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Kritik:
American Pie 

Das Klassentreffen


von Christian Westhus

AMERICAN REUNION
(2012)
Regie: Jon Hurwitz, Hayden Schlossberg
Cast: Jason Biggs, Alyson Hannigan, Seann William Scott, Eugene Levy

Story:
Klassentreffen für den High School Abschlussjahrgang von 1999. Zeit für ein Wiedersehen mit Jim, Stifler, Michelle und Co. Die sind mittlerweile erwachsen, mal verheiratet, mal mit Kindern im Schlepptau, oder sie hängen in irgendwelchen Jobs rum. Das Klassentreffen bringt alte Erinnerungen zurück und den Wunsch, mit alten Freunden mal wieder was zu erleben.

Kritik:
Früher war alles besser. Als „American Pie“ 1999 eine Welle von Teen-Sex-Komödien der sympathisch-derben Bauart auslöste, war es noch einigermaßen erfrischend, überwiegend sympathische Leute bei den üblichen Irrungen und Wirrungen des Erwachsenwerdens zu beobachten. Idioten wie wir sollten sie sein, Jim, Stifler und Konsorten, denen wir durch halsbrecherische Peinlichkeiten und Mini-Katastrophen folgten, an deren Ende immer eine Wendung zum Positiven stand. Ein Erfolg in Sex- und Liebesdingen, die Aussicht, dass es irgendwann besser wird, und die stete Gewissheit, immer auf seine Freunde zählen zu können. Selbst auf so Schwachmaten wie Stifler. Als Jim und Flötenspielerin Michelle am Ende des dritten Teils den Bund für die sprichwörtliche Ewigkeit schlossen, waren unsere Rabaukenfreunde endlich angekommen, bereit für die Erwachsenenwelt. Ein maximal annehmbarer Film, aber ein so naheliegender wie konsequenter Abschluss. Da aber nichts ewig ruht, was mal Erfolg hatte, gab es bald schon Gerede von einem American Pie Revival. Die unwürdigen und direkt für den Heimkinomarkt produzierten Ableger zur Reihe seien mal ignoriert. Der vierte offizielle Teil karrt nicht nur nahezu alle relevanten Figuren der bisherigen drei Filme wieder heran, sondern erwischt mit dem Klassentreffen-Plot wohl auch die einzige funktionierende Variante, den alten Kuchen (der im Originaltitel nicht zum ersten Mal folgerichtig ignoriert wird) zum dritten Mal neu aufzuwärmen. Genau da gehen die Probleme aber auch schon los. 

Zum krummen Jubiläum kommen die Freunde nochmal in ihre alte Heimat, doch es scheint, als hätten sie seit dem Ende des dritten Teils in einer Blase gelebt. Seit der Hochzeit, so muss man annehmen, haben sich die angeblich besten Freunde nicht mehr gesehen, haben den Sohn von Jim und Michelle noch nicht kennen gelernt und wussten nur ansatzweise, was sie sonst so trieben. Wie Jim sein altes Zimmer begutachtet, macht er den Eindruck, mindestens fünf Jahre nicht mehr da gewesen zu sein. Ein logischer und emotionaler Blödsinn, der einen einzigen Grund hat: Nostalgie. Das American Klassentreffen ist ein Film, der nur von Nostalgie lebt. Damit der Zuschauer nicht den Anschluss verliert, ist zwischen Teil 3 und 4 so wenig wie möglich passiert. Wir sehen Jims Zimmer nach vielen Jahren erstmalig wieder, also muss es bei Jim genau so laufen. Doch das Nostalgie-Projekt ist schnell aufgeschmissen, weil diese Freunde nicht die Ikonen der Filmgeschichte sind, wie die Macher scheinbar glauben. Insbesondere „Heimscheißer“ Finch, Sport-As Oz und Null-Charakter Kevin sind kaum mehr als Staffage, rund um das etwas belebtere Karikaturzentrum Jim/Stifler. Mit einem einzigen Satz sind sie charakterisiert. Wenn gleich zu Beginn mehr schlecht als recht jeder der fünf Jungs seinen „12 Jahre später“ Moment bekommt, muss man sich schon wundern, wie egal uns drei der Jungs sind und wie uninteressant die Lebenssituation der anderen beiden ist. Es sind Szenen, die man sonst am Ende zeigt, während des Abspanns, um diesen irgendwie interessant zu gestalten. Und da die Filme uns glauben machen, ihnen ginge es wirklich um die Figuren, um die Freundschaft der Jungs, um ihren Platz im Leben, fehlt uns ziemlich schnell ziemlich viel. Und da kommt wieder Nostalgie ins Spiel.

Wer 1999 selbst zwischen 14 und 18 Jahre alt war und mit eigenen Freunden diesen verrückten Haufen im Kino kennen lernte, wer parallel älter wurde und mit jedem neuen Film mehr und mehr von sich selbst wiederfand bzw. hineinprojizierte, wird dieses Wiedersehen mit ganz besonderen Gefühlen aufnehmen. Es ist nur nachvollziehbar. Wer nur lange genug dabei bleibt und irgendwie einen Zugang zu den Figuren und den Handlungen findet, der ist nach X Jahren natürlich voll involviert. Genau so funktionieren Daily Soaps ja auch. Aber American Klassentreffen ruht sich darauf aus und geht davon aus, dass der Zuschauer die Arbeit erledigt. Dieselben Figuren, dieselben Situationen, dieselben Witze – alles bekannt. Wenn Michelle in einer entscheidenden Szene kurz mal zur Querflöte greift, kann man sich gepflegt High Five geben und rhetorisch „Weißt du noch?“ fragend an früher zurückdenken, aber wirkliche Auswirkungen hat es nicht. Und „früher“ entspricht in den meisten Fällen wohl der persönlichen Vergangenheit der Zuschauer, nicht den ja so ultra komplexen Erlebnissen unserer American Freunde. 

Der Film ist reichlich faul darin, einfach nur zu zitieren, zu wiederholen und zu hoffen, dass man sich erinnert. Es ist dasselbe Prinzip wie bei einem Klassentreffen an sich, wo man auch an die Schulzeit, an alte Freunde und Erlebnisse erinnert, die Gegenwart mit der vergangenen Jugend verknüpfen will. Und wenn wir ehrlich sind, sind Klassentreffen doch in der Regel ziemlich beschissen. Es ist eben nicht „wie früher“, man ist eben nicht für einen Tag nochmal jung. Und ja, unsere Film-Clique bekommt das zu spüren, bringt das zur Sprache und muss sich damit abfinden, dass sie eben nicht mehr zur High School gehen. Aber der Film selbst schafft es nicht, daraus viel zu machen. Der Film stellt Nostalgie über Wehmut. Lieber nochmal Jim in irgendeine peinliche Situation schicken, bei der nach Möglichkeit irgendwas mit seinem besten Stück (dieses Mal im Close-Up entblößt) passiert, statt die Sehnsucht nach der eigenen Jugend zu stark zu thematisieren. Dabei hat der Film sogar ganz gute Ideen, doch entweder muss man sie in einem Berg aus Aufgewärmten suchen, oder man setzt sie überall ein, wo es nur geht. So bekommt jeder der fünf Jungs einen mal bekannten, mal symbolischen Geist der Vergangenheit als Prüfung. Eine Versuchung, die jeder richtig einschätzen muss, um das Erwachsenenleben auf Kurs zu halten. Das ist eigentlich nett, aber oberflächlich präsentiert und irgendwann auch durchschaubar. Wenn Oz auf Mena Suvaris Heather trifft und man sich anschaut, wenn beide im Schlepptau haben, ist die Sache eigentlich klar. Und das wiederum hat Auswirkungen auf Kevin und Vickie. 

In wenig glaubwürdigen Drama-Szenen spielen Jim und Michelle banalste Eheprobleme durch, steckt Finch in einer Lebenskrise, bis Steven Stifler mal wieder unvorstellbar dumme und abartige Dinge macht oder sagt. Weil das ja früher auch schon so war. Jedes Mal, wenn es tatsächlich um etwas gehen könnte, opfert dies der Film für einen dämlichen Gag, den man so schon kennt. Wahrscheinlich sogar schon aus diesem vierten Film. In der Regel trifft es Tollpatsch Jim, den Jason Biggs immer noch mit naiv-sympathischem Charme spielt, dessen Eskapaden aber Mal um Mal aufgesetzter wirken. Trauriger Höhepunkt, wie er sich irgendwann in SM-Kluft wiederfindet. Außer Biggs, Alyson Hannigan (die erstaunlich gut vergessen macht, dass sie in „How I met your Mother“ praktisch dieselbe Rolle spielt), Eugene Levy als Jims Dad und Seann William Scott kann man die restlichen Darsteller vergessen. Wenn man böse ist, könnte man sogar nachvollziehen, warum sonst keiner von ihnen eine nennenswerte Karriere hat. Aber was soll man aus einer vollkommen uninteressanten Rolle wie Kevin auch schon machen? Das Script schleppt sich unharmonisch, überlang und überladen mit Wiederholungen und Nichtigkeiten durch nichts als drei Partyszenen, präsentiert mit der jungen Ali Cobrin quasi die neue Nadia und schmeißt zu später Stunde mit Gastauftritten um sich, die zunehmend witz- und sinnloser aussehen, bis hin zu Peinlichkeiten mit Nadia oder dem Sherminator. Das kann man alles schmerzfrei witzig und mit Nostalgie erträglich finden, aber eigentlich ist dieser vierte „American Pie“ ein Wiedersehen, das in dieser Form keiner braucht.

Fazit:
Nostalgie um jeden Preis. Die bekannten Figuren, die bekannten Situation, die bekannten Gags. Alles in diesem Film kommt irgendwie bekannt vor, was je nach Erwartungshaltung positiv oder negativ sein könnte. Da Neuerungen aber fast gänzlich fehlen und man mit der Thematik des Erwachsenendaseins nur oberflächlich umgeht, ist „American Pie 4“ als glatte Enttäuschung anzusehen.

4 / 10

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