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KRITIK:
A SINGLE MAN
von
Christian Westhus
A SINGLE MAN (2010)
Regie: Tom Ford
Cast: Colin Firth
Story:
George (Colin Firth) ist ein homosexueller
Literaturprofessor, der sich 1962 in tiefsten
Depressionen befindet. Er will sich das Leben
nehmen, doch als etwas dazwischen kommt, folgt er
der Einladung einer Freundin. Eine Einladung, die
seinen Tag verändern soll…
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Tom Fords Debüt -
eigentlich ist der Mann Modedesigner |
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Kritik:
Da ahnt man nichts Böses und plötzlich kommt ein
Film wie „A Single Man“ um die Ecke. Das Regiedebüt
von Modedesigner Tom Ford. Was kann man filmisch
schon von einem Modedesigner erwarten, fragt man
sich. Schöne Klamotten vielleicht und mit etwas
Glück eine gelackte Werbeästhetik. Aber sonst?
Tatsächlich ist „A Single Man“ einer der schönsten
Filme des Jahres – ach was, der letzten 10 Jahre.
Und unter der perfekten Oberfläche verbirgt sich
auch noch ein wunderbares Drama. „A Single Man“ ist
ein schlicht brillanter Film.
Tom Ford muss ein Naturtalent sein oder all die
Gönner lassen sich nur von der ätherischen Schönheit
des Films blenden. Aber nein, Ford weiß was er tut
und er tut es mit einer Überlegtheit, die geradezu
Furcht einflößend erscheint. „A Single Man“ ist ein
Stil-Film. Wie Besessene müssen Ford und sein Team
jedes einzelne Bild durchgeplant und umgesetzt
haben. Dabei zeichnet sich die Schönheit des Films
durch eher schlichte und radikale Eleganz aus. So
wie Tom Ford das Modehaus Gucci quasi selbstständig
revolutionierte und mit einem glasklar eleganten
Stil aus dem Sumpf hievte, ist „A Single Man“ schon
wegen seiner Schlichtheit ein Gewinn. Los Angeles in
den frühen 1960er Jahren ist wie geschaffen für
Männer in Maßanzügen, für Hornbrillen, elegante
Scheitel, und Frauen in stilistisch reduzierten
Kleidern in Schwarz oder Pastelltönen. Ford übernahm
zudem die Ausstatterin Amy Wells, die die 60er Serie
„Mad Men“ zu Oberklassenglanz verhalf.
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Ford finanzierte den Film
aus eigener Tasche |
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Und tatsächlich inszeniert Ford in vielen Szenen
mehr die Umgebung und die Körper, als die
tatsächliche Handlung. Er macht dies aus zwei
Gründen: Weil er es kann und weil es funktioniert.
Die gesamte Atmosphäre des Films wirkt traumartig,
irreal und wie in einem permanenten Schwebezustand.
In glasklaren Einstellungen beobachten wir Colin
Firth, wie er diesen einen Tag hinter sich bringt,
wie er abtaucht in Erinnerung und wie die Welt um
ihn auf ihn wirkt. Gerade dieses Gefühl, der
lebenden Umgebung, die auf den Protagonisten und
damit auf den Zuschauer wirkt, kommt in diesem Film
auf beeindruckende Art und Weise durch. Immer wieder
montiert Ford in harten, rhythmischen Schnitten
Umgebungsdetails. Zigarettenqualm, Gegenstände m
Hintergrund, Hände und Augen. Ganz besonders Augen.
Wir tauchen ab in ein Meer aus Erinnerungen und
Eindrücken und über allem schwebt diese
wunderschöne, diese göttliche Musik.
Hauptkomponist dieses eigenständigen Meisterwerks
beeindruckender Emotionalität ist der noch
unbekannte Abel Korzeniowski, zusammen mit einem
gewissen Shigeru Umebayashi. Und spätestens jetzt
wird deutlich, welch filmisches Vorbild Tom Ford
haben könnte. Umebayashi komponierte das
eindringliche Hauptthema für Wong Kar-Wais „In the
Mood for Love“ – einen weiteren Stil-Film. Wongs
delirierende und ebenfalls wunderschöne Halbromanze
war lange Zeit ein Unikum in Stil, Formvollendung
und inhaltlicher Effektivität. Tom Ford ist mit
diesem Film nun das kaum für möglich gehaltene
amerikanische Äquivalent gelungen. Auch er nutzt die
Musik aufdringlich oft. Man kann es ihm nicht
verübeln. Getragen von tieftraurigen Streichern
schwebt man hinein in diesen einen Tag des George
Falconer und in sein Innenleben.
George hat seine große Liebe verloren. 17 Jahre lang
war Jim an seiner Seite und nun zieht die Einsamkeit
wie eine Krankheit in Georges strikt geplantes, fast
schon steriles Leben ein. Nur zu gern würde er aus
dem Käfig ausbrechen, seinen Job an der Universität
hinter sich lassen, zurück nach England gehen oder
sich einfach wieder öffnen. Einen Tag verbringen wir
mit George und mit all seinen Erinnerungen. Ein
tiefer Grauschleier bedeckt die eher groben Bilder.
Ein trister Eindruck, trotz perfekt stilisierter
Eleganz. Und doch dringt immer wieder, plötzlich,
die Farbe ins Bild. Die Umgebung wirkt weiter auf
George, beeinflusst und beschäftigt ihn.
Schweißgebadete Männerkörper beim Tennisspiel, die
schüchterne Sekretärin oder das nette, kleine
Mädchen von nebenan, die den „warmen Bruder“ in ein
freundliches Gespräch verwickelt. Tom Ford nutzt die
Möglichkeiten des Mediums wie lange kein
amerikanischer Regisseur mehr. Werbeclipästhetik mag
man das nennen wollen, aber es weiterhin so viel
mehr als das.
Dabei zeichnet der Film ein fragiles Gerüst von
Gesellschaftsbild. Auch das eine Parallele zu „In
the Mood for Love“ – die Herausforderungen der Liebe
in einer verschlossenen Gesellschaft. Der Fesseln an
Georges Leben sind jedoch nicht die der homophoben
Gesellschaft. Der Toleranzaspekt tritt klar in den
Hintergrund. Vielmehr erkaltet die Welt, weil sich
George ihr versperrt und weil sie sich George
versperrt. So trifft er an diesem Tag auf eine
Brigitte-Bardot-Studentin und auf einen spanischen
James Dean, doch erst seine Jugendfreundin Charlotte
holt George aus seinem Fiebertraum der Einsamkeit
heraus, um ihn ganz Konkret der Realität
auszusetzen. Einst liebten sie sich und verbringen
nun, beide einsam, einen Abend miteinander, nachdem
sie ihre Leben bereits gelebt zu haben scheinen.
Julianne Moore darf in einer doch eher kleinen,
dennoch enorm wichtigen Rolle zum wiederholten Male
beweisen, dass sie wie geschaffen für die 1950er und
60er Jahre ist. Beim Gespräch mit George offenbaren
sich die scheinbar gescheiterten Leben der beiden
Freunde und ihre unterschiedlichen Arten im Umgang
damit. Und während Charlotte sich selbst
bemitleidet, versucht ein junger Student, der Freund
von Brigitte Bardot, die Aufmerksamkeit des
Professors zu erhaschen.
Gerade für das entscheidende letzte Drittel
reduziert der Film seinen permanenten Stilwillen und
bietet seinen Darstellern den nötigen Raum, die sich
aber auch zuvor schon mehrfach auszeichnen konnten.
Colin Firth ist absolutes Zentrum des Films. Seine
Figur ist leise und unauffällig, doch er spielt
George, er spielt diesen Charakter mit einer
bemerkenswerten Nuanciertheit und Intensität. Die
Nebenrollen sind allesamt vorzüglich, doch an George
hängen wir, müssen wir hängen. „A Single Man“ ist
letztendlich ein Charakterdrama und lässt die innere
Gefühlswelt seines Protagonisten nicht nur fühlbar
machen, sondern berührt auch ganz eigenständig, ohne
bei der Verlustgeschichte zu sehr auf die
Tränendrüse zu drücken. Auch das ist, zum Abschluss,
bemerkenswert. „A Single Man“ trägt überdeutlich den
Stempel seines Regisseurs und doch finden Figuren,
Handlung und Darsteller zu einer Eigenständigkeit.
Hut ab, Mr. Ford.
Fazit:
Visuell der wahrscheinlich schönste Film des Jahres.
Penibel durchkomponierte Bilder, eine gediegene
Bildsprache und ein Soundtrack von bemerkenswerter
Schönheit. Tom Fords Regiedebüt begeistert dabei
nicht nur optisch. Angeführt von einem großartigen
Colin Firth geht diese Geschichte über Einsamkeit,
Verlust und Liebe durchaus nahe. Grandios.
9 / 10
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