Kritik:
72 Stunden
The Next Three
Days
von
Christian Mester
THE NEXT THREE
DAYS
(2011)
Regie: Paul Haggis
Cast: Russell Crowe, Elizabeth Banks
Story:
Zur falschen Zeit am falschen Fleck - weil Lara
(Elizabeth Banks) eines Abends durch unglückliche
Zufälle den Verdacht hinterlässt ihre Chefin im Affekt
ermordet zu haben, droht der jungen Mutter, ihr
weiteres Leben im Gefängnis verbringen zu müssen. Ihr Mann John (Russell Crowe) nutzt
zunächst jede
juristische Möglichkeit, der erdrückenden Beweislast
zu trotzen, doch als alles nichts bringt, fasst er
einen wagemutigen Plan. Der schüchterne Lehrer
plant, seine Frau aus dem Gefängnis zu befreien....
Kritik:
Rasende
Verzweiflung gehört zu den stärksten Empfindungen,
die man haben kann. Verzweiflung bedeutet rastlose
Not, Ausweglosigkeit, Todesangst, insbesondere dann,
geht es um das Leben eines anderen. Intensiver noch,
geht es um das Leben eines Freundes; intensiver
noch, geht es um die Liebe des Lebens und die Mutter
des gemeinsamen Kindes. Dass ein Mann also so weit
gehen kann, über sich selbst hinaus zu wachsen,
Gesetze zu brechen und seine Karriere, seine
Existenz und sein Leben zu riskieren um seine Frau
zu befreien, ist glaubhaft und nachvollziehbar.
Die ersten drei Viertel Paul Haggis' Films, der sich
mit eben diesem Thema beschäftigt, haben nichts mit
den titelgebenden 'nächsten drei Tagen', oder '72
Stunden' zu tun. Es wird vielmehr zunächst gezeigt,
wie der schüchterne Lehrer John den Entschluss zu
seiner Tat fasst und sich langsam darauf
vorbereitet. Obwohl die Figur von 'Gladiator'
Russell Crowe gespielt wird, ist sein John kein
Rambo-Verschnitt, der sich mit Fitness-Training,
Messer Schleifen und C4 Stapeln auf spaßigen
Action-Overkill vorbereitet. Er ist auch kein
abgebrühter Routinier ala Liam Neeson in "Taken - 96
Hours", der nur zum Telefon greifen und die
versteckten Waffen aus dem Schlafzimmer holen muss.
John ist ein ahnungsloser und harmloser
Familienvater wie aus 'A Beautiful Mind', der ganz
schnell merkt, dass sein Plan alles andere als
leicht ist. Beim Versuch, an falsche Papiere zu
kommen wird er schwer verletzt, bei seiner Spionage
im Gefängnis fast erwischt und als er merkt, dass
ihm für einen Neustart in einem fernen Land noch
Geld fehlt, fängt er das Schwitzen an. Die Tatsache,
dass John ein gewöhnlicher Bürger ist, der
eigentlich schon mit Elternabenden, Einkaufen Gehen
und dem Bowling-Abend mit seinen Freunden
ausreichend ge- und überfordert ist, macht es hier
umso interessanter, ihn bei seinen notwendigen
Vorbereitungen zu beobachten. Nicht alles läuft
glatt, und auch wenn man von Anfang an weiß, dass er
seine Frau zum späteren Zeitpunkt zumindest aus dem
Gefängnisgebäude befreit haben wird, bleibt es
spannend, ihm beim Weg bis dahin zuzusehen.
Der
schwach gewählte Filmtitel
beschreibt nun den Teil des Films,
in dem er sein Genre merklich
wechselt: vom Drama wird er
plötzlich zum Thriller, denn als
John nur noch drei Tage übrig hat,
bis seine Frau in ein meilenweit
entferntes Hochsicherheitsgefängnis
verlegt wird, beginnt das Vorhaben,
sie so schnell wie möglich zu
befreien. Die letzten 30 Minuten
ziehen das Tempo mächtig an und es
wird zum fesselnden Actionritt, wie
die beiden versuchen, der
alarmierten Polizei zu entrinnen.
Auch dieser Part gelingt Haggis
recht solide und vor allem so
kurzweilig, dass man überhaupt nicht
merkt, wie die langen 133 Minuten
(in 2-D) vorbei fliegen. Die
eigentliche Action des Films ist
allerdings kein Spektakel; es gibt
keine Schießereien, keine
Explosionen, keine aufwendigen
Crashs, keine Nahkämpfe und keine
Leichenberge, da alles darauf
ausgerichtet bleibt, dass John ein
leicht übergewichtiger Lehrer ist
und es schon Thrill genug sein soll,
dass er Derartiges erlebt.
Dass es gut verkauft wird, ist
Russell Crowe zu verdanken, der sich
glaubhaft auf einen schüchternen
Zivilisten reduziert und die für
Actionfilm-Verhältnisse geringe,
aber für Normalsterbliche erhebliche
Action zu etwas Packendem macht.
Durch sein sympathisches Auftreten
fiebert man mit ihm und hofft, dass
er seine nicht allzu legale Tat
schafft. Ebenso gut ist Elizabeth
Banks als seine Ehefrau, die
verschiedene Gefühlstiefen
durchmachen muss und als arrogante
Geschäftsfrau, als liebende
Kuschelmutter, als depressive
Knastinsassin und mögliche Mörderin
überzeugt. In kleiner Nebenrolle
gibt es Liam Neeson zu sehen, der
einmal mehr eine seiner berühmten
Mentorenrolle einnimmt. Als
ehemaliger Gefängnis-Ausbrecher
tritt der Boss des A-Teams und der
Ausbilder von Darth Vader, Batman
und Vater von Perseus auf, um dem
angehenden Gefängnis-Einbrecher
hilfreiche Tipps zu geben. Er ist
jedoch nur kurz zu sehen, kürzer als
in "Chloe", so kurz, dass man fast
von einem Cameo sprechen kann. In
kurzen, aber nicht weiter
nennenswerten Nebenrollen finden
sich noch bekannte Gesichter wie RZA,
Brian Dennehy, Jonathan Tucker und
Olivia Wilde, die jeweils nett, aber
nicht weiter auffällig sind.
Haggis' Thriller ist bei aller
Einbruchsfaszination nicht vor
Schwächen gefeit. So wird zwar
spannend mit der Frage gespielt, ob
Lara ihren Mord überhaupt begangen
hat oder nicht (es bleibt lange Zeit
ungeklärt), doch Haggis versäumt es
mehrfach, die Gefühle der beiden
Hauptfiguren zu intensivieren. John
zerfällt innerlich - er kann es
nicht ertragen seine Frau leiden,
sich selbst aufgeben zu sehen und -
wie sein Sohn ohne Mutter aufwächst.
Lara versucht sich das Leben zu
nehmen, wird trotzig, versucht zu
erreichen, dass sich John von ihr
abwendet und ihr Leid nicht länger
mit trägt, doch was in anderen
Händen tief emotionales Kino hätte
sein können, wird in Haggis Händen
zu Wischiwaschi-Material.
Darstellerisch ist es da. Crowe und
Banks sind sehr gut, Haggis' Regie
würdigt es nicht. Das Gleiche lässt
sich über die Action im späteren
Teil sagen, denn dafür, dass für die
beiden alles auf dem Spiel steht,
merkt man trotz guter solider
Unterhaltung nicht, wie Johns Puls
rast, wie die Luft knistert, wie sie
Sekunden und Millimeter davor
stehen, auf ewig im Gefängnis zu
landen. Das, obwohl Haggis die
letzten beiden Bond-Filme
mitgeschrieben hat. Es gibt unnötige
Pausen. So wird mitten in einer
rasanten Fahrt angehalten und sich
eine Minute draußen hingesetzt,
bevor es weiter geht. Haggis will es
im Rahmen eines charakterlichen
Dramamomentes zwischen Ehefrau und
-Mann nutzen, doch er schaltet seine
Gänge falsch, inszeniert das
Zwischenmenschliche neben der Kamera
her, so dass es nicht trifft. Ganz
besonders ärgerlich ist es, dass
viele Spannungsmomente durch
glückliche Filmzufälle gelöst werden
- so erreichen Fahndungsbilder der
beiden Flüchtlinge Behörden
beispielsweise erst dann, nachdem
sie sie passiert haben. Eine faule
und schwache Weise Konflikte zu
lösen, da man so das Gefühl hat,
Filmglück, Gottes Hand oder die
eines ahnungslosen Drehbuchautoren,
der sich nichts Besseres hat
einfallen lassen können, helfe Crowe
und Co., obwohl sie eigentlich
Figuren genug sind, etwaige Probleme
eigenhändig lösen zu können.
Fazit:
Kompetent.
Die 133 Minuten mit Russell Crowe
sind unterhaltsam, gut und solide,
da der Film überzeugend gespielt
ist, interessant und gegen Ende
spannend ausfällt. Schade ist nur,
dass eine eher kraftlose Regie und
unglücklich gewählte Zauberzufälle
das Gesamtbild trügen. Kritische
Zungen würden anmaßen, dass er sich
nicht entscheiden kann, ob er nun
ergreifend emotional oder
spektakulär unterhaltsam sein will -
das Ergebnis trifft sich
oberflächlich in der Mitte.
6 /
10
10
- Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel
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