BG Kritik:

The Accountant


Ein B-Movie Freund, der seit einigen Jahren in Köln heimisch ist und dort erfolgreich Design studiert hat. Seitdem schiebt er u.a. Pixel hin und her.

The Accountant (US 2016)
Regisseur: Gavin O'Conor
Cast: Ben Affleck, Anna Kendrick, J.K. Simmons, Cynthia Addai-Robinson, Jon Bernthal, John Lithgow

Story: Das autistische Mathe-Genie Christian Wolff (Ben Affleck) erledigt als Buchhalter auch, aber nicht ausschließlich die finanziellen Belange diverser Verbrecher und Verbrecherorganisationen. Bei einem eigentlich nach normaler Routine aussehenden Fall einer Buchprüfung bei einem Robotik-Unternehmen wird es dann allerdings gefährlich für das Genie, und als Killer anrücken zeigt der menschliche Taschenrechner, was wahrhaft in ihm steckt.

Die Rechnung ging nicht auf.

Ursprünglich mal ein Projekt für Mel Gibson in der Hauptrolle.


Vom allseits bekannten und beliebten Filmklassiker Rain Man über das Indi-Drama Snow Cake bis hin zum Bruce Willis Action-Vehicle Das Mercury Puzzle, das Thema Autismus begegnete einem im Film durchaus bereits das eine oder andere Mal, aber so wie in Gavin O'Connors (Das Gesetz der Ehre, Warrior, Jane Got a Gun) neuestem Werk wohl noch nie. Dass das keine zu hundert Prozent medizinisch korrekte Präsentation von Autismus ist, sollte spätestens nach dem letzten Trailer zu The Accountant klar sein. Der Autismus ist hier deutlich nur der Aufhänger um daran die Geschichte um einen gesellschaftlich isoliterten, hochfunktionalen Sonderling mit atemberaubenden (annähernd Comichaft überzeichneten) Mathe- und Tötungsskills zu präsentieren. Vor Letzterem gilt es für das Genie aber zuerst in einer an A Beautiful Mind erinnernden Montagesequenz, Berge von Ordnern mit darin aufgelisteten Einnahmen und Ausgaben durchzuarbeiten und gegenüber zu stellen, alle relevanten Zahlen und Daten für die Prüfung der letzten 15 Jahre einmal quer durch den Raum und von Tafel zu Tafel und auf Fensterflächen nieder zu schreiben, Unstimmigkeiten zu finden, nerdig zu sein, und dabei Unmengen an Stiften zu verbrauchen... nur um dann vorzeitig von der Prüfung abgezogen zu werden. Kurz darauf befindet sich der Buchhalter im Fadenkreuz und muss mit seiner Kollegin Dana Cummings (Anna Kendrick) vor einem vom Söldner Braxton (Jon Bernthal) angeführten Trupp von bewaffneten Killern flüchten.

Rain Man trifft Jason Bourne, denn dass der von Ben Affleck gespielte Christian Wolff zu weit mehr als nur Karten oder Zahnstocher zu zählen in der Lage ist, wird in The Accountant schnell offensichtlich. Ob im Nahkampf, aus der Distanz und mit dem Präzisionsgewehr oder irgendwo dazwischen, der Buchhalter kalkuliert sich Knochen brechend und Schädel platzend durch nahezu jede gefährliche Situation. Ein perfekt ausgebildeter Killer, aber einer mit Herz und einer der in seinem Film reihenweise (mehrheitlich) anonyme Bösewichte killen darf. Natürlich aus gutem Grund. Ben Affleck reiht sich damit auf seine Weise ein in eine Reihe, in der vor ihm und zuletzt bereits seine Kollegen Liam Neeson, Tom Cruise, Denzel Washington und Keanu Reeves anstanden, und im Kino damit Erfolge feierten. Die Geschichte des autistischen Buchhalters der sowohl die Bücher diverser Verbrecher frisiert, als auch dem kleinen Landwirt von nebenan mit seiner Steuererklärung hilft, ist dabei kein todernster Thriller und kein Drama über einen einsamen Menschen und Sonderling, keine Geschichte voll von trockenem, zynischen Witz, und kein knallharter Actionfilm mit einem übertrieben begabten Buchhalter. Und doch ist O'Connors The Accountant alles davon, wobei der Drama-Anteil zu keinem Zeitpunkt so richtig ernst, glaubhaft und völlig stimmig daher kommt und mit fortschreitender Laufzeit auch immer weiter zu Gunsten der Knalleffekte heraus fällt. Besser funktionieren und harmonieren die restlichen Hauptbestandteile aus Action und Thrill, unterstützt von situationsabhängigem, und oft sehr zynischem Humor. Wobei sich aber nicht alles ganz perfekt vermischt, dabei aber zumeist gut unterhaltsam zu verbleiben vermag. Mit und auch hauptverantwortlich dafür ist Ben Affleck, denn der aktuelle Batman-Darsteller schafft hier einen gelungenen Balanceakt. So ist sein Christian Wolff ein Sonderling sondergleichen, der mit seinem seine Umwelt und Mitmenschen ab und an völlig konsternierenden und vor den Kopf stoßenden Worten oder Taten völlig unsympathisch sein müsste. Müsste. Aber dank Afflecks entwaffnendem Charme und trotz seinem nahezu mimenlosen, ja, fast ausdruckslosen aber nie roboterhaften Spiels, kommt der tödliche Buchhalter zumeist doch irgendwie gut bei weg und funktioniert als Sympathieträger und Ankerpunkt. Schräg, aber liebenswert schräg eben und dabei einem moralischen Kodex folgend, - den wohl nur Wolff selber völlig durchblickt - und der dank des knallharten, militärischem Drills seines Vaters, nicht nur Zahlen durcheinander wirbeln kann. Der Rest vom Cast neben Affleck ist mehrheitlich nur da, bedient und füllt zweckdienlich Rollen aus und treibt die Handlung an diversen Eckpunkten voran. The Accountant ist eine Ben Affleck One-Man-Show mit Blei und Bleistift.

Der alte Daredevil und der neue Punisher treffen hier aufeinander.


Hierbei gibt es allerdings keine wilden Verfolgungsjagden oder 10 minütige Ballerorgien zu sehen. Stattdessen mehrheitlich kurze, präzise und zumeist sehr taktische Kopfschüsse die ein wenig an die Vorgehensweise von John Wick erinnern - aber zumeist deutlich kürzere ausfallen als bei Wick - und hier und da ein zweckentfremdeter Alltagsgegenstand, wie ihn Jason Bourne wohl ganz ähnlich verwenden würde. Aber anders als bei Bourne, überwiegend sehr übersichtlich und leicht unterkühlt gefilmt und bis auf das Finale, alles in eher kleiner Dosierung, nie extrem zelebriert oder zum Selbstzweck. Kurz und knackig, präzise, unerbittlich und tödlich. Töten in effizient und ohne Schnörkel, ganz der Buchhalter. Ein Buchhalter, der mittlerweile auch auf dem Radar der Ermittlungsbehörden aufgetaucht ist, und sich nun dementsprechend von mehreren Fronten gejagt sieht. Und so ermittelt parallel zu den weiteren Geschehnissen auch noch Director Raymond King (J.K. Simmons) zusammen mit der ihm unterstellten Ermittlerin Marybeth Medina (Cynthia Addai-Robinson) gegen Afflecks Christian Wolff, und gemeinsam arbeiten sie daran, die Puzzleteilchen zusammen zu fügen und an die Identität des Buchhalters zu gelangen. Leider ist dies aber der deutlich schwächste und nahezu völlig überflüssige Teil des Filmes. Fast generell verliert der Film sehr oft und augenblicklich, sobald man sich von Afflecks Figur und dessen Verfolgern um Jon Bernthal abkehrt, um mehr vom drum herum zu präsentieren. Man quetscht dabei viel zu viel in das Abenteuer des Buchhalter, - anstatt sich das Mehr für ein etwaiges Sequel oder Prequel aufzusparen. So verstrickt sich die Story des zwei Stunden und acht Minuten laufenden Filmes mindestens für 20 bis 30 Minuten unnötig in allerhand Erklärungen, ergänzenden Informationen und ganzen Handlungssträngen, die der Film überhaupt nicht gebraucht hätte, und die das Paket nur künstlich aufblähen und dabei kaum bis keinen Mehrwert bringen. Allein der gelungene, nebulöse Beginn, in dem Regisseur Gavin O'Connor eine zeitlich nicht eindeutig einzuordnende Szene präsentiert, sowie die Unmengen an unterfütternden Rückblenden in die Kindheit von Afflecks Figur wären massig genug gewesen, um den Film zusammen mit der Hauptstory zu füllen. Stattdessen wirkt O'Connors The Accountant sichtlich überladen und kopflos und mit erstaunlichen aber wenig glaubhaften Zufällen gespickt. Der größte dieser Zufälle mündet dann gar in einem recht sicher unerwartetem Plot-Twist, glaubhaft sieht aber trotz der diesbezüglichen Beteuerung von Zahlengenie Wolff und der ohnehin etwas wackeligen Grundidee anders aus. Deutlich sogar. Da Affleck allerdings auch in diesen Momenten derartig entwaffnend spielt, funktioniert das Gesamtpaket The Accountant noch gut. Mehr als gut wäre allerdings drin gewesen, und so umhüllt ein zurückbleibendes Gefühl der Enttäuschung die Geschichte des unfassbar tödlichen Buchhalters.

Fazit:

The Accountant bedient sich des Themas Autismus und verwebt es mit einer überzeichneten, überwiegend zweckdienlichen Geschichte, die dabei leider viel zu viel will und deutlich verzettelter daher kommt, als notwendig. Weniger wäre mehr gewesen. In Zahlen ist es ein gut unterhaltsamer, gut choreografierten und fotografierten Action-Thriller welcher von Ben Afflecks entwaffnendem Charme lebt und zudem mit zynischem und bissigem Humor zu punkten vermag.

6,5 / 10
10 - Meisterwerk // 8-9 - sehr gut // 6-7 - gut // 5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend // 0-2 - gar nicht mal so gut

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