BG Kritik:

Antichrist


Der "Snob" unter den BG Redakteuren. Seine Herkunft ist mysteriös. Angeblich besucht er ein Bildungsinstitut in Bielefeld. In Bielefeld!

Antichrist (US 2009)
Regisseur: Lars von Trier
Cast: Willem Dafoe, Charlotte Gainsbourg

Story: Während ein Paar miteinander schläft, stürzt ihr kleiner Sohn in den Tod - ein Grauen, dass die Frau nicht verarbeiten kann. Kurzerhand fährt sie mit ihrem Mann, einem Therapeuten in ein Waldgebiet, indem sie in der immer stärker werdenden Abwärtspirale von Ängsten und Wahn versinken...

Lars von Trier an der Grenze des Zeigbaren.

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So konnte man jedenfalls dem Presseecho entnehmen, das nach den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes reichlich oft „Skandalfilm“ skandierte. Seit „Irreversibel“ 2002 entfachte kein Film des Festivals derartige Reaktionen. Die schon jetzt berühmt-berüchtigte Szene, die nicht zuletzt Anlass der Aufruhre war, wurde schlagartig bekannt und im Internetwirbel natürlich zu einem größeren Ungetüm aufgeblasen, als tatsächlich der Wahrheit entspricht. Fakt ist, dass es diese Szene gibt und dass „Antichrist“ ein enorm unangenehmer Film ist, dessen Kontroverse man durchaus nachvollziehen kann. Fakt ist aber auch, dass man das Pressegerede um Schock-Szenen, Frauenfeindlichkeit und pornographische Einlagen am besten ignorieren sollte, um einen der stärksten und intensivsten Filme des Jahres mit eigenen Augen zu sehen.

In der ersten Szene könnte man fast meinen, von Trier müsse auch dem Letzten beweisen, dass „Dogma“ vorbei ist: Extreme Zeitlupe, sattes Schwarz-Weiß, fließende Kamerafahrten und dazu elegische Musik in Form der bekannten Arie „Lascia ch´io pianga mia cruda sorte“ (Lass mich beweinen mein grausames Schicksal), aus Händels Oper „Rinaldo“, gefolgt von einer realen Penetration in Nahaufnahme. So unnötig diese Einstellung auch sein mag, sie gibt die thematische Marschrichtung vor, denn Sex und Sexualität sind ein zentrales Thema und quasi doppelter Ursprung allen Übels. Doch der Reihe nach. Der Sohn ist tot, der Epilog beendet und als in der nächsten Szene die Farbe zurückkehrt, scheint Charlotte Gainsbourg um zehn Jahre gealtert.

Seine Filme in Kapitel zu unterteilen, ist bei Lars von Trier keine Seltenheit, siehe „Dogville“ und „Breaking the Waves“, und so entfaltet sich das Ungetüm das da „Antichrist“ heißt ebenfalls in vier Kapitel (Grief, Pain, Despair, The three Beggars) plus Prolog und Epilog. Schon das Titeldesign in grell bunter Abstraktheit sorgt für Unbehagen, selbst wenn sich das erste Kapitel noch als waschechtes Drama präsentiert. Mit von Triers typischer Art der leicht pendelnden Kamera und des abgehackten Schnitts, der gerne mal mitten im Satz zuschlägt, beobachten wir das namenlose Ehepaar beim Versuch, den Tod des Sohnes zu kompensieren. Während Willem Dafoes Charakter ein viel zu gefasster, geradezu ekelerregend ruhiger Therapeut ist, erleidet Charlotte Gainsbourg einen Kollaps. Von Angstattacken geplagt, sucht sie die Schuld für den Kindstod bei sich, sehnt sich selbst nach dem Tod und landet nur in den Armen ihres Mannes, der ihr, so sagt er jedenfalls, helfen will. Er ist zwar gegen Medikamente, versucht die Trauer seiner Frau aber wissenschaftlich und analytisch zu ergründen und beginnt eine Reihe von Test, Befragungen und Rollenspielen, die sie schließlich in den Wald führen.

Im Wald schlägt der Film dann endgültig um. Schon bei einer Art Hypnose zuvor, bewandern wir in einer unfassbar langsamen Zeitlupe den Wald, der unheilvoll nebelverhangen erscheint und durch den eine geisterhaft leuchtende Charlotte Gainsbourg schleicht. Lars von Trier inszeniert von nun an einen Horrorfilm, der natürlich nicht einfach ein Horrorfilm ist, sondern Teil des für ihn typischen Spiels mit Genres, Erwartungen und Abstrahierungen. Besonders in den vielen Traum- und Wahnsinnsszenen entfaltet der Film eine rauschhafte Sogwirkung, wie sie kein Genrefilm der letzten Jahre aufbauen konnte. „Antichrist“ bietet die furchterregendsten und unheimlichsten Waldszenen seit Jahren. Die Kameraarbeit von Anthony Dod Mantle wechselt gekonnt von frei und wackelig zu strukturiert und effektiv, wird dabei von einem gespenstischen Sounddesign unterstützt, wie man es sonst nur aus David-Lynch-Filmen kennt. Es knarrt und knackt und dröhnt unheilvoll, während die Naturgeräusche mal anschwellen, mal verschwinden.

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Der Wald selbst wird zur dritten Hauptfigur. „Die Natur ist die Kirche Satans.“, sagt die Frau an einer Stelle, als sie schon mehrfach spüren musste, wie die Natur ihr scheinbar feindselig gesinnt ist. Von Trier baut zudem eine Art Naturmythologie auf, die sich schon in den Kapitelnamen bemerkbar macht und immer bizarrere Transformationen annimmt. Das gebärende Reh ist nur der Anfang und wem bei der erschreckend fleischig und irreal-realistisch wirkenden Fuchsszene (trotz kryptisch alberner Äußerung) schon angst und bange wird, sollte abwarten, was etwas später im Fuchsbau passiert. Von Trier zitiert sich munter durch einen Horror-Mikrokosmos von Dante bis „The Shining“ und bietet schon visuell mehr Denkansätze und Diskussionsstoff, als die meisten aktuellen Kinofilme zusammen.

Der infernalische letzte Akt, der in grandiosen Bildern aus Wut, Schmerz, Blut und Sex mündet, ist gekonnt montiert und birgt (neben einer zweiten unnötigen Pornographieszene) im Zentrum zwei Darsteller, die sich bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus einem von Trier hingeben, der diesen angeblich wichtigsten Film seiner Karriere, seine Selbsttherapie, mit der gewohnten Mischung aus Arroganz, Selbstbewusstsein und bewundernswertem Können zu Ende bringt. Besonders Charlotte Gainsbourg ist so intensiv und selbstzerfleischend, dass der Schmerz spürbar wird. Eine erschütternde und mutige Darstellung, die alles offenbart, nicht nur Äußerlichkeiten, wie in der ebenfalls real erscheinenden Masturbationsszene.

Doch was bringt dieser Terror eigentlich anderes, als dass man das intensivste Kinoerlebnis seit langer Zeit erfahren hat? Als wenn damit nicht schon genug erreicht ist, generiert von Triers Bilder- und Gedankensturm mannigfaltige Diskussionsansätze. Der Vorwurf der Misogynie lässt sich nicht so schnell aus der Welt schaffen, dafür ist die finale Tat der Frau in ihrer Bildsprache zu deutlich. Von Trier lässt zwei Welten aufeinander prasseln. Der Mann, als rationaler, fast anormal emotionsloser Kopfmensch, gegen die Frau, als von der Leidenschaft kontrollierter Gefühls- und Lustmensch. Die weibliche Lust und Sexualität kann hier als Wurzel allen Unheils gesehen werden. Als Teil der Lebensspendung, die dem Sohn aber auch das Leben genommen hat und die Trauernde nicht zur Ruhe kommen lässt.

Warum aber eigentlich nur die weibliche Sexualität? Weil das „t“ in „Antichrist“ dem Weiblichkeitssymbol nachempfunden ist und ein Buch mit „Gynocide“ betitelt ist? Am Ende hat man das Gefühl, von Trier habe dem Leben, jeder Form des Lebens, den Krieg erklärt und damit die Welt, also religiös: Gottes Schöpfung, als obsolet bezeichnet. Das Leben, als sich selbst verschlingender, verabscheuungswürdiger Prozess. Und das sind nur die Extreme der Deutungsmöglichkeiten und nur Teile dessen, was sich aus dem Film mitnehmen lässt. Die Epilog-Szene ist mit seiner Symbolkraft sogar fähig, all das erneut zu kippen und wem gar nichts Anderes einfällt, zitiert einfach den Fuchs und taucht in der grandiosen Atmosphäre unter. Ein wahnsinniger Film, von einem großen Könner des Kinos.

Fazit:

„Ein Lars von Trier Film“ – Das sagt eigentlich schon eine Menge aus, nämlich, dass man hier keinen pflegeleichten Wohlfühlfilm erwarten darf, sondern schwere, unangenehme Drama-Kost. Trotz teils krasser Gewalt- und Sexszenen, ist „Antichrist“ mehr als nur ein Schocker, sondern ein grandios inszeniertes, intensives und faszinierendes Stuck Kunst, das noch lange nachwirkt und mit einer einzigartigen Atmosphäre aufwartet, die jeden gewöhnlichen Horrorfilm alt aussehen lässt.

9 / 10

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