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Kritik:
Der Adler der neunten Legion


von Christian Mester

THE EAGLE (2011)
Regie: Kevin MacDonald
Darsteller: Channing Tatum, Jamie Bell

Story:
Der römische Zenturion Marcus Aquila (Channing Tatum) zieht eines Tages mit seinem jungen Sklaven Esca (Jamie Bell) in die Pläne, um die verlorene Ehre seines Vaters wiederherzustellen. Dieser war es, der zusammen mit der neunten Legion Jahre zuvor in den Norden marschierte und mit 5000 Soldaten spurlos verschwunden war. Mutig begeben sich die zwei also nordwärts, in der Hoffnung, den goldenen Adler der Legion zu finden...

Kritik:
Als Neil Marshalls Ritterfilm "Centurion" im letzten Jahr die deutschen Kinos übersprang und gnadenlos direkt auf DVD landete, war das branchenweit gesehen ein markanter Fehler. Der harte Film mit dem aufstrebenden Star Michael Fassbender ("X-Men: Erste Entscheidung", "Prometheus") in der Hauptrolle wäre zwar kein erfolgreicher Publikumsfilm geworden, war aber dennoch als Film so gut, dass eine Kinoauswertung durchaus verdient gewesen wäre. Jetzt läuft "Der Adler der neunten Legion" in den Kinos an, der inhaltlich in etwa als Spin-Off Fortsetzung zu verstehen ist, gleich doppelt so teuer ausfällt und mit Channing Tatum ("G.I. Joe: Geheimauftrag Cobra") ebenfalls einen markanten Newcomer in der Hauptrolle hat. Ob es dieses Mal eine gerechte Aufteilung ist?

Ist sie nicht, denn eigentlich hätte es anders herum sei müssen: der noch sehenswerte "Centurion" hätte auf die große Leinwand gehört, dieser auf die kleine. "Der Adler der neunten Legion" sieht seinem Vorläufer zwar optisch recht ähnlich, ist jedoch in vielen Details merklich schwächer und bietet darüber hinaus nichts eigenständig Gutes. Das größte Manko des Films ist Hauptdarsteller Tatum, der sich als stoischer Josh Hartnett-als-Zenturion versucht, es jedoch nicht schafft, seine Figur kernig, nachdenklich und passioniert zu gestalten - sein Aquila ist langweilig. Es funktioniert vor allem nicht, das Gefühl zu transportieren, dass Aquila und sein Diener eine eigentlich lebensmüde Mission bestreiten - für die Römer ist das Nordenland zu der Zeit eine mysteriöse Barbarenwelt voller Wahnsinniger, die sogar ganze Legionen verschwinden lassen können, ihr Auftrag somit eine gottverlorene Reise in den sicheren Tod. "Centurion" hatte auch seine Schwächen damit, doch darin überzeugte ein leidenschaftlicher Fassbender in einer Hauptrolle, die der fehlenden Atmosphäre trotzte und als Figur Leben in die Kamera brachte. Tatum dagegen ist ein emotionsloser Stein, der ohne Kanten den Abhang hinunter rollt und unbeeindruckt von möglichen Schlaglöchern möglichen Glanz des besagten Goldadlers zermalmt. Er ist emotionslos und bleibt von Gefahren unbeeindruckt, und das nicht etwa, weil er derart abgebrüht ist. Tatum scheint es völlig außer Acht gelassen zu haben, sich in eine menschliche Figur, die unter extremen Bedingungen ans Äußerste gehen muss, hinein zu versetzen. Ein Rahmen, den sein "Step Up" Talent nicht zu füllen können scheint.

Kleine Schikanen findet sich in seinem Partner Jamie Bell ("Jumper"), der als ruheloser Sklave zumindest eines ist: zeitweise unberechenbar. Lange Zeit wird ein Spielchen mit dem Zuschauer getrieben, da man ein Weile mit raten darf, ob sein Esca die erstbeste Situation nutzen wird, seinem Meister die Kehle durchzuschneiden - und damit endlich Freiheit zu genießen. Esca ist als Rolle nicht ganz so einsilbig und banal wie Olga Kurylenko in "Centurion", bietet aber selbst auch nicht viel, und das was sich später ergibt, bleibt fürchterlich absehbar. Wenigstens Donald Sutherland weiß in wenigen Szenen etwas frischen Wind hinein wehen zu lassen. Die Handlung des Films selbst bleibt fast völlig frei von interessanten Wendungen, Spannungskurven und lässt einen echten Höhepunkt missen.

Was bleibt, sind Regie, Action und Härte. Kevin MacDonald hat zuvor den tollen, oscarprämierten "Der letzte König von Schottland" und den noch guten "State of Play" mit Russell Crowe gedreht, "Der Adler" ist nun für ihn ein weiterer Schritt nach unten. MacDonalds Regie bleibt so blass und charakterlos wie Tatum in seiner Hauptrolle, und dafür, dass der Film fast so teuer war wie die 2010er Sandalenfilme "Centurion", "Walhalla Rising" und "Black Death" zusammen, ist die Ausstattung des Films schwach und nicht der Rede wert. Besonders einfallslos ist die Inszenierung der vermeintlich irren Barbaren, die in billigen, zerschlissenen Fummeln und wahllosem Bodypainting unbeeindruckend in der Landschaft herum schleichen, als seien sie afrikanische Eingeborene. Wer sich von allem Getöse zumindest soliden, deftigen Schwertkampf erhofft - ein Aspekt, in dem "Centurion" zu überzeugen wusste - bleibt leider zurück. Es gibt einige Actionszenen im Film, doch diese fallen nie aufregend oder allzu dynamisch aus. Auch der Härtegrad ist recht knapp gehalten. Nun muss ein Film wie dieser keine Badewannen mit Barbarenblut füllen, doch es fehlt die Unterstreichung der Bedrohlichkeit der Gegner. Nach Sichtung der "Gegner" fällt es äußerst schwer zu glauben, dass römische Legionen Angst vor diesen hätten, wobei  Tatum noch dazu beiträgt, dass seinerseits schwer zu glauben wird, dass Römer überhaupt Gefühle und Empfindungen besitzen könnten. Der Römertrip war bereits Mitte letzten Jahres fertig, wurde aber zigmal verschoben - ein leider oftmals großes Indiz dafür, dass der betreffende Film nicht gut ist. In diesem Fall traf es einmal mehr zu.

Fazit:
Geschichtsstunde zum Einschlafen: "Der Adler der neunten Legion" ist ein relativ kantenloser Fußmarsch in eine als Hölle beschriebene Gegend voller Wahnsinniger, in der ein  eher langweiliges Gespann eher langweilig daher trottend auf eher langweilige Gegenspieler trifft. Da es allein im letzten Jahr viele interessantere Genre-Titel gab, spricht nur wenig für diesen.

4 / 10
10 - Meisterwerk
8-9 - sehr gut
6-7 - gut
5 - mittelmäßig
3-4 - ausreichend
1-2 - miserabel
0 - Inakzeptabel

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