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Kommentar:
Der verschwindende Schauspieler


von Christian Westhus

Die Evolution des Schauspielers ist noch nicht abgeschlossen. Von den Bühnen der Welt auf Leinwände und Mattscheiben, die Entdeckung der Sprache im Tonfilm, ein neuer Anstrich in Technicolor im Farbfilm und damit begnügte man sich eine lange Zeit. Doch manchmal (mit der Stimme von Patrick Stewart) macht die Evolution einen plötzlichen Sprung, eine spontane große Veränderung durch. Und in einem solchen Evolutionssprung befinden wir uns aktuell allem Anschein nach. 2001 war man bestenfalls amüsiert, als „Final Fantasy: The Spirits within“ sich erstmals an fotorealistischen Menschen versuchte, die im Computer entstanden. Als Standbilder hübsch, in Bewegung dann doch eher gruselig. Das wurde auch durch die Motion Capture Filme von Robert Zemeckis nicht wirklich besser, denn ob Tom Hanks in „The Polar Express“(2004), eine nackte und güldene Angelina Jolie in „Beowulf“(2007) oder Jim Carrey in „A Christmas Carol“(2009) – die ohnehin schon gruselig leblosen Computermenschen wurden durch ihre Ähnlichkeit zu realen Vorbildern noch gruseliger. 2002 aber tauchte mit „The Lord of the Rings: The two Towers“ Gollum auf der Bildfläche auf und mit ihm MoCap-Darsteller Andy Serkis. Eine noch heute atemberaubende Symbiose aus Darsteller und Computertechnologie, die maßgeblich eine neue Ära einläutete. Menschenähnliche Wesen konnten nunmehr noch besser zu Leben erweckt werden und noch glaubwürdiger mit einer realen Umgebung in Interaktion treten. Das nutzte ja auch James Cameron für seine Na’Vi aus „Avatar“.

Doch Andy Serkis blieb DER Star unter den MoCap-Darstellern, brachte King Kong zu beeindruckender Lebendigkeit und bildet zurzeit im Kino erneut als besonderer Primat die Speerspitze eines Problems, welches gleichermaßen Fluch und Segen ist. Als Revoluzzer-Affe Caesar in „Rise of the Planet of the Apes“ (Planet der Affen: Prevolution) verzückt Serkis zurzeit Publikum und Kritik weltweit, durch eine hochemotionale, vielschichtige Darstellung eines fühlenden, aufbegehrenden Affen. So weit, so gut. Affen derart zu trainieren ist schon ein Ding der Unmöglichkeit (und wenn es gelänge, wären wir der Realität des Films erschreckend nahe), doch spätestens bei der Artikulation hört es ja auf. Doch wenn die Technik für menschenähnliche Wesen funktioniert, warum dann nicht tatsächliche Menschen optimieren. Eine logische Schlussfolgerung, die gleich zwei Probleme birgt. Das Eine ist das Problem der Glaubwürdigkeit, denn ob Zoe Saldana in „Avatar“ oder Serkis als Caesar, die tatsächliche darstellerische Leistung verschwindet hinter einem Computermodell, mit dem man theoretisch alles anstellen kann. Wie es bei Pixar und Co. im reinen Animationsfilm aus dem Nichts entsteht, ist das Körper- und Gesichtsmodell von Caesar unendlich manipulierbar. Videomaterial von den Dreharbeiten zeigen, wie viel Leidenschaft und Gefühl Serkis in seine Darstellung brachte, aber den fertigen Caesar wird immer das Moment des Zweifels umwehen, dass man ein gut gespieltes Grundmodell noch weiter Richtung Optimum getrimmt hat. Eine digitale Feinjustierung, die Serkis gleichermaßen zum Profiteur und Opfer der neuen Technik macht. Andere Darsteller benutzen eine aufwendige Maske (man vergleiche beispielsweise Tim Roth im Burton’schen Affen-Remake von 2001) oder fressen sich 50 Kilo zusätzliche körperliche Masse an. Am Ende sind es aber dennoch die sichtbaren Darsteller, denen maximal ein digitaler Lichtstrahl auf die Nase gezaubert wurde, die ansonsten aber direkt über Kamera und Leinwand mit dem Publikum in Verbindung stehen. Selbst Tim Roth war als cholerischer Affe stets spürbar, während Serkis sich für einen realistischen und glaubhaften Caesar nahezu komplett aufgibt und unsichtbar wurde. 

Das zweite und größere Problem ist die Verlockung und zukünftige Ausweitung der Technik. Menschenähnliche Wesen können glaubhaft zu Leben erweckt und digital optimiert werden, aber was, wenn man reale Menschen optimiert oder sie – in Zukunft – gleich ganz ersetzt? Den ersten Zwischenschritt dessen haben wir schon längst erreicht. Warum einen Darsteller durch anstrengende und zeitintensive Veränderungsmaßnahmen schicken, wenn der Computer einfacher, schneller, billiger und für den Darsteller körperlich angenehmer ist? Wozu ein langwieriges Casting aufziehen, mit der endlosen Suche nach einem zum Hauptdarsteller passenden Kind, inklusive extra-Gage, wenn der Computer Abhilfe leistet? Die Symbiose aus Maske und Computereffekt in „The Curious Case of Benjamin Button“(2008) war gelungen und zumeist auch notwendig, wollte man die Glaubwürdigkeit erhalten, Brad Pitt altere rückwärts durch ein komplettes Leben. Pitt war stets in den verschiedenen Stufen sichtbar und so trat das Unbehagen hier erstmalig ein, weil der Vermischungseffekt so gelungen war. Chris Evans’ aktuell als „Captain America“ in den Kinos befindlichen Steve Rogers für seine Prä-Übersoldat Phase abmagern und schrumpfen zu lassen, ist ebenfalls außerhalb des Möglichen. Doch es ist der Beginn von etwas Größerem, wenn der tatsächliche Körper des Schauspielers digital verfremdet und den Voraussetzungen des Films angepasst wird. Was bleibt auch sonst übrig, wenn man die Verwandlung von Rogers in Captain America ausreichend deutlich kontrastieren will? Der digitale Austausch von Gesichtern hatte ja auch „Black Swan“(2010) nach dem großen Erfolg im Kino und bei Preisverleihungen einige Kritik eingehandelt, als eine Ballerina aufhorchen ließ, Natalie Portman bei mehr als nur ein paar schwierigen Tanzszenen gedoubelt zu haben, um dann das Gesicht der Oscargewinnerin verpasst zu bekommen. Auch von Portman weiß der interessierte Filmfan, wie passioniert und technisch begabt sie sich in die körperlich fordernde Rolle schmiss und wie groß ihre eigene Leistung tatsächlich noch ist. Aber was ist in der grenzenlosen Computerwelt des 21. Jahrhunderts noch glaubwürdig und real? Wo hört Unterstützung durch die digitale Maske auf und ab wann ist es eine bloße Täuschung, ein Vorgaukeln falscher Tatsachen, weil die Realität nicht ausreichend war?!

Eine neue Dimension der Verwirrung liefert in Kürze der Film „The Change-Up“ („Wie ausgewechselt“), nur dass die Manipulation hier schon an Idiotie grenzt. Schauspielerin Leslie Mann hat in der Bodyswitch-Komödie mit Ryan Reynolds eine Nacktszene. Das ist soweit nichts Ungewöhnliches, verkaufen sich Komödien seit einigen Jahren doch wesentlich besser, wenn sie Nacktheit, eine vulgäre Sprache und eine höhere Altersfreigabe bieten. Von „American Pie“ bis „Hangover“ hat sich das so etabliert. Das Idiotische an der Sache ist, dass Leslie Mann gar nicht wirklich nackt ist. Dass die Gute zweifache Mutter ist und steil auf die 40 zugeht, darf man anmerken, ist aber irrelevant. Wer sich nicht ausziehen will, wird dazu auch nicht gezwungen, muss aber damit leben, bestimmte Rollen eben nicht zu kriegen. Sonst wurde immer gerne ein Body Double genommen, was ja auch schon Schummelei ist, doch wer drauf achten wollte, verließ sich immer nur auf die Bilder, wo Gesicht und Körper gleichzeitig im Bild waren. Erst dann bekam es den Stempel der Authentizität und Glaubwürdigkeit und wurde billigend zur Kenntnis genommen (oder sonst wie verwertet). Das ist nun anders. Leslie Manns Computerbrüste läuten (absichtliches Wortspiel!) ein neues Zeitalter ein, gehen sie doch noch weiter als Jessica Alba in „Machete“(2010), die man bei ihrer Duschszene auch digital um den Bikini erleichtert hat. Mann ist mit ihrem Torso aus dem Computer nun komplett frontal oben ohne (inklusive Gesicht) zu sehen und schürt damit nicht nur Zweifel an der Schönheit des Originals (das es ja irgendwie zu verstecken galt), sondern auch Angst vor dem, was da noch kommt. Die paar Extra-Dollar, die der Film dafür rausgedrückt hat, sind ja zunächst mal egal. Das wird schon keine Unsummen gekostet haben, in ein paar Szenen digitale Brüste zu rendern. Das machen manche Computerbastler bestimmt auch freiwillig. Vielmehr irritiert die Unnötigkeit des Unterfangens, denn die Nacktszene scheint weder Handlungsrelevant (nehme ich nach Sichtung des Films ggf. gerne zurück), noch vermeidet Leslie Mann dadurch irgendeine Blöße. Dass es nicht ihr echter Körper ist, hält die Boulevard-Massen doch nicht davon ab, genau auf Tuchfühlung zu gehen und Spekulationen anzustellen. Jetzt erst recht. Da fällt es schon fast durchs Raster, dass „The Change-Up“ dieses Vergehen gleich doppelt beinhaltet. Olivia Wilde – die übrigens schon mal Nacktszenen gedreht hat – hatte bei einer Bettszene mit ihrem Schauspielkollegen Plastikstreifen über den Nippeln. Wohl, um sich nicht völlig nackt zu fühlen. Akzeptiert. Weil die klebrigen Dinger (die Streifen) aber zu sehen waren, musste man sie digital gegen das austauschen, was da für gewöhnlich hingehört. Das verbuchen wir mal unter „nachvollziehbares Argument“, was den Fokus nur erneut auf die Leslie-Mann-Täuschung schiebt. 

Das soll jetzt gar kein Gejammer von perversen Notgeilen sein, die sich verschaukelt fühlen, weil die Tatas im Film nicht echt sind, ja nicht mal aus Plastik. Es ist vielmehr die Sorge, wo das Enden soll, wenn solch bedepperte Entscheidungen schon – vermutlich – völlig ohne Grund getroffen werden. Es gab doch mal so eine Art Ehrlichkeitsehrenkodex, der vielleicht nie ausgesprochen wurde, aber irgendwie immer wechselseitig zwischen Filmemachern und Publikum bestand. Die filmischen Manipulationen sollten einen sichtbaren (nicht störend sichtbaren) Rahmen nicht sprengen, man sollte nicht durch das Vortäuschen falscher Tatsachen übers Ohr gehauen werden. Doch der Computer führt dazu, dass die Grenzen fließender sind, die Möglichkeiten größer und die Orientierungsmöglichkeiten als Zuschauer verschwindend gering werden. Die zunehmende Digitalisierung der Filmwelt, Computereffekte und Co., all das kann man akzeptieren, aber was soll denn sonst im Film noch real sein, wenn nicht mal mehr die Schauspieler real sind, wenn Körper von Anderen oder Masken schon nicht mehr ausreichen? Als nächstes spielt vielleicht Schauspielikone Meryl Streep in einer Teenager Liebeskomödie die Hauptrolle, weil sie ja so gut und erfahren ist. Also verjüngt man sie und schickt sie zusammen mit…. Taylor Lautner (den kann man nicht entbehren) in turbulent amouröse Verwicklungen. Halle Berry spielt eine weiße Blondine und wenn der Damm erstmal gebrochen ist, dann kann Hollywood auch direkt zur Leichenschändung übergehen und die alten Legenden digital zu neuem untoten Leben erwecken. Marlene Dietrich und Marlon Brando spielen ein Ehepaar, mit Robert de Niro als Großvater, mit Brigitte Bardot als uramerikanische Sekretärin und Charlie Chaplin, der Jetpilot wird. Wenn man mal genau drüber nachdenkt, will das doch keiner. Das könnte die ungewollte Zukunft der noch immer beliebten Biopics sein, wenn die auserwählten Darsteller nur ins Motion Capture Kostüm schlüpfen, statt Masken und Kostüme zu bemühen. Das hätte man Michelle Williams vielleicht eher sagen müssen, bevor sie sich nun ohne digitale Tricks als Marilyn Monroe präsentiert und dafür eher schief angeguckt wird. Dass die Ähnlichkeit zwischen Original und Darsteller gar nicht so wichtig ist, ist eine ganz eigene Geschichte.

Aber ist das einfach nur Fortschritt, eine technische Weiterentwicklung zur Optimierung der filmischen Darstellungsmöglichkeiten? Schließt sich damit der Kreis bald endgültig? Film imitiert Leben, stellt es nach, reproduziert, also braucht es auch nur die Idee, den Anschein von Leben beinhalten. So fühlt es sich zumindest an, wenn man sich den Blödsinn mit der Nacktszene die keine ist durch den Kopf gehen lässt. Computereffekte sind eine Sache, Modifizierungen wie Caesar oder ein uralter Brad Pitt im Kinderkörper – das kann man verstehen und akzeptieren. Aber was kann man in Zukunft denn noch für voll nehmen? Worauf kann man sich noch verlassen, wenn selbst Menschen nur noch formbares Material sind. „In Erinnerung an einen echten Baum“ steht in einer Folge der Simpsons mit klarer Ökologiebotschaft vor einem Baumhologramm. So ähnlich fühlt sich das mitunter mit den Filmen auch an. Natürlich kommt es letztendlich auf die Geschichten an, die auch durch CG-Brüste nicht schlechter (oder besser) werden, aber der Realfilm unterscheidet sich eben vom Animationsfilm, weil er mit realen Menschen arbeitet. Die neue „Star Wars“ Trilogie oder „Avatar“ haben diesen wackligen Fakt gleichermaßen angesägt wie untermauert, wenn es eben doch noch etwas Reales im Film gibt. Und solange es Menschen gibt, die irgendwie darstellerisch begabt und gewillt sind, die in eine Rolle passen, die keine Scham haben blank zu ziehen, solange sollen Menschenrollen doch auch bitte von Menschen verkörpert werden. Pappt ihnen Knete an die zu grazile Nase, pflanzt einen Bart ein oder stopft Plastik in den BH, aber nehmt gefälligst etwas Reales, wo man die Schummelei, die Manipulation wenigstens sieht, so wie man den Urzustand noch erkennen kann. Sonst sind die Darsteller irgendwann nicht mehr als formbare Pixel ohne Seele. Da kann man sich ja fast schon auf „Tim und Struppi“ im Dezember freuen. Oder auch nicht.

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