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Kritik:
Harry Potter und das Ende im Gelände

Ein Rückblick


von Christian Westhus

(Natürlich mit Spoilern zu allen sieben Büchern bzw. allen acht Filmen

Man ist ja geneigt, sich bei einem solchen Text als Fan zu outen und beispielsweise mit einem „Finite incantatem“ die Besprechung des Endes der Saga zu beginnen. Aber ein „Adieu, Potter“, tut’s doch auch. Deswegen: Adieu, Potter! Zehn Jahre, acht Filme, auf dem Weg zu insgesamt fünf Milliarden US-Dollars allein durch die Kinoauswertung, dazu unzählbare Fan-Scharen und ein Freizeitpark! Das multimediale Popkultur-Phänomen Harry Potter beendet nach seiner ursprünglichen literarischen Laufbahn nun auch seine Filmkarriere. Eine achtteilige Erfolgsgeschichte, die maßgeblich an der Formung eines globalen Fan-Overkills beteiligt war, als man der von Joanne K. Rowling erdachten Welt endlich festgelegte Designs und Gesichter bieten konnte, mit denen sich ordentlich Reibach machen ließ. Harry Potter ist nicht zuletzt ein finanzieller Megaerfolg, jedoch auch eine großartige Geschichte, die augenscheinlich simpel wirkt, aber in einem fantasie- und detailreichen Kosmos zu einem fast universell goutierbaren Abenteuerepos wurde, die generationsübergreifend einen neuen Leseboom auslöste. Außer Trekkies und „Star Wars“ Fans gibt es weltweit wohl keine vergleichbare Fan-Obsession zu einem solchen Thema, was die Filme direkt Kritikresistent macht, sie außerhalb des kritisierbaren Rahmens stellt. Es sind Selbstläufer. Viele Leser (oder Filmzuschauer) wurden mit den Freunden Harry, Ron und Hermine erwachsen und müssen nun endgültig Abschied nehmen.

Als im Herbst 2000 die Dreharbeiten für die Warner Bros. Produktion zu „Harry Potter and the Sorcerer’s Stone“ (dessen britischer Buchtitel „Philosopher’s Stone“ schon den Mühlen der amerikanischen Filmindustrie zum Opfer fiel) begannen, war der vierte Roman („Harry Potter and the Goblet of Fire“) gerade erst erschienen. Wenn überhaupt wusste zu diesem Zeitpunkt nur Joanne K. Rowling, wie das große Finale und Harrys Schicksal am Ende aussehen würden. Die Filmadaptionen begaben sich somit auf einen dunklen, unbekannten Pfad, ohne Kenntnis des eigenen Abschlusses. Zu schnell hatte man sich die Rechte an den ohnehin schon enorm erfolgreichen Büchern gesichert und wollte sie zu schnell auch nutzen. Warner Bros. machten die Potters zu ihrem großen Zugpferd, zu einer bald schon fest einkalkulierten Konstante von jährlich rund 800 Millionen Dollar. Dass ein solch blindes Unterfangen schnell schief gehen konnte, dürfte auch den Verantwortlichen bei WB bewusst gewesen sein. Rowling, die immerhin als Beraterin dabei war (und erst für die finalen beiden Teile Produzentin wurde), würde die Verfilmungen ihrer Lieblinge, ihrer Lebens- und Existenzretter schon nicht ins offene Messer laufen lassen. Mit diesem übereilten Verfilmungsplan lassen sich aber vielleicht auch die Fehler und Macken der gewaltigen Filmreihe erklären, die es trotz gigantischem Erfolg und starkem Zuschauerzuspruch ganz zweifelsfrei gibt. Sowohl im Vergleich zu den Büchern, wie auch als eigenständige Filme. 

In der Weihnachtszeit 2001 startete der erste Potter-Film direkt gegen den wenige Wochen später startenden „Der Herr der Ringe: Die Gefährten“. Beide Werke wagten zeitgleich den Sprung aus dem Bücherregal auf die Kinoleinwand und traten eine Welle an Fantasy- und Zauberei-Verfilmungen los, als sie trotz gegenseitiger Konkurrenz enorme Erfolge wurden. Nach Zahlen ist der erste Potter bis heute (noch) der erfolgreichste Teil der Reihe. Kein „Narnia“, „Eragon“ oder „Der goldene Kompass“ kam je auch nur in die Nähe eines Potters oder „Der Herr der Ringe“ Teils. Und wie jeder bald wusste, würde man von den Abenteuern in und um Hogwarts noch wesentlich länger etwas haben, als vom dreiteiligen Mittelerde-Epos. Umso passender, dass nächstes Jahr (2012) der erste Teil von „Der Hobbit“ startet, um gar nicht erst das Gefühl aufkommen zu lassen, die Kinowelt könnte je wieder ohne fantasiereiche Zauberwelten auskommen. Dabei fing mit den beiden Filmen von Chris Columbus alles an, wo die filmische Erfolgsgeschichte aus dem Rowling’schen Gedankengut ihren Grundstein legte. Im Folgenden sollten drei weitere Regisseure, insgesamt vier Komponisten, sechs Kameramänner und eine große Schar weiterer Cast- und Crewmitglieder ihre Finger im großen Spiel um Hogwarts haben. Mit einer Ausnahme (Michael Goldenberg bei „Order of the Phoenix“) bildete Steve Kloves eine wichtige Konstante bei der Adaption der Romane, doch Columbus, Casting-Direktorin Fiona Weir und das Produktionsteam, angeführt von David Heyman und David Barron, gebührt in erster Linie das Lob für das Herzstück der Filme. In erster Linie die Darsteller, aber auch das Aussehen der gesamten Welt der Romane und Filme, sind die sichtbaren Wiederkennungs- und Identifikationspunkte (neben dem tollen musikalischen Hauptthema von John Williams) in einer ansonsten nicht immer vollends geschlossenen Reihe. Dass Chris Columbus als einziger Regisseur (bis inklusive Teil 3) als Produzent beteiligt war, unterstreicht seinen Anteil daran.

Und wenn schon kein Film an sich dieses Attribut wirklich verdient, so ist zumindest das Casting ein absolutes Meisterwerk. Die Kinder waren natürlich Unbekannte, die, auf welche Weise auch immer, dazu auserkoren waren, ihre Kindheit und Jugend beinahe vollständig in der unwirklichen Halbwelt eines Filmsets zu erleben, um als Erwachsene ein Dasein in völliger Öffentlichkeit mit globalem Bekanntheitsgrad zu führen. Hermine-Darstellerin Emma Watson versuchte sich jüngst mit radikaler Frisurveränderung und Fokussierung auf ein Studium irgendwie davon zu lösen, doch nach zehn Jahren an vorderster Front im Potterversum, kann man sich der außer Kontrolle geratenen Popularität kaum mehr entziehen. Watson, Rupert Grint und Harry Potter himself Daniel Radcliffe mussten natürlich mit ihren Rollen erwachsenen werden, mussten sich an ihre Charaktere wie auch an die Schauspielerei gewöhnen, denn die ersten Filme sind wahrlich keine Meilensteine der Kinderschauspielkunst. Zur Absicherung für die voll und zentral präsentierten jungen Unbekannten, karrte man für die Neben- und Gastrollen meterweise britische Schauspielprominenz heran, nachdem J. K. Rowling insistierte, nur britische und irische Darsteller zu wollen (von Beauxbatons, Durmstrang und kleinen Ausnahmen abgesehen), und damit u.a. Steven Spielberg vergraulte, der Interesse an dem Stoff hatte. Von kleinen Komparsenrollen abgesehen, musste die Reihe nur eine einzige wirkliche Umbesetzung vornehmen, als Dumbledore Darsteller Richard Harris 2002 verstarb und durch Michael Gambon würdig vertreten wurde. Gambon übernahm genau dann, als sich die Reihe vom größtenteils kindgerechten und farbenfrohen Columbus-Doppelpack entfernte. Gambon legte das kunterbunte Clowns-Gewand von Harris’ Dumbledore gar nicht erst an, sondern machte Dumbledore mehr und mehr zu einem Gandalf, inklusive Dumbledore dem Weißen im finalen achten Film. Der 6. Teil ist mit Harris’ Dumbledore z.B. gar nicht vorstellbar. Nach darstellerischen Fehlern oder groben Schwächen muss man wirklich suchen. Alan Rickman als Severus Snape, oder die altehrwürdige Maggie Smith als Minerva McGonagall sind wahrlich Volltreffer. Ebenso Julie Walters als Mrs. Weasley, Helena Bonham Carters herrlich hysterische Bellatrix Lestrange, dazu ein Timothy Spall, der eine kaum beachtete Figur wie Wurmschwanz großartig verkörperte. Und natürlich ganz besonders Ralph Fiennes als Voldemort, der ab Teil 4 in Erscheinung trat und genau die richtige Mischung aus sinistrem Chargieren und comichafter Spielfreude traf. An Robbie Coltrane als Hagrid erinnert man sich immer gerne, Gary Oldman traf mit (der etwas ansehnlicheren Film-Version von) Sirius Black den Nagel auf den Kopf, und wer sonst hätte Gilderoy Lockhart so verkörpern können wie Kenneth Branagh, als schillernd-dämlichen eitlen Gockel in „Chamber of Secrets“?! 

Die ersten beiden Bücher zu einer Einheit zu formen, macht in vielerlei Hinsicht Sinn. Man musste die Filmreihe etablieren, sie nicht sofort durch stilistische Weiterentwicklungen zerstören oder untergraben. Außerdem stehen auch die ersten beiden Bücher zusammen ein wenig distanziert zu den restlichen Werken. Es sind die mit Abstand kürzesten und die, die noch klar als Kinderliteratur zu verstehen sind, während die Reihe fortan zunehmend erwachsener wurde. Chris Columbus war dafür ein idealer Regisseur und konnte sich – dank der überschaubaren Länge der Vorlagen – auf ein halbwegs werkgetreues Drehbuch stützen. So hatte man alle Welt direkt im Sack. Fans fanden doch noch einen Großteil der beiden Bücher im Film wieder und neue Potter-Fanatics schleppten Freunde und Eltern haufenweise mit in die Kinos, weil man sich auf zwei einheitliche Filme verlassen konnte. Natürlich war aber nicht alles gelungen, was die ersten beiden Filme betrifft. So wie sie das Grundgerüst an Darstellern und Schauplätzen lieferten, etablierten die Columbus-Filme auch einen mitunter oberflächlichen Umgang mit der Zauberwelt, mit Hogwarts und dem gewaltigen Figurenarsenal. Dass Hogwarts, anders als im Buch, kein mit Magie zusammen gebasteltes, halb schwebendes und architektonisch unwirkliches Schloss ist, kann man ja noch verschmerzen. Stattdessen hatte man reale Sets, mit Alnwick Castle oder der Kathedrale von Gloucester prächtige Bauten, die den zunehmend effektreicheren Filmen ein reales Fundament gaben. Nicht zuletzt ist der erste Film auch einfach der visuelle Einstieg ins Potterversum. Mit Harry erblickte man den riesenhaften Hagrid, erkundete neugierig die detailreiche Winkelgasse, wunderte sich über Gleis 9¾ und durfte mit dem Hogwarts-Express fahren. Dazu die Bootstour der Neuankömmlinge und was haben wir mit Harry gestaunt, als wir in die festlich geschmückte Große Halle traten, was haben wir gebannt ausgeharrt, als der sprechende Hut die Neuen auf die vier Häuser verteilte. Und wenn die Erstsichtung des beweglichen Treppenhauses nicht einer DER magischen Momente der Filmreihe ist, was dann? Es ist so nachvollziehbar wie schade, dass eine solche Faszination zunehmend weniger wurde. 

Weil man sich nur auf die entscheidenden Szenen beschränkten konnte (musste), fielen in der Filmreihe schon früh Details durch den Rost, die man irgendwann vermissen würde. Und damit sind gar nicht mal an erster Stelle Harrys eigentlich grünen Augen gemeint, die er, wie auch im Film mehrfach betont wird, von seiner Mutter hat. Es ist natürlich einfacher, auf die Eröffnungsrede des sprechenden Hutes zu verzichten, es geht schneller, sämtliche Häuser immer gemeinsam Unterricht haben zu lassen, oder Quidditch auf die eine Szene pro Film zu reduzieren, wo das Spiel etwas bedeutet. Aber dadurch geht das Gefühl einer funktionierenden und lebendigen Welt verloren. Mit den folgenden Filmen sollte es noch deutlicher werden, aber schon die Columbus-Filme kümmerten sich nur äußerst geringfügig um einen normalen Schulablauf, erwähnten Lernstress, Prüfungen und Abschlüsse nur so am Rande. Die Frage darf nach acht Filmen erlaubt sein, ob die Film-Potter Kenner denn überhaupt wissen, warum die Kids plötzlich apparieren können, was es mit den ZAGs auf sich hat und warum Harry und Ron im 6. Film zunächst nicht davon ausgegangen waren, bei Professor Slughorn Zaubertrankkunde zu lernen. Indes war ja auch schon bei den ersten Teilen nicht jede Abweichung schlecht. Das im Buch sehr episodische Finale beim „Philosopher’s Stone“ wird in den Filmen um zwei Rätsel erleichtert, mit dem stark inszenierten Schachspiel als frühes visuelles Highlight der Reihe. Der erweiterte Kampf mit dem Basilisken in „Chamber of Secrets“ sorgte zwar dafür, dass der Film in Deutschland für eine Freigabe ab 6 Jahren gekürzt wurde, war als visuelles Schmankerl aber ebenso gelungen, ließ es den ansonsten etwas trägen und repetitiven zweiten Film doch zumindest mit einem Knall enden. Schon bei den kurzen Büchern waren die Film-Adaptionen immer nur darauf bedacht, alle wichtigen Entwicklungspunkte der Handlung irgendwie drin zu haben. Es ist immer noch erstaunlich, dass kein einziger Film wagte, deutlicher länger als zweieinhalb Stunden zu gehen, obwohl das bei „Der Herr der Ringe“ doch ganz gut funktionierte. Ausgerechnet „Chamber of Secrets“ ist der längste Film und fand dennoch keinen Platz für so angenehme Szenen zur Erweiterung der erlebten Zauberwelt, wie zum Beispiel den Geburtstag des fast kopflosen Nick, oder genauere Szenen zu Gilderoy Lockhart und zum Geheimnis um Ginny und das Tagebuch. Mit markanten Szenen wie dem Flug im Auto, die peitschende Weide oder die Begegnung mit Hagrids achtbeinigem Kumpel Aragog, bleibt der zweite Film dennoch stark in Erinnerung.

Auf Chris Columbus folgte Alfonso Cuarón. Es war und ist eine überraschende Wahl, denn der Mexikaner ist zwar ein vielseitiger Filmemacher, aber warum man ausgerechnet einen so eigenständig denkenden und arbeitenden Regisseur folgen ließ, bleibt unklar. Der Wandel war enorm und sofort ersichtlich. Das war schon im Buch der Fall, denn „Harry Potter and the Prisoner of Azkaban“(2004) (nach der bescheidenen Meinung dieses Autors das klar beste Buch der Reihe) wirkt wesentlich reifer, dunkler, unheilvoller und emotionaler, als seine Vorgänger. Und in den Händen von Cuarón wurde diese Wirkung noch verstärkt, denn dass Autor Steve Kloves angesichts der zum Teil massiven Aussparungen einfach nur einen guten „Tag“ mit der Vorlage hatte, darf bezweifelt werden. Die Kids wirken nicht um ein Jahr, sondern um gefühlte drei Jahre reifer und wirken rückblickend wesentlich realistischer jugendlich und stark, als im folgenden vierten Teil, was nicht zuletzt an der dortigen visuellen Herangehensweise lag. Beim „Prisoner of Azkaban“ wurde endlich ernst gemacht und obwohl erstmalig schmerzlich offensichtlich wurde, wie sehr die Bücher im Adaptionsprozess zu leiden hätten, ist der dritte Film ein Highlight der Reihe. Es ist der einzige Film, der eine klare Handschrift seines Regisseurs trägt, der markante stilistische Eigenheiten und Inszenierungskniffe offenbart (z.B. die Lochblenden) und als eigenständiger Film enorm gut funktioniert. Statt das Modewort „düster“ durch aufdringliche Effekte und Farbfilter mit aller Macht heraufzubeschwören, umgibt den dritten Film eine zielgerichtete Dramatik und Emotionalität, ganz zentral verkörpert durch die Beziehung Harrys zu Lupin und zu Sirius Black. Für die Zuschauer war der Wandel wohl zu radikal, denn das weltweite Einspielergebnis ist das eindeutig schwächste (wenn natürlich immer noch sehr gut), wenn auch die Resonanz der Kritiker überdurchschnittlich war. Die Szene mit den Dementoren im Zug, beispielsweise, ist ein eiskalter Gänsehaut-Moment, der Unterricht mit Lupin an den Irrlichtern ein gekonntes Hin und Her zwischen Humor und Horror, während die Patronus-Szene am See zu den wohl magischsten Momenten der Filmreihe gehört, ebenso wie der Ritt auf Hippogreif Seidenschnabel. Zusätzlich ist der Plot durch den Zeitreise-Faktor natürlich maßgeblich dramatischer und spannender, lädt außerdem zu Aufmerksamkeit und Nachdenken ein. 

Problematisch wird es im dritten Teil wieder bei den Details, den Figuren und den nebensächlichen Begebenheiten der Zauberwelt, die ja einen Großteil der Buchfaszination ausmachen. Die Präsenz und Bedrohung durch Sirius Black ist verkürzt und komprimiert, dadurch aber nicht unbedingt auch intensiver. Ähnliches gilt für kleinere Reibereien unter den drei Helden, insbesondere bei Ron und Hermine. Schlimmer noch beispielsweise die Behandlung der Karte des Rumtreibers, die ja fortan zum Standardequipment von Harry gehört. Wie sehr Harrys Vater, Lupin, Sirius und auch Wurmschwanz drin verwickelt sind, was es mit den Spitznamen auf sich hat und was dies über die frühere Verbindung der Personen sagt, bleibt hier größtenteils auf der Strecke. Auffällig außerdem die bereits erwähnte optische Veränderung von Dumbledore, aber auch die vom kleinwüchsigen Professor Flitwick, der hier urplötzlich locker 30 Jahre jünger wirkt. Spätestens mit Ende des dritten Films setzte bei der Filmreihe ein Prozess ein, der die Filme vielleicht nicht direkt in sich zusammenfallen ließ, der jedoch maßgeblich dafür sorgte, dass die Einzelstücke auch solche blieben, ohne als solche tatsächlich zu funktionieren.

Für „Harry Potter and the Goblet of Fire“ übernahm 2005 Mike Newell und damit erstmalig ein britischer Regisseur, der zwar nicht unbedingt für effektreiche Abenteueraction im Fantasygewand bekannt war, handwerklich aber einigermaßen überzeugen konnte. Es war aber auch eine Reaktion auf den Zuschauerrückgang des Vorgängers, sowie auf die Verwirrung mancher Zuschauer, zu welch unheilsschwangeren Ungetüm die Potter-Filme geworden waren. „Goblet of Fire“ ist zwar der erste Film, der in den USA das PG-13 Rating (unter 13 nur in Begleitung Erwachsener) erhielt, ist dabei aber auch ein klares Bekenntnis hin zu effektreicher Unterhaltung, Action, Abenteuer und Zaubererfantasy. Der Roman ist für einen solchen Versuch die ideale Vorlage, denn mit der episodischen Handlung um das Trimagische Turnier hat man eine spannende Mikrokosmos-Handlung, die einigermaßen eigenständig funktioniert, bis am Ende auf dem Friedhof die notwendigen Weichen für die weiterführende Handlung der Reihe gestellt werden. Teil 4 ist damit der zentrale Teil, als man schließlich einsah, sich dem Überangebot an Figuren, Handlungssträngen und Details ergeben zu müssen, die die Bücher boten, und stattdessen massiv auf Spektakel setzte. So ist, könnte man sagen, wahrscheinlich in diesem Film aus der britischen Geschichte des jungen Zauberers Harry Potter ein amerikanisches Big-Budget Blockbuster-Ungetüm geworden. Harry Potter wurde im Feuerkelch zu einem durch US-Studios zurechtgestutzten Geldlieferanten, den man stets mit einer gewissen Menge an Vorlagentreue und Herzblut ausstatten musste, während ansonsten zunehmend rabiater durch die Handlung gewetzt wurde. Die spätere Verpflichtung von David Yates für die letzten vier Filme bestätigt dies, ist Yates doch von allen Regisseuren ganz klar der, der am ehesten Arbeiter, Handwerker und Endpunkt einer Befehlskette ist, um Gefordertes routiniert umzusetzen. 

„Goblet of Fire“ unterscheidet sich allein visuell wieder radikal vom vorherigen Film. Der dunkle Realismus des Cuarón-Films weicht einer stark farbgefilterten, zumeist hellen Fantasy-Welt in knalligen Farben, ohne dass man direkt zum niedlichen Columbus-Look zurückkehrt. Besonders pfiffig – oder auch nicht – dabei die Frisuren, denn die 60er sind ausgebrochen und besonders die Jungs laufen mit teils verboten blöden Frisen rum, stets kurz vor der Parodie. Dass spätestens hier die romantischen Themen um Liebe und Beziehungen zentral in die Handlung integriert wurden, entspricht durchaus der Vorlage, aber spätestens die Ballszene im Film beweist, wie sehr dafür Timing, darstellerische Reife und charakterliche Vorarbeit fehlten. Man erinnere sich nur an Hermines emotionalen Zusammenbruch, nachdem sie die Jungs wegen einer möglichen Partnerschaft auf dem Ball zusammengestaucht hat. Während beim Turnier Effekte, Kreaturen und Spektakel tobten, spielte sich in Hogwarts eine Teenager-Romcom mit allerhand Klischees und überdramatisierten Peinlichkeiten ab, die zwar vielfach auch so im Roman vorkommen, dort aber dank Nebenhandlungen und ausführlicheren Entwicklungen anders (besser) wirken. Und ja, ganz ehrlich, der Film ergeht sich etwas zu ausführlich an diesen gezwungen humoristischen Fremdschäm-Szenen. Eine der größten Schwächen von J. K. Rowling (so viele hat sie ja nicht) ist, dass sie keine sonderlich gute Sportkommentatorin ist. Das schimmert bei normalen Quidditch-Szenen immer mal wieder durch, wird bei der Weltmeisterschaft jedoch offensichtlich. Nicht überraschend daher, dass der Film die Weltmeisterschaft in kunterbuntem Personen-Overkill ohne eine einzige Spiel-Szene durchpfeffert, auf Hauselfe Winky verzichtet und eigentlich nur dafür dient, Portschlüssel bekannt zu machen und den Auftritt der Todesser zu zeigen. Nebenhandlungen zu den Dursleys, zu den Elfen, zu den anderen Weasley-Söhnen, zur politischen Entwicklung im Ministerium und vieles mehr, werden in diesem Film nun gekappt. Das Turnier beginnt, die Beauxbatons und Durmstrangs bekommen ihre eher albernen Präsentationen, Fred und George dürfen ein Mal am Feuerkelch herumalbern und ansonsten hetzt Harry zwischen Pubertätsstress und Wettkampfkapriolen hin und her. „Goblet of Fire“ ist ein kurzweiliger, actionreicher Entertainment-Potter und damit Warnung genug an alle Fans, für die restlichen Filme Besserungen zu erwarten.

Schließlich war es David Yates. Der Brite, der zuvor eher Erfahrungen mit Theater und TV-Filmen hatte, bekam – erneut – völlig überraschend den fünften Film aufs Auge gedrückt und sollte schließlich, da er grad mal da war, alles Weitere auch direkt übernehmen. Die Zuschauerzahlen für „Goblet of Fire“ gingen trotz Ratingerhöhung wieder nach oben und so sah man sich bei WB bestätigt, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen. Mit Yates hatte man augenscheinlich den idealen Mann für den Posten des ausführenden Regisseurs gefunden. Mit „Order of the Phoenix“(2007) verbindet man – neben der nach dem Regisseur – zunächst zwei Fragen: Warum ist der Film zum mit Abstand längsten Buch der kürzeste? Und: Warum wechselte man urplötzlich den Drehbuchautoren? Aus „Order of the Phoenix“ hätte auch ein Film wie „Prisoner of Azkaban“ werden können, der mit der grandiosen, vielschichtigen und faszinierenden Handlung um den Phönixorden, die Veränderungen in Hogwarts, Dumbledores Armee und der Suche nach der Prophezeiung, einiges bietet. Allein die Passagen zum Zusammenleben im Grimmauldplatz Nr. 12 gehören zum Besten, was die HP-Romanreihe bietet, weil hier explizit die Vorteile eines Romans ausgespielt werden. Natürlich ist der über 1000-seitige Roman überlang, aber der dazugehörige Film ist ein gehetztes Sammelsurium an teils gar nicht mal schlechten Einzelszenen, bei denen Effekte, visuelle Schauwerte und Liebesdramatik forciert, während – inzwischen sollte man sich gewöhnt haben – Nebenfiguren weiter eingestampft wurden. Der Look änderte sich abermals, bot mit dem nachtschwarzen Ministerium zwar einen echten Hingucker oder machte den Grimmauldplatz zu einer gelungenen Location, doch Emotionen gingen dem fünften Film beinahe völlig ab. Der Tod von Sirius Black (der auch im Roman ausbaufähig war) ist erschreckend beiläufig, der Phönixorden selbst kaum wirklich existent, die Stimmung in Hogwarts nur in Extremsituationen wirklich greifbar, die Sache mit Cho Chang nötig, aber ungeschickt (weil gefühlskalt und albern) und das Finale ein kurzes buntes Lichtgeflacker. Dabei hatte man mit Imelda Staunton als pinkfarbene, ständig kichernde und über alle Maßen hassenswerte Dolores Umbridge mal wieder einen Casting-Volltreffer gelandet, der immerhin ausreichend Momente eingeräumt wurden, sich zu zeigen. Na ja und die Trainigsszenen von Dumbledores Armee sind ja auch ganz nett. In Teil 4 wurde es beschlossen und in Teil 5 fügte sich die Filmreihe selbst den größten Schaden zu. 

David Yates hatte sich etabliert und so nahm er sich auch dem „Half-Blood Prince“(2009) an, für den – man ahnt es bereits – erneut kein einheitlicher oder zur restlichen Reihe passender Ton gefunden wurde. Steve Kloves kehrte als Drehbuchschreiber zurück, die Romanvorlage war gut 300 Seiten kürzer und dennoch ist Film #6 der wahrscheinlich schwächste Potter überhaupt. Mittlerweile sind die Gründe klar, weil man sich eben nicht mehr darum scherte, aber warum man sich in diesem Teil derart stark auf ein erneutes Abspulen von Klischees Spätpubertierender, albernem Humor um Liebestränke und amouröses Gezanke um Ron fixiert, statt die Sache mit den Horkruxen, Dumbledores Forschung, die Hintergründe zu Tom Riddle, den Gaunts und die Erwähnung diverser Antiquitäten, zu kümmern, will nicht klar werden. Der halbe Film versetzt einen zurück zu Teil 4, zu dem er auch visuell am ehesten passt, bis sich Dumbledore urplötzlich einen Ruck gibt und es die prächtig visualisierte, aber gefühlskalte Szene in der Höhle gibt, um das Amulett zu bergen. Düster, unheimlich und völlig fehl am Platz, angesichts des sonstigen Tons des Films. Und dass man auf Dumbledores Beerdigung verzichtete, dass man allen Ernstes glaubte, auf diese so großartig emotionale Szene verzichten zu können, die eine ideale Zusammenfassung und gleichzeitig Vorbereitung auf das Folgende ist, spricht Bände. Bisher waren die Potter-Filme im schlimmsten Fall enttäuschend, aber mit dem „Half-Blood Prince“ näherte man sich dem Prädikat „katastrophal“ an. Wer hätte da gedacht, dass David Yates – auch wenn Teil 6 in erster Linie vom Drehbuch verbockt wurde – noch zwei der besten Potters schaffen sollte?

Mit den zweigeteilten „Deathly Hallows“(2010/11) ist es ihm jedoch gelungen. Gar nicht mal so sehr, weil die Teilung – und damit die Laufzeitverlängerung auf über 4½ Stunden – dafür sorgte, dass man sich wieder mehr dem Buch annäherte. Urplötzlich hatte Yates zu sich und zu seinem Stil gefunden, verbannte all zu aufdringliche Farbfilter, für die er zuvor noch stark verschmäht wurde, und gab sich einer deutlich realistischeren Inszenierungsform hin, griff teilweise zu Handkamera und profitierte auch von der Handlung, die ihn mit den Wald- und Fluchtszenen geradezu verdammte, reale Sets und eine natürliche Umgebung einzusetzen. Die beiden „Deathly Hallows“ Filme sind durchzogen von einem grimmigen Realismus, der zwar im radikalen Gegensatz zum eher amüsant-romantischen Ton des direkten Vorgängers steht, aber darauf gaben die Filme ja eh keinen Feuchten mehr. Also konnte man sich daran erfreuen, wie behutsam und geduldig (für Filmverhältnisse) Harry, Hermine und Ron ihre Flucht und Suche bestritten, sich selbst auf die Nerven gingen, sich entfremdeten und wieder zueinander fanden. Und selbst der finale Film wirkt entgegen vorheriger Befürchtungen nicht wie ein einziger gewaltiger Showdown, sondern setzt mitunter durchaus gekonnt emotionale oder dialogreiche Szenen und ist in den entscheidenden Actionmomenten mit einem visuellen Pfiff und einem Esprit inszeniert, wie man es gerne schon vorher gesehen hätte, zum Abschluss aber nur zu gerne annimmt. Teil 7.1 mag als eigenständiger Film mangels eigenen Höhepunkts unbefriedigend wirken, aber mal ehrlich, das war doch bei der Hälfte aller Potters nicht wirklich anders. Der Schuljahresrhythmus war zwar eine angenehme Zeitkomponente, aber inhaltlich ging der Blick doch stets zum nächsten Teil. 

Was Rowling mit dem starken Abschlussroman so überaus gut gelungen ist, wirkt sich auch auf den Film positiv auf. Zumindest in einigen Fällen. Rowling schafft es nach sechs Büchern spielend, den Kosmos zu erweitern, gegen das Erwartete anzuschreiben und die Handlung radikal von Hogwarts weg zu bewegen. Die strenge Fokussierung auf die drei Hauptfiguren ist mutig, aber notwendig und ungeheuer effektiv, nicht zuletzt wenn in den emotional strapazierenden Szenen während der Flucht/Suche der Leser selbst um Hogwarts besorgt ist, die Leute dort vermisst. Rons Abkehr war absolut bitter. Ja, im Innern wussten wir wahrscheinlich, dass er irgendwie, irgendwann wieder zurückkehren würde, aber der Nadelstich saß. Und nicht zuletzt waren die Abkehr und schließlich die Rückkehr wichtige Stationen eines Emanzipations- und Erwachsenwerdprozesses bei Ron, den wir schon seit sechs Büchern mitverfolgen konnten. Und wie jeder gute Abschlussroman einer längeren Reihe, läuft zum Schluss alles zusammen. Figuren treten wieder auf, Handlungsfäden werden verbunden, verknotet und beendet. Das gelingt im Roman auf vielschichtige und originelle Weise, besonders unter Berücksichtigung, wie die Potter-Reihe zu Beginn aussah. Das versucht nun selbstverständlich auch die Filmreihe, die endlich mal erkennt, welch emotionales Potential in einem solchen Abschluss steckt. Es muss zur Abwechselung krachen UND bewegen. Doch in den beiden „Deathly Hallows“ offenbar(t)en nun sich die Fehler, die gemacht wurden, die Details, Nebenhandlungen und Nebenfiguren, um die man sich kaum oder gar nicht gekümmert hat. Insbesondere „Deathly Hallows Part 2“ illustriert die Vergehen und Auslassungen der Vorgänger so gut, dass wohl selbst die Nicht-Kenner der Bücher erkennen, welch ungenutztes Potential in dem Stoff schlummert. Die Filme verpassten es zu häufig, gewisse Dinge im Vorfeld einzuleiten und anzukündigen, nicht zuletzt weil man gar nicht so genau wusste, wie das große Ganze am Ende aussehen würde. Natürlich muss man Laufzeit, Spannungsbogen, Übersicht und Handlungsfluss stets bedenken, aber manche Dinge wären mit so wenig Aufwand, so viel wirkungsvoller geworden.

Für sich genommen macht es keinen all zu großen Unterschied, ob nun Neville (wie im Film) oder Dobby (wie im Buch) Harry im „Goblet of Fire“ den Tipp mit dem Dianthuskraut für die Tauch-Prüfung gibt. Der eh ständig klein gehaltene Neville bekam so immerhin einen kleinen Moment zum Scheinen und die Film-Potters hatten Dobby seit Teil 2 ja eh ignoriert. Dass man sich das semi-politische Intermezzo um die Alkoholiker-Elfe Winky (ebenfalls im 4. Buch) sparte und damit auch Hermines Engagement für B.ELFE.R (Bund für Elfenrechte) völlig unter den Teppich kehrte, war sicherlich schade, aber schadete dem Einzelfilm per se nicht. Dass die Filme dadurch beinahe völlig verschwiegen, dass Hogwarts größtenteils durch Elfenarbeit am Laufen gehalten wird, wirkt schon problematischer. Dass Dobby mehrfach in Erscheinung tritt, im „Order of the Phoenix“ den Raum der Wünsche erwähnt, im „Half-Blood Prince“ zusammen mit Kreacher für Harry zum Spion wird, ist in den jeweiligen Filmen auch nicht störend, aber bei den „Deathly Hallows“ wird das Problem offensichtlich. Seit dem zweiten Film war der freie Elf Dobby nicht mehr in Erscheinung getreten. Entsprechend überraschend muss sein plötzliches Auftreten im Haus der Blacks gewirkt haben. Seine spätere Rettungstat mag noch so gut als Ausgleich für die Befreiung durch Harry damals funktionieren, aber spätestens Dobbys Tod machte deutlich, wie sehr eine emotionale Bindung fehlte. Ach ja, Dobby. Der nervige kleine Elf von damals. Oh, der ist tot? Tja. Im Film „Deathly Hallows Part 1“ wird ein großes Theater gemacht, mit einem Harry, der ohne Magie ein Grab schaufeln will. Natürlich lässt man sich die Szene nicht entgehen, aber auch die Filmemacher dürften hier eingesehen haben, dass ihnen Substanz aus den vorherigen Filmen fehlt. Sagen wir mal so: Hermine wäre sicherlich am wenigsten zufrieden ob der Darstellung der Elfen in den Filmen. Kein Wunder also, dass die bei der finalen Schlacht um Hogwarts – anders als im Buch – nicht in Erscheinung treten. 

Apropos: Bei der Schlacht machen sich auch ansonsten die tierischen bzw. nicht-menschlichen Wesen auf der Seite der Guten äußerst rar. Hagrids Halbbruder Grawp hatte seinen kleinen Auftritt im 5. Film und ward nicht mehr gesehen. Nicht weiter schlimm. Dass er Hagrid bei der Schlacht eigentlich helfend zur Hand gehen und diesen mitten ins Kampfgetümmel befördern sollte, ist tatsächlich nur was für Fans, doch urplötzlich bedienen sich die Filme doch wieder den billigsten Fantasy-Klischees, obwohl sich die Reihe doch immer so artig von einer zu klaren schwarz-weiß Sicht distanzierte. Hier ist plötzlich alles, was nicht menschlich oder zumindest zwergisch ist, böse. Für die gescheiterten Versuche von Hagrid und Madame Maxime die Riesen in diplomatischen Gesprächen für Hogwarts zu gewinnen, kann man sich nur durch eine ominöse Abwesenheit Hagrids helfen. Ebenso bleiben die stolzen Zentauren, die ja eigentlich direkt nebenan im Verbotenen Wald leben, dem Schlachtgeschehen fern, nachdem zuvor schon der Handlungsstrang mit Zentaur Firenze als Lehrer für Wahrsagen ausgelassen wurde, als Professor Trelawney unter dem Umbridge-Regime zum Gehen aufgefordert wurde. Erstaunlich, dass zumindest das Hogwarts-Kollegium stets einigermaßen übersichtlich und bekannt blieb, weil ja meist auch nur der Posten des Lehrers zur Verteidigung gegen die dunklen Künste neu besetzt wurde. Wollten die Filme ein paar Momente haben, um die Bücher zu überflügeln, hätte man zum Beispiel Charity Burbage, Lehrerin für Muggelkunde, irgendwann irgendwo mal in Hogwarts zeigen können, ehe sie in „Deathly Hallows Part 1“ im Haus der Malfoys über dem Tisch schwebt und Snape um Gnade bittet, behauptet, sie würden einander doch kennen. Tja, da ist Snape wahrscheinlich so schlau wie die Zuschauer, denn diese kennen Burbage nicht und haben da ausnahmsweise mal keinen wirklichen Informationsrückstand gegenüber den Lesern.

Überhaupt wäre es nett – nicht zwingend erforderlich – gewesen, wenn entscheidende Personen nicht immer erst in den lebendigen Kosmos Hogwarts integriert würden, wenn man sie brauchte. Rons Liebelei mit der zuvor völlig unbekannten Lavender Brown verwirrt im Film doch ein wenig. In den Büchern wird Lavender immer mal wieder erwähnt und mit Wonne erinnert man sich an Rons erstaunlich dreckigen „Ich würde auch gerne mal Uranus sehen, Lavender“ Witz beim Astronomie-Unterricht (Buch #4) zurück. Immerhin schon beim „Prisoner of Azkaban“ wurden Cedric Diggory und Cho Chang integriert, ehe sie in den weiteren Teilen tatsächlich Teil der Haupthandlung wurden. Luna Lovegood (eine Lieblingsfigur) hätte auch gerne schon mit Ginny zusammen in Hogwarts präsent sein können. Sehr gut besetzt, erhält Luna aber dennoch ein paar nette Szenen, auch wenn man ihren Gryffindor-Löwenkopf (sie ist ja eine Ravenclaw) gerne auch mal brüllen gehört hätte, denn als bloße Kopfbedeckung unterstreicht es doch eher, dass mit der kleinen Blonden mit ihren Radieschenohrringen irgendwas nicht stimmt. Aber solche Sachen sind Kleinigkeiten. Lavender, Cho, Luna – sie haben weder entscheidende Handlungsrelevanz, noch bieten sie derart viel emotionales Potential. Größere Vergehen finden sich zum Beispiel bei der Familie Weasley. Wahrscheinlich dachte man sich bei den Filmen, dass drei Jungs und ein Mädchen völlig ausreichen für eine Familie. 

Da wäre zum Beispiel noch Charlie, der im Ausland weilt, eigentlich mit den Drachen beim Trimagischen Turnier zu tun hatte und sich auch schon um Hagrids Drachen Norbert kümmerte. Muss man im Film sicherlich nicht haben. In Film Numero 7 gibt es plötzlich noch Bill, der älteste Weasley, der bisher noch gar nicht in Erscheinung getreten ist, markante Narben trägt und kurz darauf heiraten will – sehr irritierend. Noch dazu sollte seine Braut ja keine Unbekannte sein, denn Fleur Delacour ist allen ein Begriff. Nur dass sie und Bill zusammen sind und zu heiraten gedenken, ist mangels Informationen schwer nachvollziehbar. Und es wäre so leicht gewesen! War es denn zu viel verlangt, Fleur im „Half-Blood Prince“ beim weihnachtlichen Besuch im Fuchsbau kurz anwesend sein zu lassen, so wie es im Buch der Fall ist? Noch schwerwiegender aber die Rolle von Percy Weasley, der in den ersten Filmen als arroganter Vertrauensschüler anwesend war, dann aber nicht mehr erwähnt wurde. Kein Erwähnung, wie er im Ministerium arbeitet und diesem blind folgt, keine Erwähnung von der hoch emotionalen Abspaltung von seiner Familie und entsprechend auch keine Szene im finalen Film, wenn Percy sich bekennt und die Familie Weasley wieder vereint ist, ehe man den im Film überhaupt nicht gezeigten und beschämend unemotionalen Tod von Fred betrauern muss. Eine bedauernswerte Auslassung, die ebenfalls mit einem Aufwand von vielleicht einer Minute pro Film integriert werden könnte. 

Was für großartige Szenen bei Rita Kimmkorn in mehreren Teilen fehlen, wird abermals nur den Lesern bewusst sein, ist sie im „Goblet of Fire“ doch einzig als journalistische Schreckschraube da und gegen Ende kurz noch als Autorin des Dumbledore Buchs erwähnt. Oder die Dursleys, Harrys „Familie“, die leider nie über die Rolle als überkandidelte Klischee-Schreckschrauben zu Comic Relief Zwecken kam. Wie Harry Dudley vor dem Dementor in „Order of the Phoenix“ rettet, ist später nicht mehr relevant. Dass man sich manch humoristischen Knüller (die Weasleys im Kamin) entgehen ließ – so what?! Schlimmer jedoch: Der Abschied in „Deathly Hallows Part 1“ fällt aus, wo die Dursleys endlich mal die Gelegenheit gehabt hätten, ihre menschliche Seite zu zeigen. Dabei ist das Intro des Films so gelungen, wenn Harry nostalgisch-wehmütig seine alte Kammer unter der Treppe beäugt oder wenn Hermine sich selbst aus den Erinnerungen ihrer Eltern löscht. Bei Hermines Szene ist der Film klar stärker als das Buch, wo Hermines Eltern zwar ab und zu erwähnt, aber nie wirklich gezeigt wurden. Dieser Einblick in eine etwas weniger schrille Muggelfamilie wäre sicherlich lohnenswert gewesen, wie es allgemein eher weniger Überschneidungen der beiden Welten gibt, z.B. durch Musik, Filme oder Berühmtheiten. Die Vorstellung mag einigen Fans nicht behagen, aber im Zeitalter von Handys und Internet wirken Eulenpost oder Rons Versuch zurück zu Harry und Hermine zu finden, irgendwie künstlich romantisiert und dramatisiert. Umgekehrt ist es schon erstaunlich, wie sich Frau Rowling an klassischen, häufig christlich motivierten Festtagen der realen Welt klammert, insbesondere an Weihnachten. Was zunächst noch als Fest der Freude und des Familien- und Freundeszusammenhalt ohne Jesus und Co. verstanden werden kann, erhält spätestens bei der Godrics Hollow Episode (im Film noch wesentlich stärker) einen eigenartigen religiösen Touch.

Dieser Zusammenhalt von Familie und Freunden ist ja das zentrale Thema von Büchern und Filmen. Voldemort wird durch die Liebe und den eigenen Egoismus besiegt und das Dreiergespann aus Harry, Hermine und Ron wird besonders in den beiden abschließenden Filmen überdeutlich ins Zentrum gerückt. Sei es nach der Schlacht, wenn man zusammen melancholisch übers Land blickt oder im Epilog, in der allerletzten Einstellung, in der die drei zu einer Einheit gesetzt werden, obwohl Ginny, die Kids und andere Personen gerade anbei stehen. Die Filme waren immer nur auf die drei Freunde zugeschnitten und haben in dem Bereich auch zumeist überzeugt. Sicherlich nicht immer subtil, nicht immer mit allen Details, die man gerne hätte und für den entscheidenden Kuss zwischen Ron und Hermine hätte man sicherlich einen passenderen Ort und Zeitpunkt finden können, aber das Triumvirat der Freundschaft leuchtet am Ende hell und kräftig. Das geht natürlich zu Lasten der anderen Figuren, wie bereits angesprochen zum Beispiel Ginny. Wir erinnern uns an die Anfänge, als eine ganz junge Ginny im Fantaumel panisch flüchtet, als sie den berühmten Harry Potter im Fuchsbau in der Küche sieht, der sie später aus den Fängen von Tom Riddles Tagebuch rettet. Danach kam lange nichts mehr. Harry hatte seine nötige, aber wenig aufregende Phase mit Cho und als man begann, Ginny mit Jungs ausgehen zu lassen, war inzwischen alles so offensichtlich ausgelegt, dass man nur darauf wartete. Aber nicht nur, dass Ginny ganz allgemein in eigentlich ausnahmslos allen Filmen zu kurz kam, sie wirkt am Ende auch irgendwie als Notlösung für unseren Helden, weil ja ausnahmsweise mal der Sidekick das Mädchen bekam. Die Initiative ging stets von Ginny aus, wie in der völlig misslungenen Szene kurz vor der Zerstörung im Fuchsbau oder als das Buch des Halbblut-Prinzen im Raum der Wünsche versteckt wurde. Harrys Aufgabe war es, sich nicht zu wehren. 

Noch schlimmer erging es sicherlich Lupin und Tonks. Schon als Einzelcharaktere sind sie meilenweit von der Sympathie, der emotionalen Bedeutung für Harry und den charakterlichen Eigenheiten aus den Büchern entfernt, aber ihre Beziehung und ihr tragisches Ende haben die Filme – das muss man zur Abwechslung mal so klar sagen – versaut. Waren sie für die Handlung wichtig? Abgesehen vom „Prisoner of Azkaban“ und als numerische Aufstockung des Phönixordens müssen sie nie viel tun, außer dass Lupin bisweilen Sirius als väterlichen Ansprechpartner zu ersetzen hatte. Aber sie sind da und auch wieder nicht. Ihre Szene in „Deathly Hallows Part 1“ könnte ein Sinnbild für ihr Dasein in den Filmen sein, wenn man sich im Haus der Dursleys vorbereitet, um Harry zu transportieren. Tonks will eine frohe Kunde mitteilen, berührt, wie es scheint, ihren Bauch und wird von Mad-Eye Moody barsch abgewürgt. Das war’s. Warum ausgerechnet Lupin später bei Harrys stark an „Star Wars“ erinnernde Szene mit den Toten dabei ist, macht aus den Filmen geschlossen wenig Sinn. Die bitter-romantische Tragik des Doppeltodes von ihm und Tonks erschließt sich ja noch so gerade, aber Lupin hatte in den Filmen gar nicht diesen Draht zu Harry, als dass er in dieser Runde (in der Harry seinen Vater beinahe komplett ignoriert – wie bescheuert ist das denn?) auftauchen dürfte. 

Als Mitglied von James Potters Clique war Lupin ja auch für die Seelenpein von Severus Snape mitverantwortlich, die im Finale ihre wohl verdiente Apologie erhält. Man stelle sich Alan Rickman vor, wie er vielleicht im Sommer 2007 den letzten Roman in den Händen hielt und las und las und erlebte und jubelte, als seine Figur, als sein Snape durch eine dramatische, großartige und sehr emotionale Offenbarung zum vielleicht gelungensten, ambivalentesten und spannendsten Charakter der Reihe wurde. Aus dem ewig miesepetrigen Anakin Skywalker von Hogwarts wurde zunächst ein Hassobjekt erster Güte und schließlich ein großer, tragischer und irgendwie auch bemitleidenswerter Held. Dass der Denkariums-Flashback im Film eher schwach inszeniert ist und zu eilig die nötigsten Inhaltsinfos weitergeben will, sei uns hier mal egal. Ebenso, dass das Okklumentik-Training im „Order of the Phoenix“ nur halbherzig behandelt wurde, dass Snapes Beziehung zu Lily so verwirrend war, dass viele Filmzuschauer Snape noch immer für Harrys Vater halten. Alles egal. Snapes Wandlung hat auch in einer nicht vollends geglückten Filminszenierung eine großartige Wirkung.

Und Rowling gönnte zum Abschluss ja noch einer Figur einen großen Wandel zum Positiven, denn der arme, bedauernswerte, ständig vom Pech verfolgte sympathische Trottel Neville Longbottom wird in der Schlacht um Hogwarts ein Held. In Harrys Abwesenheit organisierte Neville – wie es schien – den Widerstand, hielt die Mitglieder von Dumbledores Armee zusammen und trat schließlich Voldemort erhobenen Hauptes entgegen. Ein hoch emotionaler Geniestreich, würde der eigentlich gut vorbereitete Klimax nicht plötzlich unterbrochen, um das 1:1 Duell von Harry und Voldi ein wenig in die Länge zu ziehen. Das kann man machen, aber doch bitte nicht auf Kosten von Nevilles Momentum, welches nach der Rede und dem Zücken des Schwertes erst ein paar Minuten aufgeschoben wird, ehe er – mit einigen Zuschauern weniger – Nagini schnetzeln darf. Außerdem vermisst der geneigte Leser spätestens hier eine ganz zentrale Neville-Szene, in der das Schicksal seiner Eltern, die Opfer von Bellatrix Lestrange wurden, genauer beleuchtet wird. Der Besuch im Krankenhaus, als Arthur Weasley dort liegt, bietet nicht nur ein Wiedersehen mit Gilderoy Lockhart, sondern auch die sehr menschliche und bedrückende Szene mit Neville am Bett seiner paralysierten Eltern. Nevilles Genugtuung, umjubelt zu werden und den Todessern entgegen zu treten, zieht ihre Wirkung größtenteils aus dieser Szene – wäre sie denn in den Filmen vorhanden.

Und weil man gerade so in Fahrt war, strich man Neville auch aus dem Epilog, der im Buch schon viel zu kurz und unergiebig ist, im Film aber noch schwächer. 19 Jahre später ist Draco Malfoy der einzige, der irgendwie älter (und damit blöde) aussieht. Harry, Ron, Hermine und Ginny, sie alle sehen mehr oder weniger gleich aus, vielleicht minimal reifer, aber ganz sicher nicht wie Ende 30. Der Sohn von Tonks und Lupin wird – natürlich – nicht erwähnt, die Bedeutung der Namen der Kids wird nur beim offensichtlichsten, Albus Severus Potter, ausgesprochen. Ergo erfüllt der Epilog nur den Zweck, dass das Leben wieder gut ist. „All was well“, wie es im Buch heißt. 

Und damit endet die größte Filmreihe aller Zeiten. Acht Filme, die auf konstant hohem Produktionsniveau qualitativ schwankende Einzelfilme ergaben, die ein Millionen- und Milliardenpublikum begeisterten und viele Leute sehr reich machten. Kein Teil war wirklich schlecht, keiner aber auch wirklich überdurchschnittlich gut. Selten konnte die neugierig und staunend machende Magie des ersten Teils wiederholt werden und zu selten kamen die Filme über die Wirkung hinaus, unterhaltsame, visuell aufregende und spannende Kinounterhaltung für die Massen zu sein. Damit muss man dann auch mal zufrieden sein, denn für einen genaueren Einblick in den Kosmos Hogwarts, ins Potterversum, hat man weiterhin die sieben hervorragenden Bücher, die größtenteils zeitlos, magisch und wahnsinnig faszinierend sind. 

Zum Vergleich, als persönliche Einschätzung, die Staffelung der Bücher und Filme in Qualität bzw. persönlichem Wohlgefallen: (vom besten zum schwächsten Teil) 

Filme: „Prisoner of Azkaban“(8/10), „Deathly Hallows Part 1“, „Deathly Hallows Part 2“, „Goblet of Fire“, „Sorcerer’s Stone“, „Order of the Phoenix”, „Chamber of Secrets“, „Half-Blood Prince“(5/10)

Bücher: „Prisoner of Azkaban“(10/10), „Half-Blood Prince“, „Deathly Hallows“, „Order of the Phoenix“, „Goblet of Fire“, „Chamber of Secrets“, „Philosopher’s Stone“(6/10)

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