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Kritik:
Die Oscars 2012 

"Nostalgie für Projektorlicht"


von Christian Westhus

Nachdem sich Oscar letztes Jahr mit aller Macht eine Verjüngungskur verpasste und damit überwiegend scheiterte, ging man dieses Jahr auf Nummer sicher. Die 84. Versammlung der Academy of Motion Picture Arts & Sciences zelebriert mehr denn je die Tradition, das Vergangene und das Alter. Dabei war es ja zunächst anders geplant. Der berüchtigte Regisseur Brett Ratner sollte die Show zunächst inszenieren, mit der ebenso berüchtigten Quasselstrippe Eddie Murphy als Moderator auf der Bühne. Nach dem Scheitern der jugendlich unvorbereiteten und/oder mit schlechten Gags unterforderten James Franco und Anne Hathaway war ein Eddie Murphy nicht unbedingt das radikalste Zeichen, zurück auf Anfang zu schalten. Doch es kam bekanntlich anders. Ratner gab dummes Zeug von sich („Rehearsing is for fags.“) und wurde gekickt. Aus Solidarität mit seinem „Tower Heist“ Regisseur ging Murphy gleich mit. Und weil die Zeit rannte und die Alternativen rar waren, ging Oscar auf Nummer Sicher. Denn was macht eine Vereinigung, die in einer erschlagenden Mehrheit von weißen Männern über 60 geführt wird? Sie engagiert einen mehrfach etablierten weißen Mann über 60, um das Ding auf und über die Bühne zu bringen. Billy Crystal hat sich mehrfach als Oscar-Host verdient gemacht, geriet ein paar Jahre in Vergessenheit und hatte letztes Jahr einen banalen Kurzauftritt, der in all dem unorganisierten Chaos mit frenetischem Jubel aufgenommen wurde. Crystal ist das Konterfei einer Show, die in der gestrigen Nacht ganz im Zeichen von Nostalgie, Vergangenheit und Tradition stand. Und das ist ja auch gut und richtig, nur nicht immer so spannend, lustig, kreativ, wie man das gerne hätte.

Auch die wichtigsten nominierten Filme schlossen sich dieser Stimmung an. Der französische Stummfilm „The Artist“, eine Art Retro-Erscheinung in der modernen Filmwelt, ging als Favorit und letztendlich als großer Sieger des Abends hervor. Ein Film, der an eine vergangene Hollywoodzeit erinnert, den emotionalen Niedergang eines einst gefeierten Stars aufzeigt, der durch technologischen Fortschritt verdrängt wird oder sich zumindest verdrängt glaubt. Denn Hauptfigur George Valentin ist in erster Linie vom eigenen Stolz und einer Angst gelähmt, sich dem Neuen anzupassen. So kokettiert „The Artist“ auch ganz bewusst mit besagtem Fortschritt und der Moderne. Nostalgischer da der einzig nennenswerte Konkurrent zur erschreckend wenig im Kino gesehenen Stummfilm-Übermacht aus Frankreich. Martin Scorseses „Hugo Cabret“ entführt in die allerfrühsten Anfänge des Films. Als die Bilder laufen lernten. Georges Méliès, den es tatsächlich gegeben hat, experimentierte um 1900 mit den ersten Kameras und drehte im doppelten Sinne fantastische Traumfilme von Abenteuern in detailreich ausgestatteten Traumwelten. Méliès geriet in Vergessenheit und erhält durch einen unnachgiebig forschenden Jungen (und durch Martin Scorsese) eine späte Apologie, eine verspätete Würdigung seines Schaffens. Wahrung und Würdigung von Kultur und Tradition, nicht nur der Filme, sondern auch der mitwirkenden Personen, ist zentraler Aufgabenbereich der Academy. Da ist es kein Wunder, dass diese Filme bei der AMPAS auf große Zustimmung stießen. Dass der Marilyn Monroe Film „My Week with Marilyn“ in Nominierungen nur auf die Darsteller von Marilyn und Sir Laurence Olivier reduziert wurde, passt dazu und sagt wohl auch etwas über die Qualität des im April in Deutschland anlaufenden Films aus. Vielleicht… 

„Hugo Cabret“ und „The Artist“ setzten sich unmittelbar mit der Filmwelt auseinander, doch den Blick zurück richteten auch viele weitere Filme, die nicht explizit von Filmen, aber von Vergangenem berichten. Ganz zentral Woody Allens „Midnight in Paris“, der dem kauzigen Filmemacher seinen vierten persönlichen Oscar (für’s beste Originaldrehbuch) bescherte, obwohl Allen bekanntermaßen nichts für die Academy übrig hat und daher auch gar nicht erst anwesend war. „Midnight in Paris“ ist ein Diskurs über die Sehnsucht nach etwas Vergangenem, nach der Wahrheit hinter der Phrase, früher sei alles besser gewesen, und der unausweichlichen Aufgabe, sich mit dem Gegenwärtigen zu arrangieren. Gil, gespielt von Owen Wilson in eindeutiger Anlehnung an Meister Allen persönlich, ist beseelt von dem Gedanken, eigentlich in die literarischen 1920er zu gehören und insbesondere nach Paris. Gil gibt sich mit seinen Idolen ab, schwatzt mit Ernest Hemingway, F. Scott Fitzgerald und Maler Salvador Dalí, bis er irgendwann etwas gelernt hat. So scheint auch die Academy eine Sehnsucht nach der eigenen Vergangenheit zu haben, nach Filmen, die man heutzutage nicht mehr so macht, aber gerne auszeichnen (und überhaupt sehen) würde. Nicht zuletzt deshalb ist Steven Spielbergs „War Horse“, über die hollywoodtypisch überzeichnete Tapferkeit eines Pferdes im 1. Weltkrieg, trotz verhaltener Kritiken dennoch als Bester Film nominiert, kritisch umjubelte, aber radikalere und moderne Filme wie „Shame“, „Martha Marcy May Marlene“ oder „We need to talk about Kevin“ nicht. Auch „The Help“, „The Tree of Life“ und „Extremely Loud & Incredibly Close“ richten den Blick zurück, während „Moneyball“ (annähernd) zeitgenössisch und nüchtern realistisch das untersucht, was in vergleichbarer Form auch bei „The Artist“ passierte. Das Bekannte wird in Frage gestellt und verändert. Wer nicht mitzieht, bleibt auf der Strecke.

Passend dazu auch die Gewinner, die entweder aus besagten Filmen kommen, oder selbst schon wandelnde Antiquitäten und Tradition auf Beinen sind. Christopher Plummers Gewinn als bester Nebendarsteller für seine Rolle in „Beginners“ bahnte sich an, ist nicht unverdient und scheint dennoch nicht zuletzt auch die späte Würdigung einer langen Karriere zu sein. Eine Würdigung, die man 2010 noch nicht bereit war auszusprechen, als Plummer für „Ein russischer Sommer“ gegen den damals übermächtigen Christoph Waltz antrat. „ You’re only two years older than me, darling. Where have you been all my life?", sagte Plummer gestern in einer der besten Dankesreden des Abends, als er den Goldjungen in der Hand hielt. Es ist ein Altersrekord, denn der 82-jährige Plummer überbot sogar Jessica Tandy, die damals 80-jährig für „Miss Daisy und ihr Chauffeur“ ausgezeichnet wurde und bis gestern die älteste Gewinnerin eines Schauspiel-Oscars war. Und dann natürlich Meryl Streep. Die vielleichte beste, auf jeden Fall aber am meisten ausgezeichnete Darstellerin unserer Zeit, holte endlich ihren dritten Oscar. Zum dritten Mal als Hauptdarstellerin. 17 Mal war Streep bereits nominiert (natürlich ein im Darstellerfach schier uneinholbarer Rekord), gewann 1980 für „Kramer gegen Kramer“, 1983 für „Sophies Entscheidung“ und dann 29 Jahre und 12 Nominierungen lang nicht mehr. Seit vier, fünf Jahren wurde es zum Running Gag, weil Streeps Beteiligung am Oscar eine beinahe alljährliche Pflichtveranstaltung war. Auf die Nominierung folgte die Niederlage, nicht selten auch verdient, weil man der hochdekorierten Grande Dame des US-Kinos die eine oder andere Nominierung zu viel (u.a. für „Doubt“) aussprach. Als Margaret Thatcher (wieder ein Blick zurück) in „The Iron Lady“ hatte Streep eine Rolle, bei der nur wenige die Nase rümpfen und ihren Sieg als unverdient bezeichnen würden. Auch wenn Viola Davis aus „The Help“ lange Zeit wie die sichere Siegerin aussah und einem jetzt irgendwie reichlich leid tut. Umso bedauerlicher, dass Streeps dritter Oscar, der sie auf eine Ebene mit der großen Ingrid Bergmann stellt, für einen Film kam, der angesichts des durchwachsenen Kritikerechos ihrer wohl nicht würdig war. Streep selbst wähnte sich in ihrer gewohnt sympathischen Rede indes sicher, überhaupt nie wieder als Siegerin auf dieser Oscar-Bühne zu stehen. Für wahr, Katharine Hepburns Rekord von vier Schauspieloscars wird wohl einer für die Ewigkeit bleiben. Die Wahrung solcher gehört auch zur Bewahrung von Tradition und Ehre verdienter Darsteller. Auch eine Meryl Streep wird nicht so ohne weiteres auf eine Stufe (oder gar höher) mit der Hepburn gestellt, auch wenn diese häufig mehr für diesen Zahlenrekord angesehen wird, als für ihre tatsächlichen Leistungen. Denn auch ihre Oscars gab es nicht immer für die „richtigen“ Filme.

Wie sehr Oscar aber noch immer an der Sehnsucht zum Alten und der Pflicht leidet, das Neue anzunehmen und zu würdigen, wird deutlich, schaut man sich die komplette Show an. Das führt uns wieder zu Billy Crystal, der etablierten Notlösung, dem Verlässlichen, dessen Nummern zweifelsfrei ihren Charme haben, jedoch Frische und Finesse vermissen lassen. Es ist ein alter Hut (den überdies schon Franco/Hathaway einfallslos kopierten) wie Crystal zur Eröffnung der Show in diversen nominierten Filmen auftaucht und seine Späße treibt. Gestern wurde er von George Clooney wachgeküsst und von Margaret Thatcher dazu aufgefordert, den Hintern zu erheben und nach Jahren der Abstinenz wieder die Oscars zu moderieren. Und gesungen wurde natürlich auch. Durchaus nett, durchaus witzig, aber eben als traditionelles Wiederholen etablierter Spaß-Mechanismen. Wer Crystal schon einmal auf der Oscarbühne in Aktion gesehen hat, wird sich an seine Nummern erinnern. „Ich kann sehen, was Star X denkt“ ist ein Klassiker im Crystal Repertoire. Dass er Comebacker Nick Nolte im Spaß etwas unfein behandelte – na ja. Aber die Nummer ist genau das, was Crystals Auftritt insgesamt war: Eine sichere Nummer für kontinuierlich annehmbare Unterhaltung mit ein paar größeren Schmunzlern, aber ohne echten Biss. Kurz mal spottete er über die Entertainer-Qualitäten des AMPAS Präsidenten, oder amüsierte sich, dass in Zeiten wirtschaftlicher Engpässe zig Millionäre ihre Zeit damit verschwenden, sich gegenseitig Goldtrophäen zu überreichen. Viel „böser“ wird ein Billy Crystal nicht. Und die Präsentatoren waren nur selten adäquater Ersatz, wenngleich sie ab und an durchaus witzig waren. 

Chris Rock zerfetzte beispielsweise die absurde Bezahlungspolitik für Synchronsprecher bei animierten Filmen, ohne scheinbar zu bemerken, wie er die Kategorie, die er ja vorstellen sollte, in Mitleidenschaft zog. Gewinner Gore Verbinski („Rango“) sah darüber hinweg. „Iron Man“ Robert Downey jr. und Kollegin Gwyneth Paltrow vollführten einen eigenartigen Zank auf der Bühne, als sie die Nominierten verkünden wollte, während Downey angeblich eine Live-Doku über sich als Presenter drehte. Sympathischer da die sechs „Bridesmaids“, die immer in Duos die drei Kurzfilmkategorien vorstellten, dringend nötige Penis-Witze andeuteten und aus Martin Scorsese ein Trinkspiel machten. Die Jugend bringt den Pepp, so auch die wunderbare Emma Stone bei der wohl besten Präsentation einer Kategorie seit Jahren. Mit einer überspitzten Aufregung und übersprudelnden Vorfreude, bei den Oscars etwas vorzustellen, erinnerte sie ironisch an Anne Hathaway letztes Jahr und überrumpelte in ihrer unvergleichbaren Art den zur Abwechslung mal stoisch besetzten Ben Stiller als ihren Partner. So hat das auszusehen. Der gemeinsame Po-Wackler von Jennifer Lopez und Cameron Diaz wirkte hingegen irgendwie plump. In den Hauptkategorien ging es aber natürlich nicht ohne die bierernste Bauchpinselei vom Teleprompter, den insbesondere Natalie Portman auffällig oft mit dem Blick suchte. Dazwischen noch die recht gelungenen und erfreulich natürlich wirkenden Eindrücke einiger Schauspieler, die etwas über ihre Lieblingsfilme oder ihre ersten Kinoerfahrungen sprachen. Auch das natürlich ganz passend zur allgemeinen Nostalgie-Stimmung, über die Jahresgrenzen hinaus, aber sympathisch. Und so schnell wird Adam Sandler, der neue Rekordhalter was Einzelnominierungen für die Goldene Himbeere in einem Jahr betrifft, wohl nicht wieder beim Oscar zu sehen sein. Den Comedy-Rang laufen ihm Ben Stiller, Will Ferrell und Zach Galifianakis ab. Letztere amüsierten als Musiker-Duo mit Zimbeln, die ihnen – natürlich – beim Öffnen des Umschlags in voller Absicht aus den Händen fielen und sich auch nur ganz schwer aufheben ließen.

Negativer Höhepunkt des Rahmenprogramms hingegen eine Montage, die wohl zusammenfassen sollte, warum wir ins Kino gehen (weil wir lachen, weinen, mitfiebern und schmachten). Solche Montagen gibt es jedes Jahr, aber so grottenschlecht unharmonisch, in der Filmauswahl peinlich war es schon lange nicht. „Twilight“ hatte in der Montage so wenig zu suchen wie Justin Bieber in Crystals Eröffnungsnummer, doch immerhin hatte „the Beebs“ so etwas Ähnliches wie den Versuch von Selbstironie. Die Montage an sich könnte hingegen auch von einem nur mittelmäßig talentierten YouTube Experten mit dem Windows Movie Maker gemacht worden sein. Und was die artistisch ansehnliche, aber inhaltlich redundante Cirque de Soleil Vorführung sollte, was sie mit dem Kino zu hatte, erschließt sich auch nicht. Der Zirkus musste wohl einfach als Werbepartner und Lückenfüller herhalten, in einer Veranstaltung, die eh schon mitunter eigenartig gehetzt erschien. Was fehlt? Die sonstigen Gewinner. Aber die kann man ja schon mal vergessen, wenn scheinbar mehr über Angelina Jolies aufdringlich präsentiertes Bein gesprochen wird, als über die Gewinner. Dabei begann es mit einer kleinen Enttäuschung, wenn nicht gar einer glatten Fehlentscheidung. „Hugo Cabret“ Kameramann Robert Richardson gewann für Beste Kamera und vermasselte „The Tree of Life“ damit die einzige realistische Chance auf einen Oscar. Und was für Zaubereien muss Emmanuel Lubezki denn noch aufbringen, dass man ihn endlich mal auszeichnet? Schon für die meisterhafte Kameraarbeit in „Children of Men“ ging der Mexikaner leer aus – nun erneut. Ziemlich schnell hatte „Hugo Cabret“ plötzlich fünf gewonnene Oscars, weil man in einer gewissen Voraussicht fast alle künstlerischen und technischen Kategorien an den Anfang der Show packte. Plötzlich war die Möglichkeit, irgendwas könnte den uneinholbaren „The Artist“ Express doch noch einholen, wieder da, bis die zentralen Kategorien an der Reihe waren. Dass für diesen unerwarteten Spannungsgewinn zur Showhalbzeit auch eine so fragwürdige Entscheidung getroffen werden musste, „Hugo“ und nicht „Planet der Affen: Prevolution“ den Preis für die besten Effekte zu geben, schmerzt allerdings schon. Die deutschen Kandidaten gingen leer aus, „Nader und Simin: Eine Trennung“ wertete die zuletzt kritisch beäugte Kategorie des Besten Fremdsprachigen Films maßgeblich auf und die Academy hat scheinbar keine Lust mehr auf die Besten Songs. 

Und mit dem Bester Film Gewinn von „The Artist“, dem französischem Jubel, Billy Crystals Abschiedsworten und dem gewohnt nervtötendem Werbeprogramm bei Pro7 endeten die 84. Oscars. Auf ein Wiedersehen im nächsten Jahr, wenn man sich als filmbegeisterter Mitteleuropäer wieder die Nacht um die Ohren schlägt, nur um Millionären dabei zuzuschauen, wie sie sich Zucker in den fein gewandeten Arsch blasen und Goldstatuen überreichen. Aber wir Nachtschwärmer sind diese vermeintliche Absurdität gewohnt, wie wir auch die subjektiven Aufs und Abs der Verleihung irgendwann zu händeln wussten, ja lernten, dass genau da der Reiz liegt. Ohne Frust über Fehlentscheidungen, ohne exorbitanten Pomp und ein gewaltiges Sich-zur-Schau-Stellen der Bel Étage Hollywoods wären die Oscars doch öde; wären die Oscars nicht mehr die Oscars.

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