Kritik:
Alles, was wir geben mussten
von Christian Westhus
NEVER LET ME GO
(2011)
Regie: Mark Romanek
Darsteller: Keira Knightley, Carey
Mulligan, Andrew Garfield
Story:
Kathy und ihre Freunde Ruth und
Tommy wachsen in dem ländlichen
Internat Hailsham auf. Erst mit der
Zeit lernen sie, dass ihre Existenz
einem ganz bestimmten Zweck dient
und dass sie nicht das Leben haben
können, welches sie sich wünschen
und wie es andere Menschen vorleben.
Die drei haben unterschiedliche
Methoden, mit ihrem Schicksal
umzugehen und strapazieren dabei das
fragile Freundschaftsgefüge zwischen
ihnen.
Kritik:
Man setze Menschen in ein utopisches
Szenario und beobachte, wie sie sich
verhalten, wie sie vorhandene und
neue Regel abwägen, einen Weg
suchen, irgendwie klar zu kommen. In
seinem 2005er Roman entwarf Autor
Kazuo Ishiguro auf bemerkenswert
feinsinnige und subtile Art ein
neues Zwei-Klassen-System von
Menschen. Was nach einer
sentimentalen „The Island“ Variante
klingt, ist in geschriebener Form
ein beunruhigendes und leise
emotionales, am Ende ergreifendes
Gedankenspiel über das, was uns
Menschen ausmacht, was das
Mensch-Sein ausmacht. In Buch wie
Filmadaption befinden wir uns in
einer alternativen Realität, mit
unauffällig veränderten Details und
einhergehenden neuen Gesetzen. Die
Menschen zweiter, eher dritter
Klasse sind zu einem Nutzgegenstand
degradiert, zu einem Ersatzteillager
für die medizinischen Nöte „echter“
Menschen. Was Ishiguro noch durch
seine nüchterne Ich-Erzählerin im
mysteriösen Halbklaren ließ, kommt
im Film, adaptiert von Alex Garland,
ziemlich früh offensichtlich Knüppel
aus dem Sack.
Mark Romaneks Film spricht vieles
direkter aus und an, lüftet in
Dialogen schnell den Schleier des
Geheimnisvollen und gibt sich an
anderer Stelle unnötig verschlossen
und unklar. Das ist natürlich den
Grundlagen filmischen Erzählens
geschuldet, aber der Film verwirft
die dreigeteilte Struktur des Romans
beinahe völlig, um sich ganz den
erwachsenen Problemen und Sorgen zu
widmen. Angefangen bei der unnötigen
einleitenden Eröffnungsszene,
entwickeln die gleichwertig
gedachten Abschnitte 1 und 2 nur ein
gedehntes Intro, um die Figuren und
die Welt zu etablieren. Die Kindheit
in Hailsham ist innerhalb von kaum
mehr als 15 Minuten passé, dabei
liegt hier doch der Kern, der Kern
von allem. So müssen wir natürlich
das etwas unglückliche Spiel der
Kinderdarsteller, insbesondere von
klein Tommy, nicht zu lange
bedauern, doch was dem Film hier
entgeht, findet er im Folgenden
leider auch nicht wieder. Die
schwierige Freundschaft zwischen
Kathy und Ruth, zum Beispiel, wird
uns als existierend präsentiert, mit
kleinen, angedeuteten, aber nie
wirklich greif- oder deutbaren
Rissen. Es fasziniert, wie auch
Tommys unglückliche Kindheit, ohne
sich wirklich festzusetzen.
Die Welt von Hailsham ist dabei
eigentlich so gelungen entworfen,
besonders visuell. Ein ländliches
Idyll, voller Unschuld und mit dem
großen Geheimnis, welches die Kinder
umgibt. Mit dem Geheimnis ist es
baldigst aus und auch das
komplizierte, eigentlich nach
emotionalen Reibungen schreiende
Lehrer-Schüler-Verhältnis bleibt
erschreckend kalt und oberflächlich.
Die Regeln und Rituale, wie
Rauchverbote, zarte Liebesbande oder
der Verkaufsbasar, suggerieren
geschickt ein mysteriöses Gefühl,
die Aura des unentschlüsselbar
Geheimnisvollen, ohne am Ende
irgendetwas daraus zu ziehen. Ganz
zentral eine Szene mit Kathy, die
zur Musik (daher der Originaltitel „Never
let me go“) tanzt und… tja, eben
nichts weiter macht, als eben zur
Musik zu tanzen und ein Kissen zu
umarmen. Die Bildbotschaft ist so
einleuchtend wie irreführend und
schließlich wird dieser Episode,
blind und verstümmelt aus dem Roman
übernommen, keine Aufmerksamkeit
mehr zugebracht. Der zweite
Abschnitt, die Jugend in den
Cottages, leidet an den gleichen
Problemen und an den Erbkrankheiten,
des ersten Drittels. Es fehlt an
emotionaler Bindung und das sowohl
bei den Figuren untereinander, wie
auch zwischen ihnen und dem
Zuschauer. Dazu werden Szenen des
Romans unbedacht übernommen, die nur
selten ihr wirkliches Potential
entfalten können.
Auch in den Cottages gibt es neue
Regeln, neue Möglichkeiten. Ruth und
Tommy glauben zueinander zu gehören,
sie adaptieren Verhaltensweisen der
Älteren und befolgen halbherzig den
lose organisierten Alltag. Im
Liebes- und Freundschaftsdreieck
gibt es endlich greifbare
Spannungen, was sicherlich auch
daran liegt, dass mit Carey
Mulligan, Keira Knightley und Andrew
Garfield nun drei höchst talentierte
Darsteller im Zentrum stehen, die
gut besetzt und sichtlich bemüht
sind, aus den unzureichend
charakterisierten Figuren
nachvollziehbare, lebendig wirkende
Menschen zu machen, deren Freude,
Kummer und Sorgen wir nach
Möglichkeit miterleben wollen.
Romanek und Garland schaffen es
dabei nicht, eine adäquate filmische
Umsetzung für Kathys radikal
nüchternen Erzählton im Roman zu
finden, der gerade durch die kühle
Strenge ganz eigenständig
emotionalisierend wirkte und
schockierte. Es wird nicht mal
wirklich klar, ob der Film dies
überhaupt wirklich versucht. In
wahrlich wunderbaren Bildern schreit
man mal voll Inbrunst die Gefühle
heraus, wird das Tränenkullern
forciert, ehe es in bedrückende
Tristesse umschlägt oder in
klinische Neutralität. Immerhin kann
man überaus dankbar sein, dass aus
dem Material kein melodramatisches
Rührstück geworden ist.
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Ohne
Mulligan, Knightley und Garfield
würde das brüchige Personalkonstrukt
wohl hoffnungslos ineinander
zusammenstürzen. Besonders Mulligan,
nach eigener Aussage ein Fan der
Vorlage, gibt ihrer Kathy viel mehr,
als nur vom Drehbuch möglich gewesen
wäre. Dass Ruth als Charakter
weitgehend im Stich gelassen wird,
kann auch Knightley nur schwerlich
kompensieren, die immerhin als
misstrauische Quasi-Intrigantin
überzeugt. Ihre Suche nach dem
Original, eine schon im Ansatz
bemerkenswerte und faszinierende
Szene, verpufft in einem
enttäuschenden Nichts. Nicht jedoch
das deprimierende Nichts, welchem
Ruth gegenüber steht, sondern ein
emotionales Nichts. Keine Wirkung,
nur Spannungsaufbau und verbrachte
Zeit. Gleiches Problem bei Kathys
Sexualität, die im Film lange
unerwähnt bleibt, ehe man mit
Pornoheftchen um die Ecke kommt und
mangels ausreichender Vorarbeit in
unfreiwilliger Komik endet, statt
aufklärend und bedeutsam zu sein.
Und mit solchen Problemen in
Dramaturgie und Figurenzeichnung
macht sich der Film schließlich auf
in seinen Hauptteil, in das
Erwachsenenleben der drei Freunde.
Immerhin ist irgendwann Besserung in
Sicht. Rachel Portmans dramatischer
und eigenständig ziemlich schöner
Score suggeriert zwar mehr Rührung
und Ergriffenheit, als tatsächlich
vorhanden ist, aber mit ein paar
holterdiepolter Offenbarungen,
Wendungen und Entwicklungen kommt es
doch noch zu einem (angesichts der
vorherigen Fehler) befriedigenden
Ende. Das Schicksal der Kinder
offenbart sich und Romanek führt die
Zügel enger, forciert Tempo und
Dramatik und quetscht so doch noch
was Bleibendes, was Standhaftes
heraus. Besonders Garfield neigt
hier etwas zu Übertreibung, doch
endlich erwachen die Figuren zu
Leben und sei es in Übergröße. Dabei
entwirft der Film geschickt das Bild
eines bitteren, unmenschlichen
Schicksals, aus dem es nur
schwerlich einen Ausweg gibt. Die
freundschaftliche Bande und die
zarte Liebe, die im Roman noch so
geschickt im Vordergrund stand,
treten dahinter zurück. Damit ist
der Film näher am deutschen Titel,
am resignierenden „Alles, was wir
geben mussten“, statt beim Appell an
Hoffnung und Zusammenhalt, wie es
der Originaltitel versprüht. Dass
dieser Originaltitel, in Form des
Liedes, der Kassette und der
menschlichen Beziehungen, in der
Filmhandlung nur unzureichend
behandelt wurden, passt da irgendwie
ins Bild.
Fazit:
Gut gespielt, toll bebildert, mit
packender Musik unterlegt und
dennoch unbefriedigend. Die Adaption
des empfehlenswerten Romans lässt
sich zu viel entgehen und schafft zu
selten funktionierend Neues, was
insbesondere den Figuren anzumerken
ist. Am Ende einigermaßen gelungen
und schließlich doch noch emotional,
aber weit weg vom eigentlichen
Potential und vom spürbaren eigenen
Anspruch.
5,5 /
10
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