist Rocker“ Award für die Einzelmusikauswahl des Jahres: 
David Bowie – Modern Love (Frances Ha) 

- „Klarer Fall von Nichts Verstanden“ Award: 
Die Macher von „Kick-Ass 2“ 

- „Matschepampe“ Award für irritierende Maskeneffekte: 
Mila Kunis in grün. (Die fantastische Welt von Oz) 

- „Gesehen und wieder vergessen“ Award: 
Jack and the Giants 

- „Erst hui, dann pfui“ Award für einen Film der gut startet und dann einbricht: 
Man of Steel

- „Nur Wasser und CD“ Award für die ehrlichste Nacktszene: 
Michelle Williams, Sarah Silverman u.a. in „Take this Waltz“ (Gegen die starke Konkurrenz von u.a. „Before Midnight“, „Liberace“ und „Frankenweenie“.) 

- „Shame on you“ Award für Nacktszenen-Gender-Ungleichheit: 
The Sessions 

- „Get kinky, baby“ Award für die verdorbenste Nacktszene: 
India denkt unter der Dusche an schlimme Sachen (Stoker)

- „Oh, Schauder“ Award für die peinlichste/unnötigste Nacktszene: 
Star Trek Into Darkness. Keine richtige Nacktszene, aber so dumm geschrieben und billig, dass es selbst als Unterwäsche-Szene für den Titel reicht. 

- „Mit dem Dritten sieht man besser“ Award für das beste 3D des Jahres: 
Gravity 

- „Wa-wa-was?!“ Award für den WTF-Moment des Jahres: 
„Everytime“ am Pool-Piano. (Spring Breakers) 

- „Narkotikum“ Award: 
Die Zärtlichkeit der Falter

- „Zähneknirsch“ Award für politisch/moralisch brenzlige Szenen: 
Jerusalem (World War Z) 

- „Das Zirpen der Grille“ Award für unfreiwillig komische Momente: 
My name is Khan! (Star Trek Into Darkness. Spoiler, zum Lesen markieren.)

- „Schnipp-Schnapp“ Award für Zensur Idiotie: 
Die „Verbrechen lohnt sich nicht“ Texttafel in „Spring Breakers“, die technisch gesehen keine Zensur ist, aber dennoch ohne Zweifel dämlich ist. 

- „Fabulous Clothing“ Award für tragenswerte Kostüme (Männer): 
Matthew Goodes brauner Dreiteiler, Stoker

- „Impress in a Dress“ Award für tragenswerte Kostüme (Frauen): 
Der 60s Chic von „Mademoiselle Populaire“ oder alles aus „Stoker“

- „Schon wieder der/die“ Award für einfallsloses oder störendes Type Casting: 
Sacha Baron Cohen, Helena Bonham Carter (Les Misérables)

- „Wär’s nicht so traurig, wär’s irre lustig“ Award: 
Russell Crowes Gesang

- „Print it on a Shirt“ Award für den Oneliner des Jahres: 
Tonight, we’re canceling the apocalypse! (Idris Elba, Pacific Rim) 

- „Kill it with fire“ Award für die nervigste/unsäglichste Filmfigur des Jahres: 
Der Motherfucker (Kick-Ass 2) 

- „Darling Asshole“ Award für den Schurken des Jahres: 
Maribel Verdú, Blancanieves


Das war's. Danke, 2013, es war nett mit dir. Wir werden dich nicht vergessen. Wir lernen dich ja gerade erst kennen. Einige versteckte Schätze haben wir noch gar nicht entdeckt, andere Dinge müssen noch genauer unter die Lupe genommen werden. Und wir kommen bestimmt darauf zurück. Aber uns tut eine kleine Pause wahrscheinlich gut. Wir sollten beide andere Leute sehen. Es wird gemunkelt, 2014 sei gerade Single...

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