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Kritik:
Attack the Block


von Christian Westhus

ATTACK THE BLOCK (2011)
Regie: Joe Cornish
Cast: John Boyega, Jodie Whittaker, Nick Frost

Story:
Als eine junge Krankenschwester eines Abends von einer finsteren Jugendgang überfallen wird, werden sie zusammen plötzlich Zeuge einer Begegnung der dritten Art. Ein kleines Monster aus dem All greift sie an und nimmt fauchend Reißaus. Anstatt selbst jedoch das Weite zu suchen, krallen sich die jungen Kriminellen kurzerhand Messer und Baseballschläger und machen dem gefährlichen Ding eigenhändig den Garaus. Nachdem sie zunächst noch skeptisch sind, ob das erlegte Ungetüm wirklich ein Alien ist, offenbart sich ein unverhofftes Grauen: weitere Aliens landen in der nahen Umgebung, die jedoch allesamt wesentlich größer und gefährlicher sind. Die Gang unter Leitung ihres mutigen Anführers Moses (John Boyega) bleibt jedoch freiwillig auf dem Gelände und tut sich mit der Krankenschwester zusammen, um es auf eigene Faust zu verteidigen.

Kritik:
„London Riots – The Movie“ oder: Wenn zeitgenössische politische Brennpunkte dem Genrefilm in die Karten spielen. Man ist geneigt, Autor und Regisseur Joe Cornish prophetische Fähigkeiten zu unterstellen, aber natürlich geht es in den Vororten britischer Großstädte nicht erst seit vorgestern heiß her. Vielmehr vollzieht Cornish das, was den Genre-Film, insbesondere Horror und Science-Fiction, seit jeher so faszinierend und vielseitig macht. Die metaphorische, ins Fantastische übertragene Variation realer Begebenheiten, die mit den Genremechanismen in ein bisweilen warnendes Extrem gesteuert werden können. „Attack the Block“ ist der Glücksfall eines Films, der leicht als politisch zu lesen ist, aber fast überhaupt nicht politisch verklärend wirkt, stattdessen einfach gnadenlos unterhaltsame 90-Fun-Minuten in Reinkultur bietet. Quasi aus dem Nichts kam Cornish, ein Kumpel von „Shaun of the Dead“ Macher Edgar Wright, und servierte fast so etwas wie ein kleines Genre-Meisterwerk mit seinem „Attack of the big gorilla-wolf-motherf***ers“. Ein neuer Impuls fürs Science-Fiction-Horror-Genre und einfach eine wahnsinnig kurzweilige Angelegenheit. 

Joe Cornishs Drehbuch ist ein meisterhaftes Beispiel für zeitökonomische Script-Kunst. In kaum 90 Minuten und innerhalb einer Nacht in einem finsteren Londoner Vorort vollzieht sich nicht nur die Alien-Invasion, sondern auch die Geburt einer gleichermaßen tragischen wie heroischen Anführerfigur. Gespickt mit Adoleszenzthemen beschreibt „Attack the Block“ auch einen Prozess der Reifung, des Erwachsenwerdens. Und das bezieht sich nicht nur auf die Hauptfigur. Moses und seine Kumpel, alle kaum 16-jährige Jungs und Hobby-Gangster aus einer sozial unterklassigen Gegend, nehmen sich auf ihre Weise das, was ihnen sonst niemand geben kann oder geben will. Geld, Respekt und Anerkennung. Krankenschwester Sam ist das erste Opfer, ein kleines, bissiges Alien das zweite. Mit der Selbstverständlichkeit und Abgebrühtheit der Unterschicht, im Glauben, eigentlich nichts verlieren zu können, wird der Fremdling nicht nur platt gemacht, sondern auch als Trophäe im Block präsentiert. Herumgezeigt vor kleineren, ehrfürchtigen Jungs, vor Kiffer-Freunden und natürlich vor den Mädels. Dazwischen jugendliche Sprachverrohungen der Marke „Ey-yo, bro, das war echt krasser Shit!“ (Das wirkt in der deutschen Synchro schwammig, im englischen Original scheint es mehr als authentisch.)

Die Straße hat ihre eigenen Gesetze und mit der grausamen Kausalität aus Ursache und Wirkung stehen nach dem allgemeinen Schulterklopfen für Mord an einer fremden Spezies pflichtgetreu weitere Aliens auf der Matte. Und die sind - ebenso pflichtgetreu - größer, böser und zahlenmäßig weit überlegen. Mit Versatzstücken aus dem Action- und Westerngenre entwickelt Cornish eine hoch spannende und mitreißende Situation aus Belagerung und Gegenangriff. Für die minderjährigen Gangster und Maulhelden heißt die Devise „Angriff ist die beste Verteidigung“. In einer fantastischen Sequenz, die wie das augenzwinkernd ernste, britische Pendant zur legendären Bewaffnungsszene aus dem Schwarzenegger Klassiker „Phantom Commando“ anmutet, schnappen sich die Jungs alles, was ihnen im Alienkampf als nützlich erscheint. Baseballschläger, Deko-Katana und Feuerwerk. Während die englische Polizei nur langsam und träge von der Invasion Wind bekommt, merken die Gorilla-Werwolf-Mofos bald, dass sie sich mit den Falschen angelegt haben. Die Jungs kennen ihr Revier, kennen die Straßen und ihren Block, den es, mit allem wofür er steht, zu verteidigen gilt. Schon in der Anfangsviertelstunde etablierte Cornish geschickt und unauffällig nahezu sämtliche Schauplätze der folgenden zwei Drittel, durch die er die jugendliche Anti-Alien-Brigade nun mit einem irren Tempo jagt. 

Nach dem kaum 20-minütigen Luftholen zu Beginn ist der restliche Film ein einziger, langer und höllisch unterhaltsamer Ritt auf der Kanonenkugel. Wie aus einem Guss, mit einer dankbaren Übersicht und voll gelungener Einfälle, macht „Attack the Block“ den Showdown diverser Invasions- und Actionfilme zum Hauptbestandteil des Films der Marke „cooler als cool“. Dazwischen die Fremdlinge, deren fluoreszierende Kiefer und schwärzer als schwarze Körper sie zu Highlights der jüngeren Aliendesign-Geschichte machen. Unter ihnen gibt es keine Persönlichkeiten, keine größeren Ziele, keine Anzeichen auf höhere Intelligenz. Die Viecher sind die ungewollte, aber irgendwie auch tragisch verirrte Bedrohung, der Katalysator für die Gruppendynamik zwischen Moses und seinen Freunden. Diese, mit Moses an vorderster Front, sind nämlich mehr als dummbeutelige Pseudo-Gangster. Nicht nur sympathisch, sondern auch abwechslungsreich werden die Jungs gezeichnet, mit geschickten, häufig unauffälligen Details und Anspielungen auf die Lebenssituation, wenn man mal nicht die Welt vor einer Alieninvasion rettet. Getreu den Mechanismen des Genres ist das erste Opfer dieser wilden Nacht natürlich bald wieder mittendrin im Geschehen und beeinflusst die so witzigen wie nachvollziehbaren Figuren noch weiter. Und in Moses-Darsteller John Boyega hat man wohl ein Großtalent für die Zukunft gefunden. Der brodelnde Zorn der Ungerechtigkeit, das Dasein als Anführer, als vermeintlicher Auslöser für eine Verkettung aus Chaos und Schrecken, spielt Boyega mit einer großen Intensität und bleibt dennoch stets glaubhaft jugendlich. 

Der Vergleich mit „Shaun of the Dead“ tut keinem der beiden Filme gut. „Attack the Block“ ist gespickt mit absurd-humorischen Einfällen, die den parodistischen Ton des englischen Zombie-Kults durchaus treffen. Doch der Humor steht bei der Invasion der Fremden im Sozialbrennpunkt nicht im Vordergrund. Zu keiner Zeit wirkt der Film wirklich wie eine Parodie, sondern nur wie eine ungewöhnliche Verkehrung von Genreklischees und Erwartungen. Getrieben von einem fantastischen Score aus elektronischen Hip Hop Beats, ist Cornishs Film ernster, ohne sich selbst zu ernst zu nehmen. Die Musik entwickelt eine soghafte Wirkung, die durch die rauschhafte Non-Stop Action noch verstärkt wird. Ein guter Actionfilm braucht keine exorbitant großen Explosionen, keine Massenschlachten oder endlose Ballerei. Wie Cornish in seinem ersten Spielfilm Action inszeniert ist bewundernswert, weil er sie übersichtlich, nachvollziehbar und dennoch rasant und mitreißend schafft. Dazu grandiose Dialoge, ein toller Schnitt, wunderbar aufgelegte Darsteller und eine Story mit Köpfchen, deren symbolisches Ende (u.a. mit dem Festhalten an einem ganz bestimmten Stück Stoff) den annähernd perfekten emotionalen Schlusspunkt setzt. Oder kurz gesagt: Der Film rockt!

Fazit:
„Fish Tank“ trifft „Predator“. Ein kleines, unerwartetes Genrehighlight. Sympathisch, witzig, spannend, actionreich und unglaublich cool. Mit tollem Alien-Design, guten Figuren und einer cleveren Story, die sogar zum Sozialkommentar taugt, ist „Attack the Block“ Pflicht für Freunde von Science-Fiction, Action und Horror.

8,5 / 10

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