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Kritik:
Julia


von Christian Westhus

Julia
(2008)
Regie: Erik Zonka
Darsteller: Tilda Swinton

Story:
In dem neuen Film mit Tilda Swinton geht es um eine Alkoholikerin namens Julia Harris, die versucht, mit einem entführten Kind Lösegeld zu erhaschen. Das stellt sich allerdings als relativ schwierig heraus...

Kritik:
In der Filmsprache gibt es einen eigentlich recht albernen Begriff namens „Tour de Force“. Damit werden extreme Handlungsweisen, häufig getrieben von Gewalt und großem Leid, zumeist weiblicher Figuren beschrieben. Und so leer und abgenutzt dieser Begriff mittlerweile zu sein scheint, man kommt nicht umher ihn positiv mit diesem Film und mit Tilda Swinton zu assoziieren.

Die schottische Schauspielerin, jahrelang Indie-Ikone und seit ihrem Oscar für „Michael Clayton“ auch in Hollywood ein Star, spielt die titelgebende Julia so kraftvoll, energisch und selbstzerfleischend, dass es eine Wucht ist. Sie reißt den gesamten Film an sich, macht ihn zu ihrer Bühne, um diese alkoholkranke, fluchende und promiskuitive Frau darzustellen, und sorgt so am Ende dafür, dass die Fehler, die der Film an sich durchaus hat, weitaus weniger ins Gewicht fallen. Swinton spielt sich – um im Standard-Kritiker-Jargon zu bleiben – die Seele aus dem Leib und hätte es durchaus verdient, auch im Februar 2009 bei den Oscars gesehen zu werden.

Das erste Drittel gehört allein der Etablierung des Charakters mit all seinen Problemen. Bei der Inszenierung distanziert man sich beim Alkoholismus von überzogenen Dramatisierungen, sondern zeigt eine Frau am Rande ihrer eigenen Existenz, die voller Selbsthass und sturem Trotz durchs Leben irrt, kein Geld und keine Arbeit hat und nur an den nächsten Schluck Alkohol denkt. Sie bietet ihren Körper für ein paar Drinks und eine gesicherte Heimfahrt und narkotisiert jegliche Erinnerung an unerfüllende Momente in ihrem Leben. Julia ist sperrig, trotzig und größtenteils unsympathisch, beispielsweise wenn sie ihrem guten Freund nicht zuhört, oder nicht zuhören will, wie er sich ihr völlig öffnet und intime Geständnisse preis gibt.

Und Julia bleibt weiterhin unnahbar und für den Zuschauer schwer zu fassen. Es ist die Faszination für Swintons Leistung, die – und das ist ein großer Verdienst – permanent spürbar ist und den Zuschauer trotzdem nicht aus der Figur oder den Film reißt.

Irgendetwas bringt Julia dazu, der verzweifelten, irgendwie naiven Elena bei dem verrückten Unterfangen zu helfen und es schließlich doch alleine durchzuziehen. Weitere Handlungen sind oft ähnlich schwer nachvollziehbar, ja oftmals sogar unlogisch, was dem Film auch so seine Probleme bereitet. Insbesondere der Mexiko-Abschnitt des letzten Drittels erfordert das ein oder andere Zugeständnis vom Zuschauer. Letztendlich folgen wir aber auch einer panischen, hilflosen Alkoholikerin auf ihrem aussichtslosen, blinden Ritt in die Hoffnung, obwohl es kaum Hoffnung gibt. Es ist oft genug irrational, doch das ist auch das Faszinierende an der Figur der Julia.

Während dann mit zunehmendem Verlauf der Alkoholismus in den Hintergrund gerückt wird, greift die verquere Mutter-Sohn-Symbolik und offenbart geschickt und wirkungsvoll weitere Facetten dieses Charakters. Das Verhältnis zwischen Entführerin und Entführungsopfer macht einige Wendungen durch und bietet sogar so etwas wie bitteren Humor, obwohl Julias mütterliches Verhalten zum erniedrigten Jungen bizarr und irgendwie falsch wirkt. Die Gedankenwelt Julias rückt dafür umso stärker in den Fokus.

Getrieben von der geschickt hin und her pendelnden Handkamera, mit dem sehr hellen, fast überleuchtetem Stil, ist der Film oft genug mehr Thriller mit Drama-Anleihen, als Psychodrama. In Mexiko wird es schließlich rau, hart und unübersichtlich, leider auch im Drehbuch. Doch weiter folgen wir einer Figur, die wir nie werden fassen oder verstehen können und der wir nie das Gelingen wünschen wollen, es aber trotzdem tun. Tilda Swinton ist aber, so sperrig sie auch sein mag und so sehr sie Extreme durchmacht und die krassen Seiten ihrer Figur offenbart, einfach überdimensional und überpräsent. So rücken dann ein, zwei interessante Nebenfiguren leider auch etwas zu stark ins Hintertreffen.

So ist dann auch das Ende ein zweischneidiges Schwert, denn so sehr es Sinn macht, psychologisch kraftvoll ist und zur Dramaturgie passt, so ist es auch durchaus möglich, dass es bei Einigen in der präsentierten Form auf Ablehnung stoßen wird.

Fazit:
Die große Tilda-Swinton-Show. Ob der Film funktioniert hängt einzig von ihr ab und ob man sich ihrer Figur anschließen kann, bzw. will. Identifikation ist kaum möglich, aber wer auch sonst keinen Zugang zu dieser schwierigen Figur findet, wird es schwer haben. Schlussendlich bietet der Film durchaus viel. In erster Linie eine fantastische darstellerische Leistung, aber auch geschickte Psychologie, eine packende, vielschichtige Geschichte, sogar Tempo und Spannung. So kann „Julia“ am Ende Vieles sein. Nur keine Werbung für Mexiko.

8 / 10

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