Kritik:
Another Year
von
Christian Westhus
ANOTHER YEAR
(2011)
Regie: Mike Leigh
Cast: Jim Broadbent, Ruth Sheen, Lesley Manville
Story:
Tom und Gerri sind ein Ehepaar jenseits der 50, die
überwiegend zufrieden ihr überwiegend simples Leben
genießen. Wenn sie nicht gerade arbeiten, kümmern
sie sich um ihren Kleingarten oder treffen sich mit ihren Freunden,
für die sie stets ein offenes Ohr haben. Denn bei ihren
Freunden, wie Gerris Arbeitskollegin Mary oder Toms altem Freund Ken,
sieht das Leben weniger positiv aus.
Kritik:
Im
traditionsreichen Subgenre des englischen Sozialdramas ist Regisseur
und Autor Mike Leigh nicht nur einer der wichtigsten Vertreter, er ist
angesichts der sonst oft bitteren und schweren Blicke auf menschliche
Miseren auch einer der – wenn man so will –
positivsten Macher dieser Gruppe. Seine Filme sind humanistischer, ja
oftmals vielleicht sogar optimistisch, natürlich ohne Figuren
und Themen in unrealistischen Kitsch zu tränken, ohne den
stets immanenten Grundgedanken, realistisch zu sein, zu
vernachlässigen. Mike Leigh spart nicht an
erschütternden Schicksalen oder negativen Erfahrungen, wie in
seinem Meisterwerk „Nackt“ von 1993 nur zu gut zu
sehen. Er ergötzt sich aber auch nicht einseitig daran,
sondern taucht Handlung und Figuren in eine realistisch wirkende
Warmherzigkeit. Nicht, um das Negative abzuschwächen, sondern
um nicht einseitig zu wirken, denn auch das Leben ist nicht 24 Stunden
am Tag und 7 Tage die Woche Hölle auf Erden. So gesehen bildet
auch „Another Year“ keine Ausnahme. Es ist das
Leben als Film; „life in a nutshell“, wie der
Engländer sagen würde.
Tom und
Gerri, unsere Hauptfiguren, führen auch im höheren
Alter scheinbar noch eine erfüllende Ehe. Beruflich hat man
die letzten Jahre vor sich, scheint einigermaßen abgesichert
und kann es sich leisten, Zeit in den Kleingarten zu stecken und sich
den Kopf über Familie und Freunde zu zerbrechen. Die beiden
suchen sich nicht die Probleme anderer, weil sie selbst keine haben,
aber Tom und Gerri sind nette Menschen, die sich sorgen und gerne auch
mit Rat, Tat und offenem Ohr zur Seite stehen. Tom und Gerri sind
Verknüpfungs- und Ankerpunkt für alle weiteren
Handlungen, die eigentlich viel mehr im Zentrum stehen. Der gemeinsame
Sohn Joe ist 30, aber noch unverheiratet. Kumpel Ken, der zu Besuch
kommt, trinkt und isst zu viel, weil er einsam und unzufrieden ist. Und
Arbeitskollegin Mary, die stets ein bisschen durch den Wind zu sein
scheint, ständig nervös und nur mit literweise Wein
zu beruhigen ist (und dann anfängt, ihren Kummer wortreich
auszuführen), entwickelt sich bald zum
größten Problemfall. Für ihre Freunde ist
dieses Jahr mitunter entscheidend, nur ein weiteres Jahr Elend oder der
Beginn von etwas Neuen, von etwas Wunderbarem. Für Tom und
Gerri ist es dagegen nur ein weiteres Jahr, just „another
year“.
In Jahreszeiten
unterteilt stehen wir vor vier Abschnitten, die überwiegend
nur aus zwei Schauplätzen bestehen; dem Kleingarten von Tom
und Gerri, und ihrem Haus. Der Garten verändert sich mit der
wechselnden Witterung und der kontinuierlichen Pflege seiner Besitzer,
während das Haus und das Leben überwiegend gleich
bleiben. Natürlich ist das nicht der Fall, denn selbst
geteilte Erfahrungen oder Veränderungen bei den Mitmenschen
führen auch zu Veränderungen bei Tom und Gerri. Und
doch sind sie der rhetorisch überstrapazierte Fels in der
Brandung. Jim Broadbent und Ruth Sheen geben – wie
übrigens sämtliche Darsteller –
großartige Leistungen ab. So natürlich und lebensnah
wirkte eine Ü50-Ehe selten. Die Dialoge – und der
Film besteht fast ausschließlich aus Dialog- und
Gesprächsszenen – wirken wie wortwörtlich
aus dem Leben gegriffen, absolut lebendig und erfrischend
nachvollziehbar. Da wird auch mal über Ökologie und
Sinn oder Unsinn einer Autoanschaffung diskutiert, aber dann
heißt es gleich wieder „willst du vielleicht eine
Tasse Kaffee?“ Kaffee, Tee und Wein, hin und wieder auch ein
Bier begleiten die Gespräche, die in verschiedenen Stimmungen
direkt mit den Figuren verschmelzen. Am Ende des Films hat man das
Gefühl, tatsächlich große Teile eines
Jahres mit Tom, Gerri, Joe und Mary verbracht zu haben. Und weil Mike
Leigh es versteht, realistisch zu wirken, ohne einfallslose
Homevideo-Ästhetik mit Handkamera zu bemühen, ist der
von den Jahreszeiten und vom englischen Lebensgefühl
durchzogene Film auch noch hübsch anzuschauen.
Das Gesamtkonzept wäre
aber nur halb so gelungen ohne Lesley Manville. Als Mary liefert sie
eine Leistung ab, die zu den stärksten Darstellungsleistungen
der letzten Jahre gehört. Mary ist die eigentliche Hauptfigur,
obwohl sie immer nur ein Gast bei Tom und Gerri ist. Sie ist unter all
diesen höchst lebensnahen Figuren der mit Abstand komplexeste
Charakter. Eine äußerlich leicht verwirrte, aber
betont lebensfrohe Frau Ende der 40, vielleicht schon über 50.
Aber innerlich liegt ihr Leben brach, überfällt die
Ärmste eine zunehmend spürbare Depression. Einsamkeit
scheint wohl die Hauptursache für ihren Kummer. In ihrem Alter
kommt ihr langsam der Gedanke, dass der Zug für eine eigene
Familie abgefahren ist, dass sie auch nicht attraktiver wird. Tom und
Gerri sind ihre Ersatzfamilie, denen sie stolz berichtet, dass ein
neues Auto ihr den Lebensmut und das Gefühl von Freiheit
zurückbringen soll. Doch immer wieder wird sie
zurückgeworfen oder steht sich selbst im Weg. Sie nimmt auch
nicht jeden armen Trinker, der Interesse für sie zeigt. Bei
Enttäuschung greift sie entweder verstärkt zur
Flasche oder reagiert mit schlecht kaschierter Ablehnung, die sie nur
noch weiter von ihren Mitmenschen und vom Glück entfremdet.
Wenn Manville die Szenerie betritt, ist sie das ständig
quasselnde, zu Herzen gehend wehleidige Zentrum des Films. Und in einem
typischen Anflug von magischem Kino-Realismus findet Mary auf
eigenartige Weise einen ungewöhnlichen Seelenverwandten. Bis
zur grandiosen Schlussszene, in der Leigh unterstreicht, wer die
eigentliche Hauptfigur des Films ist, bietet „Another
Year“ einen unfassbar emotionalen, so herz- wie schmerzlichen
Blick auf das Leben. Ein Film, für den man nicht selbst schon
jenseits der 50 sein muss, um ganz und gar davon gefangen genommen zu
werden.
Fazit:
Ein
meisterhaft arrangiertes Miteinander verschiedener Personen und
Lebenseindrücke, das in lebensnahen und toll gespielten Dialogen
eine reichhaltige Filmerfahrung bietet. Emotional und aufschlussreich,
dabei mit grandiosen Darstellern bestückt, aus denen Lesley
Manville übergroß herausragt.
9 /
10
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