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Halbjahresrückblick 2013
(von Christian Westhus)

Den rückblickenden Jahresabschluss, inklusive Listen, Einschätzungen und merkwürdigen Kategorien, gibt es bei BereitsGesehen ja schon eine ganze Weile. Zum Halbjahr gab es sonst (und auch dieses Jahr) nur die große Sommerabstimmung im Forum. Ganz spontan dachten wir uns dieses Jahr jedoch, auch zum Halbjahr Listen zu präsentieren. In nicht ganz so ausschweifender Form, aber als passender Ort, um gute Filme des Jahres noch einmal hervorzuheben, die am Ende des Jahres vielleicht nicht gut genug für die Jahrestopliste sind. Es sei denn wir erhöhen die Jahrestoplisten auf 50 Titel. Auch wird so ein Zwischenfazit am Ende des Jahres interessant, wenn man sieht, wie sich Präferenzen und Rankings entwickelt haben, welche Titel hinzukamen, welche herausfielen, welche sich eventuell durch erneute Sichtungen verstärkten oder ganz herauskatapultieren. 

Hier jedenfalls die Top 10 des bisherigen Jahres, nur die guten und empfehlenswerten Titel, nach deutschen Kino-(und DVD-)Startterminen, vom 1. Januar bis zum 31. Juni 2013. (Plus eine Sondernennung)


Sondernennung: Excision 
Regie: Richard Bates Jr.
Darsteller: Annalynne McCord, Traci Lords, Ariel Winter

Lief 2012 auf dem Fantasy Film Fest und erschien dieses Jahr immerhin auf DVD/BD, was ihn für dieses Jahr qualifiziert. Der Film ist nicht vollends gelungen, hat einige offensichtliche Macken. Die stilisierten Traumsequenzen/Tagträume der Protagonistin sind meistens überflüssig und manche Nebenhandlungen werden unnötig lange und weit ausgewalzt, während entscheidende psychologische und emotionale Details übereilt erscheinen. Auch wenn das durch das Ende häufig irgendwie auch wieder passt. Die Darstellung der, sagen wir mal so, ungewöhnlichen „Verhütungsmethoden“ der Protagonistin nehmen jedenfalls arg viel Zeit in Anspruch. Aber dann! Das letzte Viertel und insbesondere das Ende sind ein gnadenlos effektiver Schlag in die Fresse. Und dieser Schlag ist so effektiv, weil es nicht einfach nur ein plumper Schocker ist, sondern weil es trotz mancher Nachlässigkeiten im Drehbuch wirklich kompromisslos-konsequent alles auf den Kopf stellt und thematisch kohärent provoziert. Provoziert zu Protest, zu Abscheu, zu Zustimmung oder auch nur zu ausgiebigen Diskussionen. Den Film schleppt man noch ne Weile mit sich herum. Extra Pluspunkte für das effektivste Stunt-Casting seit Jahren. Mit Ex-Skandal-Pornostar Traci Lords als spießige Hausmutter. Mit John „König der Provokation“ Water als Priester; dazu Laura Palmers Dad Ray Wise und Malcolm „Alex deLarge“ McDowell als Lehrer. Stark. Und insbesondere Traci Lords ist wirklich gut. Lob auch für Annalynne McCords Mut zur „Hässlichkeit“ und der Hingabe für eine schrille Hauptfigur.


10 - Iron Man 3
Regie: Shane Black 
Darsteller: Robert Downey Jr., Gwyneth Paltrow, u.a. 

Sicherlich nicht ohne Macken und wenn ich eine Weile länger suche, finde ich wahrscheinlich ausreichend Filme, die ich emotional über diesen hier setzen würde, aber „Iron Man 3“ war besonders. (Und das hier soll keine Spießer-Liste werden.) Ich kann jeden Fan verstehen, der sich nach mehr Iron Man Szenen sehnt oder der protestiert, was im Laufe der Handlung mit den Schurken passiert. Ich, als jemand den die Comics wenig bis gar nicht tangieren, kann darüber hinwegsehen. Diese Art von Überraschungen kriegen wir sonst nicht in einem Sommerblockbuster. Filme, die sonst von A bis Z durchkonstruiert, durchgesiebt und glatt gefeilt wurden, haben selten diese Ecken und Kanten, die IM3 hat. Es ist kein „The Dark Knight“, aber was hier mit dem Helden, mit Pepper und den Schurken gemacht wird, verdient Anerkennung. Außerdem ist Shane Blacks als Superheldenfilm getarnter Buddy Krimi einfach mordsmäßig unterhaltsam. Das überladene Finale mit zu vielen Rüstungen und generell diese blöde Idee mit der Fernsteuerungen schaden aber eher.


09 - Silver Linings
Regie: David O. Russell 
Darsteller: Bradley Cooper, Jennifer Lawrence 

Regisseur David O. Russell kann es noch besser (The Fighter) und deutlich unkonventioneller (I <3 Huckabees – genial und sehenswert), als in dieser doch recht geradlinigen Quasi-Romanze zweier angeknackster Persönlichkeiten, die durch Freundschaft (ach, natürlich wird das zu Liebe) ihren Platz im Leben finden. Man kann den zuweilen kitschigen „typisch Hollywood“ Positivismus kritisieren, insbesondere angesichts der Themen, die durch die beiden Hauptfiguren angerissen werden. Aber das Script versteht es über weite Strecken so gut, Ernst und Humor in Waage zu halten, und die Darsteller sind so entwaffnend unwiderstehlich, die Figuren dadurch so liebenswert-sympathisch, dass man gar keine Lust hat, überkritisch zu sein. Der Film ist auch bestimmt nicht so seicht, wie er gemacht wurde und insbesondere Jennifer Lawrence ist mit derart viel Feuer unterwegs, dass es eine Freude ist.


08 - The Great Gatsby
Regie: Baz Luhrman 
Darsteller: Leonardo DiCaprio, Carey Mulligan, Tobey Maguire 

F. Scott Fitzgeralds Buch ist im Umfang kein übermäßig großes Werk, aber mit dem Ruf als vielleicht DAS Über-Werk der amerikanischen Literatur hat es jede Filmadaption schwierig. Baz Luhrman macht, was Baz Luhrman schon mit Shakespeare oder dem Musical-Genre gemacht hat. Er veranstaltet einen visuellen und akustischen Exzess, dass sich die Balken bieten. Ein Exzess, der mal zu Fitzgerald passt, ihn dann aber auch grob auf den Kopf stellt. Nicht alles funktioniert und die Künstlichkeit droht den Film manchmal zu ersticken. Doch Luhrman findet einige äußerst starke Bilder, schraubt das Melodrama auf 180 und kann sich auf gute Darsteller verlassen, aus denen Leonardo DiCaprio herausragt, der hier für seine zuweilen recht angestrengte Art zu spielen eine perfekte Figur gefunden hat. Lana del Rey, das gelbe Auto und das Bild einer grünen Laterne, auf der anderen Seite einer Bucht, bereichern Luhrmans sehr eigenen (und doch recht ordentlich adaptierten) Gatsby jedenfalls sehr gut.


07 - Ginger & Rosa
Regie: Sally Potter 
Darsteller: Elle Fanning, Alice Englert 

Leben im Angesicht der Bombe. Regisseurin Sally Potter setzt in ihrem leicht autobiographisch gefärbten Film zwei Freundinnen in den Kontext von Hiroshima, wenn sie als pubertierende und auf unterschiedliche Art rebellierende Teenager in den 60ern auf die drohende nukleare Bedrohung in der heißen Phase des Kalten Krieges reagieren. „Ginger & Rosa“ ist ein Jugend- und Freundschaftsdrama, das Adoleszenz und Politik auf großartige Weise zusammenführt. Angeführt von zwei wahrlich fantastischen jungen Darstellerinnen, unterstützt von vielen prominenten Größen in der zweiten und dritten Reihe, geht der Film unglaublich nahe, wenn die Freundschaft der als Kinder so unzertrennlichen Mädchen auf eine Probe gestellt wird.


06 - Django Unchained
Regie: Quentin Tarantino 
Darsteller: Jamie Foxx, Christoph Waltz, Leonardo DiCaprio 

Wie fast jeder Tarantino ist auch dieser Film überlang, gelegentlich ein wenig selbstverliebt und droht in einem Meer aus Zitaten zu ertrinken. Die „Basterds“ sind klar besser und ob es nach Sally Menkes Tod am neuen Cutter liegt oder nicht, irgendwie hat „Django Unchained“ nicht den Fluss, nicht diesen treibenden Puls der meisten Tarantinos. Dennoch ist Quentin Tarantinos Stimme eine, die dem Kino gut tut, denn kaum jemand lebt und zelebriert Kino so wie Tarantino. Dieser Slavery Fiction nach Italowestern-Vorbild ist ein audiovisuelles Fest als überstilisierter Rache-Eskapismus. Wahnsinnig unterhaltsam, zeitweise unfassbar blutig, vollgestopft mit unvergesslichen Figuren, die unvergessliche Dinge sagen, wie sie eigentlich nur Tarantino schreibt.


05 - Stoker

Regie: Park Chan-wook
Darsteller: Mia Wasikowska, Matthew Goode, Nicole Kidman

Niemand macht „Style over Substance“ zurzeit so cool, formvollendet und elegant wie Park Chan-wook. Und sein englischsprachiges Debüt „Stoker“ ist da keine Ausnahme. Park hat sichtlich Freude mit Genre-Klischees, mit Manipulation von Ton, mit Licht und Schatten, den Kostümen, oder den Gesichtern seiner Darsteller. Und selbst wenn Stil bei ihm über Inhalt steht, nutzt er Stil ja nicht anstelle von Inhalt. Als irren, wirren und erotisch durchgeknallten Ritt durch Stadien der Adoleszenz ist „Stoker“ nichtsdestotrotz ein faszinierender Beitrag.


04 - Zero Dark Thirty
Regie: Kathryn Bigelow 
Darsteller: Jessica Chastain, u.a. 

Kathryn Bigelows erneute Fusion (abermals nach Drehbuch von Journalist und Drehbuchautor Mark Boal) von Militärpolitik und Genrekino ist sicherlich nicht einfach zu lesen. Einerseits nicht temporeich, mitreißend und unterhaltsam genug. Andererseits vielleicht nicht genau, nicht analytisch, nicht politisch genug. Könnte man denken. Vielleicht wollen Bigelow und Boal auch zu viel, aber das, was sie liefern, ist schlichtweg bemerkenswert. Ein faszinierendes Charakterportrait einer Frau, die ihr Leben einer symbolischen Sache widmet, der Ergreifung und Tötung Osama bin Ladens. Die Jagd nach einem Phantom, dem Sinnbild der amerikanischen Ohnmacht nach dem 11. September. Jessica Chastain ist umwerfend in einer Rolle, die man schnell als unauffällig fehlinterpretieren könnte. Amerikas schizophrenes Verhältnis zu Geheimdienstarbeit und Folter, sowie ein Blick auf den Preis, den wir für Vergeltung, Genugtuung und die Illusion von Gerechtigkeit zahlen.


03 - THE MASTER
Regie: Paul Thomas Anderson
Darsteller: Joaquin Phoenix, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams 

Um ehrlich zu sein vermisse ich den alten Paul Thomas Anderson. „Boogie Nights“, „Magnolia“ sind mir lieber als der doch ein wenig verkopfte und ernste „There will be Blood“. Und verglichen mit „The Master“ ist „There will be Blood“ ein ziemlich locker weg zu snackendes Filmchen. An der letztendlichen Qualität sämtlicher Filme gibt es aber keinen Zweifel. Der neue PT Anderson zitiert nicht mehr offensichtlich Altman, Scorsese und Kubrick, sondern entwickelt noch deutlicher seine eigene Sprache. „The Master“ ist künstlerisch, abstrakt, ein gutes Stück entfernt von einer klassischen Film Narrative. Vollgestopft mit Ideen, ambivalenten, verschachtelten Charakterdetails und einer fragmentarischen, symbolbeladenen Handlung, erfordert „The Master“ weitere Sichtungen, um wirklich aufgefasst zu werden. Als höchst intensive und atemberaubend gespielte Studio eines verlorenen Charakters und der endlos faszinierenden Freundschaft zum Leiter einer Glaubensorganisation, gibt es dennoch schon derart viel zu sehen, zu erforschen und zu entdecken, dass „The Master“ klar zu den bisher besten Filmen des Jahres gehört.


02 - Der Geschmack von Rost und Knochen
Regie: Jacques Audiard
Darsteller: Matthias Schoenaerts, Marion Cotillard

Jacques Audiards Stil ist nicht subtil, aber effektiv. Sein Stil passt insbesondere zu seinen männlichen Hauptfiguren, wie Ali (Matthias Schoenaerts), der simpel gestrickt scheint, das Leben meist locker sieht, aber vor Kraft kaum laufen kann. Der Film wäre ein interessanter Partnerfilm zu „Silver Linings“, in der raueren, ungemütlicheren europäischen Variante. Die Geschichte zweier Außenseiter, von Schicksalsschlägen geplagt, an den Rand der Gesellschaft gedrängt, die durch- und miteinander eine neue Sicht auf ihr Leben erhalten. Einzelne Momente sind von betörender Schönheit, dann wieder schlägt Audiard mit ungeschöntem Realismus zu. Die beiden fantastischen Hauptdarsteller machen den Film zu einer unfassbar mitreißenden Achterbahnfahrt der ganz großen Emotionen. Außergewöhnlich und lobenswert zudem die verblüffende Effektarbeit. Und Extralob für einen Film, der es schafft, aus Katy Perrys „Firework“ ein emotional berührendes Musikthema zu machen, das eine der besten Szenen des Jahres untermalt.
 
01 - Before Midnight
Regie: Richard Linklater
Darsteller: Ethan Hawke, Julie Delpy

Viel muss und will ich hierzu gar nicht sagen. Ich hatte den Film nicht gebraucht und als er dann da war, hatte ich durchaus Angst, er könnte die ersten beiden Filme vielleicht negativ beeinflussen. Dass er nun als vorläufige Nummer 1 des Kinojahres dasteht, sollte Lob genug sein. Celine und Jesse sind mir alters- und erfahrungstechnisch weit voraus und doch beschäftigt, berührt und bedrückt ihre Geschichte wie sonst kaum etwas, das es in den letzten Jahren im Kino gab. 18 Jahre nach Wien, in „Before Sunrise“, erneut ein Tag im Leben von Celine und Jesse. Und jede Sekunde dieses enorm redseligen, brillant geschriebenen, famos gespielten und emotional schonungslosen Tages, den wir mit den Protagonisten teilen, ist es wert. Wirklich fantastisch.

Und sonst...

Ich habe einige Blockbuster im Kino ausgelassen (Star Trek, Oblivion, Fast 6), einige kleinere Wunschtitel im Kino nicht gucken können (Berberian Sound Studio, Laurence Anyways, u.a.) und brauche bei „Spring Breakers“ eine erneute Sichtung. Aktuell pendelt der zwischen „vertane Chance“ und „kuriosem Meisterwerk“. Für diejenigen, die es ganz genau nehmen: Auf Platz 11 und 12 wären aktuell „Side Effects“ und „Smashed“.

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