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22 Bullets


Kritik von Christian Mester

L'IMMORTAL (2010)
Regie: Richard Berry
Cast: Jean Reno, Kad Merad

Story:
Er hatte mit Allem abgeschlossen, doch seine Vergangenheit nicht mit ihm: Charly Mattei (Jean Reno) ist ein ehemaliger Gangsterboss, der sich seit Kurzem im Ruhestand befindet. Das hält jedoch nicht lange an, da er eines Tages in einem Parkhaus von einer maskierten Bande niedergeschossen wird. Zahlreiche Kugeln reißen ihn zu Boden und durchlöchern den Leib des ehemaligen Paten der Unterwelt Marseilles. Die feigen Angreifer fliehen, dürfen jedoch schon kurz darauf feststellen, dass die 22 Kugeltreffer nicht ausreichten.

Mattei ist schon bald wieder auf den Beinen und findet rasch heraus, dass sein alter Jugendfreund Tony (Kad Merad) und dessen Leute für den Anschlag verantwortlich sind. Fest entschlossen, Rache zu verüben kündigt er ihnen persönlich an, sie einen nach dem anderen eiskalt zu erledigen. Eine missmutige Polizistin (Marina Foïs) versucht das Schlimmste zu verhindern, doch Mattei setzt seine Drohung unbeirrbar in die Tat um.

Reno heißt eigentlich
Juan Moreno y Jederique Jiménez

Kritik:
Ob aus "Mission: Impossible", "Godzilla", "The Da Vinci Code – Sakrileg", "Armored" oder "All Inclusive" – jeder kennt den groß gewachsenen, bärtigen Franzosen mit dem eindringlichen Blick. Jean Reno, der eigentlich Juan Moreno y Jederique Jiménez heißt, ist heutzutage fraglos Frankreichs Schauspiel-Starexport Nummer Eins. Immer auf der Suche nach interessanten Projekten, entschied er sich im letzten Jahr für dieses. Die wahre Geschichte des Untergrundbosses Jacques ’Jacky’ Imbert, der 1977 brutal niedergeschossen wurde und es wie durch ein Wunder überlebte, gefiel ihm so sehr, dass er sich ihrer annahm und die Figur spielen wollte. Das Gangster-Milieu, tiefe Emotionen, knallharte Action und das sorgreiche Kümmern um Jüngere standen im Script im Mittelpunkt. Material, das ihn an seinen größten Erfolg erinnerte.

Interessant ist es für Reno immer wieder, wagt man sich in seiner Heimat an Stoffe heran, die es in der Form zumeist nur aus England oder den Staaten zu sehen gibt. Mit "Die purpurnen Flüsse" und "Das Imperium der Wölfe" hatte er bereits zwei erfolgreiche Romanverfilmungen landen können, mit "22 Bullets" will er daran anschließen. Der Film will eine gelungene Mischung aus Imberts echter Geschichte und hinzu erfundenen Ideen sein, die sich auf Franz-Oliver Giesberts Buch L’immortel beziehen. "L’immortal" (zu Deutsch: Der Unsterbliche) war früher Imberts legendärer Titel, da er nach dem Anschlag als unverwundbar galt. Ob man in Zukunft auf Renos Darstellung Imberts zurückschauen wird?

Über das Milieu des organisierten Verbrechens gibt es bereits zahlreiche Filme, und noch wesentlich mehr über knallharter Männer, die allein gegen Ungerechtigkeiten vorgehen. Vor zwei Jahren begeisterte Liam Neeson Millionen von Kinobesuchern mit der ebenfalls französischen Produktion "96 Hours"; man kann zweifellos sagen, dass Renos neuer Vieles mit Neesons Hit gemeinsam hat. Wie dessen Jagd nach der entführten Filmtochter ist auch Renos Anschlagsvergeltung ein harter Action-Thriller, in dem der Held kompromisslos mit seinen Feinden umgeht. Beide ähneln sich in Action, Gewaltgrad und Optik, doch es gibt einen markanten Unterschied, der den Ton ändert: die Action und Sprüche in "96 Hours" sollten vor allem cool wirken und Liam Neeson als unterhaltsamen Action-Helden zeigen, der mit all seinen Feinden mühelos den Boden aufwischt.

Jean Reno wurde durch Leon der Profi in Europa,
durch Mission Impossible weltweit berühmt

"22 Bullets" ist komplett ernst gedacht und trotz vieler Schießereien, Nahkämpfe und Verfolgungsjagden frei von typischem Hollywood-Flair. Die oftmals hektische Kamera ahmt zwar die Jason Bourne Filme nach, doch ansonsten ist Renos neuer nicht darauf aus, Spaß zu sein. Dank Reno funktioniert diese düstere Gangart über weite Strecken, da der Schauspielveteran als angeschlagene Kämpfernatur mit Gewissensbissen auftritt. Mattei sieht seine Taten als Präventivschlag, bevor seine Familie unter der gefährlichen Willkür seiner ehemaligen Kollegen leidet. Er ist zwar offensichtlich kriminell, hält jedoch an einem alten Ehrenkodex für Gentlemen-Kriminelle fest, der Unantastbarkeit der eigenen und feindlichen Familie vorschreibt. Da Tonys jungen Leute unehrenvoll handeln und sich nicht an Regeln halten, kann man sich den Rest schnell denken.

Wem Renos Gegenspieler Kad Merad bekannt vorkommt, ihn aber nicht gleich zuordnen kann, der darf an die Hitkomödie "Willkommen bei den Sch’tis" erinnert werden. Merad spielte darin den trotteligen Büroarbeiter, der sich der ulkigen Dorfsippe mit ihrem lustigem Akzent ausgeliefert sah. Hier gibt er den gefährlichen Klischee-Gangsterboss Tony, der so hart ist, dass seine eigenen Handlanger Angst vor ihm haben. Merad verleiht ihm einige Ticks, so hat er ständig Migräne und nervt als anstrengender Hypochonder, doch die Mischung aus gefährlichem Anführer und Charakter mit amüsantem Spleen will nicht so wirklich funktionieren. Dass seine eigenen Leute hinter seinem Rücken Witze über ihn machen, nimmt ihm weitere Ernsthaftigkeit. Auch sein Finale mit Mattei enttäuscht und ist einem Bösewicht eines solchen Films nicht würdig. Richtig schlecht sind Tonys Handlanger, die zur dümmsten Sorte ihrer Art gehören. Es sind zwar sadistische Mistkerle, doch sie sind idiotisch, und was noch schlimmer ist, ständig unvorbereitet. Mattei besucht Tonys Truppe gegen Mitte des Films und gibt es ihnen fast schriftlich, dass er sie alle nacheinander töten wird. Doch selbst als die ersten unfreiwillig ins Gras beißen, bleiben die anderen unachtsam und lassen sich leicht übertölpeln. Dadurch, dass die Gegenseite eher schwach ausstaffiert ist, bleibt Renos Rachefeldzug leider recht einseitig, zuweilen sogar spannungsarm (schräg: in einem Spannungsmoment klettert Reno angestrengt durch, statt über einen Stacheldrahtzaun). Als zusätzlicher Störfaktor wird noch eine ältere Polizistin involviert, doch als Repräsentantin des Gesetzes bleibt sie relativ irrelevant und spielt auch im Verlauf der Filmhandlung keine größere Rolle.

Dass "22 Bullets" als trübe, traurige und harte Gangstergeschichte intendiert ist und Dramencharakter hat, stört nicht, doch der Film bleibt dafür insgesamt zu anspruchslos. Im Vergleich zum Meisterwerk "Léon – Der Profi" hat "22 Bullets" keinen spürbaren emotionalen Hintergrund. Das Attentat auf Mattei ist schlimm, doch es wird insgesamt verharmlost, da er zu schnell wieder auf den Beinen ist. Seine Familie bedeutet ihm alles, doch dem Regisseur bedeutete sie offenbar nur wenig. Verglichen mit Renos Klassiker hatte Profi Léon eine engere Bindung zu seinen Topfpflanzen als Mattei zu seinem Spross. Die circa 115 Minuten fallen lang aus, da immer wieder Rückblicke eingestreut sind, die Matteis frühen Werdegang als Killer beleuchten sollen. All diese Szenen hätte man sich jedoch sparen können, da sie von den jungen Pendants schwach gespielt sind und letzten Endes auch für die Handlung nicht wichtig sind. Man lernt nichts Wichtiges und der Bund zwischen beiden Antagonisten wird ebenfalls nicht verstärkt. Regisseur Richard Berry fängt seinen Film in düsteren Bildern ein und macht viel aus Renos Präsenz, es fehlt jedoch Feingefühl für die Action, die aufregender sein könnte und ein Gespür für die übrigen Darsteller, die mehr leisten könnten.

Fazit:
"22 Bullets" könnte ein bisschen kürzer, spannender und emotionaler sein, aber im Großen und Ganzen ist es ein sicherlich überdurchschnittlicher Film und solider Genre-Beitrag. Wer sich für französische Großkriminelle interessiert, leiht sich stattdessen den bessere Zweiteiler "Public Enemy No. 1" mit Vincent Cassell aus. Der ist zwar nicht ganz so düster, dafür interessanter und packender.

6,5 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel 

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