Kritik:
127 Hours
von
Christian Mester
127 HOURS
(2011)
Regie: Danny Boyle
Cast: James Franco
Story:
Basierend auf der wahren Geschichte von Extremsportler und Kletterer
Aron Ralston, der bei einer Klettertour in Colorado abstürzt
und seinen Arm einklemmt. 127 Stunden sitzt er in der Felsspalte fest,
versucht zu entkommen und erinnert sich an das was war und was sein
könnte.
Kritik:
Während
sich die meisten Regisseure auf gewisse Untergenres konzentrieren und
sich nur selten in für sie ungewohnte Gefilden begeben, hat
sich der britische Filmemacher Danny Boyle geradezu darauf
spezialisiert, nicht kategorisiert werden zu wollen. Boyle machte
erstmals 1996 mit seinem wirren Milieudrama "Trainspotting" auf sich
aufmerksam, dessen Geschichte über drogenabhängige
Großstadt-Loser den späteren Obi-Wan Ewan McGregor
zum Star machte und später Kultstatus erlangte. Kurz darauf
drehte er "The Beach" mit Leonardo DiCaprio, der das Thema Drogen zwar
ebenfalls indirekt behandelte, als Film jedoch stilistisch und
strukturell gänzlich andere Wege einschlug. Vom paradiesischen
Inselszenario losgelöst ging es dann mit "28 Days Later"
erfolgreich ins völlig andersartige Horrorgenre.
2007 wandelte er sich erneut, indem er mit "Sunshine" einen finsteren
und atmosphärischen Science-Fiction Thriller über
einen Flug zur Sonne schuf. Als fände er keinen noch
größeren Stilbruch, wurde sein Folge-Projekt eine
grelle Bollywood-Romanze, die mit ihrer ansteckenden Lebhaftigkeit ganz
Hollywood für sich gewinnen konnte: "Slumdog
Millionär". 2011 meldet er sich nun mit einem
Ein-Mann-Survival-Drama zurück, das ebenfalls gehörig
auf sich aufmerksam machen konnte – der Film ist für
etliche Oscar-Auszeichnungen nominiert.
Ein Mann steckt unter einem
großen Stein fest? Wer nun erwartet, dass die
prägnante Szene des Trailers nur Aufhänger
für einen aufregenden Survival-Kampf zurück in die
Zivilisation ist oder dass sie erst als Höhepunkt eines
längeren Abenteuers passiert, irrt gewaltig. "127
Hours" ist – wie fast alle Boyles – eine eher
ungewöhnliche Geschichte geworden, die ohne
rührseligen Kitsch ala "Cast Away" und ohne hollywoodreife
Actioneinlagen ala "Vertical Limit" auskommt. Die grundlegende Handlung
des Films ist sogar so unwichtig, dass es keine Rolle spielt, liest man
versehentlich im Vorfeld, wie Ralstons Schicksal auch in Wirklichkeit
endete (der Film basiert auf einer wahren Begebenheit). Stattdessen ist
es eine sehr seltsame Mischung aus Abenteuerfilm, Drama, Tragikfilm,
Selbstfindungstrip und unterhaltsamem Motivationsstreifen, der in
dynamischen Bildern und lockerer Gangart unterschiedlichstee Emotionen
zu schüren versucht. "127 Hours" soll zuweilen Spaß
machen, spannend sein, Mitleid wecken und nachdenklich stimmen,
während der Film technisch versucht, Ralstons wandelnden
Geisteszustand audiovisuell nachfühlen zu lassen. Eine
vielschichtige Aufgabe, die Boyle mit Leichtigkeit erfüllt und
durch die sein neuer Film zum sehenswerten Erlebnis wird.
Stellt man sich selbst einmal vor, in Ralstons missliche Lage zu
geraten, würde man seine Zeit womöglich damit
verbringen, stundenlang zu schluchzen, verzweifelt zu fluchen und
irgendwann bei eintretender Akzeptanz des unabwendbaren Dahinscheidens
still seinem Ende entgegen zu sehen. Solch eine Darbietung
wäre in Filmform wahrscheinlich auch mitreißend und
oscarfähig, über Spielfilmlänge jedoch auch
schnell unangenehm zu verfolgen. Auf den Filmhelden von "127 Hours"
trifft das nur kurz zu, denn die längste Zeit seines
Spaltenaufhalts verbringt Ralston mit überraschender
Heiterkeit. Der Abenteurer empfindet sein Pech als so unwirklich, dass
er es selbst kaum glauben kann und es später sogar als
gerechte Strafe dafür hin sieht, dass er so töricht
war, eine lebensgefährliche Klettertour ohne Vermerk
für etwaig benötigte Retter zu unternehmen. Ein
Gedanke, der ihn bitterlich lachen lässt.
James Franco, den man bislang am ehesten als Harry Osborn aus Sam
Raimis "Spider-Man" Filmen kennen dürfte, macht Ralston
eigenhändig zu einer faszinierenden Persönlichkeit.
Seine seltsame Art mit der Tragödie umzugehen hat sogar etwas
Clownhaftes an sich, denn was ursprünglich sein Abschiedsvideo
für seine Famliie werden soll, wird zur Aufnahme der Aron
Ralston Show. Er reißt plötzlich Witze, macht sich
mit Galgenhumor über sich selbst lustig und spielt den charismatischen
Entertainer für ein unsichtbares Publikum. Echte Verzweiflung
schimmert dabei jedoch immer wieder durch und es ist sehr interessant
zu sehen, wie viele Gefühlswallungen er durchlebt, wie er sich
selbst etwas vormacht, sich selbst auslacht und es innerlich sacken
lässt. Trotz seines beschränkten Aktionsradius wird
seine Lage auch nie langweilig, da er ständig zu tun bekommt
und immer wieder mit neuen Problemen und Befreiungsversuchen gefordert
wird.
Danny Boyle ist mittlerweile einer der Besten seines Fachs, was auch er
in diesem Fall wieder ohne größere Mängel
beweist. Sein Film spiegelt technisch gekonnt Ralstons faszinierende
Persönlichkeit wieder, indem er optisch ebenso farbenfroh und
dynamisch ausfällt und recht schnell, jedoch nie hektisch
geschnitten ist. In sämtlichen Charaktermomenten Francos
akzentuiert er die jeweilig intendierten reichhaltigen Emotionen, sei
es Ralston als unterhaltsamen Showmaster, als gebrochenen Mann vor dem
Sterben oder als coolen Outdoor-Profi, der lässig durch die
Wüste kurvt, wirkungsvoll, ohne es forciert wirken zu lassen.
Boyle läuft eine schmale Linie, hält den Balance-Akt
jedoch und schafft es, die Geschichte niemals zu rührselig, zu
hart oder zu lustig zu gestalten.
Um etwas Abwechslung in das einsilbige Ein-Mann-Geschehen in der Spalte
zu bringen, würzt er es regelmäßig mit
Träumen, Halluzinationen und Delirium-Vorstellungen Ralstons,
die farblich Kontrast zu seiner Lage darstellen und davon ablenken,
dass es nur um einen Mann unter einem Stein geht. Verbleibende Zeit
spickt er mit Survival-Momenten, die aufgrund hervorragender Regie so
effektiv sind, dass selbst etwas so Alltägliches wie ein
Regenschauer zum Spannungsmoment wird. Trotz des tragischen Schicksals
und dramatischer Momente bleibt der Film auch stets optimistisch, ohne
je in kitschiges Happy-End abzudriften. "127 Hours" führt in
eine missliche Lage, lässt unter dem Strich aber Platz
für Hoffnung und Erlösung, sodass die meisten den
Film in guter Laune verlassen dürften.
Fazit:
Ein Film über einen Mann, der in einer Felsspalte stecken bleibt?
Das mag auf den ersten Blick nicht allzu interessant klingen, doch "127
Hours" ist tatsächlich ein unterhaltsamer und bewegender Film
geworden, der seinem derzeitig großen Presse-Wirbel gerecht wird.
Ein ungewöhnliches Survival-Drama, das fraglos jeden ansprechen
dürfte, der bereits den ähnlichen, ebenfalls hervorragenden
"Into the Wild" gesehen hat.
8 /
10
10
- Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
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