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Kritik:
127 Hours


von Christian Westhus

127 HOURS (2011)
Regie: Danny Boyle
Cast: James Franco

Story:
Basierend auf der wahren Geschichte von Extremsportler und Kletterer Aron Ralston, der bei einer Klettertour in Colorado abstürzt und seinen Arm einklemmt. 127 Stunden sitzt er in der Felsspalte fest, versucht zu entkommen und erinnert sich an das was war und was sein könnte.

Kritik:
Mit Dank an Fox Searchlight. 

Der Mann, der aus dem Felsen kam. Bei „127 Hours“ haben wir es mit einem Film zu tun, dessen Inhalt eigentlich jedem Zuschauer, so er sich nicht komplett jeglichen Infos (also auch Kritiken wie dieser) verweigert, schon im Vorfeld bekannt sein dürfte. Die entscheidenden Handlungsstränge und -details bergen entwicklungs- und spannungstechnisch keine Überraschungen mehr. Selbst ein, sagen wir mal, „Titanic“ hatte da mehr Vorteile, da man einfach fiktive Figuren durch die reale Katastrophe rennen lassen konnte. Die Geschichte von Aron Ralston ist ein personal, räumlich und zeitlich extrem beschränktes Stück Authentizitätskino, welches Regisseur Danny Boyle bemüht fiktionalisierend angeht, gleichzeitig Ralstons bemerkenswerte Geschichte aber auch so unverfälscht wie möglich darzustellen versucht. Damit ist inhaltlich alles gesagt und es liegt an Regie und Drehbuch, welches Boyle mit seinem Kollegen Simon Beaufoy verfasste, der Geschichte Leben und Herz zu verpassen, um den Zuschauer nach Möglichkeit mit Ralston an den Fels zu fesseln. Mitreißend muss es sein, wo es doch nach Monotonie schreit. Und Boyle war noch nie der Mann für Understatement, für Ultrarealismus oder pure, karge Emotionalität. Inklusive Vor- und Nachlauf knallt Boyle die 127 Stunden im Canyon brachial in 90 Minuten auf den Tisch und zeigt im Eifer der Geschwindigkeit oftmals mehrere Szenen gleichzeitig. Split-Screen, assoziatives Vermengen von Eindrücken, die zu Beginn nur eines zeigen, Menschenmassen in Bewegung. 

Aus diesem globalen Menschenzusammenlauf wechseln wir auf das Individuum, auf unseren Protagonisten, Aron Ralston, in Gestalt von James Franco. Der unabhängige und egoistische, stets unbeschwert wirkende Ralston macht sich zu einem kleinen Abenteuer auf, ehe er seinen Antagonisten trifft, die zweite Hauptfigur: Der Fels. Und Boyle kurbelt, kurbelt, kurbelt, springt zwischen Split-Screen, Arons eigener Kamera und wildem Schnitt-Stakkato hin und her, experimentiert mit zwei Hauptkameramännern, die Aron in Überzahl belauern und verfolgen. Im Canyon ist Aron auf sich allein gestellt, der Split-Screen kommt kaum noch zum Einsatz, dafür montiert sich Boyle nen Ast, setzt mit geschicktem Sound- und Musikeinsatz die verschiedenen Bilder der beiden Kameramänner ein, ergeht sich in grellen Farben, starken Kontrasten und greift immer wieder auf die vielen Makro-Aufnahmen zurück, die er an den verrücktesten Orten ansetzt. Boyle versucht alles, um die subjektive und einsame Situation Arons lebhaft und mitreißend zu machen, um den Zuschauer mit klar filmischen Mechanismen, statt mit direktem Realismus, im Canyon und bei Aron zu halten.

Trotz der einseitigen Fokussierungen ist es tatsächlich ein spannender, dynamischer und wahrlich mitreißender Film, doch mit all den Stilideen schießt Boyle natürlich auch ein wenig übers Ziel hinaus, wirkt zu verspielt, zu wild und ungestüm und ist damit etwas kontraproduktiv zu dem, was da im Felsen eigentlich vor sich geht. Zumindest erscheint Aron Ralstons Zeit in der Felsspalte recht kurzweilig und abwechslungsreich. Nachfühlbar kann man diese 127 Stunden in Filmform wohl eh nicht machen, umso mehr liegt es an der Hauptfigur, Emotionen zu tragen und zu vermitteln. Boyle nimmt seinem Hauptdarsteller mitunter ein wenig die Luft zum Atmen, doch eigentlich ist „127 Hours“ ein grandioser Solo-Auftritt von James Franco, der aus der Figur, die ähnlich begrenzt und unbeweglich ist, wie die Handlung, annähernd das Maximum herausholt. Abgesehen von ein paar besseren Cameos von Nebenfiguren, ist ein Großteil des Films vollkommen subjektiv und spielt sich primär im Innern, im Kopf von Aron ab. Je länger er dehydriert, zwischen Hitze und nächtlicher Kälte schwankend auf sich gestellt ist, desto mehr geht er mit seinem Geist spazieren. Franco trifft den Nagel auf den Kopf, versprüht in einem fiktiven Selbstgespräch eines vermeintlichen Interviews launischen Witz, gleichwohl wie Verbitterung und Einsicht, warum er hier alleine im Felsen fest hängt. Franco hält die Rolle am Leben, wie der echte Aron Ralston sich selbst am Leben hielt. Zwischen Selbstgesprächen, Mehrkamera-Experimenten und Ausbruchsversuchen setzt Boyle stetig steigend Arons Psyche und das Moment des Traumes, der Einbildung. Das eigene Ende, den Tod im Nacken, mit jedem verlorenen Tropfen Wasser näher rückend, während Witterung, Schmerz und Einsamkeit auf ihn wirken, stellt sich Aron über die Tage im Felsen die entscheidenden Fragen. Existentialismus pur. 

Die eigene Handkamera wird zum Gesprächspartner, zu Dokument und Hinterlassenschaft an das Leben nach seinem Tod. Und der Verstand wird innerer Antrieb und Ablenkung, beschwört aber auch die Dämonen herauf. Es ist zunächst noch drollig und humorvoll, wie Boyle Aron zu einer Party tigern lässt, zu der er hätte gehen können, oder wie er uns mit einer bombastisch inszenierten Szene an der vorinformierten Nase herumführen will. Doch in Arons Kopf spuken bald die Geister von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Drehbuch und Regie beweisen hier viel Gespür fürs Anschauliche, fürs psychologisch relevante Surreale. Was war, was ist und was sein könnte verschwimmt in Arons Kopf. Die Menschen, die er kannte, denen er begegnet war, treten mit ihm in seinem einsamsten Moment in Kontakt. Und das ist die alles entscheidende und großartige Leistung dieses Films, der kaum reduzierter und einsamer sein könnte, einen egoistischen Einzelgänger einsam und alleine im Fokus hat, jedoch von Menschlichkeit, von Zusammenleben, menschlicher Wärme und Bindungen erzählt. Das wüste Stil-Wirrwarr nimmt dem ein wenig die Intensität, aber die geschickt und kurz eingestreuten Traum- und Erinnerungsszenen, die eher Psychologisches und Emotionales bieten, als wirklich Narratives, machen mit James Francos toller Leistung den halben Film aus. So ist „127 Hours“ auch ganz besonders ein Film über die Macht des Geistes und der Fantasie, sowie über Familie und Gemeinschaft, die hier als Katalysator und Auslöser für den finalen Entschluss sorgen. Bei der enormen mentalen Stärke, die Aron hatte und aufbringen muss, ist es jedoch auch sein Körper, der noch Beachtliches leistet. Der Moment der Entscheidungsfindung ist zentral und trotz Tralala-Lied von Dido und Komponist A. R. Rahman eine Wucht, bis die entscheidende Befreiungsszene in saftig-schmerzhafter Direktheit zelebriert wird. 

Ebenfalls in Bild und Ton verfremdet und in geschickt dosierter Grausamkeit, hart an der Grenze. Das etwas überpathetische, mit – zugegeben – toller Musik unterlegte Ende ist da nur die konsequente Abschlussnote. Die Musik leistet hier im Kontext der hervorgebrachten Emotionen die Hauptaufgabe und erfüllt damit seinen Zweck, wie das gesamte Ende einen Zweck erfüllt. Entscheidend ist was war und was danach kommt. Und das zeigt uns die grandiose, perfekt abschließende Schlusseinstellung. Es ist alles da, von Anfang bis Ende. Letztendlich schildert „127 Hours“ „nur“ den wahrheitsgemäßen Überlebenskampf eines Mannes, dessen beeindruckende Geschichte die Fiktionalisierung und den erneuten Mediumswechsel (nach der Autobiographie in Buchform) gut überstanden hat. Auch wenn Boyle nicht das Maximum aus der Geschichte zu holen vermag, so leistet er doch Beachtliches und erzählt durch diesen als bekannt vorauszusetzenden Überlebenskampf eine größere Geschichte, eine Geschichte, so banal es klingen mag, vom Bedürfnis nach menschlicher Zuneigung und Bindung. Das ist spannend und mitreißend, dabei originell erzählt und brillant gespielt. Ein vielleicht gerade in seiner Unvollkommenheit so faszinierendes Stück Kino.

Fazit:
Danny Boyles Stil-Exzess mit zwei Kameramännern, wilden Schnitten, Makro-Aufnahmen und viel Musik macht die subjektive und begrenzte Geschichte mitreißend und lebhaft, verhindert jedoch auch eine höhere Intensität, die durch James Francos grandioses Spiel und die faszinierende mentale Komponente der Handlung so großartig aufgebaut wurde. Ein cineastisches Erlebnis, trotz Macken und bekannter Handlungsabläufe.

8 / 10

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