Story:
In dem neuen Film mit Tilda
Swinton geht es um eine Alkoholikerin namens Julia Harris, die versucht, mit
einem entführten Kind Lösegeld zu erhaschen. Das stellt sich allerdings als
relativ schwierig heraus...
regie :
erick zonka, camille natta
cast :
tilda swinton
kritik :
christian westhus
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Kritik:
In der Filmsprache
gibt es einen eigentlich recht albernen Begriff namens „Tour de Force“. Damit
werden extreme Handlungsweisen, häufig getrieben von Gewalt und großem Leid,
zumeist weiblicher Figuren beschrieben. Und so leer und abgenutzt dieser Begriff
mittlerweile zu sein scheint, man kommt nicht umher ihn positiv mit diesem Film
und mit Tilda Swinton zu assoziieren.
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"..."
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Die schottische Schauspielerin,
jahrelang Indie-Ikone und seit ihrem Oscar für „Michael Clayton“ auch in
Hollywood ein Star, spielt die titelgebende Julia so kraftvoll, energisch und
selbstzerfleischend, dass es eine Wucht ist. Sie reißt den gesamten Film an
sich, macht ihn zu ihrer Bühne, um diese alkoholkranke, fluchende und
promiskuitive Frau darzustellen, und sorgt so am Ende dafür, dass die Fehler,
die der Film an sich durchaus hat, weitaus weniger ins Gewicht fallen. Swinton
spielt sich – um im Standard-Kritiker-Jargon zu bleiben – die Seele aus dem Leib
und hätte es durchaus verdient, auch im Februar 2009 bei den Oscars gesehen zu
werden.
Das erste Drittel gehört allein der Etablierung des Charakters mit all seinen
Problemen. Bei der Inszenierung distanziert man sich beim Alkoholismus von
überzogenen Dramatisierungen, sondern zeigt eine Frau am Rande ihrer eigenen
Existenz, die voller Selbsthass und sturem Trotz durchs Leben irrt, kein Geld
und keine Arbeit hat und nur an den nächsten Schluck Alkohol denkt. Sie bietet
ihren Körper für ein paar Drinks und eine gesicherte Heimfahrt und narkotisiert
jegliche Erinnerung an unerfüllende Momente in ihrem Leben. Julia ist sperrig,
trotzig und größtenteils unsympathisch, beispielsweise wenn sie ihrem guten
Freund nicht zuhört, oder nicht zuhören will, wie er sich ihr völlig öffnet und
intime Geständnisse preis gibt.
Und Julia bleibt weiterhin
unnahbar und für den Zuschauer schwer zu fassen. Es ist die Faszination für
Swintons Leistung, die – und das ist ein großer Verdienst – permanent spürbar
ist und den Zuschauer trotzdem nicht aus der Figur oder den Film reißt.
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"..."
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Irgendetwas bringt Julia dazu,
der verzweifelten, irgendwie naiven Elena bei dem verrückten Unterfangen zu
helfen und es schließlich doch alleine durchzuziehen. Weitere Handlungen sind
oft ähnlich schwer nachvollziehbar, ja oftmals sogar unlogisch, was dem Film
auch so seine Probleme bereitet. Insbesondere der Mexiko-Abschnitt des letzten
Drittels erfordert das ein oder andere Zugeständnis vom Zuschauer. Letztendlich
folgen wir aber auch einer panischen, hilflosen Alkoholikerin auf ihrem
aussichtslosen, blinden Ritt in die Hoffnung, obwohl es kaum Hoffnung gibt. Es
ist oft genug irrational, doch das ist auch das Faszinierende an der Figur der
Julia.
Während dann mit zunehmendem Verlauf der Alkoholismus in den Hintergrund gerückt
wird, greift die verquere Mutter-Sohn-Symbolik und offenbart geschickt und
wirkungsvoll weitere Facetten dieses Charakters. Das Verhältnis zwischen
Entführerin und Entführungsopfer macht einige Wendungen durch und bietet sogar
so etwas wie bitteren Humor, obwohl Julias mütterliches Verhalten zum
erniedrigten Jungen bizarr und irgendwie falsch wirkt. Die Gedankenwelt Julias
rückt dafür umso stärker in den Fokus.
Getrieben von der geschickt hin und her pendelnden Handkamera, mit dem sehr
hellen, fast überleuchtetem Stil, ist der Film oft genug mehr Thriller mit
Drama-Anleihen, als Psychodrama. In Mexiko wird es schließlich rau, hart und
unübersichtlich, leider auch im Drehbuch. Doch weiter folgen wir einer Figur,
die wir nie werden fassen oder verstehen können und der wir nie das Gelingen
wünschen wollen, es aber trotzdem tun. Tilda Swinton ist aber, so sperrig sie
auch sein mag und so sehr sie Extreme durchmacht und die krassen Seiten ihrer
Figur offenbart, einfach überdimensional und überpräsent. So rücken dann ein,
zwei interessante Nebenfiguren leider auch etwas zu stark ins Hintertreffen.
So ist dann auch das Ende ein zweischneidiges Schwert, denn so sehr es Sinn
macht, psychologisch kraftvoll ist und zur Dramaturgie passt, so ist es auch
durchaus möglich, dass es bei Einigen in der präsentierten Form auf Ablehnung
stoßen wird.
Fazit:
Die große
Tilda-Swinton-Show. Ob der Film funktioniert hängt einzig von ihr ab und ob man
sich ihrer Figur anschließen kann, bzw. will. Identifikation ist kaum möglich,
aber wer auch sonst keinen Zugang zu dieser schwierigen Figur findet, wird es
schwer haben. Schlussendlich bietet der Film durchaus viel. In erster Linie eine
fantastische darstellerische Leistung, aber auch geschickte Psychologie, eine
packende, vielschichtige Geschichte, sogar Tempo und Spannung. So kann „Julia“
am Ende Vieles sein. Nur keine Werbung für Mexiko.
8 / 10
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