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Kritik:
Anna Karenina


von Christian Westhus

ANNA KARENINA
(UK, 2012)
Regie: Joe Wright
Cast: Keira Knightley, Aaron Taylor-Johnson, Jude Law, Alicia Vikander

Story: Nach Lew Tolstois Roman: Russland, Ende des 19. Jahrhunderts. Anna Karenina (Knightley), Ehefrau des angesehenen Ministers Karenin (Law), beginnt wider besseren Wissens eine Affäre mit dem jungen Offizier Vronsky (Taylor-Johnson). In der Leidenschaft sieht die wahrscheinlich berühmteste Ehebrecherin der Weltliteratur wahre Liebe und setzt damit ihr gesamtes Leben aufs Spiel. Von der feinen Gesellschaft geächtet, wird aus Anna Karenina eine Ausgestoßene. Aber die Affäre zwischen Anna und Vronsky hat auch Auswirkungen auf andere Mitglieder der hohen Gesellschaft.

Kritik:
Fast 150 Jahre alt ist Lew Tolstois vielleicht bekanntester Roman inzwischen. Schon mehrfach verfilmt und nahezu untrennbar mit der gesellschaftlichen Sitten- und Moralwelt seiner Entstehungszeit verknüpft, stellt sich bei einer erneuten Verfilmung die entscheidende Frage, was „Anna Karenina“ heute noch so relevant macht, dass es einer neuen Verfilmung bedarf. Wenn diese Neuverfilmung nicht einfach nur einen Einblick in Moralgeschichte geben will, wenn man nicht bloß einen irgendwie gearteten Kostümfilm vorführen will, muss es etwas geben, das die Geschichte um Anna Karenina auch heute noch erzählenswert macht. Im 21. Jahrhundert ist Ehebruch zwar noch immer keine schöne Sache, aber Fremdgeher werden schon lange nicht mehr mit einer solchen Verachtung und Ausgrenzung bestraft, wie es Anna geschieht, als das Gerede um ihre angebliche Affäre mit Offizier Vronsky kontinuierlich zunimmt. Solche Geschichten können immer als Spiegel funktionieren, wo wir – egal ob in der diffus-adligen Welt des zaristischen Russlands oder woanders – einmal waren und wo wir – wenn auch nicht überall gleich – heute stehen. Und doch finden Drehbuchautor und Theaterexperte Tom Stoppard und Regisseur Joe Wright andere Wege, um diese neue „Anna Karenina“ sehenswert und vielleicht gar wieder relevant zu machen.

Einerseits geschieht dies inhaltlich, andererseits geschieht es inszenatorisch. Ein magischer erster Blickkontakt im Zug besiegelt das Schicksal von Anna und Vronsky. Noch hält die Etikette der Oberschicht beide davon ab, ihrer Leidenschaft nachzugehen. Sie belagern und verfolgen einander, umschwärmen einander, wie Insekten ein Licht. Und sie werden sich aneinander verbrennen. Doch für Vronsky und Anna ist es die wahre Liebe. Vronsky ist ein Jungspund, ein bekannter Schwerenöter, dessen Mutter ganz eigene Regeln für ihn und ihre übrigen Söhne hat. Doch der Heißsporn ist sich sicher, dass er Anna aus wahrer, aufrichtiger, leidenschaftlicher Liebe begehrt und nicht nach einer Nacht wieder fallen lässt. Anna findet bei ihm das, was sie von ihrem beherrschten, zumeist in die Arbeit vertieften Ehemann nicht bekommen kann. Minister Karenin ist ein Kopfmensch, der auch Eifersucht ganz logisch und „vernünftig“ für respektlos hält, da das Gott gegebene Eheversprechen zu Treue verpflichtet. Wright und Stoppard machen Anna Karenina beinahe zu einer Heldin, zu einer Kämpferin für persönliche und emotionale Freiheit, die sich zuweilen ganz bewusst gegen das heuchlerische Gehabe ihrer Umwelt, der Oberschicht aus Moskau und St. Petersburg, stellt und sich zu ihrer Herzensentscheidung bekennen will. Aber „Anna Karenina“ ist nun mal Tolstoi und – ohne das zu sehr herabwürdigen zu wollen – nicht Jane Austen. Die vermeintliche Heldin lädt das Misstrauen in ihre Welt ein und ist dem gesellschaftlichen Druck nicht immer gewachsen.

Tom Stoppards Drehbuch destilliert Tolstois tonnenschweres Jahrhundertwerk in einem nur knapp über zwei Stunden gehenden Film zwangsläufig zu einem eher geradlinigen Ehe- und Liebesdrama, zu einem gesellschaftlichen Moralstück, dem natürlich die Möglichkeiten eines ausufernden Romans fehlen. So gesehen macht das Script hier vieles richtig, obwohl der Mittelteil sich ganz leicht zieht und es am Ende fast schon erwartungsgemäß einen Hauch zu schnell geht und zu oberflächlich wird. Anna, Vronsky und Karenin bilden das Zentrum. Die Nebenhandlung um Annas Schwägerin Dolly – kurz, aber berührend: Kelly McDonald – die ihrerseits betrogen wurde und an Scheidung denkt, wird auf ein notwendiges Minimum reduziert. Dafür erstrahlt das Werben des Gutsbesitzers Levin um die noch junge Gräfin Kitty, die mit ihren jugendlichen Flausen noch ganz anderen Männern nachschmachtet, umso stärker. Das liegt nicht zuletzt an den Darstellern, denn Domhnall Gleeson und die junge Schwedin Alicia Vikander erheben ihre Szenen und machen das Schicksal von Levin und Kitty beinahe interessanter, als die wahre Liebe, die nicht sein darf, zwischen Anna und Vronsky. Während Aaron Taylor-Johnson als eitler Gockel mit eigenwilliger Gesichtsbehaarung und affektierter Art zu rauchen nicht immer überzeugt, spielt Keira Knightley hier die vielleicht stärkste Rolle ihrer bisherigen Karriere. Knightley, die als ernsthafte Schauspielerin immer ein wenig unterschätzt wird, ist als unrettbar Liebeskranke, als leidende Rebellin und untreue Ehefrau stets eine faszinierende Erscheinung.

Dabei wirkt der von überwiegend britischen Leuten hinter der Kamera gemachte und überwiegend britisch besetzte Film selbst in der deutschen Synchronisation hier und da noch ausgesprochen britisch. Regisseur Joe Wright machte ja sogar mit der Austen Verfilmung „Stolz und Vorurteil“ (ebenfalls mit Keira Knightley) auf sich aufmerksam. Und Wright war seit jeher ein Stilist. Seine „Anna Karenina“ gleicht keinem filmischen Vorgänger. Annas Schicksal ist kein ausnahmslos russisches Schicksal und auch nicht ausschließlich ein Schicksal des 19. Jahrhunderts. Dies gelingt durch eine einzigartige Art der Inszenierung und Stilisierung. Was Wochen vor Drehbeginn noch als „gewöhnlicher“ Kostümfilm geplant war, wurde plötzlich umstrukturiert und zu einer experimentellen Fusion von Theater und Film gemacht, mit der „Anna Karenina“ dem dubiosen Untergenre des Kostümfilms neues Leben einhaucht. Die Menschen der adligen, aristokratischen, großbürgerlichen Oberschichte spielen ein Spiel. Eine Charade, eine Maskerade, ein Rollenspiel mit eigenen Gesetzen, bei dem wahre Gefühle und Gedanken zumeist verschwiegen werden. Regisseur Wright verlegt die Oberschichtsszenen in ein verlassenes Theater und lässt Raum und Zeit in einer zelebrierten und gewünschten Künstlichkeit verschwimmen. In der fulminanten halben Stunde zum Einstieg zelebriert Wright mit großartiger Kamera, einem flotten Schnitt und der atemberaubenden Ausstattung die Scheinwelt der höheren Gesellschaft. Wände werden von der Decke herunter gelassen, Kulissen vor unseren Augen zusammen gebaut, Musikanten laufen herum, Komparsen schlüpfen ganz offensichtlich in verschiedene Rollen, Modelleisenbahnen verbinden Moskau und St. Petersburg, bis sogar ein Pferderennen auf der Bühne stattfindet. So verhalten sich auch die Bewohner dieser Scheinwelt, zu der Anna und Vronsky zu Beginn noch gehören, wie Schauspieler, was auch Aaron Taylor-Johnsons affektiert-künstliches Gehabe abschwächt. Hinter jeder Handbewegung, hinter jedem Blick steckt Kalkül, authentische Gefühle sucht man so vergebens, wie man echte Kulissen sucht.

Nach dem fantastischen Einstieg, bei dem uns ein mitunter schwer zu durchschauender Strom aus Familien- und Städtenamen um die Ohren braust, nimmt der Film Tempo raus. Doch Wright bleibt kreativ und zelebriert weiter die bewusste Stilisierung. Eine atemberaubende Tanz-Sequenz, so irreal wie betörend, bei dem der Tanz mehr Kampfkunstübungen gleicht, fasziniert, nicht zuletzt dank Dario Marianellis Musik. Und das Beste ist: Es ist nicht bloß Show. Wie Anna und Vronsky sich gegenseitig verführen, wie weitere Mitspieler davon wenig begeistert sind, wie die Liebenden ihre eigene Welt begründen, wird durch bewusste Inszenierung bewusste Künstlichkeit deutlich. Bis eine Figur im wahrsten Sinne die hintere Wand der Theaterbühne aufreißt und hinaus tritt in eine reale Schneelandschaft, der verlogenen Welt im Moral-Theater den Rücken zuwendet. Auch Anna und Vronsky treten bald heraus in die Realität, obgleich sie das Theater der Eitelkeiten immer wieder zurückholt. Ein Gespräch zweier Personen über Buchstabenwürfel ist gleichzeitig eine der herzzerreißendsten Szenen des Jahres und ein wunderbares Symbol dafür, wie sehr man sich in dieser Welt in sich selbst verschließt. Diese Ideen, diese Bildgewalt, die Emotionen entschädigen über weite Strecken für die Versäumnisse und Verfehlungen der zweiten Filmhälfte. Und wenn sonst nichts hilft, genießt man den visuellen Wettstreit zwischen Kamera, Ausstattung und den Kostümen. Die Kostüme von Jacquelin Durran sind wahrlich eine Wucht. Nicht nur wunderschön anzusehen, von farblicher Intensität und kreativer Form, auch als Seelen- und Gesellschaftsspiegel wirken die üppigen Kleider und schmucken Uniformen. Ein Höchstgenuss.

Fazit:
Ein x-fach verfilmter Roman wird mit interessanten Deutungsansätzen, tollen Darstellern und einer fulminanten, experimentellen Inszenierung zu einer lohnenswerten Besonderheit der Literaturadaption und des Kostümfilms. Als reine Adaption sicherlich mit Macken, überzeugt „Anna Karenina“ als kreatives Liebesdrama mit visuellem Einfallsreichtum.

8 / 10
 

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