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Kritik:
Anonymus


von Christian Westhus

ANONYMOUS (2011)
Regie: Roland Emmerich
Cast: Rhys Ifans, Vanessa Redgrave, Sebastian Armesto, Rafe Spall

Story:
Wer schrieb die Werke, die wir heute William Shakespeare zuordnen, wirklich? Edward, Graf von Oxford, ist seit seiner Jugend vom Theater und der Macht des Wortes fasziniert, doch für einen Mann seines Standes ziemt es sich nicht, Theaterstücke zu schreiben. Als um die alternde Königin Elizabeth I. die Diskussion um die Thronfolge aufkommt, versucht Edward das Volk mit seinen Stücken gegen die Konkurrenz am Hofe aufzubringen, um zu verhindern, dass König James von Schottland die Blutlinie der Tudors unterbricht. Edward braucht nur einen Strohmann, einen Mann aus dem Volk, der seine Schriften unter fremden Namen veröffentlich. Bald schon lässt sich Trunkenbold und Weiberheld Will Shakespeare für „Hamlet“, „Henry V.“ und „Romeo & Juliet“ feiern.

Kritik:
Er oder nicht Er, das ist hier die Frage. Das „Sein oder Nichtsein“ von Roland Emmerichs Entmystifizierungsversuch der Shakespeare Autorschaft, beschäftigt auch die Literaturwissenschaft seit vielen Jahren. Ist der Mann namens Will Shakespeare aus Stratford-upon-Avon wirklich der Autor einiger der berühmtesten dramatischen Werke? Und wenn ja, wie viele? Für Emmerich selbst war es als Regisseur der Wunsch, etwas Neues zu machen, eine Zäsur zu vollziehen. Er wollte weg vom krawalligen Destruktionskino und suchte sich ein möglichst kleines Projekt aus, bei dem zur Abwechslung mal wenig bis gar nichts explodiert oder zerstört wird. Das schürte natürlich den Verdacht, wenn sonst schon nichts mit wehenden Fahnen und berstenden Klump zerstört wird, dann scheint es Emmerich auf eine Zerstörung Shakespeares abgesehen haben. Der Ruf des Barden stand auf dem Spiel und der Film rückte drohend heran mit dem selbstauferlegten Anspruch, die große Verschwörung nun aufzudecken. 

Shakespeare-Mime Derek Jacobi tritt zunächst auf, um uns in der Gegenwart auf das vorzubereiten, was nun kommt. Von der Bühne aus geht der Blick zurück. Auffällig jedoch, wie sehr der befürchtete aufklärerische Pathos von Jacobis Reden, die wahre Identität Shakespeares aufdecken zu wollen, in ihrer Zündkraft entkräftet wurde. Was in der Werbung noch nach einem neuen Fall fürs Galileo Mystery Team aussah, mit dem eigenen Anspruch, die Wahrheit aufzudecken, gibt sich im fertigen Film besänftigt. Emmerich und Drehbuchautor John Orloff müssen eingesehen haben, dass die Oxford’sche Theorie zur Identität Shakespeares bzw. Autorschaft der Werke nicht gerade die glaubwürdigste Wahl ist. So verkündet Jacobi, nur eine Geschichte, eine Möglichkeit zu erzählen, die nicht zwangsläufig wahr sein muss, aber – und daraus zieht sie ihre Faszination – wahr sein könnte. Behauptet jedenfalls der Film. Am Ende ist man sich eh einig, dass, egal wer die Texte verfasst hat, die Shakespeare’schen Schriften unsterblich und von Meisterhand verfasst sind. Der Autor war ein Spiegel seiner Zeit, ein Humanist und – so der pathetisch-heroische Ton gegen Ende – der vielleicht größte Wortvirtuose der Menschheitsgeschichte. Viel eher wagt sich der Film abseits der Shakespeare-Pfade und treibt ein böses Spiel mit der englischen Geschichte, wühlt tief in der Klischee-Kiste, um rund um Elizabeth der Ersten einen vertuschten Skandal royalen Ausmaßes am Hofe zu stricken. Das hat dann eher was von semi-trashigem Skandal-Pulp in adligen oder religiösen Gefilden, wie sie ein Dan Brown gerne mal heraufbeschwört.

Ganz zentral, denkt man sich, die Figur des Will Shakespeare. Es sollte hier doch in erster Linie um die Urheberschaft der Dramen und Sonette gehen. Dieser Shakespeare ist dann auch ein ausgemachter Trottel und Trunkenbold, ein Weiberheld und Gierhals, den Rafe Spall trotz banalstem Drehbuch recht lebhaft und glaubwürdig verkörpert. Eigentlich hatte Edward, der Graf von Oxford, einen wenig erfolgreichen Dramatiker auserkoren, seine Schriften unters Volk zu bringen. Doch Moral und eigene Ambitionen eines gewissen Ben Jonson führen schließlich zu Shakespeare, der Oxford auch namentlich wesentlich besser gefällt. Nur charakterlich ist der gute Will ein maßloser Genussmensch, Angeber und Selbstdarsteller. So viel Ruhmesdekonstruktion ist dann scheinbar doch noch erlaubt. Doch bis der Film überhaupt diese Grundkonstellation erreicht, hat er sich schon mehrfach selbst ein Bein gestellt. John Orloffs Script macht es gerade zu Beginn zu umständlich. Zunächst öffnet Zeremonienmeister Derek Jacobi ganz elegant die Theaterbühne als Erweiterung in eine lebhafte Welt, als Sprung ins elisabethanische England. Dann jedoch bricht sich das Script beinahe den Hals, als es reichlich unelegant doppelt und dreifach zeitlich zurückspringt und am Ende der Haupthandlung genau so unelegant wieder vorspringen muss. Eigentlich besteht kein Bedarf, Jonson, und damit Oxford, schon nach zehn Minuten dem Zuschauer zum Fraß vorzuwerfen. Gemacht wird es dennoch, was dem überwiegend fiktiven Scharmützel ein wenig die Spannung raubt. 

Emmerich inszeniert das mitunter nicht ungeschickt, aber häufig auch dröge, wenn er sich ganz auf seine Darsteller verlässt, die sich ganz auf die Dialoge verlassen und häufig dann auch verlassen sind. Wer sich mit der Wortgewalt Shakespeares einlässt, läuft Gefahr, von ihr zermalmt zu werden. Orloff wollte mit seinem Script selbst ein Shakespeare’sches Drama entwickeln, mit dem Grafen Oxford als verkanntem Genie und Opfer seiner Umwelt, mit Lug, Betrug und verlorener Liebe, die im Tod endet. Nur, dass Orloffs eigene Dialoge, sein eigenes Szenenarrangement nicht mit der Virtuosität Shakespeares mithalten kann, ja bisweilen nicht mal Kostümfilm-Standards erreicht. Der angeblich für bescheidene 25 Millionen Dollar gedrehte Film bietet besonders in den Außenaufnahmen ein beachtliches, computergeneriertes Stadtbild des elisabethanischen Londons. Eine Massenszene auf der gefrorenen Themse ist genau die Art von Bombast, die sich Emmerich auch in diesem kleinen Film nicht verkneifen kann. Nur spielt sich die überwiegende Mehrheit des Films dann doch in geschlossenen Räumen ab, die mit nicht übermäßig pompös kostümierten Personen in nicht all zu großer Anzahl bevölkert sind. 

Letztendlich retten die Darsteller den Film, der lange Zeit weniger an den Theaterstücken, als am Liebesleben des umtriebigen Grafen Oxfords interessiert ist, der damit auch den Hof und die Königin selbst beeinflusst. Besonders stark ist Rhys Ifans in der Hauptrolle, der das leidenschaftliche und leidvolle Innenleben Oxfords mit einer hohen Intensität verkörpert, ohne je in theatralische Manierismen abzurutschen. Auch die ehrwürdige Vanessa Redgrave überzeugt als alte Elizabeth, während Redgraves reale Tochter Joely Richardson als junge Elizabeth die bisweilen dämlichen Dialoge noch erträglich macht. Elizabeth wird als nicht mehr ganz taufrische Regentin zum Spielball verschiedener Manipulatoren, die sie in ihrer Wahl zur Thronfolge beeinflussen wollen. Oxford will nicht selbst regieren, sähe aber gewisse Personen lieber auf dem Thron als andere. Der Stift/die Feder ist mächtiger als das Schwert. Oxford lernt, dass Worte, Worte, Worte Macht bedeuten und wird so durch Will Shakespeare zum Polit-Aktivisten, der insbesondere mit seinen Tragödien über Könige und Staatsführer die Sachlage am Hofe beeinflussen will, weil er um Elizabeths Affinität fürs Theater weiß. Die Thronfolge soll beeinflusst werden, bei der auch ein zwielichtiger Berater der Königin und dessen buckliger Sohn mitmischen, während aus Spanien und Irland Stress mit den Katholiken droht. 

Ob Emmerich und Orloff die so naheliegende Analogie, den verklemmt regungslosen Adel und den manipulierbaren Pöbel zu heutiger Filmkritik und Publikum zu denken, bewusst oder unbewusst aufgriffen, ist so subjektiv und undurchschaubar wie die Autorschaft der Shakespeare-Werke. Klar ist, dass mit dem Film letztendlich gar nichts wirklich zu holen war. Egal ob das Rätselraten um Shakespeare oder die grotesken Verstrickungen am Hofe – es fehlt an Intensität und Sprengkraft, die weder das unentschlossene Script, noch die zahme Inszenierung wirklich bewerkstelligen können. Orloff und Emmerich verrennen sich zudem nicht nur in faktische Fehler, sondern auch in Unglaubwürdigkeiten. So hat Oxford einen ganzen Batzen seiner berühmtesten Stücke schon als Jugendlicher verfasst und auf der hohen Kante liegen, um den Pöbel nach und nach innerhalb von Wochen oder wenigen Monaten seine Ideen unterzujubeln, einzutrichtern, bis sie die Bühne erklimmen und den Königsmörder selbst lynchen wollen. „Ein Sommernachtstraum“ schrieb Oxford schon als Junge, „Richard III“ haut er gefühlt in einer Nacht in die ‚Tasten’ und schiebt „Venus und Adonis“ mal eben so nach. Stimmen hört er, der gute Edward, und ruiniert mit der finanziell unerträglichen Ghostwriter-Arbeit beinahe seine Familie. Nur Will Shakespeare wird Dank Oxford so reich, dass er mal eben das Globe Theatre aus dem Boden stampfen lässt.

Fazit:
Als bewusst fiktiv gehaltenes Drama im Stile von „Shakespeare in Love“ wäre „Anonymus“ wahrscheinlich besser gefahren. Die Darsteller sind gut und die doppelte Verschwörung mit der Autorschaft und amourösen Verstrickungen am Hofe sind nicht uninteressant, leiden jedoch unter der mut- und ideenlosen Herangehensweise von Script und Regie. Optisch holt Emmerich aus dem „kleinen“ Film eine Menge raus, doch die bisweilen kammerspielartige Enge lässt den Film auch träger wirken, als er eigentlich ist.

5 / 10

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