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Kritik:
Altered States: Der Höllentrip


von Christian Westhus

ALTERED STATES
(1980)
Regie: Ken Russell
Cast: William Hurt, Blair Brown, Bob Balaban

Story:
Harvard Wissenschaftler Eddie Jessup experimentiert in Isolationskammern mit Meditation und Traumwanderung. Als er an eine psychoaktive indianische Wunderdroge gerät, eröffnen sich ihm ganz neue Möglichkeiten. Auf der Suche nach dem Ur-Geist der Menschheit begibt Jessup sich auf einen höllischen Trip.

Kritik:
Der Autor der Romanvorlage, Paddy Chayefsky, distanzierte sich hinterher von dem Film. Regisseur, Exzentriker und Gelegenheits-Wahnsinniger Ken Russell behauptete gar, erst die 27. Wahl für den Regieposten gewesen zu sein. Umso mehr wurde aus „Altered States“ ein Ken Russell Film. Ein visuelles Panoptikum wild montierter Höllenbilder und ganz nebenbei der Film, der die leicht angeknackste Karriere des 120%-Vollblut-Experimentators wieder etwas mehr ins Rollen brachte. Dabei fasziniert der Film auch auf der inhaltlichen Ebene, die durchaus nicht in den Hintergrund gerückt wird. Jedenfalls nicht sofort. William Hurt, der hier sein Filmdebüt gab, geht als Wissenschaftler Eddie Jessup in abgeschlossenen Wasserbassins baden, um über transzendentale Meditation (oder so) Funktion und Wirkung des menschlichen Verstands zu studieren. Hurt ist in der Rolle des arbeitswütigen, egozentrischen und leicht irren Wissenschaftlers gut besetzt, macht Jessups bisweilen arrogante Art ein Stück weit sympathisch. Sympathisch genug jedenfalls, um die Beziehung zwischen Jessup und Anthropologin Emily glaubwürdig zu gestalten, obwohl auch Emily anmerkt, sich beim Sex mit Eddie zu fühlen, „like I'm being harpooned by some raging monk in the act of receiving God.“ Eddie will mehr und lässt sich auch von einem mehrjährigen Familienintermezzo nicht abbringen, weiter zu gehen. Er ist besessen von der Idee, über die halluzinogenen Trips, über den unsterblichen Kollektiverstand der Menschheit, mit dem Ur-Ich Kontakt aufnehmen zu können. Eine Suche, die zunehmend religiöser anmutet und für die Eddie zu immer extremeren Mitteln greift.

Ein Trip (in diesem Fall heißt das „Ausflug“) nach Mexiko endet in einem Trip in (!) Mexiko. Die Indios experimentieren mit Pilzen, Wurzeln, Eigenblut und sonstigen Dingern, die in einem Kessel blubbern und Eddie auf eine Reise schicken. Und jetzt dreht Ken Russell richtig durch. Die visuelle Experimentierfreude beginnt schon beim überaus effektiven Vorspanndesign, ehe eine frühe Traumsequenz Russell-Symbolik in Reinkultur bietet. Flammen, Schlangen, tötende Römer, nackte Frauen und eine glasklar blasphemische Bildallegorie, montiert in einem unnachahmlichen Wirbel. Aber erst in der Mexiko-Episode wird in Ansätzen klar, was für eine Fundgrube dieser Film für Russells Bildideen sein kann. Der reinste Psychotrip, der sich in einer Reihe mit „Enter the Void“ oder dem unvermeidbaren Ende von „2001“ sicherlich gut macht. Farben, Formen, Blitzlichtgewitter und Russells ganz eigene Hintergrundeffekte, die grell und kontrastreich die Filmwelt auf den Kopf stellen. 

Und weiter geht’s. Eddie Jessup scheint durch die Kombination der neuen Droge und des Meditationsbassins ganz neue Möglichkeiten zu haben. Immer mehr erhärtet sich der Verdacht, seine Reisen lassen ihn über die Grenzen des Verstandes hinaus reichen. Frau und Freunde sind über Eddies Experimente in Sorge, während Eddie selbst bald nicht mehr weiß, was genau wahr ist und was sich nur in seinem Kopf abspielt. In erschreckend effektiven Körpereffekten, wie sie damals auch in „Die Fliege“ oder Carpenters „The Thing“ zu finden waren, scheint Eddie eine Transformation durchzumachen und sei sie nur vom manipulierten Verstand hervorgerufen. Russell und das Drehbuch treiben den Spaß noch weiter, bis hart an die Grenze der unfreiwilligen Komik, aber immer in einem einigermaßen glaubwürdigen Kontext der schrillen, absurden, spannenden und visuell extravaganten Handlung. Dass der Film nach einem unbeschreiblichen Finale nicht ganz formvollendet zu einem überlangen Epilog übergeht, der mit fragwürdigen Masken- und Verzerrungseffekten nicht mehr so sehr zu überzeugen weiß, ist schade. Ebenso wie die so kitschig wie platte Lösung des Hauptproblems. Doch der Dampfhammer-Psycho-Höllentrip, durch den uns Russell hier peitscht, lohnt bis zum Schluss allemal. Ein Film, wie man ihn nicht so schnell ein zweites Mal zu sehen bekommt.

Fazit:
Astralreisen, Träume und psychoaktive Drogen. Ein Wissenschaftler am Rand der menschlichen Vorstellung, von Regisseur Ken Russell unbeschreiblich wuchtig und schrill in Szene gesetzt. Gleichermaßen faszinierend, spannend und auch absurd, trotz antiklimatischem Schluss.

8 / 10

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