Kritik:
The Artist
von
Christian Westhus
THE ARTIST
(2012)
Regie: Michel
Hazanavicius
Cast: Jean Dujardin, Bérénice Bejo, John Goodman
Story:
Hollywood Ende der 20er Jahre. George Valentin (Dujardin) ist der
größte Filmstar seiner Zeit. In unzähligen
Stummfilmen ist er es, der die Zuschauermassen verzaubert und auch
abseits der Leinwand in seinen Bann zieht. Durch Zufall trifft er auf
die junge Peppy Miller (Bejo), die mit aller Macht als Schauspielerin
ins Filmgeschäft drängt. Zeitgleich erreicht auch der
Tonfilm die Filmproduktionen der Traumfabrik; die Zeit der Stummfilme
scheint vorbei. Nur Valentin hält eisern an seiner geliebten
Kunstform fest und schlittert zunehmend in den Ruin, während
Millers Stern strahlend hell aufgeht.
Kritik:
„All
right, Mr De Mille, I’m ready for my close-up.“
Norma Desmond, ehemals gefeierte Stummfilmdarstellerin, wusste am Emde
von Billy Wilders Meisterwerk „Sunset Boulevard“
nicht mehr, wo unten und oben war. George Valentin hat da rigorosere
Methoden, trifft ihn doch dasselbe Schicksal. Die Talkies, die
Tonfilme, verdrängen den Stummfilm und nicht alle Darsteller
schaffen den Sprung, als sich das Medium weiter entwickelt. Der
französische Regisseur Michel Hazanavicius bringt es nun
fertig, einen Stummfilm – das ist fast ausnahmslos
– im 21. Jahrhundert zu drehen. Das beginnt ganz stilecht mit
verlängertem Vorspann und vielen Platzhalterpunkten. Der
richtige Abspann darf – ganz unstimmfilmisch – aber
trotzdem nicht fehlen, denn im 21. Jahrhundert sind an so einen Film
wesentlich mehr Leute beteiligt, die auch alle benannt werden wollen.
Hazanavicius dreht aber nicht einfach so aus Spaß an der
Freude einen Stummfilm, er verzichtet nicht einfach so, aus
nostalgischem Spielwitz, auf das gesprochene Wort und authentische
Hintergrundgeräusche. Hazanavicius dreht einen nostalgischen,
nicht viragierten Retro-Stummfilm über das Ende des
Stummfilms. Das ist so naheliegend wie clever und wird durch einige
ganz bewusste und zumeist ungeheuer wirkungsvolle Anachronismen
(abgesehen vielleicht vom platten Schluss) noch
verstärkt.
Es ist
eine eigentlich unspektakuläre Geschichte vom Aufstieg des
Einen und dem Abstieg der Anderen. Ein Film, der mit dem Ende des
Stummfilms und dem Schicksal George Valentins natürlich auch
mahnt, das heutige Kino in Zeiten von 3D, Internet, Piraterie und on
demand Services nicht zu „anders“ und
„neu“ und „jung“ werden zu
lassen. Als tatsächliches Drama hält der Film den
Vergleich mit dem inhaltlich mehr als ähnlichen
„Sunset Boulevard“ natürlich nicht stand
– muss er aber auch nicht. Hazanavicus schafft
häufig ungemein clevere und wirkungsvolle Szenen, hat tolle,
oft symbolische Ideen, wie er Film, erzählte Wirklichkeit und
die Figuren verknüpft. Das ist nicht immer subtil, aber packt
uns, ist in erster Linie erfrischend ungewohnte Unterhaltung, ohne je
der ganz große Emotionsluftballon zu werden. Gerade der
Stolz, die im Starrummel außer Kontrolle geratene Eitelkeit,
macht Valentin zu schaffen. Hazanavicius nutzt viele Spiegel, nutzt
Schatten, ergründet das projizierte Ich und macht so auch die
Leinwand zu einem Spiegel der idealisierten Selbstwahrnehmung. Von
ungeheurer (wenn auch all zu offensichtlicher) Symbolkraft, wie
Valentins Persönlichkeit, nicht nur seine Karriere, an
Erinnerungsstücken, Gegenständen, ja
Luxusgütern aufgeladen wird.
Zu Beginn haben Hazanavicius,
Dujardin und Bejo mindestens einen Zahn zu viel drauf und ergehen sich
in übergroßen, überschwänglich
expressiven Gesten, Blicken und Bewegungen, die selbst in einem
richtigen Stummfilm zumindest aufgefallen wären. Als im Film
die Talkies an die Macht kommen, fahren aber auch die Darsteller
mindestens eine Stufe herunter und „normalisieren“
sich, wie sich auch die Schauspielerei mit den Talkies einem
realistischeren Normalzustand annähert. Hauptdarsteller Jean
Dujardin scheint wie aus der Zeit gefallen. Statur, Gesicht, Mimik und
Charme wirken nicht nur durch die filmischen Manipulationen so perfekt
mit den ersten etwa 50 Jahren der Filmgeschichte verbunden. Dujardin
liefert als ständig unverschämt selbstbewusst
grinsender Lebemann und schließlich tief gefallener Ex-Star
eine Charme-Offensive ab, die ihn direkt in die Sphären eines
George „McCool“ Clooney hieven sollte. Ihm kommt
natürlich auch gelegen, dass man ihn außerhalb
Frankreichs bisher eher weniger kannte und so sein Gesicht leichter mit
der Ära verbinden kann. Hund Uggie hat indes jetzt schon ein
Platz im Pantheon der Film-Hunde sicher, so genial sein Auftritt als
dritte Hauptfigur. Besonderes Lob auch an Komponist Ludovic Bource, der
hier und da zitiert oder direkt übernimmt (eigenartigerweise
aus Hitchcocks „Vertigo“), ansonsten aber eine
wunderbare Klangpalette abliefert, die ja mehr als sonst den ganzen
Film zusammen halten muss.
Hazanavicius jongliert mit
verschiedenen Stimmungen, setzt Slapstick neben Romantik, kombiniert
Melodram mit leichter Unterhaltung. Und so ist der Film dann auch. Eine
trotz der bisweilen selbstzerstörerisch tristen Stimmung
seiner Hauptfigur kurzweilig unterhaltsame Nummer, die in den richtigen
Momenten ernst macht und es sich nicht zu einfach macht, einzig auf den
Nostalgie-Faktor zu setzen. Versäumnisse schleichen sich
natürlich ein. Wie sich Schicksal und Zufall mehrfach in
tolldreister Einigkeit verbinden, um die Figuren auf die richtige Bahn
zu lenken, hat schon etwas von einem Hollywood-Märchen. Dazu
geht es am Ende dann auch zu schnell und die gesamte Handlung mit
Valentins Frau wirkt nur wie ein überflüssig
ausgedehntes Zwischenspiel, das irgendwann auch Hazanavicius nicht mehr
interessiert zu haben scheint.
Fazit:
Ein
moderner Stummfilm über den klassischen Stummfilm und gleichzeitig
ein Appell an die Wahrnehmung des heutigen Kinos. Ein durchweg
unterhaltsamer Film, so kreativ (nicht nur weil auf Ton verzichtet
wird) wie spaßig, mit einer Charme-Granate in der Hauptrolle und
dem coolsten Filmhund seit Jahrzehnten.
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