BG Kritik:

American Honey


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

American Honey (UK, USA 2016)
Regisseur: Andrea Arnold
Cast: Sasha Lane, Shia LaBeouf, Riley Keough

Story: Die junge Star hat nichts zu verlieren und will ihrem alten Leben den Rücken kehren, also schließt sie sich einer Gruppe junger Außenseiter und Aussteiger an, die durch den amerikanischen Südwesten fahren und Geld damit verdienen, Zeitungsabos zu verkaufen. Man streift gesetzliche Grauzonen und innerhalb der Gruppe kommt es bald zu Spannungen.

They found Love in a hopeless Place.

Filmdebüt von Hauptdarstellerin Sasha Lane


In „Spring Breakers“ machten vier Party Girls und Teilzeitkriminelle Britney Spears zu ihrem musikalischen Vorbild und Kampfgebrüll. Drogendealer und Vollzeit-Irrer Alien begab sich in Gestalt von James Franco ans Piano und begleitete seinen Bikini und Maschinengewehr tragenden Teen-Squad zu Spears‘ „Everytime“. Es sind die Pop-Prinzessinnen, die in ihrer massenwirksamen Übergröße jugendliche Rebellion ansprechen – und sei es nur ironisch. In Andrea Arnolds Film „American Honey“ wird Rihanna zur Hymne missverstandener und ausgestoßener Jugendlicher, die gemeinsam eine neue Zukunft aufbauen wollen und sollen. In einem Film, der in seinen rund 160 Minuten nahezu durchgängig von Musik durchzogen ist, von treibenden Beats und aggressiven Lyrics aus Hip Hop, Rap, Trap und R’n’B, ist es zunächst der Pop-Dance von Rihanna, der ein Gefühl von Zugehörigkeit generieren und suggerieren soll. Da ist der Liedtext – nicht zum letzten Mal – wörtlich zu nehmen; diese Kids suchen Liebe, d.h. Sympathie und Zusammenhalt, in einem hoffnungslosen Umfeld. Oder anders gesagt: Sie suchen einen Weg raus aus ihrem hoffnungslosen Umfeld.

Der Weg hinaus führt über die endlosen Straßen des amerikanischen Mittleren Westens, durch Landschaften und Städte der Red States, in denen mehr Konföderierten Flaggen als Stars & Stripes aushängen. Das Genre des Road Movie ist in seiner kulturellen Prägung fast so amerikanisch wie der Western. Das Land der unbegrenzten Möglichkeit wäre nur halb so mythisch, hätte es die Größe von, nun, Deutschland zum Beispiel. Drehbuchautorin und Regisseurin Andrea Arnold ist hingegen Britisch. Ihr letzter Film, die hyper-karge Verfilmung des Emily Brontë Klassikers „Sturmhöhe“, könnte britischer kaum sein. Arnold sind die USA nicht fremd, sie ist keine kulturfremde Touristin wie Sofia Coppola, die genau das in ihrer Japanreise „Lost in Translation“ zum Thema machte. Dennoch trägt Andrea Arnolds spontaner und halbimprovisierter Film auch die Perspektive einer Außenstehenden mit sich, einer Fremden, die eben diesen Mythos USA kennt und nun mit der vermeintlichen Realität konfrontiert wird. Vielleicht erklärt das die Deutlichkeit der Liedtexte und die Direktheit der Motive und Symbole, die wir auf diesem Road Trip zu hören und sehen bekommen. Sonnendurchflutete Bilder nicht enden wollender Acker, Ölbohrtürme, Motels und Konföderierten Bikinis erscheinen wie Postkartenmotive einer verzerrten Halbwahrheit.

Während der Dreharbeiten ließ sich LaBeouf angeblich 12 neue Tattoos stechen.


Auch unsere Protagonistin Star (die großartige Newcomerin Sasha Lane) ist, obwohl Amerikanerin, in gewisser Weise eine Fremde, die mit ihrer neuen Ersatz-Familie erstmalig die Grenzen ihrer Heimatstadt überschreitet. In der ersten Szene sehen wir Star durch einen Müll-Container wühlen, aus dem sie ein Tiefkühlgrillhähnchen angelt. Die bewusst vage gehaltenen Eckpfeiler von Stars Familiensituation sind halbe Klischees, doch Klischees sind immer auch zu einem gewissen Teil wahr. Damit uns die Wahrheit und nicht das Klischee erreicht, nutzt Andrea Arnold Sasha Lanes markantes und extrem authentisches Gesicht, streift das britische Untergenre des Kitchen Sink Dramas. Das Elend sozialer Missstände und die Armut in halb vergessenen Randzonen gewaltiger Großstädte ist wenig subtil, doch Arnold suhlt sich nicht darin, wie sie auch keinerlei Interesse daran hat, ihre Heldin zu strafen oder zu bewerten. Star ist naiv, häufig unbeholfen, doch sie hat einen Willen und einen genauen Blick, der sich auf ihrer Reise noch verschärft. Fehler zu machen gehört maßgeblich dazu; fast ist es, als warte Robby Ryans Kamera darauf, in was für eine Situation Star als nächstes gerät. Gedreht im fast quadratischen Academy Format begrenzt die Inszenierung die Endlosigkeit der Landschaft, setzt Grenzen, ergründet stattdessen die Endlosigkeit von Gesichtern, ganz zentral die ständig suchenden und Größeres verbergenden Augen von Star.

Der bunte Haufen aus angehenden Zeitungsverkäufern besteht überwiegend aus Amateuren und Nicht-Schauspielern, die direkt von der Straße gecastet wurden. Derart ungewohnte und unverfälschte Gesichter sieht man sonst eigentlich nicht im Kino. Charakterisiert werden Stars neue Familienmitglieder kaum, und doch können wir irgendwie erahnen, wie sie hier gelandet sind. Ein Typ zeigt ständig sein Gemächt, ein anderer trägt ein Flughörnchen mit sich, und ein junges Mädchen identifiziert sich mit Darth Vader als missverstandene Leidensfigur. Doch diese Figuren sind Rahmung und Dopplung, wie sich nahezu alles im leicht überlangen Film durch Dopplungen und Auslassungen offenbart. Einen Anruf tätigt Star nur ein einziges Mal, dafür sehen wir unzählige Szenen im Kleinbus, sehen Arnold-typische Makro-Details wie Insekten, und sehen gleich dreimal, wie Star Grenzen überschreitet, um mit ihren eigenen Methoden an Geld zu gelangen. Der Zusammenhalt in der neuen Gruppe ist begrenzt, wie Star schnell feststellt. Angeführt von der dominant-autoritären Krystal (Riley Keough) ist das Leben der Herumtreiber ein hartes und eiskaltes Geschäft, in der nackte Verkaufszahlen den Konkurrenzkampf ausmachen. Es wird getrunken, geraucht und gefummelt, doch es gibt Auflagen, wie weit Beziehungen gehen dürfen. Liebe am Arbeitsplatz ist untersagt – und der Arbeitsplatz reist ständig und ohne Pause mit.

Wirklich von Belang sind nur drei Figuren. Stars Interesse an Krystals rechter Hand Jake (Shia LaBeouf – passend irre) und der daraus entstehende Konflikt mit Krystal bestimmen den Plot der zweiten Hälfte, doch „American Honey“ ist so wild und ungestüm wie seine Hauptfigur. Diesen Kids, die selbst kaum etwas persönlich besitzen, ist bewusst, dass niemand im 21. Jahrhundert Zeitungsabos braucht, also müssen sie Wege finden, sich als Verkäufer interessant zu machen. Wir beobachten Impressionen und Fragmente, wie sie sich inszenieren, in Rollen schlüpfen, um einen Verkaufserfolg zu haben. Stars persönliche Grenzüberschreitungen, um die eigenen Verkaufszahlen und damit ihren persönlichen Wert für die Gruppe anzukurbeln, zeigen eine Alternative des Verkaufsprozesses. Was gibt man preis? Wie präsentiert man sich? Was genau wird eigentlich verkauft und wer beutet hier eigentlich wen aus? Star ist mittendrin und doch nicht dabei. Wenn bei einer erneuten Fahrt im Kleinbus irgendwann die Countrypop-Band Lady Antebellum „American Honey“ anstimmt und diese auf Wirtschaft und Gewinnmaximierung getrimmte Halbfamilie zum Mitsingen einlädt, spürt auch Star, wie weit sie dieser Ausbruch aus ihrem vorherigen Leben gebracht hat, welche Bedeutung sie als Individuum in dieser Gruppe hat.

Fazit:

Leicht überlang und in der zentralen Handlung hin und her pendelnd, aber durch seine facettenreiche Hauptfigur und seinen thematischen Reichtum enorm fesselnd und lohnend. Ein ungewöhnlicher Blick auf jugendliche Sinnsuche in den USA.

8 / 10

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