BG Kritik:

Im August in Osage County


von Christian Westhus

August: Osage County (USA 2014)
Regisseur: John Wells
Cast: Meryl Streep, Julia Roberts, Julianne Nicholson, Chris Cooper, Benedict Cumberbatch, Juliette Lewis, Margot Martindale, Ewan McGregor, Abigail Breslin uvm.

Story:
Eine Krise bringt die Mitglieder und Angeheiratete der Familie Weston in Osage County im US-Bundesstaat Oklahoma zusammen. Zwischen Matriarchin Violet (Streep) und ihren Töchtern (Roberts, Nicholson, Lewis) herrscht ein kompliziertes Verhältnis. Als jeder der Anwesenden die eigenen privaten Probleme mitbringt und die gegenseitigen Spannungen ansteigen, droht die Familiensituation zu eskalieren.

Die eigene Verwandtschaft kann sich niemand aussuchen. Menschen, die sich vermeintlich nett gemeint für jedes kleine Detail im Leben der anderen Verwandten interessieren, die meinen, einander alles aufs Auge drücken zu können und im Zweifelsfall immer mit dem Argument um die Ecke kommen, dass man doch Familie ist, dass man doch gleich ist und weder anders sein kann, geschweige denn darf. Wem das noch nicht böse genug klingt, der darf sich auf „Im August in Osage County“ freuen, denn das Treffen der über alle Maßen dysfunktionalen Familie Weston nebst Anhang ist eine gallig-unfreundliche Parade gekränkter und kränkender Eitelkeiten.

Für die Theatervorlage bekam Autor Tracy Letts den Pulitzer Preis


„Im August in Osage County“ ist die Filmversion des Bühnenstücks von Pulitzer Preisträger Tracy Letts und wer mit Letts‘ Werk vertraut ist, und sei es nur aus den bisherigen Filmadaptionen, kann in etwa erahnen, dass uns hier nicht unbedingt das angenehmste Familienwochenende bevorsteht. Der finstere Thriller „Killer Joe“ mit Matthew McConaughey und das vollkommen wahnsinnige Psychodrama „Bug“ mit Ashley Judd und Michael Shannon stammen aus Letts‘ Feder. Und auch wenn das auf der Bühne dreistündige Werk als Film auf zwei Stunden kondensiert wurde, dabei wohl ein wenig Dampf einbüßen musste und nicht ganz so extrem ist, wie man hätte vermuten können, ist „August: Osage County“ (Originaltitel) ein bitterer und häufig auch anstrengender Film, dessen Humor, der sehr wohl vorhanden ist, meistens eher schwarz ist oder nach wenigen Augenblick vom nächsten hitzigen Wortgefecht abgelöst wird.

Im Zentrum des Familientreffens stehen die Frauen. Hausherrin Violet ist an Krebs erkrankt und blickt nach dem Tod ihres Mannes auf die Trümmer ihrer zerstreut lebenden Familie, die sie zuvor mit eiserner Hand und eisiger Dominanz geführt hat. Es sind die drei Töchter Barbara (Julia Roberts), Ivy (Julianne Nicholson) und Karen (Juliette Lewis), um die sich Violets Aufmerksamkeit und mit ihr die meisten Konfliktpunkte drehen. Die eine Tochter steht kurz vor der Scheidung, die andere Tochter hat zum wiederholten Male einen neuen Mann an ihrer Seite, und die dritte Tochter hat sich in einen Mann verliebt, den sie nicht lieben darf. Es wird gestichelt und gegiftet, manipuliert und gelogen, man gönnt einander das erhoffte Glück nicht und doch spürt man zwischen den Schwestern und auch bei der Übermutter immer wieder die aufblitzende familiäre Verbundenheit und Zuneigung, die, obwohl täglich mit Füßen getreten, noch nicht vollständig erloschen ist. Doch die Narben der Vergangenheit, deren dunklen Details immer häufiger ans Licht kommen, werden von den Übrigen mit galliger Freude neu aufgerissen.

Meryl Streep und Julia Roberts erhielten 2014 Oscarnominierungen


Beim Zoff der Muttergenerationen kommt es ganz zentral auch zum Duell der Schauspielgrößen Meryl Streep und Julia Roberts, die besonders im Zentrum stehen. Beide stürzen sich intensiv in diese überdimensionalen Rollen und sorgen zusammen mit einem durchweg überzeugenden Ensemble für mitreißende Schauspielszenen. Die Männer, gestandene Darsteller wie Chris Cooper und Ewan McGregor, haben rollenbedingt das Nachsehen, obwohl es eine willkommene Abwechslung ist, Benedict Cumberbatch nach seinen vielen Schurkenrollen hier als hoffnungslos verunsicherten Tollpatsch zu sehen. Roberts hat man wahrscheinlich noch nie so verbittert und rüde gesehen, was dem ehemaligen Hollywood Darling überraschend gut zu Gesicht steht. Margot Martindale fasziniert zudem in der Rolle als Violets Schwester Mattie und bildet ein interessantes Gegengewicht zu Meryl Streep, die dennoch über allem und allen steht. Wie eine stark überzeichnete Variation von Liz Taylors legendärer Rolle in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ beherrscht Streep als Violet jede Szene, die sie betritt. Das macht einerseits Sinn, ist Violet doch eine Figur die nach Dominanz lechzt und ihre Umgebenen gerne erniedrigt. Und doch überschattet die Allmacht Streeps ein wenig das Geschehen.

Regisseur John Wells überlässt seinen Darstellern die Bühne, was in einem Film mit Bühnenvorlage sicherlich irgendwo sinnvoll erscheint. Er versäumt es aber auch, der Inszenierung den nötigen Biss mit auf den Weg zu geben. Tracy Letts‘ Worte haben ihre natürliche Kraft und ein spürbares Explosionspotential, gesprochen von diesen Darstellern sowieso. Doch Wells‘ Inszenierung nimmt sich zu sehr zurück, fast, als wollte er dem Familienkonflikt im Dampfkessel ein wenig den Druck nehmen und auflockern. Die verschiedenen individuellen Handlungsstränge überragen sich, auffällig viele Leichen der Vergangenheit werden aus dem Keller geholt, lange verschwiegene Wahrheit ausgesprochen, doch Wells findet nicht immer den richtigen Kanal, die richtige Perspektive, um mehr zu zeigen als gute Darsteller, die sich knackige Dialoge um die Ohren hauen. Letztendlich ist „Im August in Osage County“ nicht viel mehr als ein zweistündiger Blick auf eine zerrüttete Familie, die sich gegenseitig zerfleischt.

Fazit:

Anstrengende, rüde und bittere Sezierung einer Familie. Durchzogen von teils hysterisch-galligem Humor und mit einem sehenswerten Ensemble im Zentrum, das mit faszinierenden Figuren und Worten spielen kann, überwiegt am Ende für den Zuschauer die Arbeit und nicht das Vergnügen. Als Kinoerfahrung faszinierend, aber auch ein wenig einseitig und nicht erleuchtend genug.

6 / 10
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