BG Kritik:

American Hustle


von Christian Westhus

American Hustle (USA 2013. D-Start 2014)
Regisseur: David O. Russell
Cast: Christian Bale, Amy Adams, Bradley Cooper, Jennifer Lawrence, Jeremy Renner

Story:
USA in den 1970ern: Trickbetrüger Irving Rosenfeld (Bale) und seine Gespielin Sydney Prosser (Adams) werden von FBI-Mann Richie DiMaso (Cooper) geschnappt und zu einem Deal überredet. Gemeinsam wollen sie korrupte Politiker austricksen und überführen. In einem großen Hin und Her aus Lug und Betrug, aus Tarnen und Täuschen, bei dem auch Rosenfelds Frau (Lawrence) mitmischt, behält bald keiner mehr den Durchblick. (Frei nach wahren Begebenheiten)

Vor ein paar Jahren war David O. Russell noch „Persona non grata“ in Hollywood. Sein Film „Nailed“ ist bis heute unveröffentlicht. Seit ihn Mark Wahlberg aber zu „The Fighter“ holte, ist Russell erfolgreicher denn je. Sowohl beim Publikum als auch bei Preisverleihern. Für satte zehn Oscars ist „American Hustle“ nominiert. Zum zweiten Mal in Folge, nach „Silver Linings“, brachte ein Russell Film das seltene Kunststück fertig, in allen vier Darstellerkategorien nominiert zu werden. Und das bei jemanden, dessen Debütfilm „Spanking the Monkey“ noch genüsslich-provokativ in ödipalen Inzestthemen badete und dessen Kriegssatire „Three Kings“ heute fast noch greller und beißender ist, als es 1999 der Fall war. David O. Russell hat sich verändert, hat sich neu erfunden. Und genau das thematisierte er in allen drei Filmen seit seinem Comeback. Die boxenden Brüder Mickey und Dicky aus „The Fighter“, Tiffany und Pat aus „Silver Linings“ und nun nahezu sämtliche Hauptfiguren aus „American Hustle“; Menschen am Wendepunkt. Insbesondere Christian Bales Irving Rosenfeld und Bradley Coopers Richie DiMaso wollen sich mit aller Macht neu erfinden, wollen etwas erreichen, etwas bewegen oder erschaffen. Bale und Cooper sind beide auf der Suche, unterwegs mit dem Willen, jemand zu sein, bzw. ein Jemand zu sein.

Der Film ist für 10 Oscars nominiert.


Damit wirft der Film – ähnlich wie „Wolf of Wall Street“ – erneut einen Blick auf den noch immer viel zitierten, aber mittlerweile arg entstellten Amerikanischen Traum, wie sehr dieser mit Geld und wie sehr Geld mit Betrug zusammenhängt. Wo andere Filme aber genüsslich im Dreck wühlen – und den Geruch mit verwirrend ambivalent duftendem Nagellack übertünchen – bleibt „American Hustle“ nicht nur ambivalent unkonkret, sondern oberflächlich und lässt es an Effektivität missen. Dass die Selbstneuerfindung weniger klar verläuft als in Russells Vorgängerfilmen, passt da irgendwie ins Bild. Es ist Kritik auf hohem Niveau, ist „American Hustle“ doch unterm Strich ein sehenswerter Film, aber es ist schon auffällig, wie wenig Ertrag bei so viel Aufwand eingeholt wird.

Dem Film fehlt ein wenig der Spannungsbogen. „American Hustle“ wirkt ausufernd und improvisiert, dabei aber nicht immer faszinierend genug. Diesen episodischen Charakter, die schleichende Eskalation von kriminellen Machenschaften, konnte „The Wolf of Wall Street“ jüngst bedeutend effektiver, unterhaltsamer und spannender umsetzen. „American Hustle“ fehlt dafür ein wenig der Biss und die Klarheit, die Russell früher noch hatte. Betrüger betrügen und stolpern über ihre eigenen Lügen, über das Zwischenmenschliche, über das „Wahre“, das sie nicht durch Tricks verbiegen können. Hat man diese Grundaussage geschnallt, wird das Hin und Her aus Betrug, Problem und Neustart mehrfach wieder durchgekaut. Die Figuren sind interessant genug und sämtliche Darsteller sind hervorragend, aber für den ganz großen Wurf fehlt eine konkretere Auseinandersetzung entweder mit Korruption, Trickbetrügern und der Verwicklung des FBI. Oder es fehlt der ganz genaue Blick auf das Zwischenmenschliche. So unterhaltsam es ist, Jennifer Lawrences Haushaltsticks zu belächeln, so wirklich viel Schlauer sind wir nicht, nachdem sie sich mit der Mikrowelle angelegt hat.

Laut Christian Bale wurden viele Dialoge improvisiert.


Es hilft nicht, dass der Film durchweg ein wenig verkünstelt und oberflächlich erscheint. Russells stets unruhige Kamera pendelt hin und her, nähert sich den Figuren immer wieder in dynamischer Konfrontation an. Der mitunter behäbige, in Einzelszenen aber enorm effektive Schnitt wird mit Musik zugekleistert. Ein Ohrwurm reiht sich an den nächsten und zur Krönung darf Lawrence zum Hausputz ganz besondere Musik auflegen, während es in Parallelmontage jemandem an den Kragen geht. Es ist eine irre, schrille und nicht immer ganz genau greifbare Mischung aus Groteske, Komödie, politischem Krimi, Persönlichkeits- und Beziehungsdrama, präsentiert mit einer Ausstattung, Kostümen und Frisuren, die fast schon ein wenig zu auffällig wirken. Als würde der Film pausenlos schreien, „Seht nur, wir drehen einen 70er Film“, marschieren Bale, Cooper, Renner und Co. Brusthaar voraus mit aberwitzigen Frisuren durch die Gegend, gewandet in nicht gerade subtile Jacketts mit auffälligen Krawatten. Und die Damen stehen dem in nichts nach. Insbesondere Amy Adams springt in nahezu jeder Szene beinahe etwas aus der Bluse, so „frei“ kleidet sie sich.

In Einzelszenen ist das doppelbödige Charadespiel der Figuren äußerst unterhaltsam. Dafür sind die Darsteller zu gut und dafür ist Russells Inszenierung gekonnt genug. Selbst in Neben- und Gastrollen tauchen bekannte Gesichter und talentierte Leute auf. Die Show gehört insbesondere Bale und Adams. Bale, der sich eine prächtige Plauze angefressen hat und in der gloriosen Einstiegsszene seine Haarpracht in Form bringt, hat ordentlich zu tun, während Adams die laut Drehbuch vielleicht am uninteressanteste Rolle toll zum Leben erweckt. Jennifer Lawrence und Jeremy Renner sorgen in ihren Nebenrollen für viel Spaß, und auch Bradley Cooper kann überzeugen. Sie alle spielen, im Jargon des Films, „abgefuckte“ Figuren. Wir wissen bereits, Betrüger betrügen, und so kann man sich auch als Zuschauer bald nicht mehr sicher sein, wann wer wem irgendetwas vorspielt oder wann es zur Abwechslung mal ernst gemeint ist. Das macht eine Zeit lang Spaß, doch die Auswirkungen dieses Lebensstill auf das Sozialleben interessieren das Drehbuch auch nicht mehr, als etwaige politische Hintergründe. Das reale ABSCAM Vorbild wird als Sprungbrett genutzt, dann aber auch etwas im Hintergrund stehen gelassen. Beim Ende kommt David O. Russell zum übergreifenden Thema seiner letzten Filme zurück und zeigt sicherlich unbeabsichtigt, warum sowohl die beiden Vorgänger, als auch der als Vergleich unvermeidliche „Wolf of Wall Street“ mehr hergeben, als diese sehenswerte, aber irgendwie auch ein wenig zerfahrene Trickbetrüger-Posse.

Fazit:

Faszinierend, durchaus unterhaltsam und toll gespielt, aber auch frustrierend unfokussiert und unterm Strich nicht so reizvoll und belohnend, wie der Film mit dieser Handlung, dieser Besetzung und David O. Russells aktueller Form hätte sein können.

7 / 10
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